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Mo, 06:41 Uhr
27.02.2012

Neue Rote Listen: Bluff oder Aktivität?

Vollmundig hat Umweltminister Jürgen Reinholz (CDU) die gerade veröffentlichten neuen Thüringer Roten Listen gewissermaßen als Anleitung für ein aktives Gegensteuern dargestellt. Dazu Anmerkungen von Bodo Schwarzberg...


Geschützt? (Foto: B. Schwarzberg) Geschützt? (Foto: B. Schwarzberg)
Die deutschlandweit vom Aussterben bedrohte, unscheinbare Klebrige Miere (Minuartia viscosa) verfügt noch über einen, von uns betreuten Standort in der Nähe von Halle. Trotz Roter Listen: Von der Politik oder den Behörden ging niemand auf uns Ehrenamtliche zu, um die Art für Deutschland zu retten. (Foto: Schwarzberg)


„Trotz einiger positiver Entwicklungen bleiben die Zahlen alarmierend. Deshalb muss es unser Ziel sein, bis 2020 mindestens die Hälfte aller in Thüringen vom Aussterben bedrohten Arten zu retten, so wie es unsere Biodiversitätsstrategie vorsieht. Dazu brauchen wir das Engagement aller“, sagte Umweltminister Jürgen Reinholz heute anlässlich der Vorstellung der Roten Listen. (Auszug aus der diesbezüglichen Pressemitteilung).

Doch aller Jahre wieder wird dieses Fahrrad erneut erfunden und so publiziert, als habe man nun ENDLICH etwas in der Hand, womit sich wirklich wirksam etwas gegen das Desaster des ungebremsten Artenschwundes tun lässt. Und irgendwie klingt das „wir brauchen das Engagement aller“ nach einem letzten Aufgebot in einer an sich verloren gegebenen Schlacht.

Vergessen wir nicht: Wir leben im reichen Deutschland und haben nur rund 2.000 Pflanzenarten zu erhalten. Wir verlangen von Brasilien und Indonesien die Erhaltung ihrer Regenwälder, sind aber nicht einmal selbst in der Lage unser vergleichsweise winziges Arteninventar zu erhalten. Das zeigt die Halbherzigkeit, mit der Naturschutz in einem der reichsten Länder der Welt betrieben wird.

Und vergessen wir nicht, dass unsere eigene Existenz vom „Funktionieren“ der Ökosysteme mit ihren Arten langfristig viel mehr abhängt, als von Aktienkursen und Bruttosozialprodukt.

Wunsch und Realität

Ich vermisse in politischen Verlautbarungen wie jener von Herrn Reinholz ein Eingeständnis der verbreiteten Unfähigkeit der Verantwortlichen, etwas gegen einen Trend auszurichten, der ihnen seit Jahrzehnten bekannt ist, aber wegen Desinteresse entgleitet und der ihnen auch in Zukunft wohl weiter entgleiten wird. Beweise dafür gibt es im Überfluss: Kleinlaut musste einst der ehemalige Bundesumweltminister Gabriel einräumen, dass es Deutschland bis 2010 nicht gelungen ist, das UN-Ziel auch nur annähernd zu erreichen, das Artensterben zu stoppen. Daher erklärte man 2020 kurzerhand zum neuen Zeitziel.

Eigentlich aber müsste doch der unendliche Regelungswust, der ohnehin schon besteht vollkommen ausreichen, um positive Veränderungen auf dem Gebiet des Naturschutzes herbeizuführen? Das schön formulierte Bundesnaturschutzgesetz, die mittlerweile 20 Jahre alte EU-FFH-Richtlinie und die vielen, vielen Schutzgebietsverordnungen für unsere Naturschutzgebiete, Naturparks, Biosphärenreservate und Nationalparks! - Papier ohne Ende, Halbherzigkeit ohne Ende: nur so kann das Fazit von Jahrzehnten Naturschutzpolitik in Deutschland lauten, wenn man das ganze Land betrachtet. Natürlich gibt es punktuell und auch in der Fläche Erfolge: Die Gewässer sind sauberer geworden. Immer mehr einst ausgestorbene Fischarten kehren zurück. Und viele Leute glauben, mit dem im Harz wieder eingebürgerten Luchs sei nun endlich alles gut! Ikonen, die Minister gern verkünden. Mehr nicht.

Stellenweise halten auch Naturschutzgroßprojekte wirksam lokal einen fatalen Trend zum Negativen auf. Auch für einige wenige Pflanzenarten konnten Erfolgsmeldungen verbreitet werden. Die Roten Listen aber offenbaren in ihrer Gesamtheit ein Versagen auf der ganzen Linie.

Niemand, und schon gar nicht der CDU-Umweltmister wird eingestehen wollen, dass unsere Art zu wirtschaften, allen voran die intensive Landwirtschaft und immer mehr der aus dem Ruder laufende Klimawandel jedem auch noch so wohl klingendem Optimismus zuwider läuft.

Die bestehenden Regelungen greifen nicht, weil sie ein Papier gewordener Anachronismus zu unserer Art sind, mit der Umwelt insgesamt umzugehen. Weil Mittel und Kapazitäten zu deren Umsetzung fehlen, weil die verantwortlichen Institutionen zwischen ihren Aktenordnern zu ertrinken drohen, weil zu wenig systemisch, das heißt übergreifend gedacht und gehandelt wird, weil sich die Masse der Bevölkerung für ihr Geld, aber nicht für ihre Existenzgrundlagen interessiert und der Umwelt damit eine Lobby verweigert. Das wiederum nutzt die Politik dazu, nicht wirklich etwas zu tun.

Einige Beispiele

So trägt Deutschland beispielsweise für den Erhalt einer ganzen Reihe von Pflanzenarten eine globale Verantwortung. Vom Spatelblättrigen Greiskraut (Tephroseris helenitis) zum Beispiel siedeln laut floraweb.de zwischen 33 und 75% seines Weltbestandes in Deutschland. Thüringen ist ein deutscher Verbreitungsschwerpunkt. Rund 80% seiner ehemaligen Standorte sind verschwunden, im Kyffhäuserkreis 90%. Von gezielten Maßnahmen dagegen ist mir nichts bekannt. Bekannt dagegen, sehr geehrter Herr Reinholz ist seit Jahrzehnten der negative Trend bei dieser stellvertretend für viele andere genannten Art. Denn in der Roten Liste steht sie meines Wissens seit 1980!

Ein weiteres Beispiel: Der Feld-Enzian (Gentianella campestris) verfügte bis 1998 noch über drei Thüringer Standorte. Einer von ihnen im Landkreis Nordhausen ging nach 1998 durch Nutzungsaufgabe verloren. Warum aber hat sich niemand, kein Ministeriumsmitarbeiter und keine Behörde darum bemüht, diesen Standort einer in Thüringen vom Aussterben bedrohten Art zu retten, zumal doch die Gefährdungssituation auch hier durch frühere Rote Listen auch 1998 schon bekannt war? Ich persönlich bemühe mich nun um dessen Revitalisierung – aus eigenem Antrieb und nicht etwa auf Initiative einer Thüringer Naturschutzbehörde. Und das bisher ehrenamtlich.

Noch ein Beispiel? Kein Verantwortlicher hat sich je bei einem der Gebietskenner gemeldet, um den letzten ostdeutschen und möglicherweise letzten deutschen Standort der Klebrigen Miere (Minuartia viscosa) bei Halle zu erhalten. Der Verlust dieser unscheinbaren, selbst in ganz Mitteleuropa fast verschwundenen Art interessiert schlichtweg (fast) niemanden! Trotz allen behördlichen Wissens aus den Roten Listen und trotz aller Sonntagsreden. Auch hier haben wir als Ehrenamtliche mit Erfolg gehandelt. Thüringen und Sachsen-Anhalt – das Desaster ist austauschbar.

Schlussfolgerungen und Forderungen

Nichts gegen die ehrenamtliche Arbeit, liebe Leser und sehr geehrter Herr Minister. Das tun wir bis zu einem gewissen Grade gern. Aber bei Ihnen liegen die Möglichkeiten, zu initiieren, zu steuern und zu finanzieren, ja etwas wirksam und vor allem im größeren Rahmen zu verbessern. Und genau daran hapert es. Wenn Sie ihr lobenswertes und beachtliches Ziel, bis 2020 mindestens 50% der vom Aussterben bedrohten Arten in Thüringen zu retten, erreichen wollen, dann sollte das Land auf Jene ZUGEHEN, die sich z.T. seit Jahrzehnten in ihrer Freizeit mit den Arten beschäftigen, mit den Arten- und Gebietskennern also. Dann sollte auch Geld fließen. Denn allein ehrenamtlich lassen sich solche von Ihnen formulierten Ziele keinesfalls erreichen. Gewiss: Das Land hat erst kürzlich die Kofinanzierung derartiger Projekte beschlossen. Entscheidend aber ist die konkrete Umsetzung solcher Beschlüsse!

Missfallen tut mir in diesem Zusammenhang die Formulierung in der Pressemitteilung, dass 50% nur der „vom Aussterben bedrohten“ Arten gerettet werden sollen. Wenn sie so ohne den Nachsatz stehen bleibt, dass das Land alles daransetzt, zu verhindern, dass weitere Arten überhaupt erst in diese Kategorie gestellt werden müssen, dann ist sie Ausdruck einer wieder nur halbherzigen, nicht nachhaltigen Artenschutzpolitik!

Neben der Umsetzung der EU-FFH-Richtlinie, die die Erhaltung der so genannten FFH-Gebiete mit wertvollem und oft auf historischen Bewirtschaftungsformen beruhenden Arten- und Biotop-Inventar in Form von Flächenpflege zum Inhalt hat, sollte der standortbezogenen Pflege bedrohter Pflanzenarten eine viel größere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Denn durch die über Jahrzehnte kaum gebremste Intensivierung von Land- und Forstwirtschaft sind viele bedrohte Arten vielfach in Nischen abgedrängt worden, die von der Flächenpflege nicht erreicht werden. Die Standorte sind von uns Botanikern im Auftrag des Landes längst erfasst worden. Nun muss deren Pflege finanziert werden, damit der Erfassungsaufwand und Ihre Worte zu den neuen Roten Listen Sinn machen.

Dennoch, sehr geehrter Herr Minister, habe ich Ihre Aussage mir gegenüber nicht vergessen, die sie bei der Wanderung der Ministerpräsidentin zur Nordhäuser Talsperre mir gegenüber tätigten: „Ich kenne kein Land, das wegen der Nichterfüllung der FFH-Richtlinie der EU bezahlen musste.“ Ich würde mich freuen, dass sich aus diesem Satz nicht ihre künftige Politik ablesen lässt und dass er nicht Ausdruck der gesamtdeutschen Haltung zum Artenschutz ist.

In Sinne dieses Beitrages hoffe ich als Nordhäuser auch auf eine finanzielle Förderung des neu gegründeten Landschaftspflegeverbandes durch den Nordhäuser Kreistag. Wird diese dem LPV verweigert, ist der Naturpark Südharz ebenso Makulatur, wie die feierlichen Reden, die zu seiner Gründung gehalten wurden.

Und nicht zuletzt: Klimaschutz ist Artenschutz: Der Verlust, der uns durch die globale Erwärmung droht, könnte die heutigen Roten Listen in 50 Jahren zu einem Denkmal einer einst „unglaublichen“ Biodiversität werden lassen.
Bodo Schwarzberg
Autor: nnz

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