eic kyf msh nnz uhz tv nt
Anzeige Refinery (c1)
Mo, 11:14 Uhr
24.10.2011

Geheimoperation „OSSAWIAKIM“

Wie bereits in vielen Veröffentlichungen, besonders nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, berichtet wurde, fand in der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) in den Nachkriegsjahren eine umfassende Demontage von Industrieanlagen durch die Sowjets statt. Und es gab die Verschleppung deutscher Raketenwissenschaftler in die Sowjetunion. Dazu ein nnz-Beitrag von Gunther Hebestreit.


Startvorbereitungen für eine („sowjetische V2“) „R1“, (1947)  (Foto: Archiv Hebestreit) Startvorbereitungen für eine („sowjetische V2“) „R1“, (1947) (Foto: Archiv Hebestreit) Dabei kam es zwischen den Moskau direkt unterstellten Demontageeinheiten und den Dienststellen der sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) zu einem regelrechten Konkurrenzkampf. Zahlreiche der entwendeten Anlagen und Gerätschaften besaßen jedoch nur noch Schrottwert nach dem Eintreffen in der Sowjetunion.

Dieser Umstand resultierte in der Regel aus der unsachgemäßen Demontage und aus Mangel an qualifiziertem Bedienungspersonal. Die Abbauarbeiten mußten hauptsächlich Arbeiter aus den umliegenden Ortschaften sowie Flüchtlinge, stets unter großem Zeitdruck, ausführen. Bei Nichtbefolgung der Weisungen drohten hohe Bestrafungen, und im Hintergrund standen Stalins Speziallager, die zum Teil in Weiterführung bisheriger NS-Konzentrationslager unter unmenschlichen Bedingungen betrieben wurden.

Um die demontierten Anlagen in der Sowjetunion funktionsfähig zu machen und um der sowjetischen Wirtschaft und der dortigen Wissenschaft einen Schub zu geben, organisierten die Sowjets in der SBZ am 22. Oktober 1946 eine großangelegte Verschleppungsaktion deutscher Wissenschaftler, Ingenieure, Meister und Techniker mitsamt ihrer Familien. Die Orte Bleicherode, Nordhausen, Sondershausen, Sömmerda und Lehesten bildeten in Thüringen die Brennpunkte der Ereignisse vor 65 Jahren, da diese unmittelbar in die Rekonstruktion und die geplante Wiederaufnahme der Produktion der deutschen Flüssigkeitsrakete, „Aggregat 4“ („V2“), einbezogen waren.

Sergej Koroljow  (Foto: Archiv Hebestreit) Sergej Koroljow (Foto: Archiv Hebestreit) Das vom sowjetischen Geheimdienst (NKWD) geleitete Unternehmen unter der Tarnbezeichnung „OSSAWAKIM“ nahm ein gigantisches Ausmaß an, denn nach heutigen Schätzungen wurden allein in diesen Tagen ca. 3000 Personen als „lebendes Reparationsgut“ unfreiwillig in die Sowjetunion gebracht. Aus taktischen Gründen warteten die Sowjets die am Vortag stattfindenden Wahlen ab, damit sich die daraus zu erwartende Missstimmung im Volk nicht auf die Wahlergebnisse niederschlagen würde.

So erging es auch den deutschen Raketenfachleuten des Instituts „RABE“ in Bleicherode, denen noch die Feier am vorangegangenen Abend im Waldhaus „Japan“, zu welcher die Sowjets die wichtigsten deutschen Raketenfachleute einluden und die bis in die Nacht dauerte, zu schaffen machte. Diese hatte anscheinend den alleinigen Zweck, die Deutschen betrunken zu machen, um diese dann am nächsten Morgen vollzählig in ihren Wohnungen anzutreffen, was durch Aussagen von Teilnehmern an dieser Feier belegt werden kann.

Prof. Dr. Kurt Magnus (Abteilungsleiter für Steuerungstechnik) berichtete, daß sehr viel Wodka getrunken wurde und ein Trinkspruch der Sowjets den nächsten jagte. Offensichtlich wollte man die Deutschen betrunken machen. Diese Vermutung erhärtet sich durch folgendes Ereignis: „...Bei der allgemeinen Prosterei geschah es nun, was mir mein Kollege Sulzer später voller Empörung berichtete: In dem allgemeinen Durcheinander geriet er in eine Gruppe, die sich um den General gebildet hatte. Natürlich wurde auch dort getrunken. Und bei einem Toast ergriff Sulzer versehentlich nicht sein eigenes, sondern das ganz in der Nähe auf dem Tisch abgestellte Glas des Generals. Welche Überraschung: Wasser! Unmittelbar neben dem Glas aber stand auf dem Tisch eine Original-Wodka-Flasche - gefüllt mit dem so täuschend ähnlich aussehenden ordinären Trinkwasser.“

Die Feier endete also gegen 2.30 Uhr. Geschlossen und vollzählig bestieg man wiederum die bereits wartenden Fahrzeuge und wurde nach Hause gefahren. Dabei fiel wohl einigen auf, dass ihre Häuser durch Militärposten bewacht wurden. Die Nacht war für die deutschen Teilnehmer an der Feier kurz, denn schon gegen 5.30 Uhr klopfte es an den Wohnungstüren. Den aus dem Schlaf gerissenen Personen wurde ein Befehl aus Moskau verlesen, in dem ihnen die Verlagerung der Zentralwerke in die Sowjetunion mitgeteilt wurde, was sowohl die Einrichtungen und Anlagen als auch das Personal betraf.

Die betreffenden Häuser wie auch die gesamte Stadt waren von sowjetischen Soldaten umstellt worden, um einerseits eine Flucht unmöglich zu machen und andererseits die wichtigsten Habe aufzuladen. Damit diese Aktion in der Öffentlichkeit einen menschlichen Anstrich wahrte, mußten die Angehörigen mitgenommen werden.

Prof. Dr. Magnus berichtete u. a. folgendes: „...Die Menschenfreundlichkeit der Russen nahm in Bleicherode an diesem 22. Oktober 1946 fast groteske Züge an. Etwa im Fall eines Ingenieurs, der bei einer Kriegerwitwe mit zwei Kindern als Untermieter eine vorläufige Bleibe gefunden hatte. Vermieterin und Kinder wurden, trotz Protestes, einfach mitgenommen. Noch Kurioseres passierte einem Diplom-Ingenieur, der Junggeselle war: Er möge doch - so bot man ihm an - irgendeine Frau aus dem Ort benennen, mit der er in Russland zusammenleben möchte; sie würde dann für ihn abgeholt werden. Er jedoch zog es vor, die erzwungene Reise allein anzutreten.“

Außerdem berichtet Magnus über einen Fall, bei dem der gesuchte Ingenieur nicht anwesend war. So wurde in Bleicherode zufällig ein Mann gleichen Namens ausfindig gemacht, welcher bislang mit dem Institut RABE nichts zu tun hatte. Aber zur Vervollständigung der Listen wurde er einfach mit verschleppt. Da er rein zufällig Mathematiklehrer war, konnte er während seiner Jahre in der Sowjetunion „einigermaßen fachgerecht eingesetzt werden“ - so Magnus.

Schließlich brachte man die Deutschen zum Bahnhof nach Kleinbodungen. Dort war bereits das gesamte Areal abgesperrt und durch Militärposten gesichert. Der lange bereitgestellte Eisenbahnzug bot hinreichend Platz für die Personen mitsamt ihrer Habe. Allerdings setzte sich der Zug erst einen Tag später - am 23. Oktober 1946, gegen 17.00 Uhr - in Richtung Osten in Bewegung. Um Fluchtgedanken auszuschließen, wurde der Zug von einer bewaffneten Wachmannschaft begleitet.
In den Zweigbetrieben der Zentralwerke wie in Sömmerda (BWS), in Sondershausen, in Lehesten (Oertelsbruch) und in der Nordhäuser „Montania“ (später „IFA“) spielte sich ähnliches ab.

Die Fahrt ging nach Moskau, wo dann wiederum die einzelnen Arbeitsgruppen getrennt und in verschiedene Orte verteilt wurden. Unterwegs traf man auf mehreren Haltebahnhöfen weitere Eisenbahnzüge mit Leuten, die das gleiche Schicksal ereilt hatte. Man tauschte durch das offene Fenster kurze Informationen und Vermutungen über das bevorstehende Ungewisse aus und erfuhr auf diesem Wege zumindest, daß die Verschleppungsaktion in der gesamten sowjetisch besetzten Zone durchgeführt worden war.

Der erste sowjetische Start einer („sowjetischen V2“) „R1“ gelang am 18. Oktober 1947 um 10:47 Uhr Ortszeit (Foto: Archiv Hebestreit) Der erste sowjetische Start einer („sowjetischen V2“) „R1“ gelang am 18. Oktober 1947 um 10:47 Uhr Ortszeit (Foto: Archiv Hebestreit) Sämtliche Bereiche der deutschen Forschung, ob in der Raketenforschung, der Luftfahrtindustrie, der Optik, der chemischen Industrie, des Maschinen- und Fahrzeugbaus und besonders in der Waffentechnik u.s.w., waren betroffen (z.B. Junkers-Werke Dessau, Carl-Zeiss-Werke Jena, Heinkel-Werke Rostock usw.). Gemäß Aussagen von Zeitzeugen stand während dieser Aktion für fünf Tage der gesamte zivile Eisenbahnverkehr in der SBZ still, um alle Kapazitäten für die „Umsiedlung“ zur Verfügung zu haben. Die Reise endete für die meisten Raketenfachleute auf der Insel Gorodomlija im Seeliger See – irgendwo zwischen Moskau und St. Petersburg.

Auch der spätere Wirtschaftsminister der DDR, Erich Apel, gehörte diesen Raketenfachleuten an, da er bereits Mitarbeiter der Heeresversuchsanstalt Peenemünde war. Er nahm sich später demonstrativ das Leben aus Enttäuschung über die sehr negativen Verhandlungsergebnisse zwischen der DDR und der UdSSR.

Aus sowjetischer Sicht erscheint diese Aktion durchaus logisch, da Deutschland zu dieser Zeit in vorderster Reihe unter den Industrienationen stand und in verschiedenen Wirtschaftsbereichen eine exponierte Stellung innehatte. Besonders in Bereichen der Waffentechnik war man in Deutschland den übrigen Nationen weit voraus, wie im Beispiel der Raketenforschung, wo man einen Vorsprung von ca. zwanzig Jahren hatte. Dagegen stand die sowjetische Wirtschaft. Gerade erst aus dem Mittelalter erwacht, wurde durch die Oktoberrevolution (1917) eine sozialistische Planwirtschaft geschaffen, die weder in der Lage war, Gewinne zu schaffen, noch gelang es ihr, die notwendigsten Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen.

Nahezu auf allen Gebieten bestand ein großer Rückstand zu den westlichen Nationen. Mit der Demontage sämtlicher wichtiger Industrieanlagen hoffte man nun in Moskau, einen Sprung nach vorn zu machen.

Für die verschleppten Deutschen bedeutete das fünf bis zehn Jahre ein Leben in der Isolation und hinter Stacheldraht. Ihre große Chance, an der Eroberung des Weltraums, auch unter dem roten Stern, direkt mitzuarbeiten, wurde ihnen jedoch gnadenlos verwehrt, denn die Lorbeeren für die dortigen Entwicklungen ernteten die Sowjets, welche gerade zu Beginn der „Zusammenarbeit“ ausschließlich assistierten.

Die Erfolge deutscher Mitarbeiter im sowjetischen Raketenprogramm wurden erst in den vergangenen 15 Jahren bekannt, da dieses Thema zu den Tabus der Nachkriegsjahre und der späteren DDR gehörte.

Die Ergebnisse dieser Arbeiten sind die heutige Raketentechnik und die Raumfahrt. Hervorzuheben ist dabei die Rakete R7 "Semjorka", welche den ersten Sputnik am 4. Oktober 1957 ins All brachte, da diese unmittelbar mit deutschem Know-How verbunden ist. Der direkte Nachfahre in dieser Reihe - die SOJUS - wird heute noch verwendet und stellt das zuverlässigste Trägersystem für Nutzlasten in den Weltraum dar.
Gunther Hebestreit (Bleicherode)
Autor: nnz

Anzeige symplr (6)
Kommentare
Newton2k1
03.01.2012, 18:16 Uhr
Nicht nur Raketentechniker...
...wurden nach Russland bzw. in die ehemaligen Sowjetrepubliken zwangsumgesiedelt. Auch in Forschungsinstituten, wie dem Institut von Manfred von Ardenne ´in Dresden hat man sich bedient´. Das hat er uns persönlich berichtet, als ich ihn in der zehnten Klasse einmal in einem Vortrag über seine Aktivitäten erleben durfte. Das müsste so ca. 1978 gewesen sein, als gerade seine Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie in aller Munde war.
Kommentare sind zu diesem Artikel nicht mehr möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (9)
Anzeige symplr (8)