Mi, 19:11 Uhr
04.06.2014
Beeindruckendes in der Flohburg
Seit Dienstagabend präsentiert das stadthistorische Museum Flohburg eine neue Sonderausstelung. Sie ist dem Nordhäuser Künstler Philip Oeser (sein bügerlicher Name ist Helmut Müller) gewidmet. Doch ihm nicht allein. Gebührend gewürdigt wird zugleich das künstlerische Wirken seiner ersten Ehefrau Marlies Müller,eine geborene Pape. Bei der Eröffnung war auch die nnz zugegen...
Zur Vernissage begrüßte Oberbürgermeister Dr. Klaus Zeh die überaus zahlreich erschienenen kunstinteressierten Gäste aus nah und fern. Er nahm in seiner Rede zunächst Bezug auf die Örtlichkeit der Kunstausstellung und bezeichnete die FLOHBURG als einen "Schatz". Nun sei auch noch ein "Juwel", ja gar ein "Brilliant" hinzugekommen:die Werke von Philip Oeser und Marlies Müller.
Zeh bedauerte, dass die Kunst der beiden viel zu lange im Verborgenen geblieben sei. Doch diese Aussage rief bei Kuratorin Heidelore Kneffel einen deutlich vernehmbaren Widerspruch hervor. Sie unterbrach die Rede Zehs und stellte klar: Nur in der Stadt Nordhausen hätte Oeser ein Schattendasein führen müssen. Anderswo nicht! Der OB dankte für die Richtigstellung, und zum Publikum gewandt, sagte er schmunzelnd: "So kennen wir Frau Kneffel. Sie korrigiert bzw. widerspricht, wenn es geboten scheint."
Den Part der Lobesworte übernahmen dann für Philip Oeser Dr. Cornelie Becker-Lamers und für Marlies Müller Kunsthistorikerin Dr. Renate Müller-Krumbach, Oesers zweite Ehefrau. Sie zeichneten die Lebenswege und Schaffensperioden des Künstlerehepaares eindrucksvoll nach.
Helmut Müller ist am 1. Juni 1929 in Nordhausen geboren. Sein Lebensweg ist alles andere als ein ebener, heller Pfad. Sein Vater wird kurz nach seiner Geburt arbeitslos. Im Elternhaus herrscht aber eine feinsinnige geistige Atmosphäre. Literatur und Musik sind in der Familie allgegenwärtig, prägen somit sein Wesen. Doch Kriegserlebnisse und die Bombardierung Nordhausens lassen ihn wie viele andere traumatisieren.
Als Frieden einkehrt, packt er mit an bei der Enttrümmerung seiner Heimatstadt. Er verdingt sich als Buchhandlungsbote beim Buchhaus Rose. Bald erwacht in ihm der Wunsch, Maler zu werden. Er besucht in der Kunstschule bei Martin Dohmke einen Zeichenkurs. Die Schule befindet sich im Judenturm auf dem Petersberg. Er wird Schüler der privaten Kunstschule von Renate Niethammer und lernt Marlies Pape kennen. Alsbald folgen beide dem "Meister" Domke an die Hochschule für Baukunst nach Weimar. Doch zwingen politische Gründe beide zur Aufgabe des Studiums. Sie gehen 1952 nach Westberlin – nach Charlottenburg, wo sie heiraten und freischaffend tätig sind. Marlies Müller stirbt nach der Geburt des Sohnes am 10. Juli 1959, der noch vorher verstorben ist.
Von den Schicksalsschlägen schwer belastet, kehrt Müller nach Nordhausen zurück. Er stürzt sich in Arbeit. Es entstehen Landschaftsbilder. Ab 1961 wirkt er als Restaurator, wird Chefrestaurator der Staatlichen Kunstsammlungen Weimar. 1965 nimmt er das Pseudonym Philip Oeser an und ist ab 1977 freischaffend tätig.
Am 1. Juni 2014 wäre Philip Oeser 85 Jahre geworden. Anlass genug, um ihn und seiner ersten Frau im Rahmen einer Sonderaustellung die gebührende Ehre zu erweisen. Die Schau umfasst 40 seiner Werke, die von 1947 bis 2001 entstanden. Es sind hauptsächlich Zeichnungen und Radierungen, Aquarelle, Lithographien und Malerei. Aber auch Materialdrucke, die mit anderen Drucktechniken kombiniert sind. Oeser war zudem ein leidenschaftlicher Sammler von allerlei Materialien, wie Knochen, Hölzern, Federn, getrockneten Pflanzen, verkohlten Papieren und rostigen Nägeln. Und war eine Lesender und Belesener. Die Schriftsteller waren seine Freunde.
Im Gegensatz zu ihrem Mann ist das künstlerische Wirken von Marlies Pape (Müller) kaum bekannt. Um so erfreulicher, dass auch ihre Arbeiten in dieser Sonderausstellung einen würdigen Platz einnehmen. Zu sehen sind von ihr vor allem kleine Scherenschnitte, "sehr fein, sehr filigran". Ihre Kunst bestand in einem feinen Realismus. Zudem knüpfte sie Teppiche, von denen einer präsentiert wird.
Das Zustandekommen dieser Sonderaustelung ist in erster Linie der Kuratorin Heidelore Kneffel und der Witwe Oesers, Renate Müller-Krumbach, zu verdanken. Nicht zu vergessen die zahlreichen Privatpersonen und die Kreissparkasse Nordhausen, ohne deren finanzielle Gaben eine solche Ausstellung nicht möglich wäre. Die Vernissage wurde musikalisch umrahmt vom Nordhäuser Flötenquartett. Es besteht aus vier Damen, die vor allem die Hausmusik pflegen.
Die Ausstellung ist bis zum 31. August 2014 in der Nordhäuser FLOHBURG, Barfüßerstraße 6, dienstags bis sonntags von jeweils 10 bis 17 Uhr, zu sehen.
Hans-Georg Backhaus
Autor: redZur Vernissage begrüßte Oberbürgermeister Dr. Klaus Zeh die überaus zahlreich erschienenen kunstinteressierten Gäste aus nah und fern. Er nahm in seiner Rede zunächst Bezug auf die Örtlichkeit der Kunstausstellung und bezeichnete die FLOHBURG als einen "Schatz". Nun sei auch noch ein "Juwel", ja gar ein "Brilliant" hinzugekommen:die Werke von Philip Oeser und Marlies Müller.
Zeh bedauerte, dass die Kunst der beiden viel zu lange im Verborgenen geblieben sei. Doch diese Aussage rief bei Kuratorin Heidelore Kneffel einen deutlich vernehmbaren Widerspruch hervor. Sie unterbrach die Rede Zehs und stellte klar: Nur in der Stadt Nordhausen hätte Oeser ein Schattendasein führen müssen. Anderswo nicht! Der OB dankte für die Richtigstellung, und zum Publikum gewandt, sagte er schmunzelnd: "So kennen wir Frau Kneffel. Sie korrigiert bzw. widerspricht, wenn es geboten scheint."
Den Part der Lobesworte übernahmen dann für Philip Oeser Dr. Cornelie Becker-Lamers und für Marlies Müller Kunsthistorikerin Dr. Renate Müller-Krumbach, Oesers zweite Ehefrau. Sie zeichneten die Lebenswege und Schaffensperioden des Künstlerehepaares eindrucksvoll nach.
Helmut Müller ist am 1. Juni 1929 in Nordhausen geboren. Sein Lebensweg ist alles andere als ein ebener, heller Pfad. Sein Vater wird kurz nach seiner Geburt arbeitslos. Im Elternhaus herrscht aber eine feinsinnige geistige Atmosphäre. Literatur und Musik sind in der Familie allgegenwärtig, prägen somit sein Wesen. Doch Kriegserlebnisse und die Bombardierung Nordhausens lassen ihn wie viele andere traumatisieren.
Als Frieden einkehrt, packt er mit an bei der Enttrümmerung seiner Heimatstadt. Er verdingt sich als Buchhandlungsbote beim Buchhaus Rose. Bald erwacht in ihm der Wunsch, Maler zu werden. Er besucht in der Kunstschule bei Martin Dohmke einen Zeichenkurs. Die Schule befindet sich im Judenturm auf dem Petersberg. Er wird Schüler der privaten Kunstschule von Renate Niethammer und lernt Marlies Pape kennen. Alsbald folgen beide dem "Meister" Domke an die Hochschule für Baukunst nach Weimar. Doch zwingen politische Gründe beide zur Aufgabe des Studiums. Sie gehen 1952 nach Westberlin – nach Charlottenburg, wo sie heiraten und freischaffend tätig sind. Marlies Müller stirbt nach der Geburt des Sohnes am 10. Juli 1959, der noch vorher verstorben ist.
Von den Schicksalsschlägen schwer belastet, kehrt Müller nach Nordhausen zurück. Er stürzt sich in Arbeit. Es entstehen Landschaftsbilder. Ab 1961 wirkt er als Restaurator, wird Chefrestaurator der Staatlichen Kunstsammlungen Weimar. 1965 nimmt er das Pseudonym Philip Oeser an und ist ab 1977 freischaffend tätig.
Am 1. Juni 2014 wäre Philip Oeser 85 Jahre geworden. Anlass genug, um ihn und seiner ersten Frau im Rahmen einer Sonderaustellung die gebührende Ehre zu erweisen. Die Schau umfasst 40 seiner Werke, die von 1947 bis 2001 entstanden. Es sind hauptsächlich Zeichnungen und Radierungen, Aquarelle, Lithographien und Malerei. Aber auch Materialdrucke, die mit anderen Drucktechniken kombiniert sind. Oeser war zudem ein leidenschaftlicher Sammler von allerlei Materialien, wie Knochen, Hölzern, Federn, getrockneten Pflanzen, verkohlten Papieren und rostigen Nägeln. Und war eine Lesender und Belesener. Die Schriftsteller waren seine Freunde.
Im Gegensatz zu ihrem Mann ist das künstlerische Wirken von Marlies Pape (Müller) kaum bekannt. Um so erfreulicher, dass auch ihre Arbeiten in dieser Sonderausstellung einen würdigen Platz einnehmen. Zu sehen sind von ihr vor allem kleine Scherenschnitte, "sehr fein, sehr filigran". Ihre Kunst bestand in einem feinen Realismus. Zudem knüpfte sie Teppiche, von denen einer präsentiert wird.
Das Zustandekommen dieser Sonderaustelung ist in erster Linie der Kuratorin Heidelore Kneffel und der Witwe Oesers, Renate Müller-Krumbach, zu verdanken. Nicht zu vergessen die zahlreichen Privatpersonen und die Kreissparkasse Nordhausen, ohne deren finanzielle Gaben eine solche Ausstellung nicht möglich wäre. Die Vernissage wurde musikalisch umrahmt vom Nordhäuser Flötenquartett. Es besteht aus vier Damen, die vor allem die Hausmusik pflegen.
Die Ausstellung ist bis zum 31. August 2014 in der Nordhäuser FLOHBURG, Barfüßerstraße 6, dienstags bis sonntags von jeweils 10 bis 17 Uhr, zu sehen.
Hans-Georg Backhaus



