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Mi, 06:32 Uhr
06.07.2011

Menschenbilder (5)

Aus dem im Spätherbst des Jahres 2011 erscheinenden reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.

Rolf Brendemühl

seit 1945 in der Gaststätte „Zum Alten Stolberg“
99734 Nordhausen OT Stempeda 


Seit 1945 bedient Rolf Brendemühl in der Gaststätte „Zum Alten Stolberg“ in Stempeda seine Gäste, ab 1955, nach dem Tod seines Vaters, ist er Gastwirt und im Jahre 1960 erhielt er die Konzession. Vor 65 Jahren schenkte der heute 80-jährige seinen Gästen das erste Bier aus und danach,  fast ein ganzes Leben lang, unzählige weitere.

Die Geschichten, die der am 20.10.1931 in Stempeda Geborene erzählen kann, sind Ausdruck der schlimmen Verwerfungen des vergangenen Jahrhunderts und sie haben doch zugleich so etwas von der guten alten Zeit, als die Menschen noch mehr miteinander redeten und das Geld nicht die Hauptrolle in ihrem Leben spielte. Das Haus in der Südharzer Straße 21 wurde vor rund 400 Jahren gebaut.

Seit 1884 verfügt es über einen Saal und bis zum Ersten Weltkrieg befand sich hier eine Ausspanne. Den Großvater des heutigen Inhabers, Carl Brendemühl (geb. 1857 in Pommern), hatte es auf der Walz nach Nordthüringen verschlagen, wo er sesshaft wurde und in Sundhausen als Schmied tätig war. Als er seinen körperlich schweren Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben konnte, entschied er sich für den Kauf der Gaststätte in Stempeda, die damals noch „Die Schenke“ hieß von einem Herrn Ehrhard, betrieb parallel noch ein wenig Landwirtschaft und im Haus einen kleinen Lebensmittelladen, in dem die Stempedaer das Notwendigste kaufen konnten: Erbsen, Linsen, Speiseöl, Mehl, Schnaps aus Fässern und Korbflaschen und vieles mehr. 

Diese Standbeine retteten die Brendemühls über so manche schwere Zeit hinweg. „Hungern mussten wir Gott sei Dank nie“, sagt Rolf Brendemühl. Das kleine Geschäft war vor 1924, dem Jahr der Installation des elektrischen Lichtes im Ort, auch für all jene Anlaufstelle, die Lampenpetroleum kaufen wollten. Dieses wurde regelmäßig per Tankwagen gebracht. Die Menschen kamen mit eigenen Flaschen, um sich Schnaps oder Petroleum zapfen zu lassen. Während der schweren Inflationszeit, in der das Papiergeld so gut wie nichts wert war, ließ sich Carl Brendemühl das Bier mit Roggen bezahlen, um selbst stets über genug Nahrungsmittel verfügen zu können.

Vor dem Zweiten Weltkrieg kostete ein Bier 15 Reichspfennige. Wer sieben Bier auf einmal kaufte, brauchte nur eine Reichsmark, statt 1,05 RM zu zahlen: „Diese Ersparnis ließen sich viele Gäste nicht entgehen“, schmunzelt der 80-jährige. Das damals ausgeschenkte Bier kam entweder von der einstigen Aktienbrauerei in Nordhausen, von der Thüringischen Brauerei Artern oder von der Berliner Brauerei Engelhardt. Die meisten Gäste kamen naturgemäß aus dem Ort.

Aber auch durchreisende Fuhrleute und Holzfäller kehrten ein. Die Gaststätte „Zum Alten Stolberg“ war so gut wie nie eine Speisegaststätte. Für die Zubereitung gab es durch das Geschäft einfach keinen Platz. Die Leute aßen zu Hause.

Rolf Brendemühl besuchte die Grundschule Stempeda und die Mittelschule in Stolberg. Zu Ostern 1945 hatte er seinen Schulabschluss. Fast gleichzeitig machte er die dramatischsten Erfahrungen seines langen Lebens: Am 12. April lieferten sich deutsche Infanterie und amerikanische Panzer im Gebiet der heutigen Iberg-Talsperre ein Gefecht. Rolf Brendemühl stand mit zwei Freunden nur wenige Meter von der Gaststätte entfernt und schaute zu, als einer der beiden anderen Jungs von einem Splitter am Kopf getroffen wurde und tot zusammenbrach.

Wenn der Gastwirt durch eines der Gaststubenfenster blickt, dann sieht er die Stelle, an der das geschah. Immer, wenn durch die "Göbelsschnauze" feindliche Bombergeschwader gemeldet wurden, packten die daheim gebliebenen Familienmitglieder ihre wichtigsten Habseligkeiten zusammen, löschten das Licht in der Gaststätte und zogen in einen der Stollen im Alten Stolberg, die für die V2-Produktion vorgesehen waren und der, so lauteten die Pläne der Nazis, der ganze Ort Stempeda geopfert werden sollte.

Aber der Krieg forderte auch von der  Familie Brendemühl Opfer: Einer der drei Brüder des heutigen Gastwirts fiel. Besonders jener, Karl Brendemühl, war im Ort sehr beliebt. Aber er glaubte auch, wie so viele damals an die Heilsversprechen Adolf Hitlers und schickte noch aus Stalingrad in offenbar hoffnungsloser Situation eine Feldpostkarte mit den denkwürdigen Worten: „Der Führer hat uns Hilfe versprochen.“

Der zweite Bruder des Gastwirts, Fritz Brendemühl, war bereits 1936 einer schweren Krankheit erlegen. Seine Schwester Christa starb ebenfalls sehr jung mit nur 18 Jahren. 1944 wurde sie ein Opfer der Tuberkulose. Nur ein Bruder des Stempedaers erlebte die Nachkriegszeit: Reinhold Brendemühl war 20 Jahre lang Bürgermeister der Gemeinde und verstarb im Jahre 1983.

Da im Jahre 1943 auch noch Großvater Carl Brendemühl verstorben war und der Vater des heutigen Inhabers August (geboren am 20.04.1884) auf die Hilfe seines Sohnes angewiesen war, steht Rolf Brendemühl etwa seit dem Kriegsende, also seit 66 Jahren, hinter dem Tresen. Wobei es über Jahrzehnte hinweg eigentlich gar keinen Tresen in dem kleinen Gastraum im Erdgeschoss gab. Wegen des angeschlossenen Lebensmittelladens war für eine derartige Einrichtung einfach kein Platz. Über einen Tresen verfügte damals nur der Saal in der ersten Etage. Wenn die Brendemühls Bier zapfen wollten, mussten sie zum Saal hinaufsteigen, weil sich dort der Zapfhahn bestand, der an das im Keller stehende Fass angeschlossen war.  

Nur während der Wintermonate stand das Bierfass direkt im Gastraum. Vor dem Krieg war es üblich, jedes Fass bei der Anlieferung zu wiegen – zu verbreitet war damals die Schummelei.

Rolf Brendemühl erinnert sich noch gern an das bunte Leben in der Gaststätte Zum Alten Stolberg, als es im Saal noch regelmäßig Tanz gab, ein Klavierspieler für Stimmung sorgte und die Gaststätte der Lebensmittelpunkt von Stempeda war. Besonders voll war es dort in den ersten Nachkriegsjahren. Viele Bombenflüchtlinge aus dem zerstörten Nordhausen bevölkerten ebenso den kleinen Ort, wie sowjetische Soldaten und Flüchtlinge aus dem Osten.

Statt der üblichen 360, wohnten zeitweise bis zu 600 Menschen am Fuße des Alten Stolberg. Der zuständige Kommandant der sowjetischen Truppen verlangte nach Kriegsende regelmäßige Tanzveranstaltungen. Entsprechend viel war zwischen 1945 und 1947 in Stempeda los.

Doch die Sowjets waren auch gnadenlos: Mehrere Jugendliche verschwanden auf Nimmerwiedersehen, weil sie nach der Schlacht am Iberg liegen gebliebene MPis und Munition hatten mitgehen lassen und damit herumgeschossen hatten. Die Leiche eines Vaters fand man im nahen Rädersee. Auch Rolf Brendemühl hatte im Anflug von jugendlichem Leichtsinn ein paar militärische Utensilien mit nach Hause genommen. Glücklicherweise erkannte sein Vater die Gefahr und vergrub das gefährliche Gut bei Nacht und Nebel im Wald.

„Das Wichtigste nach dem Krieg war der Schnaps“, sagt der Gastwirt. Viele Hektoliter rannen durch die Kehlen der Überlebenden, der Flüchtlinge und der Besatzer, um das Grauen der zurückliegenden Jahre zu vergessen.
Mit dem Beginn der DDR-Zeit wurde es allmählich ruhiger um die alte Gaststätte. Nur zwischen 1947 und 1950 gab es noch einmal einen richtigen Boom, als die Iberg-Talsperre gebaut wurde und oft zahlreiche Bauleute zu Gast waren.

Zwar gab es hin und wieder noch Tanz oder einen Kinoabend im Saal, aber bereits 1960 durften die Brendemühls keine Lebensmittel mehr verkaufen. Dafür eröffnete im Ort ein Konsum. Ihnen war es fortan nur noch gestattet, Haushaltchemikalien anzubieten. Ein Jahr später ging auch die Ära der familieneigenen Landwirtschaft zu Ende.

Rolf Brendemühl war der letzte im Ort, der dem staatlichen Druck nachgab und sein Land in die LPG einbrachte. Bereits 1955 war der Vater von Rolf Brendemühl verstorben. Sechs Jahre danach folgte ihm die Mutter. Dafür hatte er nunmehr seine Ehefrau Margit an seiner Seite, die am 25.01.1932 in Usti nad Laben, dem damaligen Aussig, geboren worden war, und die die Kriegswirren nach Stempeda und direkt in die Gaststätte Zum Alten Stolberg verschlagen hatte. Sie unterstützte ihren Mann über all die Jahrzehnte in der Gaststätte und in dem kleinen Laden.

Als dieser ca. Anfang der 70-er Jahre für immer schloss, konnte endlich auch der kleine Gastraum erweitert werden. Seitdem verfügt er über eine kleine Theke.
Eine große Rolle spielte die Gaststätte während der DDR-Zeit aber im Straßenverkauf von Getränken. Unglaubliche 500 Kästen pro Woche gingen bei Rolf Brendemühl durch das Verkaufsfenster. Vor allem Kunden aus dem nahen Kreis Sangerhausen standen Schlange und blockierten zum Leidwesen des ABV die Stempedaer Straßen mit ihren Trabis.

Denn in Stempeda gab es etwas, was es schon in Rottleberode nicht mehr gab: Bier in den kleinen 0,33 l Flaschen. Im Kreis Sangerhausen hingegen konnten die Menschen nur Bier in 0,5l-Flaschen kaufen und dazu noch welches von minderer Qualität. Doch auch Rolf Brendemühl hatte große Angst wenn mal kein Bierwetter war, wenn er also Gefahr lief, auf seinen vielen Kästen sitzen zu bleiben. Nach wenigen Tagen wurde das Bier damals schlecht. „Ich bin oft in den Keller gegangen und habe die Flaschen herumgedreht um nach Trübungen Ausschau zu halten“, sagt er.

Die Wende führte zu einem dramatischen Einbruch im Getränkeverkauf. Im nahen Rottleberode öffnete ein Supermarkt und nicht nur dort. Auch die Bergbauschächte mit ihren durstigen Arbeitern gaben innerhalb weniger Monate den Betrieb auf oder bauten drastisch Arbeitsplätze ab.

1995 steckte Rolf Brendemühl sein letztes Bierfass an. Heute verkauft er nur noch Flaschenbier. Dafür aber mindestens sieben Sorten. Am 29.06.2010 verstarb seine Ehefrau Margit. Ein Bild von der attraktiven Wirtin an seiner Theke erinnert ihn ständig an sie. 

Heute öffnet der 80-jährige nur noch en zwei Tagen pro Woche und das auch nur für wenige Stunden. Mehr kann er sich gesundheitlich nicht mehr zumuten. Vor einigen Jahren zerschlug ein Orkan die Leuchtreklame mit der Biermarke. Eine neue erhielt er nicht, weil er ja nur noch Flaschenbier verkauft.

Aus der Ehe von Margit und Rolf Brendemühl gingen die Kinder Doris (geb. 1954, Verkäuferin), Elke (geb. 1956, Sekretärin) und Christine (geb. 1959, Schneiderin) hervor. Letztere lebt in Stempeda. 

Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt.
Autor: nnz

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