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Sa, 06:44 Uhr
23.03.2013

Scott, der Penner (1)

Der Nordhäuser Schriftsteller Andreas Hüllenhagen stellt am 4. April um 19.30 Uhr sein Erstlingswerk „Scott, der Penner im Museum „Tabakspeicher“ vor. Wir haben schon mal einige Leseproben für Sie im Angebot...


Cover (Foto: Verlag) Cover (Foto: Verlag) Inhalt: Jane wird nachts ins New York Police Department gerufen und glaubt, mit der Leiche ihres obdachlosen Vaters konfrontiert zu werden. Vor zehn Jahren, seit dem Tod ihrer Mutter, hat sie den Kontakt zu ihm abgebrochen. Auf dem Obduktionstisch findet Jane jedoch einen Fremden vor, gezeichnet vom Leben am Rande der Gesellschaft.

Ausgelöst durch dieses Erlebnis, begibt sich Jane auf die Suche nach ihrem Vater und taucht in das Milieu der Straße ein. Sie wird bald von der Vergangenheit eingeholt und stößt auf erschütternde Antworten, auf Lügen und widerfahrenes Unrecht. Indes überlebt ihr Vater nur knapp die Tortur übler Gesellen und findet sich auf den Stufen einer Baptistengemeinde wieder.

Auszug Nr. 1

Unendlich langsam richtete sich Scott von der Parkbank im New Yorker Central Park auf und schob die Zeitungen beiseite. Mit der Zunge leckte er sich über teils leeres Zahnfleisch und spröde Lippen. Sein Mund fühlte sich so trocken an, als wäre er mit Sand gefüllt.

War es abends, morgens oder nachts? Seine glasigen Augen sahen zum sternenlosen Himmel auf, der wie ein Rabe seine Schwingen über der nie schlafenden Stadt ausbreitete.

Mit den Fäusten traktierte er die tauben Beine. Verdammter Suff. Es würde ein paar Minuten brauchen, bis Leben in sie zurückkehrte.

Nirgends waren die grünuniformierten Gärtner der städtischen Parkverwaltung zu sehen, die jeden Morgen vor dem Ansturm der Erholungsbedürftigen Rasen mähten, Bäume beschnitten und Blumen pflanzten. Es musste also abends sein. Die meisten von ihnen jagten Scott davon, als sei er ein streunender Hund, der auf die frisch gemähte Wiese scheißen könnte. Nur ein junger Schwarzer hatte ihn immer sitzen lassen und gab ihm gelegentlich etwas von seinem Frühstücksbrot. »Ja, Mann, das Leben ist ein dunkles Dreckloch. Wenn es voll ist, kratzt du ab«, sagte er oft. Er war in den Gettos von Harlem aufgewachsen und hatte manches Dreckloch überlaufen sehen.

Die meiste Zeit des Tages war Scott unsichtbar. Zumindest kam es ihm so vor, da die Menschen ihn lieber übersahen. Die Menschen. War er noch einer von ihnen? Doch manchmal, wenn er sich ihnen in den Weg stellte und seine schmutzige Hand nach einem Dollar ausstreckte, mussten sie ihn einfach bemerken. Dann sahen sie einen ergrauten Penner, der ungefähr sechzig sein mochte; doch genauso gut konnte er achtzig oder einhundert Jahre alt sein. Sie erblickten ein aufgedunsenes Gesicht, eine geschwollene und mit geplatzten Blutäderchen übersäte Säufernase, glasige Augen und Scotts unsicheres, zahnloses Lächeln. Nur um den entsetzlichen Gestank nicht mehr ertragen zu müssen, gaben manche ein paar Cent oder gar einen Dollar. Andere drohten ihm Prügel an oder gingen einfach weiter.

Träge fiel Scotts Blick auf den Widerschein der grellen Stadtlichter im See vor ihm, und träge wälzten sich seine Gedanken durch den zähen Morast, der einst sein Verstand gewesen war. Sein Kopf dröhnte und er spürte, dass er bald wieder etwas zu trinken brauchte. Scott bückte sich nach einer braunen Papiertüte zu seinen Füßen, aus der eine Flaschenmündung ragte, und schüttelte sie. Leer. Achtlos ließ Scott sie fallen. Dann griff er in die Innentasche seines abgewetzten Mantels und holte eine schwarz eingefasste und abgegriffene Lupe hervor. Minutenlang betrachtete er sie. Sie war alt, so manchen Sommer und Winter hatte er sie dort aufbewahrt. Manchmal glaubte Scott in seiner Gedankenverlorenheit, dass sie ihm von früher erzählen würde.

wird fortgesetzt
Autor: red

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