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Fr, 06:36 Uhr
28.06.2013

Menschenbilder (70)

Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten, reich bebilderten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte...

Monika Beherzig

Hohenstein-Konzerte – Event Agentur für Volksmusik
99755 Hohenstein OT Steinsee
Internet: www.hohenstein-konzerte.de


„Meine Schwester Sabine Montanus und ich waren unzertrennlich. Wir haben sehr viel gemeinsam erlebt und gestaltet“, sagt Monika Beherzig und berichtet über die Krebserkrankung, die das Leben der Schwester im Jahre 2009 so dramatisch, schnell und viel zu früh beendete. „Sabine wusste früh, dass sie gegen die Krankheit keine Chance haben würde. Ihr letzter Wunsch war es, ein Konzert der Kastelruther Spatzen zu besuchen.“ – Die Wege des Lebens sind oftmals unergründlich. Aber sicher ist, dass die berufliche Zukunft von Monika Beherzig ohne den gemeinsamen Besuch dieses Konzertes 2009 in Sundhausen möglicherweise ganz anders verlaufen wäre. Zum damaligen Zeitpunkt fand die Volksmusik im Allgemeinen und die Kastelruther Spatzen im Besonderen eher weniger ihr Interesse.

Dies änderte sich nun schlagartig. Eine ganz neue Welt tat sich vor der am 25.07.1959 in Nordhausen Geborenen auf. Mit den „Hohenstein-Konzerten“ gründete sie eine Event-Agentur für Volksmusik. Am 23.08.2012 verzauberten die Kastelruther Spatzen 2.500 begeisterte Menschen auf dem Sangerhäuser Marktplatz. Dem Einsatz von Monika Beherzig und dem ihres Ehemannes Hans-Jürgen war es zu verdanken, dass die Stars überhaupt ein Konzert in der Rosenstadt gaben.

Der Tod ihrer Schwester Sabine war unabänderlich. Die intensive Zuwendung zu dem, was ihr wichtig war aber, eröffnete Monika Beherzig eine Welt, die heute ihr eigenes Leben bestimmt. Und das ganz gewiss im Sinne von Sabine Montanus.

Dabei war ihr Alltag während der Jahrzehnte zuvor von ganz anderen Dingen geprägt: Mit vier Geschwistern wuchs sie auf einem landwirtschaftlichen Hof in Woffleben auf. Noch heute erinnert sie sich an die Tränen ihrer Schwester, als die Familie in den 60er Jahren für immer das Vieh aus den Ställen treiben musste, um es in die neu gegründete LPG einzubringen.

Nach dem Abschluss der 10. Klasse erlernte Monika Beherzig bei der PGH Haarkosmetik den Beruf einer Friseurin, heiratete während der Lehrzeit im Jahre 1977 ihren Mann Hans-Jürgen und wurde so Einwohnerin von Steinsee, heute gehörig zur Gemeinde Hohenstein. Hans-Jürgen Beherzig ist der einzige und womöglich auch letzte Einwohner des aus nur acht Häusern bestehenden Örtchens bei Liebenrode, der hier auch geboren wurde und geblieben ist.

Weil die angehende Friseurin bereits während ihrer Ausbildung überdurchschnittliche handwerkliche Fähigkeiten vorweisen konnte, durfte sie ihren Beruf schon vor Erlangung des Gesellenbriefes ausüben. Als Einzelkämpferin bediente sie fortan Kundinnen und Kunden in Liebenrode und Klettenberg, wo sich jeweils ein kleiner Salon der PGH Haarkosmetik befand.

Doch schon im Jahre 1979 führte ein schwerwiegendes Ereignis zu einer jähen Lebenswende. Auf einer Liebenröder Kreuzung stieß die ein Moped fahrende junge Frau mit einem Auto zusammen und wurde schwer verletzt. „In der Folge war ich ein ganzes Jahr lang krankgeschrieben und wollte danach nicht noch einmal in meinen Beruf zurückehren“, sagt sie. 1980 bzw. 1982 wurden ihre Söhne André und Norman geboren und bis 1984 widmete sie sich ganz deren Entwicklung.

In demselben Jahr übernahmen Monika und Hans-Jürgen Beherzig die Gaststätte „Liebenröder Stübchen“ in Liebenrode von dem langjährigen Betreiberehepaar Kirchner, das sie altersbedingt nicht mehr fortführen wollte. „Die Kirchners, die Familie meines Mannes und auch meine Geschwister, unterstützten uns sehr auf unserem neuen Weg. Wir hatten viel zu tun und waren zufrieden“, denkt sie zurück. So gut wie immer, gab es nur wenige freie Plätze im Liebenröder Stübchen, wofür allein schon die Grenzsoldaten sorgten, die in der örtlich stationierten Einheit Dienst taten. 1987 übernahmen die bis dahin als Kommissionäre des Konsums agierenden Beherzigs die Gaststätte selbst. „Wir wollten einfach keine 40 Prozent des Gewinns mehr an den Konsum abführen“, bekräftigt sie. Dass der Kauf so reibungslos funktionierte, war wohl auf eine gewisse Bevorzugung der Sperrgebietsbewohner in der DDR zurückzuführen.

Die Beherzigs richteten übrigens auch Großveranstaltungen in Liebenrode aus, zu denen Feste der Freiwilligen Feuerwehr ebenso gehörten, wie jene von Schützen- und Sportvereinen. Dass sie dies 20 Jahre später für die Kastelruther Spatzen tun würden, hätten sie sich im Angesicht des Grenzzaunes damals natürlich nicht träumen lassen.

So sehr, wie das Paar dessen Wegfall auch begrüßte, - das Schicksal der Gaststätte war mit ihm gleichfalls besiegelt: „Bis zum Tag der Währungsunion rannten uns vor allem Westdeutsche die Türen ein, weil sie in der noch bestehenden DDR viel preiswerter essen und trinken konnten. „Nach der D-Mark-Einführung kam so gut wie niemand mehr. Natürlich waren auch die Grenzsoldaten verschwunden“, sagt meine Gesprächspartnerin. ‚Nie wieder Gaststätte‘ lautete Ende 1990 ihr bitteres Resümee.

Mehrere Jahre lang engagierte sich das Paar auf dem Versicherungs- und Finanzsektor, besuchte zahlreiche Weiterbildungen und meisterte seinen Weg in die Marktwirtschaft. „Der Wurf ins kalte Wasser hat sich in unserem Berufsleben stets bewährt. Er brachte uns immer voran“, bekennt sie. Dies betraf auch den Weg, den die beiden im Jahre 2000 einschlugen: Als Berater für deutsche, sich in Tschechien engagierende Unternehmen ließ sich das Paar in Kraslice bei Klingental nieder. Insbesondere nach dem EU-Beitritt des Landes war dort ihre Unterstützung gefragt.

Für ihre Kunden stellten sie vor allem Kontakte zu Notaren, Rechtsanwälten und Steuerberatern her. Immer wieder stießen die Beherzigs auch auf die Folgen der jüngeren europäischen Geschichte: auf deutsche Grabsteine zum Beispiel oder auch auf ein gewisses Misstrauen der Tschechen gegenüber deutschen Staatsbürgern. Allmählich gewann das Paar jedoch ihr Vertrauen, ja tschechische Freunde, beklagt aber rückblickend, dass die weitaus meisten Fördermittel der EU nach Prag geflossen seien. Die tschechische Provinz sei gegenüber der Hauptstadt immer weiter zurückgeblieben. Dies war auch der Hauptgrund für die Entscheidung der Steinseer, ihr Engagement in Tschechien aufzugeben und sich wieder ganz auf Steinsee und Mitteldeutschland zu konzentrieren.

Zu dieser Zeit musste Monika Beherzig mit dem Tod ihrer Schwester Sabine umgehen lernen und hatte sich durch den gemeinsamen Besuch des Konzertes der Kastelruther Spatzen in Sundhausen mit der Volksmusik ein ganz neues Interessen- und Betätigungsfeld erschlossen. Hierzu trug in entscheidendem Maße auch der Rat eines alten westdeutschen Freundes bei, der 2010 auf der Loreley ein großes Konzertevent mit Stars der Volksmusik und tausenden Besuchern organisierte.

„Kommt her, schaut Euch das Konzert an und versucht Euch einmal selbst an derartigen Events“, sagte er zu ihr. Monika und Hans-Jürgen Beherzig folgten der Empfehlung und waren, wie schon Monate zuvor in Sundhausen, begeistert, vor allem von der Stimmung unter den Zuschauern und von der perfekten Organisation. Der Höhepunkt aber war die Begegnung mit Albin Groß, dem Chef der Kastelruther Spatzen, der bei Konzerten am Keyboard steht. Ihm erzählte sie vom Tod ihrer Schwester und vom gemeinsamen Besuch des Konzertes in Sundhausen, aber auch von ihrer Liebe zur Volksmusik, zu der sie durch das schlimme Ereignis gefunden hatte.

Und sie trug einen Wunsch an ihn heran: „Ich sagte ihm, dass ich für die Kastelruther Spatzen zwischen Nordhausen und Halle gern ein Open-Air-Konzert auf die Beine stellen würde.“ Albin Groß sagte tatsächlich zu und bot dem Paar seine persönliche Unterstützung an. Man einigte sich auf Sangerhausen als Auftrittsort, vor allem auch, um die Interessen von Nordhäuser Mitbewerbern möglichst nicht zu berühren.

Am 23.08.2012 war es soweit. Nach einjähriger Schwerstarbeit, noch dazu auf einem ganz neuen Gebiet, fanden sich auf dem Marktplatz der Rosenstadt Sangerhausen 2.500 begeisterte Fans der Volksmusik ein. Die Karten waren ausverkauft, das Wetter stimmte und die Menschen waren aus dem Häuschen: „Dass sich ausgerechnet in Sangerhausen eine so bekannte Gruppe zu einem Konzert einfinden würde, hielten viele Einwohner für ein Wunder“, schmunzelt Monika Beherzig. Nun konnten sie und ihr Ehemann die Früchte monatelanger, oft auch zermürbender Vorarbeit ernten. Und auch die Kastelruther Spatzen zeigten sich mit dem von dem Paar Geleisteten mehr als zufrieden. Und zwar so sehr, dass schon bald weitere Konzerte in Mitteldeutschland geplant wurden: Am 21.08.2013 in Plauen / Vogtland und einen Tag später erneut in Sangerhausen.

„Eine der wichtigsten Aufgaben unserer Event Agentur ist es, den Ansprüchen der Stars gerecht zu werden. Das betrifft die Felder Sicherheit und Mahlzeiten ebenso, wie „gute Laune“ und allgemein deren Wohlbefinden“, sagt die Steinseeerin.

Die 2010 von Monika und Hans-Jürgen Beherzig gegründete Event-Agentur Hohenstein-Konzerte widmet sich ausschließlich der Volksmusik im Open-Air-Bereich, natürlich nicht nur mit den Kastelruther Spatzen, sondern auch mit anderen Stars, vom Schwarzmeer-Kosakenchor bis hin zum Orchester Michael Klostermann und seinen Egerländern. Die Konzerte tragen so einladende Namen wie „Goldenes Herbstfest“, Sternchen zum Frauentag“, Frühlingsfest der Blasmusik“ und „Schönste Zeit Weihnachtszeit“. Sie finden auf Bühnen in ganz Mitteldeutschland statt, so u.a. in Kamenz, Halle, Leipzig, Steinbach-Langenbach und natürlich in Sangerhausen.

Die Presse ist voll des Lobes über die von dem Steinseer Paar organisierten Konzerte: „Tränen und Ekstase pur“ schrieb beispielsweise die Mitteldeutsche Zeitung über das erste Konzert der Kastelruther Spatzen in Sangerhausen. Mit einem liebevoll gestalteten Buch erinnert das Paar an das Ereignis.

Ebenfalls im Jahre 2012 gründete Monika Beherzig gemeinsam mit Gleichgesinnten übrigens einen Fanklub für die Kastelruther Spatzen.

Sie betont zugleich, dass die Erfolge ihrer Agentur Hohenstein-Konzerte ohne die Unterstützung ihres Sohnes André bei der Internetarbeit und der Werbung so nicht möglich wäre. Er und ebenso dessen Bruder Norman studierten an der Nordhäuser Fachhochschule BWL bzw. Erneuerbare Energien.

Das zutiefst Persönliche, dass Monia Beherzig durch den Tod ihrer Schwester mit diesen Stars der Volksmusik verbindet, führte schließlich zu einem ganz besonderem musikalischem Höhepunkt: Die Steinseeerin selbst nahm drei Musiktitel im Gedenken an Sabine Montanus auf – in einem professionellen Tonstudio. Eine CD mit dem Namen „Schwestern“ ist auf dem Markt und wird über das Internet vertrieben. Den gleichnamigen Titel sang sie 2012 höchstpersönlich beim Weihnachtskonzert in Sangerhausen vor hunderten Menschen, im Gedenken an ihre Sabine. Viele Zuschauer erinnerten sich bei dem Lied an selbst erlittene Schicksalsschläge und waren emotional sehr ergriffen.
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