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Sa, 12:00 Uhr
13.10.2012

Moderner Tanz oder traurige Gestalt 2.0

Ein spielfreudiger Haufe stand gestern auf der Nordhäuser Bühne – und das gleich in mehrfacher Hinsicht, wie unser Theaterkorrespondent Olaf Schulze von der Ballettpremiere "Don Quichotte" zu berichten weiß...


Cervantes schuf mit seiner Romanfigur des Ritters von der traurigen Gestalt die Vorlage für Rollenspiele, wie sie mittels intelligenter Software bis ins heutige i-phone funktionieren. Und er warnte bereits vor vierhundert Jahren vor dem selbstzerstörerischen Suchtpotential solcher Phantasiewelten. Diese Grundaussage griff Stefan Haufe in seiner Interpretation des Balletts "Don Quichotte" von Ludwig Minkus auf und warf als erstes das eingestaubte Libretto über den Haufen, in dem Don Quichote (ursprünglich bei Cervantes sogar "Quixote" und erst beim späteren Bearbeiten dann irgendwann mit einem zweiten t im Namen versehen) kaum vorkommt.

theater (Foto: theater) theater (Foto: theater)

Moderner Kampf gegen Windmühlen: Andràs Virag tanzt gegen die Bürokratie an

In Nordhausen ist dieser weltliterarische Superstar ein lesewütiger Familienvater, der nicht einmal mit Interesse bei der Erziehung seiner renitent-pubertierenden Tochter (Irene López Ros) zuschaut, die sich heftige Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter (Yuri Hamano) liefert. Denn der Hausherr (Andràs Viràg) liest in jeder Lebenslage in seinen Ritterschmonzetten und ist hoch erfreut, als endlich der Postbote und sein künftiger Sancho Pansa (David Roßteutscher) einen neuen Roman bringt, den er wohl bei amazon geordert hatte. Doch das Buch hat nur leere Seiten. Unser Don Quichote ist außer sich und verweigert dem Postangestellten die Empfangsbestätigung, was den armen Kerl zwangsläufig an den wild gewordenen Leser bindet, der sich schnurstracks beschweren gehen will. Und schon beginnt die irre Reise der beiden durch die Instanzen.

theater (Foto: theater) theater (Foto: theater)

Trügerisches Familienidyll: David Roßteutscher als Postbote Sancho, András Dobi als werbender Straßenmusikant, András Virag als vermittelnder Ritter und Irene López Ros als Tochter Kitri

Heldenhaft kämpft Quichote gegen die bürokratischen Windmühlen, die auf der Nordhäuser Bühne (sehr stimmig und wunderbar handlungsunterstützend von Wolfgang Kurima Rauschning in Szene gesetzt) Tischventilatoren sind.

Auf der Suche nach einer diffusen Gerechtigkeit und zunehmend nach seiner fiktiven Herzensdame Dulcinea begegnen die beiden Protagonisten und das Töchterlein des eingebildeten Ritters, die inzwischen heftig verliebt vom Straßenmusikanten Basilio (Andràs Dobi) begleitet wird, im Zirkus, in der Schänke und am Hofe eines Herzogs den verschiedensten Leuten, die alle mit der Spleenigkeit des Träumers Quichote in Konflikt geraten.

Ein großartiges, verwandlungsfähiges Ensemble hat Stefan Haufe da auf der Bühne versammelt. Und er führt diese glorreichen Zwölf mit sicherer Choreografie über die Klippe, modernes Tanztheater zu einer schon etwas antiquierten Musik vorzutragen. Mit welchem Charme und Witz die Nordhäuser Company das tut, mit welch perfekter Mimik und welch grandiose Komik aus den tragischen Fehleinschätzungen des Titelhelden entsteht, ist absolut sehenswert und verdient höchsten Respekt. Es wäre auch unfair, nur einen oder eine aus dieser geschlossenen Ensembleleistung heraus zu heben, in der ein jeder seine Aufgaben hatte und sie mit Bravour erfüllte. Dazu gelingen Haufe auch dank der zauberhaften Kostüme von Elisabeth Stolze-Bley großartige Bilder, so dass wir durch einen opulenten, witzigen und äußerst erfrischenden Theaterabend geleitet werden.

theater (Foto: theater) theater (Foto: theater) Doch noch Dulcinea: Dem fiebernden Quichote (András Virag) begegnet seine Herzdame (Yuri Hamano)

Das Publikum der gestrigen Premiere war mehr als angetan von dieser Darbietung, denn es wollte die Tänzer, den wunderbaren Regisseur, aber auch den hervorragenden Kapellmeister Michael Ellis Ingram, der ein schwungvolles Loh-Orchester leitete, am liebsten gar nicht mehr von der Bühne lassen.

Die Premierenbesucher überhäuften die Inszenierung mit stürmischem Applaus.

Zu recht, wie ich finde – und es wäre bestimmt nicht die schlechteste Idee der Nordhäuser Theaterleitung, sich die Dienste eines Stefan Haufe irgendwann noch einmal zu sichern.
Olaf Schulze
Autor: nnz/kn

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Kommentare
meiner meinung nach
15.10.2012, 09:27 Uhr
ein toller Ballettabend ...
Eine wahrhaft köstliche und engagierte Inszenierung! Man kann nur jedem empfehlen sich dieses tolle Stück nicht entgehen zu lassen!
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