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Do, 16:30 Uhr
27.09.2012

Macht aus dem Staat Gurkensalat

Am ersten Freitag im Oktober findet in der "Flohburg - Das Nordhausen Museum" eine Lesung des Buches „Macht aus dem Staat Gurkensalat“ mit den vier Autoren geben. Und die können allerhand erzählen...


Weimar 1983 (Foto: privat) Weimar 1983 (Foto: privat) „Wehr Dich“, „Schlagt zurück“ und „Macht aus dem Staat Gurkensalat“ forderten die Graffiti – ein Aufruf zum „Aktiven Widerstand“. Die Parolen, die im Vorfeld des Nationalfeiertags der DDR im Oktober 1983 an den verfallenden Fassaden der Klassikerstadt Weimar auftauchten, waren in ihrer Botschaft eindeutig. Für die Hüter der sozialistischen Ordnung bestand kein Zweifel: Sie sahen gefährliche Staatsfeinde am Werk, derer man unbedingt habhaft werden musste.

Die damaligen Sprayer Ullrich Jadke, Jörn Luther, Thomas Onißeit und Holm Kirsten haben ihre Erlebnisse aufgeschrieben und werden am Freitagabend in der Flohburg –Das Nordhausen Museum davon erzählen. Der Eintritt ist frei.

Die Autoren (Foto: Claus Bach) Die Autoren (Foto: Claus Bach)
der Autoren von links: Herausgeber Rüdiger Haufe, Autoren: Ullrich Jadke, Jörn Luther, Thomas Onißeit, Holm Kirsten

Die Weimarer Graffiti-Aktion von 1983 fand ein Echo bis in die bundesdeutschen Medien hinein, denn sie standen in eklatantem Widerspruch zu den offiziellen Bemühungen der DDR, sich als weltoffener, friedliebender und die Menschenrechte achtender Staat zu präsentieren. Kennzeichen D, der RIAS, der SPIEGEL, die Süddeutsche Zeitung und weitere überregionale Blätter berichteten und sorgten so für eine Aufmerksamkeit, die den sozialistischen Machthabern alles andere als recht war.

Am 24. Februar 1984 wurde den Sprayern vor dem Kreisgericht Erfurt der Prozess gemacht. Als sich der Tag der Verhaftung im Jahr 2003 zum 20. Mal jährte, nahmen die alten Freunde dies zum Anlass für ein Wiedersehen. In den dabei geführten Gesprächen wurde ihnen erneut deutlich, wie sehr die Stasi-Haft und ihre Folgen zu prägenden Erlebnissen am Übergang zum Erwachsenwerden geworden waren. Erlebnissen, die sie immer noch beschäftigten.

Zugleich mussten sie feststellen, wie wenig ihre Erfahrungen und Erinnerungen zu der seinerzeit medial aufwendig inszenierten Rückbesinnung auf die untergegangene DDR passten.

Die zu hörenden Texte dokumentieren einen Blick auf ihren Gegenstand, der sich bewusst von den zuweilen larmoyanten ostalgischen Verklärungen der „Zonenkinder“-Literatur abhebt, aber ebenso jeden vordergründigen heldenhaften Widerstandsgestus vermeidet. Die vier in ihrer Tonlage jeweils eigenen Stimmen, die sich hier zu Wort melden, sagen laut und deutlich „Ich“ und „Wir“.

Die Skala reicht dabei von immer noch spürbarer Betroffenheit bis zu ironischer Distanz. Jugendlichen Protest, schräge Partys und schrille Punk-Konzerte, adoleszente sexuelle Sehnsüchte, chaotische Wohngemeinschaften, subkulturelle Kunst-Happenings, die Tristesse des Alltags, Alkohol und Zigaretten – das alles gab es im Westen wie im Osten.

„Macht aus dem Staat Gurkensalat“ ist das literarische Dokument einer unangepassten Jugend im untergehenden Sozialismus, das weit mehr liefert als nur die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Es beinhaltet authentische Erzählungen von jugendlichem Aufbegehren, von den Skurrilitäten des Erwachsenwerdens, von früher existenzieller Erfahrung und vom Willen zur Individualität.
Autor: nnz

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Kommentare
Bodo Schwarzberg
28.09.2012, 00:20 Uhr
DDR-Gurkensalat und BRD-Gurkensalat
Heute wird niemand mehr wie in der DDR in einen Knast gesperrt, wenn er seine Meinung über das ebenso marode System der Gegenwart an Wände sprüht, - allenfalls wegen Sachbeschädigung! Der Verfassungsschutz ist wohl im Vergleich zu Mielkes Truppen, hinsichtlich seiner Gewalttätigkeit deutlich zahmer unterwegs. Die freie Meinungsäußerung gehört ebenso wie die Presse, Rede- und Versammlungsfreiheit aus meiner Sicht zu den ganz wenigen wirklichen Vorzügen des uns 1989 übergestülpten Systems. Ansonsten halte ich den Begriff "Gurkensalat" als zumindest satirische Zielvorgabe für dieses System in seiner gegenwärtigen Ausprägung für durchaus sinnvoll.

Denn die Grundfrage, wie zukunftsfähig unsere Gesellschaft ist, muss auf Grund der Faktenlage recht negativ beantwortet werden: Der Sozialismus bedrohte auf Grund seiner Unbedarftheit nur einen Teil unseres Globus: Der Kapitalismus hingegen mit seiner Gier aber den ganzen: mit Millarden potentiellen und Millionen bereits "erbrachten" Opfern. Eine gesunde, friedliche und ökologisch stabile Zukunft und damit unsere Existenz kann er nicht sichern. Ganz im Gegenteil!

Und damals wie heute steuern die drei berühmten Affen unsere Bereitschaft, dies wahr zu nehmen oder nicht wahr zu nehmen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.

Taub, stumm und still werden wir dabei durch unsere Sattheit, die wir um nichts in der Welt verlieren wollen - trotz der Rede-, Presse- und Meinungsfreiheit. Die daraus wiederum resultierende allgemeine Trägheit, Stabilität und Lethargie bewahrt unsere mörderische Gesellschaft bisher vor Bestrebungen, aus ihr Gurkensalat zu machen. Trotz der permanenten Jammerei des Einzelnen.
Retupmoc
28.09.2012, 08:05 Uhr
Straftaten
Wie man es dreht und wendet - das Verschandeln von Häusern ist eine Straftat. Und wenn man sich die Aussagen des Holm Kirsten anschaut, gleichen die denen, der heutigen Sprayer.

Als Motivation für die Sprüche an den Wänden gibt er unter anderem an, das für ihn als Punk Weimar eine langweilige Stadt war und die Bürgersteige um 19 Uhr hochgeklappt wurden. Außerdem hat es ihm nicht gepasst, das er die Gedenkstätte auf dem Ettersberg öfters durch die Schule besuchen mußte. Zitat: "Und von unseren Lehrern wurden wir verdonnert, ins Schillerhaus zu gehen, und wir sind regelmäßig auf den Ettersberg getrieben worden, zur KZ-Gedenkstätte Buchenwald."

(Nachzulesen in einem Interview mit der Zeitschrift "Der Freitag". Wenn das die Motivation für Straftaten ist - dann müsste jeder in einigen Orten dieses Landes sofort zur Spraydose greifen. Ob den Herren die Meinung der Hausbewohner interessiert hat, deren Häuser verschandelt wurden? Sicher nicht.

Übrigens haben die Herren nur zwei Monate eingesessen. In dem Artikel hier wird das ja geflissentlich weggelassen, damit man denken kann, erst 1989 wären sie freigekommen. Ich persönlich finde 2 Monate Haft für Vandalismus ein gerechtes Urteil.

PS: Holm Kirsten arbeitet heute in der Gedenkstätte Buchenwald. Nach der vorangegangenen Aussage ein Treppenwitz der Geschichte. Aber vielleicht hat in der Haft ein Denkprozess begonnen und man hat festgestellt, das das Gedenken an die Opfer des Faschismus schon wichtig ist.
Leserxxx
28.09.2012, 11:42 Uhr
Retupmoc
Wenn Sie sich schon bemühen, zum Thema zu recherchieren und Ihre Ergebnisse dessen hier veröffentlichen, dann doch bitte bei der Wahrheit bleiben! Die Haftzeiten der Autoren lagen mehrheitlich zwischen 5 und 6 Monaten.

Der Unterschied zu heutigen Sprayern ist eigentlich nicht schwer zu erkennen, so man nicht den Zuständen in der zweiten deutschen Diktatur nachtrauert. Die Parolen müssen nicht kommentiert werden.

Noch ein Wort zur Gedenkstätte Buchenwald: Jedem, der noch klare Erinnerungen an die damalige Zeit hat, weiß genau um die Ideologisierung der Opfer durch die DDR-Betonköpfe. Das Fahnenmeer auf dem Ettersberg hat wohl keiner vergessen.
pitti7
28.09.2012, 17:17 Uhr
@Leserxxx
lieber Ideologisierung,auch wenn dies größtenteils übertrieben wurde,als VERGESSEN!

Und etwas Schiller-Kultur hat noch niemanden geschadet! Oder ist dies eine ansteckende Krankheit??? ;)
Leserxxx
28.09.2012, 19:28 Uhr
pitti7
Ideologisierung im Kontext des Gedenkens der NS-Opfer zu befürworten, bedeutet nichts weiter als die Verunglimpfung derselben. Aber das hatte ja Methode, schließlich sind Tausende NSDAP-Mitglieder mit offenen Armen in der SED empfangen worden. Die Opfer instrumentalisiert und scheinheilig die Fahne des Antifaschismus gehisst; die Folgen dessen sehen wir: Neonazis im Osten in guter Gesellschaft.
Wolfi65
28.09.2012, 22:10 Uhr
Wie bitte?
Tausende ex NSDAP Mitglieder sind mit offenen Armen in der SED aufgenommen worden? Also das glaubt keiner! Gerade in der ex DDR wurden ehemalige Nationalsozialisten mit einer Intensität verfolgt, die seinesgleichen sucht.
In den meisten Fällen konnten sich "Ehemalige" nur in Westdeutschland verstecken. In der DDR herrschte der Stalinismus. Schon vergessen?
Aber es ist ja schon eine weile her und man sollte nicht nachtragend sein. Auch rote Fahnen sind irgendwann wieder hoffähig.

Vielleicht dann, wenn Stalins Nachfolger doch noch ihre Pferde im Rhein tränken werden. Aber ich möchte das nicht mehr erleben. Den ganzen Tag Wodka,die Pravda als Gardinen vor dem Fenster und die AK 47 auf dem Küchentisch.
Nein, das muss nicht sein!
Dosvidanya,sowjetskii kamerad.
TeeEff
29.09.2012, 10:42 Uhr
Vielleicht mal hier checken lieber Wolfi?
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_ehemaliger_NSDAP-Mitglieder,_die_nach_Mai_1945_politisch_t%C3%A4tig_waren

Nach der oberen langen Liste für die alte BRD kommen unter
"1.2 Sowjetische Besatzungszone und Deutsche Demokratische Republik"
etliche Namen auch nicht ganz so kleiner Politgrößen der DDR.

Die Listen sind unvollständig und führen nur prominentere Leute auf.
Wolfi65
29.09.2012, 12:24 Uhr
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