Mi, 08:55 Uhr
26.10.2011
Menschenbilder (24)
Aus dem im Spätherbst des Jahres 2011 erscheinenden reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.
Niedersachswerfen
Heinz-Dieter Altmanns Artikel in einer Fachzeitschrift schlugen Anfang der 90-er Jahre wie eine Bombe ein und machten den Diplomchemiker aus Niedersachswerfen auf einen Schlag in seiner Branche bekannt: Der Estrichmarkt in der ehemaligen DDR lautete die eine, und Estrichtechnik in der ehemaligen DDR, die andere Publikation. Spätestens seit dieser Zeit gilt der am 10.06.1948 in Klötze/Altmark geborene Naturwissenschaftler zu den angesehensten Spezialisten auf seinem Gebiet, den Baustoffen auf Anhydritbasis, ja innerhalb Deutschlands ist er der einzige anerkannte Sachverständige für Anhydritestriche.
Dass Heinz-Dieter Altmann heute von Fachkongress zu Fachkongress reist, um sein umfangreiches Wissen an Vertreter seiner Branche weiterzugeben, beruht auf einer jahrzehntelangen Berufserfahrung, die ihre Wurzeln im Leunawerk Niedersachswerfen hat. Seine Familiengeschichte indes ist von den dramatischen Verwerfungen der jüngeren deutschen und europäischen Vergangenheit geprägt: Seine Eltern mütterlicherseits stammen aus dem Sudetenland und seine Eltern väterlicherseits aus Schlesien. Der Vater der Mutter des Chemikers, Adalbert Zirm, war SPD-Mitglied und wurde von dessen Bruder an die Nazis verraten.
Doch weil die in der Gemeindeverwaltung tätige Mutter von Heinz-Dieter Altmann den Mut hatte, dessen Akte verschwinden zu lassen, verhinderte sie seine Deportation in ein Konzentrationslager. Im Dezember 1945 verschlug es die Familie seiner Mutter in das zum Flüchtlingssammellager umfunktionierte ehemalige KZ Mittelbau-Dora bei Niedersachswerfen, während die Familie seines Vaters, des Fleischermeisters Erich Altmann, ihre erste Bleibe nach der Vertreibung in der Altmark fand.
Adalbert Zirm kaufte sich in der Gemeinde am Südrand des Harzes das Haus Albertstraße 7, und bezog es gemeinsam mit seiner Frau, seiner Schwester und seiner Cousine.
Heinz-Dieter Altmann indes wuchs in Radebeul bei Dresden auf, wo sich sein Vater 1957 niederließ und bis zum Eintritt in den Ruhestand eine Fleischerei betrieb. Er förderte die frühen naturwissenschaftlichen Interessen seines Sohnes mit ganzer Kraft. Im Rahmen des im Jahre 1967 abgelegten Abiturs mit integrierter Berufsausbildung zum Chemielaboranten im Arzneimittelwerk Dresden legte Heinz-Dieter Altmann den Grundstein für seinen wissenschaftlichen Erfolgsweg.
Meine im Rahmen der Lehre gewonnenen Erfahrungen haben mir während des Chemiestudiums außerordentlich geholfen, sagt er. Letzteres nahm er 1969 nach der eineinhalbjährigen Armeezeit an der berühmten Bergakademie in Freiberg auf und diplomierte vier Jahre später mit einer Arbeit über das Durchbruchsverhalten von Titanelektroden.
Seine berufliche Ära in Niedersachswerfen begann im Jahre 1973, nach dem sein Großvater Adalbert Zirm 24 Monate zuvor verstorben war. Die in der Albertstraße 7 verbliebenen drei Frauen motivierten ihn zu dem Wohnsitzwechsel. Dennoch denken Heinz-Dieter Altmann und seine aus Sachsen stammende Ehefrau Christine sehr gern an ihre Zeit in Radebeul zurück, vor allem an das einmalige Nebeneinander von kulturellen Angeboten und der phantastischen Natur des Dresdner Elbtales.
Der Naturwissenschaftler wurde im Leunawerk 1973 als Forschungschemiker mit dem Schwerpunkt Entwicklung von Anhydritbaustoffen eingestellt, leitete den Baustoffbetrieb von 1975 bis 1979, und war von 1979 bis 1990 Leiter der Abteilung ‚Forschung, Entwicklung und Anwendungstechnik‘. Zu seinen wesentlichen Leistungen während dieser Jahre zählte die Entwicklung des Fließestrichverfahrens, mit dem die gesamte Baustoffindustrie der DDR revolutioniert wurde. Die im Jahre 1975 abgeschlossene Entwicklung dieser Technologie fand Eingang in den gesamten Wohnungs- und Gesellschaftsbau.
Aber damit nicht genug: Das Fließestrichverfahren sollte auch international immer mehr den Markt beherrschen. Das Leunawerk verkaufte sowohl das Know How, als auch den Fließestrich selbst an Firmen in der ganzen Welt. Heinz-Dieter Altmann war es vergönnt, die Produkteinführung und die Produktion der Anhydrit-Baustoffe in zahlreichen Ländern der Welt zu betreuen, darunter auch in Österreich, der Schweiz, England, Holland, Schweden, Belgien und Ägypten. Nie dachte der Familienvater dabei daran, die DDR zu verlassen, sah sich aber stets auch mit den Widersprüchen der damaligen Welt konfrontiert: Weil ich zum Beispiel für die Österreichaufenthalte nur 28 DM pro Tag erhielt, musste ich mir von Zuhause Konserven mit ins Hotel nehmen, um überleben zu können. Andererseits war ich überwältigt von der Vielfalt materieller Angebote, die ich mir aber leider nur anschauen konnte, denkt er zurück. Und: Den von der DDR propagierten notleidenden Proletarier habe ich im Westen nie getroffen!
Die Experten der nichtsozialistischen Länder merkten schnell, dass sie es in Heinz-Dieter Altmann mit einem ausgewiesenen Spezialisten zu tun hatten, den sie, wie er selbst sagt, akzeptierten.
Sein Wissen sollte ihm auch nach der Wende zugutekommen. – Als die Mauer gerade gefallen war, schlug er seinem damaligen Chef vor, sich auf Grund der im Inland wegbrechenden Aufträge auf die Geschäftspartner im westlichen Ausland zu konzentrieren, fand jedoch keinerlei Gehör. Der Chemiker setzte sich daraufhin selbst in die Spur, und nahm die bereits vor der Wende vom Kombinat geplante Zusammenarbeit mit ägyptischen Firmen auf.
Gemeinsam mit einem Kollegen vom früheren DDR-Außenhandelsbetrieb investierte er 200.000 Dollar, formulierte, noch als Angestellter der Leunawerke, für die Ägypter 12 Patente, und eröffnete im September 1990 schließlich sein Büro als Sachverständiger für Baustoffe und Fußbodentechnologie. Ich kannte wie kein Zweiter die Normung bzw. die Technik der Baustoffe und Baustoffherstellung und wusste um die stofflichen Hintergründe. Um all dies zu vermarkten, war das der beste Weg, erklärt er diesen Schritt. Die beiden bereits erwähnten Publikationen waren kurze Zeit später dann die Basis für langfristige internationale und nationale Aufträge.
Drei Säulen sind es, auf die sich Heinz-Dieter Altmann heute konzentriert: auf die reine Tätigkeit als Sachverständiger für Fußbodenkonstruktionen (inklusive Schäden), Seminare zur Fußbodentechnik, zu Estrich, Fliesen und Naturstein vor Handwerkern, Architekten und anderen Sachverständigen, und die Arbeit als eingeladener Referent an Hochschulen sowie für Sachverständigenverbände.
Zeitgleich mit den damaligen Publikationen suchte der Spezialist den Kontakt zum Bundesverband Estrich und Belag, insbesondere zu den Arbeitskreisen Anhydritestriche und Sachverständige und leitet letzteren Arbeitskreis seit dem Jahre 1994.
Besonders gefragt unter den Experten sind heute seine alljährlich stattfindenden, von ihm initiierten Dresdner Herbstseminare. Bei dem ebenfalls jährlich stattfindenden internationalen Sachverständigentreffen des Bundesverbandes Estrich und Belag, kommen ca. 240 Fachleute aus aller Welt zusammen. Die Konferenz wird von Heinz-Dieter Altmann geleitet.
Als Sachverständiger, dessen Büro am 01.09.2010 genau 20 Jahre bestand, konzentriert er sich heute nur noch auf jene Aufträge, die ihn besonders fordern.
Seit 1992 wird der Chemiker von seiner Ehefrau, der studierten Informatikerin und Chemielaborantin Christine Altmann, aktiv in seinem Unternehmen, vor allem auf dem Gebiet der Büroarbeit, unterstützt. Die beiden kennen sich bereits seit ihrer Jugendzeit. Mit ihr zusammen verreist er gern und entspannt sich hin und wieder beim Wandern.
Ihre Tochter Dana (37) ist als Juristin beim Zoll tätig, während Sohn Christopher (32) bei einer Bodenlegerfirma arbeitet.
Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht.
Autor: nnzDiplom-Chemiker Heinz-Dieter Altmann
Sachverständiger für Baustoffe und FußbodentechnologieNiedersachswerfen
Heinz-Dieter Altmanns Artikel in einer Fachzeitschrift schlugen Anfang der 90-er Jahre wie eine Bombe ein und machten den Diplomchemiker aus Niedersachswerfen auf einen Schlag in seiner Branche bekannt: Der Estrichmarkt in der ehemaligen DDR lautete die eine, und Estrichtechnik in der ehemaligen DDR, die andere Publikation. Spätestens seit dieser Zeit gilt der am 10.06.1948 in Klötze/Altmark geborene Naturwissenschaftler zu den angesehensten Spezialisten auf seinem Gebiet, den Baustoffen auf Anhydritbasis, ja innerhalb Deutschlands ist er der einzige anerkannte Sachverständige für Anhydritestriche.
Dass Heinz-Dieter Altmann heute von Fachkongress zu Fachkongress reist, um sein umfangreiches Wissen an Vertreter seiner Branche weiterzugeben, beruht auf einer jahrzehntelangen Berufserfahrung, die ihre Wurzeln im Leunawerk Niedersachswerfen hat. Seine Familiengeschichte indes ist von den dramatischen Verwerfungen der jüngeren deutschen und europäischen Vergangenheit geprägt: Seine Eltern mütterlicherseits stammen aus dem Sudetenland und seine Eltern väterlicherseits aus Schlesien. Der Vater der Mutter des Chemikers, Adalbert Zirm, war SPD-Mitglied und wurde von dessen Bruder an die Nazis verraten.
Doch weil die in der Gemeindeverwaltung tätige Mutter von Heinz-Dieter Altmann den Mut hatte, dessen Akte verschwinden zu lassen, verhinderte sie seine Deportation in ein Konzentrationslager. Im Dezember 1945 verschlug es die Familie seiner Mutter in das zum Flüchtlingssammellager umfunktionierte ehemalige KZ Mittelbau-Dora bei Niedersachswerfen, während die Familie seines Vaters, des Fleischermeisters Erich Altmann, ihre erste Bleibe nach der Vertreibung in der Altmark fand.
Adalbert Zirm kaufte sich in der Gemeinde am Südrand des Harzes das Haus Albertstraße 7, und bezog es gemeinsam mit seiner Frau, seiner Schwester und seiner Cousine.
Heinz-Dieter Altmann indes wuchs in Radebeul bei Dresden auf, wo sich sein Vater 1957 niederließ und bis zum Eintritt in den Ruhestand eine Fleischerei betrieb. Er förderte die frühen naturwissenschaftlichen Interessen seines Sohnes mit ganzer Kraft. Im Rahmen des im Jahre 1967 abgelegten Abiturs mit integrierter Berufsausbildung zum Chemielaboranten im Arzneimittelwerk Dresden legte Heinz-Dieter Altmann den Grundstein für seinen wissenschaftlichen Erfolgsweg.
Meine im Rahmen der Lehre gewonnenen Erfahrungen haben mir während des Chemiestudiums außerordentlich geholfen, sagt er. Letzteres nahm er 1969 nach der eineinhalbjährigen Armeezeit an der berühmten Bergakademie in Freiberg auf und diplomierte vier Jahre später mit einer Arbeit über das Durchbruchsverhalten von Titanelektroden.
Seine berufliche Ära in Niedersachswerfen begann im Jahre 1973, nach dem sein Großvater Adalbert Zirm 24 Monate zuvor verstorben war. Die in der Albertstraße 7 verbliebenen drei Frauen motivierten ihn zu dem Wohnsitzwechsel. Dennoch denken Heinz-Dieter Altmann und seine aus Sachsen stammende Ehefrau Christine sehr gern an ihre Zeit in Radebeul zurück, vor allem an das einmalige Nebeneinander von kulturellen Angeboten und der phantastischen Natur des Dresdner Elbtales.
Der Naturwissenschaftler wurde im Leunawerk 1973 als Forschungschemiker mit dem Schwerpunkt Entwicklung von Anhydritbaustoffen eingestellt, leitete den Baustoffbetrieb von 1975 bis 1979, und war von 1979 bis 1990 Leiter der Abteilung ‚Forschung, Entwicklung und Anwendungstechnik‘. Zu seinen wesentlichen Leistungen während dieser Jahre zählte die Entwicklung des Fließestrichverfahrens, mit dem die gesamte Baustoffindustrie der DDR revolutioniert wurde. Die im Jahre 1975 abgeschlossene Entwicklung dieser Technologie fand Eingang in den gesamten Wohnungs- und Gesellschaftsbau.
Aber damit nicht genug: Das Fließestrichverfahren sollte auch international immer mehr den Markt beherrschen. Das Leunawerk verkaufte sowohl das Know How, als auch den Fließestrich selbst an Firmen in der ganzen Welt. Heinz-Dieter Altmann war es vergönnt, die Produkteinführung und die Produktion der Anhydrit-Baustoffe in zahlreichen Ländern der Welt zu betreuen, darunter auch in Österreich, der Schweiz, England, Holland, Schweden, Belgien und Ägypten. Nie dachte der Familienvater dabei daran, die DDR zu verlassen, sah sich aber stets auch mit den Widersprüchen der damaligen Welt konfrontiert: Weil ich zum Beispiel für die Österreichaufenthalte nur 28 DM pro Tag erhielt, musste ich mir von Zuhause Konserven mit ins Hotel nehmen, um überleben zu können. Andererseits war ich überwältigt von der Vielfalt materieller Angebote, die ich mir aber leider nur anschauen konnte, denkt er zurück. Und: Den von der DDR propagierten notleidenden Proletarier habe ich im Westen nie getroffen!
Die Experten der nichtsozialistischen Länder merkten schnell, dass sie es in Heinz-Dieter Altmann mit einem ausgewiesenen Spezialisten zu tun hatten, den sie, wie er selbst sagt, akzeptierten.
Sein Wissen sollte ihm auch nach der Wende zugutekommen. – Als die Mauer gerade gefallen war, schlug er seinem damaligen Chef vor, sich auf Grund der im Inland wegbrechenden Aufträge auf die Geschäftspartner im westlichen Ausland zu konzentrieren, fand jedoch keinerlei Gehör. Der Chemiker setzte sich daraufhin selbst in die Spur, und nahm die bereits vor der Wende vom Kombinat geplante Zusammenarbeit mit ägyptischen Firmen auf.
Gemeinsam mit einem Kollegen vom früheren DDR-Außenhandelsbetrieb investierte er 200.000 Dollar, formulierte, noch als Angestellter der Leunawerke, für die Ägypter 12 Patente, und eröffnete im September 1990 schließlich sein Büro als Sachverständiger für Baustoffe und Fußbodentechnologie. Ich kannte wie kein Zweiter die Normung bzw. die Technik der Baustoffe und Baustoffherstellung und wusste um die stofflichen Hintergründe. Um all dies zu vermarkten, war das der beste Weg, erklärt er diesen Schritt. Die beiden bereits erwähnten Publikationen waren kurze Zeit später dann die Basis für langfristige internationale und nationale Aufträge.
Drei Säulen sind es, auf die sich Heinz-Dieter Altmann heute konzentriert: auf die reine Tätigkeit als Sachverständiger für Fußbodenkonstruktionen (inklusive Schäden), Seminare zur Fußbodentechnik, zu Estrich, Fliesen und Naturstein vor Handwerkern, Architekten und anderen Sachverständigen, und die Arbeit als eingeladener Referent an Hochschulen sowie für Sachverständigenverbände.
Zeitgleich mit den damaligen Publikationen suchte der Spezialist den Kontakt zum Bundesverband Estrich und Belag, insbesondere zu den Arbeitskreisen Anhydritestriche und Sachverständige und leitet letzteren Arbeitskreis seit dem Jahre 1994.
Besonders gefragt unter den Experten sind heute seine alljährlich stattfindenden, von ihm initiierten Dresdner Herbstseminare. Bei dem ebenfalls jährlich stattfindenden internationalen Sachverständigentreffen des Bundesverbandes Estrich und Belag, kommen ca. 240 Fachleute aus aller Welt zusammen. Die Konferenz wird von Heinz-Dieter Altmann geleitet.
Als Sachverständiger, dessen Büro am 01.09.2010 genau 20 Jahre bestand, konzentriert er sich heute nur noch auf jene Aufträge, die ihn besonders fordern.
Seit 1992 wird der Chemiker von seiner Ehefrau, der studierten Informatikerin und Chemielaborantin Christine Altmann, aktiv in seinem Unternehmen, vor allem auf dem Gebiet der Büroarbeit, unterstützt. Die beiden kennen sich bereits seit ihrer Jugendzeit. Mit ihr zusammen verreist er gern und entspannt sich hin und wieder beim Wandern.
Ihre Tochter Dana (37) ist als Juristin beim Zoll tätig, während Sohn Christopher (32) bei einer Bodenlegerfirma arbeitet.
Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht.

