eic kyf msh nnz uhz tv nt
Anzeige symplr (4)
Mo, 06:47 Uhr
08.04.2013

Menschenbilder (63)

Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten, reich bebilderten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte...

Reiner Hohlbein

Malermeister
99759 Sollstedt


Hört man in Deutschland den Namen „Hohlbein“ in Verbindung mit Kunst, so denken viele Menschen gewiss zunächst an die deutschen Ranaissancemaler Hans Hohlbein den Jüngeren (1497 oder 1498 bis 1543) und an seinen Vater Hans Hohlbein den Älteren (1465 bis 1524). Mit ihnen ist Malermeister Reiner Hohlbein aus Sollstedt tatsächlich „über zehn Ecken“ verwandt. Aber auch dessen Vater, Alfred Hohlbein (1901 bis 1972) war nicht nur ein begnadeter Vertreter des Malerhandwerks, sondern er pflegte auch seine künstlerische Begabung auf diesem Gebiet.

„Er malte u.a. Ölbilder und sollte ursprünglich Kunstmaler in einem Kloster werden. Er liebte aber auch das Handwerk und fand in der Ausbildung zum Malermeister einen guten Kompromiss“, sagt Reiner Hohlbein (geboren am 04.09.1945 in Sollstedt). Die künstlerische Begabung seines Vaters äußerte sich aber dennoch in vielen Bildern, die er an so manche Hauswände seiner Kunden malte, so Darstellungen von Zypressen und des „friedlichen Landlebens“ (z.B. brüllende Hirsche).

Alfred Hohlbein hatte sich 1937 selbständig gemacht und wurde kriegsbedingt von 1939 bis 1945 als Maler in die Munitionsfabrik Sondershausen („Heeresmunitionsanstalt“) „abkommandiert“. In den letzten Kriegswochen trat er der NSDAP bei, und man verpflichtet ihn zum „Volkssturm“. „In die Nazipartei wurde er mit der Bemerkung gedrängt, dass er im Weigerungsfalle seinen Posten in der Munitionsfabrik verlieren würde“, erklärt sein Sohn. Auf Grund dieser Mitgliedschaft internierten ihn die Sowjets nach der Befreiung in das ehemalige KZ Mittelbau Dora zwecks „Entnazifizierung“. Diese könne er beschleunigen, wenn er in die KPD oder in die SPD eintrete, ließ man ihn wissen. Alfred Hohlbein entschied sich für die SPD. Nach der Vereinigung beider Parteien zur SED gehörte der ab 1945 in Obergebra wieder selbstständige Malermeister letzterer Partei bis zu seinem Tod an.

Anfänglich beschäftigte er bis zu 12 Mitarbeiter und arbeitete überwiegend für private Auftraggeber.

„Er brachte drei Striche auf ein Blatt Papier und es entstand ein Bild, das lebte“, sagt Reiner Hohlbein über seinen Vater, den er schon als Kind gern bei der Arbeit unterstützte. Als Siebenjähriger musste er übrigens Spalier stehen, als der in einer Obergebraer Gaststätte angeblich ermordete Kommunist Alfred Sobik beerdigt wurde. Die beiden „Täter“ Ernst Wilhelm und Johannes Muras, die Sobik nach Lesart der SED-Genossen umgebracht hatten, wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Deren Unschuld ist heute belegt. „Ich sehe mich in der damaligen Zeit als einen ‚stillen Oppositionellen‘, der sein FDJ-Blauhemd tatsächlich oder angeblich lieber in die Wäsche steckte, als es anzuziehen. In der DDR störte mich vor allem die Gleichmacherei“, sagt er.

Am liebsten wäre der sportbegeisterte Reiner Hohlbein Sportlehrer geworden. Er spielte Handball, betrieb Leichtathletik, Skilanglauf, Skispringen und nahm an bekannten Läufen teil, so am Rennsteiglauf und am Iserlauf im tschechischen Isergebirge, wo er auch den legendären Weltenbummler und Überlebenskünstler Gustav Ginzel vom „Misthaus“ im Ort Jizerka (Klein-Iser) kennenlernte, der den Iserlauf mit initiierte (siehe Internet).

Für die im Betrieb seines Vaters von 1962 bis 1963 absolvierte Malerlehre entschied er sich, weil ein Berufsabschluss damals als Voraussetzung für ein Sportlehrerstudium galt, aber auch deswegen, weil er als Maler meist 16 Uhr Feierabend und danach Zeit für sportliche Betätigung hatte. „Auf Grund des Umganges mit vielen Menschen sowie auf Grund der mit diesem Handwerk verbundenen Kreativität und Vielfalt bereitete mir die Arbeit zunehmend Freude“, denkt er zurück. Wegen dieses tief in ihm verwurzelten Wunsches nach noch mehr Abwechslung im Arbeitsalltag wurde Rainer Hohlbein 1964 Mitarbeiter der Nordhäuser PGH Roland. Von 1965 bis 1997 leistete er seinen „Ehrendienst“ bei den DDR-Grenztruppen im Raum Zwinge/Silkerode (Eichsfeld) ab, wo der bewegungsfreudige Soldat am liebsten einen 12 km-langen Abschnitt des stets frisch geharkten so genannten Kontrollstreifens ablief. Seit 1968 wohnt mein Gesprächspartner mit seiner Familie in Sollstedt.

Bei der PGH standen vor allem Arbeiten im Auftrag volkseigener Betriebe des Kreises Nordhausen im Vordergrund. Ein Schwerpunkt waren Firmen im Gebiet in und um Bleicherode, insbesondere das dortige Kaliwerk.

Weil für ihn ein Direktstudium auf dem Gebiet der Farbgestaltung und Kunst in Heiligendamm aus familiären Gründen nicht in Frage kam, strebte Reiner Hohlbein eine Meisterausbildung an, zu der er von der PGH jedoch erst delegiert wurde, nachdem er sich zur Begleichung der damit verbundenen Kosten aus eigener Tasche bereiterklärt hatte. Drei Jahre nach dem erfolgreichen Abschluss 1973 wurde er unter Schwierigkeiten von der PGH für seinen Weg in die Selbstständigkeit freigegeben, nicht jedoch ohne vom damaligen Kreisbaudirektor Friedel Oehne folgende Worte mit auf den Weg zu bekommen: „Sie gehen rückwärts, während die anderen den Schritt vom Ich zum Wir gehen.“

Um den ehemaligen Betrieb seines Vaters in Obergebra wieder eröffnen zu dürfen, musste der Sollstedter auch mit seinem Wohnsitz in Obergebra eingetragen sein, was er zumindest auf dem Papier auch erreichte. Jeweils zu Beginn eines Jahres erhielt der Meister vom Kreisbauamt nunmehr einen „Jahresplan“, mit den von ihm zu malernden Betrieben und öffentlichen Einrichtungen zugewiesen. Zu diesen gehörten z.B. das Kinderheim Hainrode, Gebäude zahlreicher Gemeinden im Kreis sowie Gebäude der Stadt Bleicherode. Hinzu kamen Aufträge von privat, für die er jedoch keine Bilanzen und damit Materialzuweisungen erhielt.

Offiziell bzw. entsprechend den Vorgaben seiner Gewerbeerlaubnis, arbeitete Reiner Hohlbein zunächst allein. Tatsächlich beschäftigte er aber im Durchschnitt drei Mitarbeiter. Diesen durfte er zudem nur nach Erteilung einer Sondergenehmigung durch den FDGB die ansonsten in der DDR übliche Jahresendprämie zahlen.

Die Wende begrüßte mein Gesprächspartner durchaus, konstatiert jedoch schwierige Zeiten, die mit der friedlichen Revolution für ihn als Handwerker anbrachen. „Unterschiedlichste Institutionen verlangten mit einem Mal Beiträge. Die Vielfalt und Qualität des Materials war nun zwar hervorragend, aber dessen Preise stiegen und stiegen. Auf Grund der Neuorientierung in der Bevölkerung, fehlten mir 1990 zudem Aufträge. Aus Langeweile musste ich in jenem Jahr daher erst einmal meine Werkstatt streichen“, denkt er zurück.

Nur allmählich verbesserte sich die Situation, so dass z.B. auch die Gemeinden wieder über mehr Geld verfügten. Wichtige Auftraggeber wurden u.a. der im sozialen Bereich aktive Big Dipper e.V. (siehe Text Liebig im Bd. I) und die Wohnungsgesellschaft Bleicherode. Bis zu fünf Mitarbeiter standen nun bei Reiner Hohlbein in Lohn und Brot. Insgesamt bildete mein Gesprächspartner zehn Lehrlinge aus. Einer von ihnen ist heute Diplom-Restaurator.

Der Vergleich zwischen den Verhältnissen der DDR-Zeit und der Gegenwart fällt für ihn differenziert aus: „Vor 1990 war es ruhiger und wir hatten dennoch stets gut zu tun. Heute muss ich nach Aufträgen hetzen und die Zahlungsmoral lässt zu wünschen übrig. An so etwas war zu DDR-Zeiten nicht zu denken. Damals war man froh, wenn der Handwerker endlich kommt. Heute wird man häufiger von oben herab behandelt. Die Menschen und die ganze Gesellschaft sind aggressiver und kühler geworden. Aber es ist auch heute verkehrt, alle Menschen über einen Kamm scheren. Oft fühle ich mich gut bei den Kunden angenommen“, sagt er.

Bis 2011 befand sich Reiner Hohlbein „voll im Einsatz“, wie er sagt, und hatte Beschäftigte. Heute arbeitet er allein sucht sich die Aufträge aus. „Ich muss nicht mehr unbedingt und das ist gut so. Andererseits mag ich nicht tatenlos zu Haus herumsitzen“, erklärt er.

Mein Gesprächspartner ist mit Karin Hohlbein verheiratet und blickt gemeinsam mit ihr stolz auf die Tochter Heike (geb. 1966). Sie schenkte sich und dem Paar die Mädchen Julia (geb. 1990, studiert Atomphysik) und Pauline (geb. 1997, Schülerin). Heike Sawatzki arbeitet als selbstständige Steuerberaterin in Bleicherode.

Ihr Vater war und ist in seinem Heimatort Sollstedt ehrenamtlich auf verschiedenen Gebieten engagiert: So gehörte er als parteiloses Mitglied dem Gemeinderat an, er hat den Status eines Ehrenmitgliedes im Schützenverein und war zweiter Vorsitzender des Vereins Aktivist Sollstedt e.V.. Als Vizepräsident des örtlichen Karnevalsvereins hat er zudem Anteil am Gelingen der „tollen Tage“. Als (nicht singendes) Mitglied im Chor malt er zudem die Bühnenbilder für dessen Auftritte sowie für Veranstaltungen des Heimatvereins. Und wenn ihm dann immer noch Freizeit bleiben sollte, dann widmet sich Reiner Hohlbein der Geschichte von Sollstedt, zu der er historische Schriften und Bilder recherchiert, sammelt und archiviert.
Keine Kommentare zugelassen
Autor: red

Anzeige symplr (6)
Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Kommentare sind zu diesem Artikel nicht möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (8)