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Fr, 06:36 Uhr
21.09.2012

Menschenbilder (43)

Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte.

Dieter Schencke

Ehemals Firma Wilhelm Uhley – Kornbranntweinbrennerei und Likörfabrik Nordhausen

Für die Jüngeren unter uns sind die Marken Nordhäuser Korn bzw. Nordhäuser Doppelkorn zumeist ausschließlich mit dem Herstellernamen „Nordbrand“ verbunden. Dabei produzierten einst Dutzende Brennereien die hochprozentige Delikatesse, die die Zorgestadt international bekannt machte. Dieter Schencke (geb. am 29.07.1925 in Nordhausen), ist einer der letzten lebenden Zeugen des historischen Brennereiwesens in unserer Region. Sein Vater Wilhelm Schencke, geb. 1892, war Mitinhaber der Fa. Wilhelm Uhley, der mit einst bis zu 90 Mitarbeitern größten Brennerei unserer Stadt. Das Unternehmen, dessen Produktionsstätte sich in der Grimmelallee 10 befand, trat am Markt auch als bekannte Weingroßhandlung auf, die Weine aus verschiedenen Weinanbaugebieten Deutschlands bezog und diese bis zu ihrer Auslieferung in Nordhausen weiter reifen ließ.

Die Lebensgeschichte Dieter Schenckes widerspiegelt nicht nur die dramatischen Zeiten von Diktatur und Krieg, sondern auch jenen damit verbundenen Niedergang der einst florierenden Brennereiwirtschaft in unserer Stadt aus ideologischen Gründen.

Mein Gesprächspartner wurde 1931 in die Wiedigsburgschule eingeschult und kam 1936 zum Realgymnasium am Taschenberg. Angesprochen auf seine Haltung zu den Nationalsozialisten sagt er, dass er nie ein begeisterter Anhänger der Hitlerischen Ideologie gewesen sei. Allerdings verbindet er mit jener Zeit nicht nur unangenehme Erlebnisse: „In der HJ durften wir mit NSU-Leichtkrafträdern trainieren. Das machte natürlich Spaß. Heute wissen wir natürlich, dass all das nur den Kriegsvorbereitungen diente“, sagt er. Und: „Wir wurden zur Disziplin erzogen und mussten gerade gehen. Daran mangelt es heute mitunter“, sagt er.

Nach einem so genannten Notabitur wurde er 1942 zur Artillerie nach Mühlhausen eingezogen und dort für eine Laufbahn als Reserveoffizier geworben. Für Dieter Schencke schlossen sich zahlreiche Lehrgänge, so im besetzten Frankreich und in Rutzbach an. Der Befehl zur so genannten „Frontbewährung“ führte ihn 1944 zunächst in das Gebiet zwischen Trier und Dietenhofen. „Wir zogen nicht euphorisch in den Krieg. Ich persönlich hatte oft Angst“, sagt er.

Die Kriegsgefangenschaft ereilte den Nordhäuser schließlich auf dem Gebiet des heutigen Tschechien durch mit der Roten Armee kooperierende Truppen. Zuvor war ihm und seinen Kameraden von einem General zugerufen worden, dass der Krieg aus sei. Sie sollten sich von ihren Waffen trennen und versuchen, bis zur Moldau vorzudringen. Doch die Gefangennahme hinderte Dieter Schenke und seine Kameraden an einem frühen Wiedersehen der Lieben daheim.

Die Tage in tschechischer Gefangenschaft betrachtet er rückblickend als besonders schlimm. Einmal wurden sie mit den Massengräbern massakrierter Tschechen konfrontiert. „Wir waren tatsächlich froh, von den Russen begleitet und am Ende in ihre Hände übergeben zu werden“, sagt er. In im Bergbaugebiet Donezbecken liegenden Woroschilowgrad war er zwei Jahre lang unter Tage als Brigadier und Schichtleiter. „Ich hatte den Vorteil, nicht wie viele andere nach Sibirien zu müssen. Dennoch war die Bergbautätigkeit für uns Gefangene eine sehr harte Prüfung“, denkt mein Gesprächspartner zurück. Andererseits betont er, dass sich die Russen Mühe gegeben hätten, bei den gefangenen Deutschen einen „guten Eindruck“ zu hinterlassen. „Sie erfüllten in unserem Fall die Anforderungen der Genfer Konvention“, sagt er.

Den Heiligen Abend des Jahres 1949 wird Dieter Schencke niemals vergessen: An diesem Tage betrat er auf dem Bahnhof Frankfurt/Oder erstmals wieder deutschen Boden – und das endlich als freier Mann. „Wir durften dort auf dem Bahnsteig ein paar Schritte gehen, bevor sich der Zug wieder in Bewegung setzte. Das waren für mich die schönsten Schritte seit sieben Jahren“, denkt er zurück.

Geschockt stand der Nordhäuser Tage später vor den Trümmern seiner Heimatstadt: Das wichtigste jedoch war für ihn, dass seine Eltern den Krieg ebenso wie der größte Teil der Kornbrennerei Wilhelm Uhley unbeschadet überstanden hatten. Seinen Bruder Richard indes sah Dieter Schencke nicht wieder. Er gilt bis heute auf russischem Boden als vermisst.

Die Brennerei lief bereits Ende der 40-er Jahre wieder auf Hochtouren. „Der Name Uhley hatte einen hervorragenden Klang in Nordhausen“, betont er. Mein Gesprächspartner wurde von seinem Vater mit allen Bereichen der Firma vertraut gemacht. Aber längst waren auch erste Wolken über dem zunächst noch privaten Betrieb aufgezogen. „Dis staatlichen Stellen hatten meinen Vater so weit bearbeitet, dass er einer Verstaatlichung bereit war, zuzustimmen. Er willigte noch vor meiner Heimkehr unter der Bedingung ein, dass wir als Söhne in anderen Betrieben verantwortliche Tätigkeiten übernehmen könnten, was ihm gewährt wurde“, denkt er zurück.

Dass die neue Zukunft wieder diktatorisch geprägt sein würde, erfuhr die Familie aber auch z.B. dadurch, dass Wilhelm Schencke eines Tages die Vollmacht über seine Geschäftskonten entzogen wurde. Nach schriftlichem Protest einiger Mitarbeiter bei höchsten Berliner Stellen nahmen die Behörden diese Entscheidung zurück. „Mein Vater stand den Wünschen der neuen Machthaber aber nicht oppositionell gegenüber. Er versuchte für seinen Betrieb unter den gegebenen Umständen das Bestmögliche zu erreichen“, sagt der Nordhäuser.

Auf Grund der von seinem Vater gestellten Bedingung für die Verstaatlichung der Brennerei Wilhelm Uhley, durfte Dieter Schencke 1950 die Dampfkornbranntweinbrennerei Emmert im Rolandsweg 7 übernehmen, die damals allerdings nur noch Handel betrieb. „Für mich begann eine sehr schöne Zeit. Mit Hilfe meines Vaters sorgte ich für zahlreiche technische und bauliche Veränderungen. Mit meinen bis zu 12 Mitarbeitern konnten wir stetig wachsende Umsätze erzielen – die dritthöchsten der Branche im damaligen Nordhausen“, sagt er.

Mitte der 50er Jahre bezog das Unternehmen die größeren Räumlichkeiten der ehemaligen Brennerei Oscar Uhley in der Halleschen Straße. Doch die positive Entwicklung währte nicht lange: „Zunehmend wurden uns von staatlicher Seite die Preise für die von uns gelieferten Produkte vorgeschrieben, aber auch, wie viel wir produzieren sollten! So aber konnten wir keinerlei Gewinne mehr erzielen. Der Staat bedrohte unsere Existenz und ich machte 1959 notgedrungen von der Möglichkeit Gebrauch, den Pachtvertrag zu lösen“, erklärt er.

Doch auch der zunächst noch halbstaatlichen Brennerei seines Vaters, die nun unter Wilhelm Schencke KG firmierte, erschwerte man zunehmend das Überleben. Noch vor 1960 forderte die ÖVW („Öffentliche Versorgungswirtschaft“) von Dieter Schenckes Vater ihre Umwandlung in einen Dienstleistungsbetrieb. Um dies zu umgehen, plante er zunächst die Umstrukturierung in eine Mosterei, inkl. Handel mit alkoholfreien Getränken, was jedoch abgelehnt wurde. Die ÖVW hatte ihre eigenen Vorstellungen: „Sie haben doch Dampfkessel und eine Dampf-Hochdruckanlage: Stellen sie doch auf chemische Reinigung um!“ Die Brennereifamilie willigte notgedrungen ein. „Es musste weitergehen. Opposition hätte nichts gebracht, dachten wir damals.“ Weil der so genannte Kornrauhbrand (=Rohsprit) sehr gefragt und devisenträchtig war, durfte die Brennerei als „Abteilung Brennerei Uhley“ und Vertragspartner des VEB Nordbrand erhalten bleiben.

1968 verstarb Wilhelm Schencke. Vier Jahre später rollte die letzte große Verstaatlichungswelle über die DDR. Aus der als KG mit staatlicher Beteiligung geführten Chemischen Reinigung und Färberei wurde der VEB Chemotex mit Sitz in der Grimmelallee gegründet. Im Zuge der Bildung „größerer wirtschaftlicher Einheiten“ entstand schließlich der VEB Dienstleistungsbetrieb, in den der VEB Chemotex als Betriebsteil integriert wurde. Da die Abteilung „Brennerei Uhley“ schließlich nicht mehr zu den Angeboten des VEB passte, wurde sie von den staatlichen Leitern 1986 abgewickelt. Die Spuren der Brennerei Wilhelm Uhley waren damit völlig verwischt. Dieter Schencke arbeitete zuletzt als Betriebsteilleiter und ging 1990, im Alter von 65 Jahren, in den Ruhestand.

Die Wende ermöglichte dem Nordhäuser schließlich die Reprivatisierung des Betriebes. Er existiert bis zum heutigen Tag und wird vom Sohn meines Gesprächspartners Richard in Kleinfurra als Chemische Reinigung geführt.

Dieter Schencke genießt gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin (seit 1982) Brigitta Kristian, geb. Reismann, ein aktives Rentnerleben. Sie haben einen großen gemeinsamen Freundeskreis. Neben den vielen wechselseitigen Besuchen, wird der Alltag auch von Rauhaardackel Moritz bestimmt.
Bodo Schwarzberg

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Autor: nnz

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