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Di, 11:01 Uhr
19.06.2012

22 Jahre und ein Monat

Im Berufsleben von Joachim Claus ist der 29. Tag eines Monat schon etwas Besonderes. Was es damit auf sich hat - das und mehr hat die nnz heute in einem Gespräch mit dem Nordhäuser Landrat in Erfahrung bringen können...


Am 27. Mai 1990 war Joachim Claus vom Kreistag zum ersten und letzten demokratischen Landrat der DDR gewählt worden. Der 28 Jahre alte Lehrer ging einen Tag später noch einmal in die damalige Ernst-Thälmann-Schule, das heutige Herder-Gymnasium, und verschiedete sich als Klassenlehrer von “seiner” achten Klasse. Am 29. Mai saß er im damaligen Gebäude des Landratsamtes am Markt und regelte mit dem letzten Vorsitzendes des Rates des Kreises, Klaus Hummitzsch, die Übernahme der Amtsgeschäfte. Drei Stunden dauerte das damals. 22 Jahre und einen Monat später wird sich ein ähnliches Prozedere wieder abspielen. Diesmal übergibt Joachim Claus die Geschäfte, Schlüssel und Siegel an seine Nachfolgerin Birgit Keller.

Vor knapp einem Jahr hatte Joachim Claus in einem Interview mit der nnz verkündet, dass er für eine weitere Amtszeit nicht mehr zur Verfügung stehen werde. Mental müsste er also nun auf die letzten “Diensttage” also vorbereitet sein. “Ich muss zugeben, einfach sind diese letzten Tage mir bisher nicht gefallen. Es ist wie ein ständiges Auf und Ab, schließlich hinterlassen 22 Jahren doch ihre Spuren und ich frage mich ab und zu: was wird?”
Am Rednerpult (Foto: J. Piper)
Brückenfreigabe 2001 (Foto: nnz)
Mit der Nachfolgerin (Foto: J. Piper)
Wir stellen eher die Frage bei solchen Gesprächen: Was war? Joachim Claus weiß, dass er einige Fehler in den vergangenen zwei Jahrezehnten gemacht hat. Hätte er zum Beispiel gewusst, dass Jahre später das Finanzamt an der Gerhart-Hauptmann-Straße auszieht, dann gäbe es vermutlich kein neues Landratsamt und keine jährlichen Leasingraten, die eine enorme finanzielle Belastung für den Kreishaushalt darstellen. Allerdings: dann gäbe es auch keine Wiedigsburghalle in dieser Dimension. Auch viele Entscheidungen seines ersten Wirtschaftsdezernenten, die er schließlich mitgetragen hatte, die würde er heute nicht mehr absegnen.

22 Jahre und ein Monat haben sich aber auch gelohnt. “Ich bin froh und ein wenig stolz, dass unser Landkreis - im Gegensatz zu vielen anderen in Thüringen - ein funktionierendes Schulnetz hat und “wenn für den Schulteil Ilfeld ein vernünftiger Kompromiss gefunden wird, dann hat auch der eine Zukunft”, ist sich der gelernte Lehrer sicher. Bei allen Problemen in Vergangenheit und Gegenwart ist das Abfallwirtschaftszentrum Nentzelsrode für Joachim Claus ebenfalls eine Erfolgsgeschichte. “Ab dem Jahr 2020 werden Unternehmen und vor allem Kommunen froh sein, über freien Deponieraum zu verfügen. Wir haben ihn”, sagt Claus und verweist gleichermaßen darauf, dass seit sechs Jahren die Abfallgebühren für die Bürger nicht erhöht werden mussten. Zum kommunalpolitischen Stolz gehört auch das Südharz-Klinikum. Natürlich, Joachim Claus denkt nicht gern zurück an den Trubel in den vergangenen drei Jahren, doch insgesamt hält er die Gesellschaft auch für die kommenden Jahre gut aufgestellt.

Vor 22 Jahren stellte sich Joachim Claus nicht nur als unerfahrener Politiker den Menschen im Landkreis Nordhausen vor, sondern auch als Leiter einer Behörde, bei der etwa 1.200 Frauen und Männer beschäftigt waren. Heute sind es rund 460. Und es werden in den nächsten zwei bis drei Jahre noch weniger.

Von vielen wird er sich verabschieden. Doch: mit Verabschiedungen hat er es nicht allzu gerne und er zitiert auch heute Vormittag einen seiner Lieblingssprüche: “Nirgendwo wird so gelogen, wie bei Verabschiedungen und Beerdigungen”. Und so wird es am 3. Juli, im Anschluss an die nächste Sitzung des Kreistages, einen kleinen Empfang im Foyer des Landratsamtes geben, zu dem übrigens alle Bürger eingeladen sind. Andere kommunale Größen lieben es da ein wenig pompöser mit Verabschiedungen. Zu der Sitzung übrigens wird Joachim Claus auf den Gästeplätzen sitzen, eine völlig neue Perspektive.

Neue Perspektiven ergeben sich auch für die Zeit “danach”. Noch deckt er seine Karten nicht auf, einen Versorgungsjob seitens seiner Partei, die über die Jahre hinweg auch als stures, unbeugsames Mitglied ertragen musste, lehnt er kategorisch ab. Zuhause wartet ein großes Grundstück, warten Familie, zwei Hunde und zwei Pferde. Da gibt es viel zu tun, aber das wird auf Dauer nicht alles sein. Joachim Claus führt Gespräche mit einem künftigen Arbeitgeber, mehr will er nicht verraten. Nur soviel: Der Arbeitsplatz wird im Landkreis Nordhausen beheimatet sein.

Nun wird Birgit Keller die Geschäfte an der Grimmelallee übernehmen. In historischen Dimensionen betrachtet, sind die 22 Jahre der “Claus-Ära” nur ein Wimpernschlag. Man könnte es noch krasser beschreiben. Joachim Claus übernahm die “Macht” damals von einem SED-Mitglied und gibt sie jetzt an ein Mitglied der LINKE ab. Genauso wollte es übrigens der Wähler im Landkreis Nordhausen.

Joachim Claus hat damit kein Problem. Klaus Hummitzsch schätzt er heute noch als einen Mann, der bis zum letzten Tag, dem 28. Mai 1990, seinen Job machte, eine relativ geordnete Verwaltung übergab. Nun gibt er eine geordnete Verwaltung an eine Frau weiter, die seit vielen Jahren im Kreistag mit ihm zusammenarbeitet. Birgit Keller war für ihn eine verlässliche Größe, wenn es um notwendige Absprachen ging. Er sei ein Mensch der Kompromisse, sagt er von sich. Die brauchte er 18 Jahre lang, denn seit 1994 agierte keine Partei mit absoluter Mehrheit im Nordhäuser Kreistag.

Die Regale an der Wand in seinem Dienstzimmer sehen schon ziemlich leer aus. Es ist auch Zeit, sich von all denen zu verabschieden, die seine fachlichen und politischen Begleiter waren. Auch bei den vielen Vereinen und Verbänden, ohne die ein Gemeinwesen einfach nicht funktionieren würde. Denen sagt er: “Danke für die jahrelange Begleitung!” Kurze Reden waren eben schon immer sein Ding.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

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Kommentare
Roland82
19.06.2012, 19:51 Uhr
Dankeschön!
Vielen Dank Joachim Claus für 22 Jahre ehrliche Arbeit, ohne die eigene Person ständig in den Vordergrund zu stellen. Auch der "lautlose" Übergang an Frau Keller imponiert!! Da hört man aus dem Nordhäuser Rathaus ganz andere Töne. Da hetzt die ausscheidene OB Rinke von einer Neueröffnung zum nächsten Spatenstich!! Und auch bei einigen "Pöstchen" will sie wohl nicht verzichten!!!! Das ist einfach nur noch peinlich!!
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