Mo, 07:01 Uhr
06.05.2013
Kleine Jubiläumswanderung
Zum 10. Mal fand am gerade vergangenen Wochenende im "7-Seenland" südlich von Leipzig die 7-Seen-Wanderung statt, mit Streckenlängen zwischen wenigen hundert Metern und 104 Kilometern, die den gesamten 7-Seenweg umfassen. Bodo Schwarzberg berichtet...
Wer in den 80er Jahren mit dem Auto die damalige F2/F95 in Richtung Borna befuhr, der begab sich in die wohl trostloseste, und am meisten devastierte Region der DDR, kamen hier doch Brauenkohlenbergbau und Braunkohlenveredlung einerseits und Erdölverarbeitung andererseits auf engem Raum zusammen. Die Kraftwerke Thierbach und Lippendorf vervollkommneten das Bild einer dem Allgemeinwohl dienenden Wirtschafts- und Industriewüste, in denen Entstaubungsanlagen und Abgasreinigung nicht üblich waren. Halden, Riesenbagger, ein schaumbedeckter, biologisch toter Fluss Pleiße und eine rußgeschwängerte Luft waren die Markenzeichen.
Die zahlreichen, dem Energiehunger geopferten Ortschaften, von Eythra bis Magdeborn, können nur noch auf Postkarten oder in Museen betrachtet werden. Die Wanderung führt auch durch den kleinen Ort Mölbis, in der es kaum noch Putz an den Hauswänden gab und in dem der Boden so vergiftet war, dass kaum noch Gemüse gedieh. Eingezwängt zwischen der Abraumhalde Trages, dem Kraftwerk Thierbach und der Braunkohlenschwelerei Espenhain, war (ein) Leben dort kaum mehr möglich. Die Aufgabe des Ortes auf Grund der unsäglichen Umweltsituation war geplant. Eine Dauerausstellung in der Orangerie erinnert an das Schreckliche.
Heute, 23 Jahre nach dem Ende der DDR, ist das Bild ein ganz anderes: Nur das heute hochmoderne Kraftwerk Lippendorf und der Erdölverarbeiter in Böhlen sind geblieben, der Braunkohlenbergbau ist flächig beendet. Riesige Seen sind bereits mit klarem Wasser gefüllt oder noch in Füllung, überall wird aufgeforstet. Greifvögel ziehen am Himmel ihre Kreise. Nur die weggebaggerten Ortschaften werden nicht wiederkehren.
Ich selbst reihte mich am Freitagabend zum neunten Mal unter die vielen Starter ein, von denen jedoch nur knapp 200 die 104 km-Strecke unter die Füße nahmen. Erfahrungsgemäß erreichen rund 50 Prozent der 100-km-Starter bei der 7-Seentour das Ziel. In den nächsten rund 24 Stunden wurden alle sieben Seen erreicht, von denen der Cospudener See wohl der Bekannteste sein dürfte.
Bemerkenswert war wieder der Enthusiasmus der hunderten Helfer. In jedem der angewanderten Ortschaften bemühten sie sich tag und nacht um das Wohl von uns Teilnehmern: Feuerwehrleute, Jugendliche, junge und ältere Erwachsene, Sanitäter. So mancher Anwohner bekundete seine Freude über so viel Interesse an der Region mit auf den Asphalt gemalten Durchhalteparolen. Kinder malten Bilder oder machten gemeinsam Musik. - Wer an diesem Hunderter teilnimmt, sollte dies nicht mit dem Ziel tun, abzunehmen.
Die Auswahl an Essen und Getränken an den einzelnen Stationen ist überwältigend: Fettschnitten, Bock- und Bratwurst, Gemüse- und Obstsalate, Gulasch- und Bohnensuppe, verschiedenste Kuchen- und Puddingsorten und vieles mehr. Nicht mehr wegzudenken sind bereits die morgendliche Puddingsuppe in Thierbach und die Kartoffelsuppe in Steinbach.
Die gesamte Region, also das zwischen Markkleeberg und Bornagelegene 7-Seenland, feiert sich mit diesem Wanderevent selbst. Die 7-Seenwanderung ist zu einem Wirtschaftsfaktor geworden: "Fast jeder, der hier startet, bringt noch jemanden mit", sagte eine Mitveranstalterin. - Was ganz gewiss aber auch an der Mentalität der Sachsen südlich von Leipzig liegt: Man fühlt sich von ihnen im wahrsten Sinne des Wortes herzlich willkommen geheißen. Ich bin bei der 7-Seenwanderung noch nie einem ob der vielen Menschen etwa genervten, sondern stets nur freundlichen und zuvorkommenden Anwohnern begegnet, die uns Teilnehmer gern ansprechen, nach dem Befinden fragen und hilfsbereit sein möchten.
Ich selbst kam als 17. von vielleicht ca. 100 erfolgreichen 104-km-Startern nach etwas mehr als 23 Stunden ins Ziel. Dreieinhalb Stunden früher als 2012. Sie fragen nach dem Grund des diesjährigen Tempos? Einer meiner beiden Kameraden wollte am Abend des Zieltages noch zu einer Geburtagsfeier, der andere wollte im Fernsehen ein Fußballspiel verfolgen. Ich schloss mich den "Gestressten" einfach an.
Mein persönlicher Dank gilt allen ehrenamtlichen und hauptberuflichen Veranstaltern und Helfern der 7-Seen-Wanderung 2013.
Bodo Schwarzberg
Autor: redWer in den 80er Jahren mit dem Auto die damalige F2/F95 in Richtung Borna befuhr, der begab sich in die wohl trostloseste, und am meisten devastierte Region der DDR, kamen hier doch Brauenkohlenbergbau und Braunkohlenveredlung einerseits und Erdölverarbeitung andererseits auf engem Raum zusammen. Die Kraftwerke Thierbach und Lippendorf vervollkommneten das Bild einer dem Allgemeinwohl dienenden Wirtschafts- und Industriewüste, in denen Entstaubungsanlagen und Abgasreinigung nicht üblich waren. Halden, Riesenbagger, ein schaumbedeckter, biologisch toter Fluss Pleiße und eine rußgeschwängerte Luft waren die Markenzeichen.
Die zahlreichen, dem Energiehunger geopferten Ortschaften, von Eythra bis Magdeborn, können nur noch auf Postkarten oder in Museen betrachtet werden. Die Wanderung führt auch durch den kleinen Ort Mölbis, in der es kaum noch Putz an den Hauswänden gab und in dem der Boden so vergiftet war, dass kaum noch Gemüse gedieh. Eingezwängt zwischen der Abraumhalde Trages, dem Kraftwerk Thierbach und der Braunkohlenschwelerei Espenhain, war (ein) Leben dort kaum mehr möglich. Die Aufgabe des Ortes auf Grund der unsäglichen Umweltsituation war geplant. Eine Dauerausstellung in der Orangerie erinnert an das Schreckliche.
Heute, 23 Jahre nach dem Ende der DDR, ist das Bild ein ganz anderes: Nur das heute hochmoderne Kraftwerk Lippendorf und der Erdölverarbeiter in Böhlen sind geblieben, der Braunkohlenbergbau ist flächig beendet. Riesige Seen sind bereits mit klarem Wasser gefüllt oder noch in Füllung, überall wird aufgeforstet. Greifvögel ziehen am Himmel ihre Kreise. Nur die weggebaggerten Ortschaften werden nicht wiederkehren.
Wanderung in einer herzlichen Region
Die 7-Seen-Wanderung 2013 lockte rund 5.000 aktive Menschen an, die die ehemalige, nun so anziehende Braunkohlenwüste regelrecht eroberten. Eröffnet wurde sie am Freitagabend vom sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (Foto), was auch als Wertschätzung für das 7-Seenland und die vielen, ehrenamtlichen Helfer gewertet werden kann. Ebenso übrigens wie die Vergabe des 3. Sächsischen Wandertages 2012 an Markleeberg, dem Start- und Zielort zahlreicher Wanderstrecken am vergangenen Wochenende und "7-Seen-Zentrum".Ich selbst reihte mich am Freitagabend zum neunten Mal unter die vielen Starter ein, von denen jedoch nur knapp 200 die 104 km-Strecke unter die Füße nahmen. Erfahrungsgemäß erreichen rund 50 Prozent der 100-km-Starter bei der 7-Seentour das Ziel. In den nächsten rund 24 Stunden wurden alle sieben Seen erreicht, von denen der Cospudener See wohl der Bekannteste sein dürfte.
Bemerkenswert war wieder der Enthusiasmus der hunderten Helfer. In jedem der angewanderten Ortschaften bemühten sie sich tag und nacht um das Wohl von uns Teilnehmern: Feuerwehrleute, Jugendliche, junge und ältere Erwachsene, Sanitäter. So mancher Anwohner bekundete seine Freude über so viel Interesse an der Region mit auf den Asphalt gemalten Durchhalteparolen. Kinder malten Bilder oder machten gemeinsam Musik. - Wer an diesem Hunderter teilnimmt, sollte dies nicht mit dem Ziel tun, abzunehmen.
Die Auswahl an Essen und Getränken an den einzelnen Stationen ist überwältigend: Fettschnitten, Bock- und Bratwurst, Gemüse- und Obstsalate, Gulasch- und Bohnensuppe, verschiedenste Kuchen- und Puddingsorten und vieles mehr. Nicht mehr wegzudenken sind bereits die morgendliche Puddingsuppe in Thierbach und die Kartoffelsuppe in Steinbach.
Die gesamte Region, also das zwischen Markkleeberg und Bornagelegene 7-Seenland, feiert sich mit diesem Wanderevent selbst. Die 7-Seenwanderung ist zu einem Wirtschaftsfaktor geworden: "Fast jeder, der hier startet, bringt noch jemanden mit", sagte eine Mitveranstalterin. - Was ganz gewiss aber auch an der Mentalität der Sachsen südlich von Leipzig liegt: Man fühlt sich von ihnen im wahrsten Sinne des Wortes herzlich willkommen geheißen. Ich bin bei der 7-Seenwanderung noch nie einem ob der vielen Menschen etwa genervten, sondern stets nur freundlichen und zuvorkommenden Anwohnern begegnet, die uns Teilnehmer gern ansprechen, nach dem Befinden fragen und hilfsbereit sein möchten.
Fehlende Identifikation bei uns?
Diese Landschaft und ihr naturschonender Aufbruch ist ihr Kapital. Davon können wir im Landkreis Nordhausen etwas lernen. Oft höre ich Fragen von Mitwanderern oder auch von Fremden hier bei uns, aus denen das Unverständnis bezüglich der fehlenden Identifikation vieler Menschen im Landkreis Nordhausen mit ihrer Region hervorgeht. "Warum sollen wir denn etwas tun? Es kommt doch sowieso keiner", sagte mal ein Interviewpartner wörtlich zu mir. Frau Keller möchte die Unterstützung der Harzer Schmalspurbahnen aufgeben, unseren Gipsbergen und Harztälern droht weitere Zerstörung.Ich selbst kam als 17. von vielleicht ca. 100 erfolgreichen 104-km-Startern nach etwas mehr als 23 Stunden ins Ziel. Dreieinhalb Stunden früher als 2012. Sie fragen nach dem Grund des diesjährigen Tempos? Einer meiner beiden Kameraden wollte am Abend des Zieltages noch zu einer Geburtagsfeier, der andere wollte im Fernsehen ein Fußballspiel verfolgen. Ich schloss mich den "Gestressten" einfach an.
Mein persönlicher Dank gilt allen ehrenamtlichen und hauptberuflichen Veranstaltern und Helfern der 7-Seen-Wanderung 2013.
Bodo Schwarzberg
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.



































