Di, 18:06 Uhr
02.08.2011
Die wahren Weltgeschichten
Am kommenden Sonnabend findet in der aktuellen Ausstellung des Kunsthauses Meyenburg eine Lesung romantischer Dichtung statt. Diese soll Ihnen die Gelegenheit bieten, sich der Romantik in Bild und Wort vor Ort sinnlich zu nähern. Die nnz dazu mit einer Einladung von Karin Kisker...
Die Veranstaltung am 6. August beginnt um 16.00 Uhr. Mitglieder der Dichterstätte Sarah Kirsch lesen aus Tiecks phantastischer Märchenerzählung Der getreue Eckart und der Tannenhäuser sowie aus Novalis´ Romanfragment Heinrich von Ofterdingen. Auch romantische Lyrik kommt zu Wort, auf dass Sie also am Sonnabend in den vorgetragenen Texten und Gedichten wahre Weltgeschichten entdecken können.
Die Lesungen vor den Bildern sind Teil der Ausstellungskonzeption und folgen so der romantischen Forderung nach geistiger Durchdringung von Poesie und Leben.
Die Ausstellung selbst stellt einen Höhepunkt in der Geschichte des Kunsthauses dar, weil sie seit der Wende die erste kuratierte Schau ist, die dort als Ergebnis einer über ein Jahr währenden, aufwändigen Recherche zu sehen ist. Art und Zusammenstellung der gezeigten Exponate folgen zum Ersten den äußeren Notwendigkeiten, die ein relativ kleines Museum materiell von vornherein in der Auswahl der zur Verfügung stehenden Bilder beschränken. Doch wie Goethe schon so trefflich bemerkte, zeigt sich erst in der Beschränkung der wahre Meister. Und so sind zum Zweiten die inneren Notwendigkeiten der konzeptionellen Meisterschaft gefordert, die aus den vorhandenen Möglichkeiten das Hervorragendste zu schöpfen wissen.
Das Konzept vereint anlässlich der vor 200 Jahren stattgefundenen Harzwanderung Caspar David Friedrichs jene Künstlergemeinschaft, die damals seinem engeren und weiterem Bekanntenkreis zugerechnet werden konnte. Im Kunsthaus begegnen sie sich quasi nach 200 Jahren auf kleinstem Raum in einzigartiger Weise mit ihren Bildern in unserem Blick wieder.
Es wird beim intensiven Schauen klar, dass eine Region wie der Harz auch dem gebildeten Wanderer des Auges auf engstem Raum gleich einem geschliffenen Edelstein Welt im Bild zu kristallisieren vermag. Der wahre Wanderer entwirft und retuschiert die Töne seiner Welt, so wie er sie wahrnimmt und reist von ihnen fort, um ihnen im Geiste mit geschärftem Blick und ruhigerem Auge wieder zu begegnen. Nichts soll er laut Novalis in Wort oder Bild darstellen, was er nicht völlig übersähe.
Nicht zu übersehen ist die Weltläufigkeit der in der Ausstellung Vertretenen Künstlerinnen und Künstler, die in unterschiedlicher Weise auf ihre Zeit reagierten. Die jeweiligen Bekanntheitsgrade sind sehr verschieden. Neben Runge, Richter, Kügelgen, Kersting, Dahl und Blechen sieht man Bilder von Künstlerinnen und Künstlern, deren Namen zwar den meisten Menschen nicht so geläufig sein dürften, deren Verbindung mit den Großen jedoch deutlich aufgezeigt werden. Das ist das Wunderbare an dieser Ausstellungskonzeption, dass sie eben nicht das Spektakuläre sucht, sondern dass sie einen winzigen Ausschnitt aus dem Ganzen aspektorientiert herausgreift, um damit das Wesen der Epoche für die Nachwelt greifbar werden zu lassen. Die Zeit erscheint als ein Gespinst, dessen Fäden uns aufs Wunderbarste mit dem Vergangenen verbinden.
In diesem Zusammenhang ist der Begleitkatalog zur Ausstellung zu loben und deshalb auch wärmstens zu empfehlen, denn er enthält neben den biografischen Auskünften zu den Künstlern auch zahlreiche Querverweise, die Wissenswertes über die Entstehungsgeschichte einzelner Werke vermitteln. Die Texte sind spannend erzählt und zeugen vom umfassenden Kenntnisreichtum der Kuratorin Frau Kneffel, die sie verfasste. Chapeau !
Das Titelbild des Kataloges zeigt ein Gemälde von Caroline Bardua, auf dem sie 1849 Die Töchter des Oberamtmanns Rabe in der romantischen Harzlandschaft von Alexisbad darstellte. Von der Hand der Bardua stammt auch das herausragende Porträt Caspar David Friedrichs, das sie 1810 malte und das in der Ausstellung zu sehen ist. Friedrich äußerte sich anerkennend und lobte ihre Begabung. 1811 besuchte er sie, als er mit Kühn den Harz erwanderte.
Sehr gut kann man besonders an den figuralen Gemälden erkennen, wie sich die traditionell klassizistische Auffassung der Bildkomposition mit den Elementen einer romantischen Bildauffassung vermischen. Das Romantische hat viele Facetten und reicht von der tiefgründig philosophischen Weltbetrachtung bis hin zur idyllischen Anschauung des Biedermeier. Eines ist aber allem Begrifflichen gemein, das Romantische greift durch seine melancholische Konnotation tief in die individuelle Vorstellungswelt der Menschen. Heute wie damals.
Schauen Sie sich die Ausstellung an, die noch bis zum 2. Oktober im Kunsthaus Meyenburg zu sehen ist. Obwohl sie sich den wandernden Caspar David Friedrich zum Anlass nahm, ist sie selbst nämlich keine Wanderausstellung, so dass ihre Einmaligkeit auch an Ort und Zeit gebunden ist. Gelegenheit dazu bietet in doppelter Hinsicht die Lesung am kommenden
Karin Kisker
Autor: nnzDie Veranstaltung am 6. August beginnt um 16.00 Uhr. Mitglieder der Dichterstätte Sarah Kirsch lesen aus Tiecks phantastischer Märchenerzählung Der getreue Eckart und der Tannenhäuser sowie aus Novalis´ Romanfragment Heinrich von Ofterdingen. Auch romantische Lyrik kommt zu Wort, auf dass Sie also am Sonnabend in den vorgetragenen Texten und Gedichten wahre Weltgeschichten entdecken können.
Die Lesungen vor den Bildern sind Teil der Ausstellungskonzeption und folgen so der romantischen Forderung nach geistiger Durchdringung von Poesie und Leben.
Die Ausstellung selbst stellt einen Höhepunkt in der Geschichte des Kunsthauses dar, weil sie seit der Wende die erste kuratierte Schau ist, die dort als Ergebnis einer über ein Jahr währenden, aufwändigen Recherche zu sehen ist. Art und Zusammenstellung der gezeigten Exponate folgen zum Ersten den äußeren Notwendigkeiten, die ein relativ kleines Museum materiell von vornherein in der Auswahl der zur Verfügung stehenden Bilder beschränken. Doch wie Goethe schon so trefflich bemerkte, zeigt sich erst in der Beschränkung der wahre Meister. Und so sind zum Zweiten die inneren Notwendigkeiten der konzeptionellen Meisterschaft gefordert, die aus den vorhandenen Möglichkeiten das Hervorragendste zu schöpfen wissen.
Das Konzept vereint anlässlich der vor 200 Jahren stattgefundenen Harzwanderung Caspar David Friedrichs jene Künstlergemeinschaft, die damals seinem engeren und weiterem Bekanntenkreis zugerechnet werden konnte. Im Kunsthaus begegnen sie sich quasi nach 200 Jahren auf kleinstem Raum in einzigartiger Weise mit ihren Bildern in unserem Blick wieder.
Es wird beim intensiven Schauen klar, dass eine Region wie der Harz auch dem gebildeten Wanderer des Auges auf engstem Raum gleich einem geschliffenen Edelstein Welt im Bild zu kristallisieren vermag. Der wahre Wanderer entwirft und retuschiert die Töne seiner Welt, so wie er sie wahrnimmt und reist von ihnen fort, um ihnen im Geiste mit geschärftem Blick und ruhigerem Auge wieder zu begegnen. Nichts soll er laut Novalis in Wort oder Bild darstellen, was er nicht völlig übersähe.
Nicht zu übersehen ist die Weltläufigkeit der in der Ausstellung Vertretenen Künstlerinnen und Künstler, die in unterschiedlicher Weise auf ihre Zeit reagierten. Die jeweiligen Bekanntheitsgrade sind sehr verschieden. Neben Runge, Richter, Kügelgen, Kersting, Dahl und Blechen sieht man Bilder von Künstlerinnen und Künstlern, deren Namen zwar den meisten Menschen nicht so geläufig sein dürften, deren Verbindung mit den Großen jedoch deutlich aufgezeigt werden. Das ist das Wunderbare an dieser Ausstellungskonzeption, dass sie eben nicht das Spektakuläre sucht, sondern dass sie einen winzigen Ausschnitt aus dem Ganzen aspektorientiert herausgreift, um damit das Wesen der Epoche für die Nachwelt greifbar werden zu lassen. Die Zeit erscheint als ein Gespinst, dessen Fäden uns aufs Wunderbarste mit dem Vergangenen verbinden.
In diesem Zusammenhang ist der Begleitkatalog zur Ausstellung zu loben und deshalb auch wärmstens zu empfehlen, denn er enthält neben den biografischen Auskünften zu den Künstlern auch zahlreiche Querverweise, die Wissenswertes über die Entstehungsgeschichte einzelner Werke vermitteln. Die Texte sind spannend erzählt und zeugen vom umfassenden Kenntnisreichtum der Kuratorin Frau Kneffel, die sie verfasste. Chapeau !
Das Titelbild des Kataloges zeigt ein Gemälde von Caroline Bardua, auf dem sie 1849 Die Töchter des Oberamtmanns Rabe in der romantischen Harzlandschaft von Alexisbad darstellte. Von der Hand der Bardua stammt auch das herausragende Porträt Caspar David Friedrichs, das sie 1810 malte und das in der Ausstellung zu sehen ist. Friedrich äußerte sich anerkennend und lobte ihre Begabung. 1811 besuchte er sie, als er mit Kühn den Harz erwanderte.
Sehr gut kann man besonders an den figuralen Gemälden erkennen, wie sich die traditionell klassizistische Auffassung der Bildkomposition mit den Elementen einer romantischen Bildauffassung vermischen. Das Romantische hat viele Facetten und reicht von der tiefgründig philosophischen Weltbetrachtung bis hin zur idyllischen Anschauung des Biedermeier. Eines ist aber allem Begrifflichen gemein, das Romantische greift durch seine melancholische Konnotation tief in die individuelle Vorstellungswelt der Menschen. Heute wie damals.
Schauen Sie sich die Ausstellung an, die noch bis zum 2. Oktober im Kunsthaus Meyenburg zu sehen ist. Obwohl sie sich den wandernden Caspar David Friedrich zum Anlass nahm, ist sie selbst nämlich keine Wanderausstellung, so dass ihre Einmaligkeit auch an Ort und Zeit gebunden ist. Gelegenheit dazu bietet in doppelter Hinsicht die Lesung am kommenden
Karin Kisker



