Sa, 21:40 Uhr
21.05.2011
Muss es uns erst schlecht gehen?
Liebe Leserinnen und Leser der nnz, heute habe ich mir wieder eine Fabel von La Fontaine zu Gemüte geführt. Zugegeben: Der Vergleich zwischen den heute Regierenden und dem Kater aus der Fabel hinkt ein wenig. Aber wer nicht provoziert, fällt auch nicht auf...
Letztlich geht es in der Fabel u.a. um die Frage, wie die Mehrheit eine Minderheit in die Schranken weist, wie also Veränderungen herbei geführt werden können. Und es geht um die Frage, inwieweit all Diejenigen, die über bestimmte Zustände schimpfen, die jammern und Schuld zuweisen, reagieren, wenn es darum geht, selbst gegen Missstände aktiv zu werden. Auch hier wird deutlich, dass sich seit La Fontaine, also seit dem Ende des 17. Jahrhunderts, erstaunlich wenig geändert hat. Diese Beobachtung trifft auf unsere gesamten Gesellschaft zu.
Erst dann, wenn es den Menschen tatsächlich schlecht geht, sind sie bereit, aktiv zu werden. Die Wende ist ein Beispiel dafür. Aktuell beobachten wir dies in manchen afrikanischen und arabischen Ländern, aber auch in Spanien, wo jeder zweite Jugendliche ohne Arbeit ist und die Straßen voll von Demonstranten sind. Eigentlich ist nur dieses aktive Verhalten ein wirklicher Gradmesser für das Befinden in einer Gesellschaft. Denn so lange von der Mehrheit nur gejammert, aber nichts aktiv getan wird, geht es ihr nicht wirklich schlecht.
Problematischer wird es bei den globalen Problemen. Die Mächtigen dieser Welt durch Aktivitäten zu deren Lösung zu bringen, ist schwer, weil diese Probleme den einzelnen zunächst nicht oft unmittelbar betreffen. Der Strick um den Hals des Einzelnen zieht sich ganz allmählich zu, zu allmählich. Somit haben wir auch keine Demonstrationen gegen die Haupt-Verursacher des Klimawandels, vielleicht auch, weil jeder ein kleiner Verursacher ist, und er letztlich gegen sich selbst demonstrieren müsste.
Dasselbe betrifft die Abholzung der Wälder in den Entwicklungsländern und den Artenschwund. Beides tut zunächst niemandem in den reichen Ländern unmittelbar weh. Langfristiges Denken liegt dem Menschen nicht. Und die Mächtigen in Wirtschaft und Politik, die Kater also aus La Fontaines Fabel, haben dadurch leichtes Spiel mit den Ratten aus La Fontaines Fabel, die maximal diskutieren, aber nichts oder viel zu wenig tut. - Ratten und Kater, sie sitzen auch heute noch überall - 300 Jahre nach La Fontaine.
Am Sonntag wagen Ministgerpräsidentin Lieberknecht und Umnweltminister Reinholz einen Spaziergang um die Talsperre. Auch sie drücken sich, al la La Fontaine, um die wahren Problemfelder, die einige Kilometer weiter südlich im Gipskarst in Form von Gipssteinbrüchen, Artenschwund und Verbuschung der Trockenrasen liegen. Denn dort wären die Taten gefragt, vor denen sie, um mit La Fontaine zu sprechen, "in alle Winde laufen."
Bodo Schwarzberg
hat einst den Ratten solche Angst gemacht,
dass sie kaum mehr zum Vorschein kamen.
Unzählige hatte er bereits ins Grab gebracht.
Der Rest versteckt in den Löchern saß,
zur Neige ging der letzte Fraß.
Man zweifelte, ob Rodilard
in Wirklichkeit ein Kater war.
Vielleicht war er der Teufel gar?
Denn plötzlich stieg er, zur Walpurgisnacht, aufs Dach
und stellte bis zum Morgen einer Dame nach.
Doch hatte dies die Konsequenz:
Dem Rattenvolk blieb Zeit zu einer Konferenz,
und sie erörterten die Lage.
Als erster sprach der Herr Dekan. Er sprach nicht dumm:
"Um Herr zu werden dieser Plage,
hängt man dem Teufel eine Schelle um,
damit - rückt er von neuem an -
ihn jeder vorher hörenn kann.
Nicht Bessres ist mir eingefallen."
Der Rat gefiel. Lang hörte man den Beifall schallen.
Doch plötzlich wurden alle stumm.
Die Frage tauchte auf, wer hängt die Schelle um?
Der eine stotterte. "Ich bin dafür zu dumm!"
Ein andrer: "Nein, ich tret dem Teufel nicht zu nah!"
Man trennte sich und nichts geschah.
Manch eine Konferenz hab ich gesehen
genauso auseinandergehn,
von Ratten nicht, nein guten Christen,
von Klerikern und andren Talmudisten.
Will man sich nur beraten? -
Ratgeber strömen in Haufen.
Handelt sich's etwa um Taten? -
In alle Winde sieht man sie laufen.
Quelle: La Fontaine Fabeln. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig. (1989)
Autor: nnzLetztlich geht es in der Fabel u.a. um die Frage, wie die Mehrheit eine Minderheit in die Schranken weist, wie also Veränderungen herbei geführt werden können. Und es geht um die Frage, inwieweit all Diejenigen, die über bestimmte Zustände schimpfen, die jammern und Schuld zuweisen, reagieren, wenn es darum geht, selbst gegen Missstände aktiv zu werden. Auch hier wird deutlich, dass sich seit La Fontaine, also seit dem Ende des 17. Jahrhunderts, erstaunlich wenig geändert hat. Diese Beobachtung trifft auf unsere gesamten Gesellschaft zu.
Erst dann, wenn es den Menschen tatsächlich schlecht geht, sind sie bereit, aktiv zu werden. Die Wende ist ein Beispiel dafür. Aktuell beobachten wir dies in manchen afrikanischen und arabischen Ländern, aber auch in Spanien, wo jeder zweite Jugendliche ohne Arbeit ist und die Straßen voll von Demonstranten sind. Eigentlich ist nur dieses aktive Verhalten ein wirklicher Gradmesser für das Befinden in einer Gesellschaft. Denn so lange von der Mehrheit nur gejammert, aber nichts aktiv getan wird, geht es ihr nicht wirklich schlecht.
Problematischer wird es bei den globalen Problemen. Die Mächtigen dieser Welt durch Aktivitäten zu deren Lösung zu bringen, ist schwer, weil diese Probleme den einzelnen zunächst nicht oft unmittelbar betreffen. Der Strick um den Hals des Einzelnen zieht sich ganz allmählich zu, zu allmählich. Somit haben wir auch keine Demonstrationen gegen die Haupt-Verursacher des Klimawandels, vielleicht auch, weil jeder ein kleiner Verursacher ist, und er letztlich gegen sich selbst demonstrieren müsste.
Dasselbe betrifft die Abholzung der Wälder in den Entwicklungsländern und den Artenschwund. Beides tut zunächst niemandem in den reichen Ländern unmittelbar weh. Langfristiges Denken liegt dem Menschen nicht. Und die Mächtigen in Wirtschaft und Politik, die Kater also aus La Fontaines Fabel, haben dadurch leichtes Spiel mit den Ratten aus La Fontaines Fabel, die maximal diskutieren, aber nichts oder viel zu wenig tut. - Ratten und Kater, sie sitzen auch heute noch überall - 300 Jahre nach La Fontaine.
Am Sonntag wagen Ministgerpräsidentin Lieberknecht und Umnweltminister Reinholz einen Spaziergang um die Talsperre. Auch sie drücken sich, al la La Fontaine, um die wahren Problemfelder, die einige Kilometer weiter südlich im Gipskarst in Form von Gipssteinbrüchen, Artenschwund und Verbuschung der Trockenrasen liegen. Denn dort wären die Taten gefragt, vor denen sie, um mit La Fontaine zu sprechen, "in alle Winde laufen."
Bodo Schwarzberg
Der Rat der Ratten
Ein Kater, Rodilard mit Namen,hat einst den Ratten solche Angst gemacht,
dass sie kaum mehr zum Vorschein kamen.
Unzählige hatte er bereits ins Grab gebracht.
Der Rest versteckt in den Löchern saß,
zur Neige ging der letzte Fraß.
Man zweifelte, ob Rodilard
in Wirklichkeit ein Kater war.
Vielleicht war er der Teufel gar?
Denn plötzlich stieg er, zur Walpurgisnacht, aufs Dach
und stellte bis zum Morgen einer Dame nach.
Doch hatte dies die Konsequenz:
Dem Rattenvolk blieb Zeit zu einer Konferenz,
und sie erörterten die Lage.
Als erster sprach der Herr Dekan. Er sprach nicht dumm:
"Um Herr zu werden dieser Plage,
hängt man dem Teufel eine Schelle um,
damit - rückt er von neuem an -
ihn jeder vorher hörenn kann.
Nicht Bessres ist mir eingefallen."
Der Rat gefiel. Lang hörte man den Beifall schallen.
Doch plötzlich wurden alle stumm.
Die Frage tauchte auf, wer hängt die Schelle um?
Der eine stotterte. "Ich bin dafür zu dumm!"
Ein andrer: "Nein, ich tret dem Teufel nicht zu nah!"
Man trennte sich und nichts geschah.
Manch eine Konferenz hab ich gesehen
genauso auseinandergehn,
von Ratten nicht, nein guten Christen,
von Klerikern und andren Talmudisten.
Will man sich nur beraten? -
Ratgeber strömen in Haufen.
Handelt sich's etwa um Taten? -
In alle Winde sieht man sie laufen.
Quelle: La Fontaine Fabeln. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig. (1989)


