So, 08:06 Uhr
22.01.2012
Seltene Waldbewirtschaftung im NSG
Wer sich einmal anschauen möchte, wie unsere Vorfahren früher verbreitet Forstwirtschaft betrieben, dem sei ein Spaziergang in das Naturschutzgebiet (NSG) Rüdigsdorfer Schweiz empfohlen. Dort wurden, zwischen Krimderode und dem Karstwanderweg in den vergangenen zwei Jahren etwa 30 Hainbuchen geschneitelt...
Geschneitelt heißt, von ihren knorrigen Stämmen entfernten die Forstleute sämtliche Äste und Zweige. Die stehen gebliebenen Stämme sehen aus wie alte Sagengestalten. Gewiss haben sie bei unseren Vorfahren zu derartigen Phantasien geführt. Schauen Sie sich einfach die Bilder an.
Aber natürlich war diese heute in Mitteleuropa fast ausgestorbene Waldbewirtschaftung des Schneitelns nicht ästhetisch, sondern rein wirtschaftlich begründet: Denn das Laub der entfernten Zweige diente zur Viehfütterung, was heute kaum noch vorstellbar ist. Bereits im Neolithikum (Jungsteinzeit) vor rund 12.000 Jahren nutzten die Menschen ihren Wald teilweise auf diese Weise. Geeignet warem hierfür insbesondere Laubbaumarten, die über ein starkes Regenerationsvermögen verfügen, wie z.B. Weiden, Hainbuchen und Linden.
Die forstliche Bedeutung der zu den Birkengewächsen zählenden Hainbuche (Carpinus betulus) ist heute eher gering. Wikipedia gibt Auskunft: "...Das Holz wird wegen seiner Dichte und Härte zur Herstellung von Parkett und bestimmten Werkzeugen, zum Beispiel Hobelsohlen, für Werkzeughefte und Hackblöcke verwendet. Im Klavierbau verwendet man das Holz für die Hämmer. Die früheren Einsatzbereiche waren weit umfangreicher: Webstühle, Zahnräder, Schuhleisten, Stellmacherei, landwirtschaftliche Geräte und vieles mehr.
Die Hainbuche liefert hervorragendes Brennholz, welches sich von Hand jedoch nur außerordentlich schwer spalten lässt. In dieser Anwendung lag früher die Hauptnutzung der Hainbuchen. In Mitteleuropa wurde die Hainbuche durch den Menschen früher indirekt stark gefördert, da sie in den der Brennholzgewinnung dienenden Niederwäldern durch ihr hohes Stockausschlagvermögen gegenüber der Rotbuche einen eindeutigen Konkurrenzvorteil hatte."
In der Rüdigsdorfer Schweiz trifft man stellenweise auch noch auf Niederwaldreste mit der Hainbuche als Hauptbaumart. Diese Bestände wurden oder werden in einem Zyklus von bis zu 30 Jahren gefällt, früher, wie bei wikipedia erwähnt, u.a. zur Brennholzgewinnung. Die starken Stockausschläge der Hainbuche sorgen für eine schnelle Regeneration und für den typischen Niederwald. Nur noch auf einem Prozent der deutschen Waldfläche wird diese Bewirtschaftung heute betrieben. Stellenweise gewinnt sie zur Gewinnung von Holz zwecks Energiegewinnung wieder etwas an Bedeutung.
Ökologisch bedeutsam sind die Schneitel- und die Niederwaldbewirtschaftung vor allem wegen der Förderung lichtliebender krautiger Pflanzen. Durch diese Art der Forstwirtschaft werden Verhältnisse erreicht, wie man sie sich vor den Ausrottungszügen des Menschen vorstellt: Auerochsen, Wisente und Wildpferde sollen nach der Megaherbivorentheorie verbreitet für lichte Wälder und sogar für natürliche Wiesen gesorgt haben.
Heute hochgradig gefährdete Pflanzenarten, wie der Abbiss-Pippau (Crepis praemorsa, Rote Liste Thüringen 2), das Preußische Laserkraut (Laserpitium prutenicum, Rote Liste 1, nur noch ein Standort in Thüringen und die Borstige Glockenblume (Campanula cervicaria, Rote Liste Thüringen 1) fanden in diesen lichten Wäldern einst günstige Lebensbedingungen.
Die Bewirtschaftung im Schneitel- oder Nieder- und Mittelwaldbetrieb schuf ähnliche Bedingungen wie einst in unseren mitteleuropäischen Urwäldern vorhanden.
Daher ist das Schneiteln der alten, knorrigen Hainbuchen im NSG Rüdigsdorfer Schweiz außerordentlich zu begrüßen. Der Forstwirtschaft möchte ich meinen Dank dafür aussprechen. Die Fläche ist ein kleines Freiluftmuseum einer längst vergangenen Zeit. Die Stämme ab und zu auf den Stock zu setzen, schützt die z.T. alten, mitunter bereits hohlen Bäume auch vor dem Auseinanderbrechen auf Grund des Gewichtes ihrer eigenen Krone. Sie bieten zudem auch einigen bedrohten Tierarten Lebensmöglichkeiten.
Mit Interesse werde ich beobachten, welche Pflanzenarten sich auf der Fläche einstellen. Zu hoffen bleibt, dass die Hainbuchen auch künftig nach der historischen Bewirtschaftungsform des Schneitelns genutzt werden. Vielleicht entfernen die Forstleute ja auch noch die liegengebliebenen Zweige. Die Bilder zeigen den Zustand der Fläche im Sommer 2011. Einige Stämme haben bereits wieder kräftig ausgetrieben. Ein weiteres Bild entstand am gestrigen Sonnabend. Weitere Bilder zeigen die vom Aussterben bedrohte Borstige Glockenblume an ihrem letzten Harzer Standort, einst heimisch in historisch bewirtschafteten Wäldern.
Bodo Schwarzberg
Autor: nnzGeschneitelt heißt, von ihren knorrigen Stämmen entfernten die Forstleute sämtliche Äste und Zweige. Die stehen gebliebenen Stämme sehen aus wie alte Sagengestalten. Gewiss haben sie bei unseren Vorfahren zu derartigen Phantasien geführt. Schauen Sie sich einfach die Bilder an.
Aber natürlich war diese heute in Mitteleuropa fast ausgestorbene Waldbewirtschaftung des Schneitelns nicht ästhetisch, sondern rein wirtschaftlich begründet: Denn das Laub der entfernten Zweige diente zur Viehfütterung, was heute kaum noch vorstellbar ist. Bereits im Neolithikum (Jungsteinzeit) vor rund 12.000 Jahren nutzten die Menschen ihren Wald teilweise auf diese Weise. Geeignet warem hierfür insbesondere Laubbaumarten, die über ein starkes Regenerationsvermögen verfügen, wie z.B. Weiden, Hainbuchen und Linden.
Die forstliche Bedeutung der zu den Birkengewächsen zählenden Hainbuche (Carpinus betulus) ist heute eher gering. Wikipedia gibt Auskunft: "...Das Holz wird wegen seiner Dichte und Härte zur Herstellung von Parkett und bestimmten Werkzeugen, zum Beispiel Hobelsohlen, für Werkzeughefte und Hackblöcke verwendet. Im Klavierbau verwendet man das Holz für die Hämmer. Die früheren Einsatzbereiche waren weit umfangreicher: Webstühle, Zahnräder, Schuhleisten, Stellmacherei, landwirtschaftliche Geräte und vieles mehr.
Die Hainbuche liefert hervorragendes Brennholz, welches sich von Hand jedoch nur außerordentlich schwer spalten lässt. In dieser Anwendung lag früher die Hauptnutzung der Hainbuchen. In Mitteleuropa wurde die Hainbuche durch den Menschen früher indirekt stark gefördert, da sie in den der Brennholzgewinnung dienenden Niederwäldern durch ihr hohes Stockausschlagvermögen gegenüber der Rotbuche einen eindeutigen Konkurrenzvorteil hatte."
In der Rüdigsdorfer Schweiz trifft man stellenweise auch noch auf Niederwaldreste mit der Hainbuche als Hauptbaumart. Diese Bestände wurden oder werden in einem Zyklus von bis zu 30 Jahren gefällt, früher, wie bei wikipedia erwähnt, u.a. zur Brennholzgewinnung. Die starken Stockausschläge der Hainbuche sorgen für eine schnelle Regeneration und für den typischen Niederwald. Nur noch auf einem Prozent der deutschen Waldfläche wird diese Bewirtschaftung heute betrieben. Stellenweise gewinnt sie zur Gewinnung von Holz zwecks Energiegewinnung wieder etwas an Bedeutung.
Ökologisch bedeutsam sind die Schneitel- und die Niederwaldbewirtschaftung vor allem wegen der Förderung lichtliebender krautiger Pflanzen. Durch diese Art der Forstwirtschaft werden Verhältnisse erreicht, wie man sie sich vor den Ausrottungszügen des Menschen vorstellt: Auerochsen, Wisente und Wildpferde sollen nach der Megaherbivorentheorie verbreitet für lichte Wälder und sogar für natürliche Wiesen gesorgt haben.
Heute hochgradig gefährdete Pflanzenarten, wie der Abbiss-Pippau (Crepis praemorsa, Rote Liste Thüringen 2), das Preußische Laserkraut (Laserpitium prutenicum, Rote Liste 1, nur noch ein Standort in Thüringen und die Borstige Glockenblume (Campanula cervicaria, Rote Liste Thüringen 1) fanden in diesen lichten Wäldern einst günstige Lebensbedingungen.
Die Bewirtschaftung im Schneitel- oder Nieder- und Mittelwaldbetrieb schuf ähnliche Bedingungen wie einst in unseren mitteleuropäischen Urwäldern vorhanden.
Daher ist das Schneiteln der alten, knorrigen Hainbuchen im NSG Rüdigsdorfer Schweiz außerordentlich zu begrüßen. Der Forstwirtschaft möchte ich meinen Dank dafür aussprechen. Die Fläche ist ein kleines Freiluftmuseum einer längst vergangenen Zeit. Die Stämme ab und zu auf den Stock zu setzen, schützt die z.T. alten, mitunter bereits hohlen Bäume auch vor dem Auseinanderbrechen auf Grund des Gewichtes ihrer eigenen Krone. Sie bieten zudem auch einigen bedrohten Tierarten Lebensmöglichkeiten.
Mit Interesse werde ich beobachten, welche Pflanzenarten sich auf der Fläche einstellen. Zu hoffen bleibt, dass die Hainbuchen auch künftig nach der historischen Bewirtschaftungsform des Schneitelns genutzt werden. Vielleicht entfernen die Forstleute ja auch noch die liegengebliebenen Zweige. Die Bilder zeigen den Zustand der Fläche im Sommer 2011. Einige Stämme haben bereits wieder kräftig ausgetrieben. Ein weiteres Bild entstand am gestrigen Sonnabend. Weitere Bilder zeigen die vom Aussterben bedrohte Borstige Glockenblume an ihrem letzten Harzer Standort, einst heimisch in historisch bewirtschafteten Wäldern.
Bodo Schwarzberg







