eic kyf msh nnz uhz tv nt
Mi, 09:10 Uhr
27.09.2000

Friedrich Schorlemmer: "Die Freiheit ist aller Mühen wert!"

Nordhausen (nnz). Er begrüßte gestern Abend die Ossis, die Wessis und alle normalen Menschen: Pfarrer Friedrich Schorlemmer las in der Kreissparkasse Nordhausen aus seinem neuen Buch "Absturz in die Freiheit. Was uns die Demokratie abverlangt".
Das war vor mehr als 200 Zuhörer kein Vorlesen, das war Reflektieren auf das Damals, das Heute und das Morgen. Seit fast 40 Jahren müht sich Schorlemmer, Menschen zu vermitteln, daß die Freiheit ein Ding ist, das als solches nicht im Raum stehen kann. "Freiheit, die nicht von der Gerechtigkeit sekundiert wird, hat keine Chance. Und sie läßt dem Einzelnen auch keine solche".
Der Pfarrer aus Wittenberg, der nie ein Politprofi werden will, der lieber das macht, was er kann, Pfarrer sein, ist stets streitsüchtig, kantig und doch kann er mit Menschen sanft reden, kann ihnen Mut machen. Er kann sie aber auch wortgewandt vorführen. Vor allem die, die dafür Verantwortung tragen, daß damals und heute "das Recht auf Privatheit" nicht garantiert ist. Für ihn ist eine solche Gesellschaft abgrundtief krank.
Sein Blick als Visionär geht nicht nur nach hinten, das ewige Kopfumdrehen schmerzt mitunter, er schaut nach vorn und ist dabei auch nicht immer glücklich und schmerzfrei. Er schaut mit seinen Worten zurück in das Jahr 1989, auf den 9. November, auf die Bornholmer Brücke in Berlin. "Was dort begann, was dort durch Menschen auf beiden Seiten möglich gemacht wurde, das hat seinen Endpunkt, wenn es den überhaupt gibt, nicht erreicht. Ob wir in Deutschland ganz aus dem Schneider sind, ist völlig offen." Und meint die Gefahren, die sich aus dem sorglosen und unmäßigen Umgang mit der Atomenergie entwickeln. Er prangert ihn an, den schonungslosen Raubbau an der Umwelt, an Gottes Schöpfung.
Und er ist einer der wenigen, die nach vorn schauen. Schorlemmer hat nicht nur erkannt, daß neue Technologien wie das Internet, wie immer schnellere Chips, immer mehr Bites und Bytes eine Situation schaffen, die der Kapitalismus in seiner jetzigen Daseinsform vielleicht nicht mehr zu bewältigen vermag. Er hat es ausgesprochen!
Von einem Zuhörer gefragt, wann er denn nun endlich ein politisches Amt ausüben möge, antwortete Schorlemmer: "Es muß möglich sein, einen Meinung zu artikulieren, ohne ein Amt inne zu haben."
Die Lesung in der Nordhäuser Kreissparkasse war (natürlich) eine Predigt, sie war ein Aufrütteln, ein Erinnern, ein Mutmachen, sie war nützlich und notwendig. Gerade vor dem 10. Jahrestag der deutschen Einheit. Auch zum 3. Oktober hat er, wie kann es nicht anders sein, eine widerspenstige Ansicht. Nicht der 3. Oktober, dieser polit-formale Vollzug der Einheit verdient es, zum Feiertag aller Deutschen erhoben zu werden. Es soll der 9. Oktober sein. Damals, vor nunmehr 11 Jahren, waren es die "70.000 Einzelnen" in Leipzig, die mutig und heldenhaft den Wendepunkt markierten. Damals stand die Freiheit als Slogan auf den meisten Spruchbändern. Auch heute und eigentlich auch immer ging und geht es Friedrich Schorlemmer darum: "Die Freiheit ist aller Mühen wert!"
Autor: psg

Anzeige symplr (6)
Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Kommentare sind zu diesem Artikel nicht möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (8)