Mo, 07:51 Uhr
07.05.2012
104 Kilometer Braunkohle
Gewandert wurde wie immer in einem Stück, diesmal, wie immer Anfang Mai auf dem 7-Seenwanderweg, der die Stadt Markkleeberg südlich von Leipzig mit zahlreichen Gemeinden im weitgehend ausgekohlten Landkreis Leipziger Land verbindet. Eine nnz-Reportage von Bodo Schwarzberg...
Zum neunten Mal begaben sich mehr als 3.000 Wanderer auf die zahreichen angebotenen Strecken entlang der Seen, die heute die einst gigantischen Tagebaue ersetzen. Teilweise sind sie noch iin Füllung aber allesamt sind sie bereits begrünt. Dort, wo der 7-Seenweg noch vor acht Jahren durch eine Wüste mit zerbrechlichen, kleinen Bäumchen führte, wird er heute von einem schon recht ansehnlichen Wald gesäumt. Schon bald sollen die meisten Seen durch schiffbare Kanäle miteinander verbunden sein.
Ich selbst absolvierte zum achten Mal gemeinsam mit rund 160 anderen Enthusiasten die 104-Kilometer-Strecke, die den gesamten 7-Seenweg zwischen Markkleeberg im Norden und Schönau bei Borna im Süden umfasst. Lediglich das fast stets gut sichtbare, hochmoderne Kohlekraftwerk Lippendorf bei Böhlen und die Fragmente des früher ebenso gewaltigen Kraftwerks Thierbach bei Espenhain (Bild) lassen erahnen, wie sehr diese Region einst von der karbochemischen Industrie geprägt war.
Mölbis, gelegen zwischen der gigantischen, 3 km langen, heute bewaldeten Aschehalde Trages auf der einen und dem Kraftwerk Thierbach und der einst berüchtigsten Dreckschleuder Braunkohlenschwelerei Espenhain auf der anderen Seite, galt als dreckigster Ort der DDR. Ich kenne das damalige Desaster aus meiner Zeit im VEB Otto Grotewohl Böhlen 1983. Mölbis, das war Ruß, Asche und Rauch von allen Seiten. Mölbis, das waren vom schwefligen Regen abgeätzte Fassaden, giftige Gartenerde und Kinder mit Pseudokropp. Mölbis war fast das Schlimmste, was man in der DDR sehen konnte.
In der Orangerie des Ortes erinnern einige Fotos daran (siehe Galerie). Dass in diesem Ort Menschen leben konnten, erschien mir selbst als dreckige Luft gewohnten Ossi unglaublich. Sogar die DDR plante angeblich die Aufgabe des Ortes, nicht wegen der Braunkohle, sondern wegen seiner Unbewohnbarkeit.
1984 mischte ich in der berühmt gewordenen Aktion der Evangelischen Kirche Rötha "Eine Mark für Espenhain" mit. Warum in meiner Stasiakte vieles andere steht, davon aber nichts, ist mir bis heute ein Rätsel. Heute ist Mölbis ein ganz normaler Ort, der seinen Schrecken verloren hat und in dem es sich gut leben lässt (Fotos einst und jetzt).
Wieder kam ich mit vielen Menschen ins Gespräch, mit Wanderen ebenso wie mit Helfern, und ich fühlte mich einfach nur wohl. Die Freundlichkeit der Bewohner ist kaum beschreiben. Manche haben "Futterstellen" und Durchhalteparolen für die Wanderer vor ihren Häusern platziert.
Wie immer gab es reichlich Verpflegung. Man konnte 104 Kilometer getrost ohne Rucksack zurücklegen. Am Sonnabendnachmmittag setzte starker Regen ein. Auf den letzten 24 km leistete mir der Schirm gute Dienste. Ein Bild gibt Einblick in das Wetter am Markkleeberger See ca. eine Stunde vor dem Zieleinlauf.
Als Genießer der 7-Seenwanderung kam ich gegen 20:45, also nach fast 27 Stunden als einer der letzten ins Ziel. Tempo ist bei dieser Veranstaltung nicht mein Thema. Trotz des strömenden Regens wurde in Markkleeberg noch immer Stadfest gefeiert.
Mein Dank gilt den vielen unermüdlichen Helfern aus den Städten und Gemeinden an der Strecke: Markkleeberg, Zwenkau, Gaschwitz, Böhlen, Rötha, Espenhain, Schönau (Windmühle, Foto), Steinbach, Beucha, Mölbis und Dreiskau-Muckern. Viele Orte, die eigentlich an der Strecke liegen, wie Eythra und Magdeborn, existieren nicht mehr. Sie wurden ein Opfer der Braunkohle. Einsam steht das Baudenkmal "Trianon" (Foto) in der rekultivierten Landschaft. Das Dorf, das ihn einst umgab, wurde weggebaggert. Später stellte man ihn wieder auf.
Aber all diese Verluste haben auch etwas Gutes: Den 7-Seenweg würde es ohne die Braunkohle ebenso wenig geben, wie die 7-Seen und die 7-Seenwanderung, aber andererseits auch nicht Millionen Tonnen Kohlendioxid in der Luft, die uns heute gewaltige Probleme bereiten.
Im nächsten Jahr bin ich wieder dabei, bei der Wanderung durch eine einst gebeutelte, heute aber mit sich und der Natur versöhnte Region.
Bodo Schwarzberg
Autor: nnzZum neunten Mal begaben sich mehr als 3.000 Wanderer auf die zahreichen angebotenen Strecken entlang der Seen, die heute die einst gigantischen Tagebaue ersetzen. Teilweise sind sie noch iin Füllung aber allesamt sind sie bereits begrünt. Dort, wo der 7-Seenweg noch vor acht Jahren durch eine Wüste mit zerbrechlichen, kleinen Bäumchen führte, wird er heute von einem schon recht ansehnlichen Wald gesäumt. Schon bald sollen die meisten Seen durch schiffbare Kanäle miteinander verbunden sein.
Ich selbst absolvierte zum achten Mal gemeinsam mit rund 160 anderen Enthusiasten die 104-Kilometer-Strecke, die den gesamten 7-Seenweg zwischen Markkleeberg im Norden und Schönau bei Borna im Süden umfasst. Lediglich das fast stets gut sichtbare, hochmoderne Kohlekraftwerk Lippendorf bei Böhlen und die Fragmente des früher ebenso gewaltigen Kraftwerks Thierbach bei Espenhain (Bild) lassen erahnen, wie sehr diese Region einst von der karbochemischen Industrie geprägt war.
Mölbis, gelegen zwischen der gigantischen, 3 km langen, heute bewaldeten Aschehalde Trages auf der einen und dem Kraftwerk Thierbach und der einst berüchtigsten Dreckschleuder Braunkohlenschwelerei Espenhain auf der anderen Seite, galt als dreckigster Ort der DDR. Ich kenne das damalige Desaster aus meiner Zeit im VEB Otto Grotewohl Böhlen 1983. Mölbis, das war Ruß, Asche und Rauch von allen Seiten. Mölbis, das waren vom schwefligen Regen abgeätzte Fassaden, giftige Gartenerde und Kinder mit Pseudokropp. Mölbis war fast das Schlimmste, was man in der DDR sehen konnte.
In der Orangerie des Ortes erinnern einige Fotos daran (siehe Galerie). Dass in diesem Ort Menschen leben konnten, erschien mir selbst als dreckige Luft gewohnten Ossi unglaublich. Sogar die DDR plante angeblich die Aufgabe des Ortes, nicht wegen der Braunkohle, sondern wegen seiner Unbewohnbarkeit.
1984 mischte ich in der berühmt gewordenen Aktion der Evangelischen Kirche Rötha "Eine Mark für Espenhain" mit. Warum in meiner Stasiakte vieles andere steht, davon aber nichts, ist mir bis heute ein Rätsel. Heute ist Mölbis ein ganz normaler Ort, der seinen Schrecken verloren hat und in dem es sich gut leben lässt (Fotos einst und jetzt).
Wieder kam ich mit vielen Menschen ins Gespräch, mit Wanderen ebenso wie mit Helfern, und ich fühlte mich einfach nur wohl. Die Freundlichkeit der Bewohner ist kaum beschreiben. Manche haben "Futterstellen" und Durchhalteparolen für die Wanderer vor ihren Häusern platziert.
Wie immer gab es reichlich Verpflegung. Man konnte 104 Kilometer getrost ohne Rucksack zurücklegen. Am Sonnabendnachmmittag setzte starker Regen ein. Auf den letzten 24 km leistete mir der Schirm gute Dienste. Ein Bild gibt Einblick in das Wetter am Markkleeberger See ca. eine Stunde vor dem Zieleinlauf.
Als Genießer der 7-Seenwanderung kam ich gegen 20:45, also nach fast 27 Stunden als einer der letzten ins Ziel. Tempo ist bei dieser Veranstaltung nicht mein Thema. Trotz des strömenden Regens wurde in Markkleeberg noch immer Stadfest gefeiert.
Mein Dank gilt den vielen unermüdlichen Helfern aus den Städten und Gemeinden an der Strecke: Markkleeberg, Zwenkau, Gaschwitz, Böhlen, Rötha, Espenhain, Schönau (Windmühle, Foto), Steinbach, Beucha, Mölbis und Dreiskau-Muckern. Viele Orte, die eigentlich an der Strecke liegen, wie Eythra und Magdeborn, existieren nicht mehr. Sie wurden ein Opfer der Braunkohle. Einsam steht das Baudenkmal "Trianon" (Foto) in der rekultivierten Landschaft. Das Dorf, das ihn einst umgab, wurde weggebaggert. Später stellte man ihn wieder auf.
Aber all diese Verluste haben auch etwas Gutes: Den 7-Seenweg würde es ohne die Braunkohle ebenso wenig geben, wie die 7-Seen und die 7-Seenwanderung, aber andererseits auch nicht Millionen Tonnen Kohlendioxid in der Luft, die uns heute gewaltige Probleme bereiten.
Im nächsten Jahr bin ich wieder dabei, bei der Wanderung durch eine einst gebeutelte, heute aber mit sich und der Natur versöhnte Region.
Bodo Schwarzberg




















