eic kyf msh nnz uhz tv nt
Anzeige Refinery (c1)
Mo, 14:12 Uhr
03.06.2013

„Wir sind nicht dumm, nur weil wir Fehler machen“

Mittwochnachmittag, die Teilnehmer sind überpünktlich. Der erste ist schon eine Viertelstunde vor Kursbeginn da. Bei wolkenverhangenem Himmel wartet er bereits auf dem Hof der Kreisvolkshochschule Nordhausen auf die Dozentin. Eine Reportage in der nnz von Robert Külper...


Ein weiterer Teilnehmer kommt dazu, beide begrüßen sich herzlich. Sie kennen sich jetzt schon ein paar Jahre, die sie gemeinsam den Kurs besuchen. Dann kommt die Dozentin, beide begrüßen sie – man merkt sofort, dass alle vertraut miteinander sind. Sie sind per du, eine lockere Atmosphäre macht sich breit. Die drei gehen gemeinsam ins Haus, in Raum 23, wo sie jeden Mittwoch sind. Mit einer Tasse heißen Cappuccino und Plätzchen beginnt der Kurs.

Gabriele Klein (Foto: R. Külper) Gabriele Klein (Foto: R. Külper) Erster Tagesordnungspunkt ist wie immer ein Spiel. „Wir machen immer erst ein kleines Spielchen zum locker werden, das fördert gleichzeitig auch noch die sozialen Kompetenzen“, sagt die Dozentin Gabriele Klein, „Wir spielen Memory, Mau-Mau, Rommee oder wie heute, Elfer Raus“. Das alles soll den Teilnehmern die Scheu und die Scham nehmen. Denn sie sitzen in einem Alphabetisierungskurs.

Hier geht es um funktionalen Analphabetismus. Die Betroffenen können, obwohl sie in der Schule waren und oft auch einen Abschluss haben, nicht richtig lesen und schreiben. Wie den beiden im Kurs in der Kreisvolkshochschule Nordhausen geht es knapp sieben Millionen Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter in Deutschland. Gut 40 Prozent von ihnen hat keine Arbeit. „Ihnen fällt es schwer, im heutigen Alltag zu Recht zu kommen. Es ist nicht leicht diese Leute zu erreichen, weil sie sich verdeckt halten. Sie verbergen ihre Lese- und Schreibschwächen, weil sie befürchten bloßgestellt zu werden oder ihren Arbeitsplatz zu verlieren“, erzählt Gerhard Tölle, Direktor der VHS.

Wenn sie etwas lesen oder schreiben sollen, greifen sie oft zu Ausreden, sagen beispielsweise „Ich habe meine Brille vergessen, ich nehme das Formular mit nach Hause und fülle es dort aus, oder: machen Sie das doch bitte, bei Ihnen geht’s schneller“, weiß Tölle. Gerade mit Ämtern kommt es häufig zu Problemen, weil Unterlagen und Nachweise fehlen. Unterschriften wirken teilweise wie gemalt. Inhalte wiedergeben oder sich über einen vorgelegten Text austauschen, das ist in vielen Fällen nicht möglich.

Hier hilft ein Alphabetisierungskurs an einer der vielen Volkshochschulen in Deutschland. An der Kreisvolkshochschule Nordhausen laufen dazu ständig zwei Kurse. An beiden Veranstaltungen nehmen sechs bis acht Leute teil. Allerdings können nicht immer alle, weil sie beispielsweise arbeiten müssen. So auch heute. Zwei Teilnehmer sind da. Sie gehören offenbar zu den stetigsten Besuchern. Alles ist wie schon gesagt sehr zwanglos. „Wir kommen ja freiwillig her“, sagt einer von ihnen und gesteht sich ehrlich ein, „zu Hause macht man ja nichts.“ Das zeigt einen gewissen Ehrgeiz, die eigenen Schwächen mit Hilfe des Unterrichts zu überwinden. Außerdem erzählt er mit Stolz: „In drei Jahren haben wir hier schon viel gelernt, ne.“

Dabei werden hauptsächlich die Grundlagen der deutschen Rechtschreibung vermittelt, erklärt Gabriele Klein. Die gelernte Grundschullehrerin ist nun schon knapp 20 Jahre nebenberuflich in diesem Job tätig und immer mit viel Engagement dabei. Sie hat für das heutige Seminar ein Arbeitsblatt zum Thema Nomen, Verben und Adjektive mitgebracht. Diese sollen in eine Tabelle eingeordnet werden. „Wir fangen oben links an, was steht da?“ fragt Klein. „Da steht Qualm“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Genau und der Begleiter?“, fragt die Dozentin weiter. Die Selbstbewusste Antwort: „Der, der Qualm,... also ist es eine Name.“ Das nächste Wort ist „retten“. „Wieso wird das mit doppelten t geschrieben?“ lautet hier erste Frage. „Weil man es da trennt, ret-ten“, ist die die Antwort. „Und wie sprechen wir das e vor dem t?“, fragt Klein weiter. „Na kurz“, kommt abermals schnell eine Antwort.

Ein bestätigendes Nicken der Dozentin lässt die Teilnehmer lächeln. Und was ist „retten“ nun – Verb oder Adjektiv? Die Wahl fällt auf Adjektiv. Mit hinterfragender Miene schaut Gabriele Klein die beiden an. Dann die Erkenntnis: „Ach nee, ist ja ein Tunwort.“ Einer entschuldigt sich bei ihr für diesen Fehler und sagt: „Ich bin ja dumm“. Klein wiegelt ab: „Du brauchst dich bei mir doch nicht entschuldigen, unser Leitmotiv lautet doch, wir sind nicht dumm, nur weil...?“ Der Teilnehmer grinst und ergänzt „...nur weil wir Fehler machen.“ Die Atmosphäre wirkt immer noch sehr entspannt. Das hier ist nicht zu vergleichen mit herkömmlichen, schulischen Unterricht, wo der Lehrer die Aufgaben stellt und die Schüler diese beantworten.

Nein, in diesem Raum herrscht ein freundliches Miteinander. Das zeigt auch ganz klar die Motivation und Freude, die die Teilnehmer mitbringen. Diese Beobachtung kann man bei der nächsten komplexeren Aufgabe machen. „Wir dürfen jetzt Sätze schreiben? Toll. Das mach ich nämlich gern“, freut sich einer der Teilnehmer. Dabei sollen sie fünf Wörter auswählen, in einem kleinen Duden nachschlagen und sich dann jeweils einen Satz dazu ausdenken. Auch diese Aufgabe meistern beide sehr gut. Natürlich brauchen sie ihre Zeit dafür, aber die wird ihnen hier gerne gegeben.

Zum Abschluss des Seminars gibt es dann noch einmal ein lockeres Buchstabenrätsel. Die Zeit verging wie im Fluge, Langeweile Fehlanzeige. Alle haben viel gelacht und natürlich auch viel gelernt. Die Teilnehmer verabschieden sich mit den Worten: „Wir hatten wieder viel Spaß, wie immer“ und freuen sich schon auf die nächste Woche.

Gut Laune, gute Stimmung und erkennbarer Lernerfolg. Darin zeigt sich, wie wichtig es ist, das Thema Alphabetisierung nach Außen hin positiv darzustellen. „Jeder der sich diesem Thema stellen will, der kann immer gerne zu uns kommen“, mit diesen Worten wendet sich Gerhard Tölle an Betroffene. Die Kursteilnahme wird durch den Freistaat Thüringen finanziert und ist somit kostenlos. Mit Hilfe der Alpha-Initiative, einer Kampagne des Thüringer Volkhochschulverbandes in Zusammenarbeit mit den Volkshochschulen in Thüringen, werden flächendeckend an allen Volkhochschulen im Freistaat Alphabetisierungskurse angeboten, wirbt Tölle und ergänzt: „Jeder der Hilfe in Anspruch nehmen will, der findet seine VHS.“ Wer sich zum Thema näher informieren oder beraten lassen will, kann sich gerne an die Kreisvolkshochschule Nordhausen, Grimmelallee 60 in Nordhausen wenden, Telefon 03631 6091-0 oder www.vhs-nordhausen.de.
Robert Külper
Autor: red

Anzeige symplr (6)
Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Kommentare sind zu diesem Artikel nicht möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (9)
Anzeige symplr (8)