eic kyf msh nnz uhz tv nt
Anzeige Refinery (c1)
Sa, 13:08 Uhr
16.04.2011

Noch kein Ende der Leidenszeit

Winfried Ludolph, im Straßenbauamt Leinefelde zuständig für Planung und Bauausführung, übt den Spagat. Die Neutrassierung der B 243, als Umgehungsstraße für mehrere Orte im Landkreis gedacht, kostet Land. Viel Land. Die Landwirte im Südharz bedauern das. Die Kommunen, durch die derzeit die Bundesstraße führt, möchten die neue Trasse. Unbedingt. Lärm und Abgase sollen ein Ende finden. Kurt Frank recherchierte und fotografierte.

Kein Ende der Leidenszeit (Foto: Kurt Frank) Kein Ende der Leidenszeit (Foto: Kurt Frank)

Max-Henning und Margarita Lücke wohnen in der Flarichsmühle. Engagiert führen sie ihr Landwarenhaus und bewirtschaften mit Herz und Liebe ihr Land. Die 150 Hektar bearbeitet zumeist der Hausherr selbst. Mit Drillmaschine, Pflug und Mähdrescher. Vieles, was er erntet, wird über den Laden verkauft. Die Freude aber ist getrübt. Sehr sogar. Das Ehepaar wird Land verlieren.18 Hektar insgesamt. Betroffen an Landverlust sind auch andere Betriebe.

Wo heute noch zwischen der Flarichsmühle und rechts der Straße nach Haferungen Landwirte die Felder bestellen, wird laut Planungen des Straßenbauamtes in Leinefelde die neue Bundesstraße 243 führen und eine Schneise durch die Landschaft schlagen. Auf einer Länge von rund 15 Kilometern wird sie sich durch den Landkreis Nordhausen ziehen.

Kein Ende der Leidenszeit (Foto: Kurt Frank) Kein Ende der Leidenszeit (Foto: Kurt Frank)

Das teilte Planungschef Winfried Ludolph mit. Für den reinen Straßenbau, rechnete er aus, benötige man 52 Hektar. Für gesetzgeberische naturschutzrechtliche Maßnahmen als Ausgleich für den beanspruchten Baugrund komme nochmals die gleiche Anzahl an Fläche hinzu, womit den Landwirten insgesamt über 100 Hektar verloren gehen.

„Zum Glück tangiert uns die neue Trassenführung nicht“, zeigt sich Uwe Kühne, Geschäftsführer der Agrargesellschaft Friedrichsthal, erleichtert. Die Regelungen mit den Ausgleichsflächen nach Straßenbauten seien nach seiner Meinung nicht immer gut durchdacht. Seine Bedenken über weiteren Landverlust äußert auch Bernd Koch, Geschäftsführer der Agrargesellschaft Apex in Schiedungen. Bis zu 20 Hektar kostet ihm der Neubau der B 243.

„Als Bauer schmerzt es mich, wenn ich höre und lese, was an Flächen Jahr für Jahr unter Beton kommt“, äußert er seinen Unmut. Dieses Land sei unwiederbringlich für die Nahrungsmittelproduktion verloren. Das sieht auch Bernd Weinelt so, der Geschäftsführer des Agrarbetriebes in Großwechsungen. Um 20 Hektar schmälert sich die landwirtschaftliche Nutzfläche auch seines Betriebes. Für Autobahn 38 und B 243.

Kein Ende der Leidenszeit (Foto: Kurt Frank) Kein Ende der Leidenszeit (Foto: Kurt Frank)

Für die Einwohner der Kommunen, durch die sich die Bundesstraße zieht, wäre die neue Trasse hingegen eine Erlösung. „Ich kann nicht nachvollziehen, dass man sich in Sundhausen über den Autohof so aufregt“, meint Horst Bürgermeister aus Günzerode. „Die sollten mal in unser Dorf kommen. Wenn die Fünfachser mit schwerer Last durch die Dorfstraße donnern, bekommen wir Anlieger Ohrensausen. Hunderte Laster passieren sie Tag für Tag.“ Horst Bürgermeister schläft jetzt nur noch hofseitig, weil er zur Straße hin keine Ruhe mehr findet.

„Die Umgehungsstraße wäre unser Glück“, wünscht er sie sehnlich herbei. Sein Nachbar Georg Brockt stimmt ihm zu: „Wir können wegen der Abgase und der Geräusche nachts nur bei geschlossenen Fenstern schlafen. Unser Haus leidet unter den Erschütterungen der Brummis. Ein untragbarer Zustand. Hoffentlich wird die Umgehungsstraße schnell gebaut“, hofft er auf baldige Erlösung.

Die Günzeröder müssen sich noch gedulden, macht ihnen Winfried Ludolph wenig Hoffnung auf ein schnelles Ende ihrer Leidenszeit. Das Baurecht habe man erst für die Umgehungstrasse von Mackenrode, erklärt er. Bevor grünes Licht für den Abschnitt ab Flarichsmühle Richtung Haferungen bis Pützlingen gegeben werden kann, sieht Ludolph noch etliche Sommer in das Land ziehen. Diese Strecke verlaufe bei Haferungen oberhalb der historischen Linde beim Hamsterberg und noch unterhalb vom Bergkamm.

Kein Ende der Leidenszeit (Foto: Kurt Frank) Kein Ende der Leidenszeit (Foto: Kurt Frank)

Einvernehmlich mit der Landwirtschaft und den Kommunen bemühe man sich um die beste Lösung. „Wir geben auch Land zurück“, ist Winfried Ludolph erfreut. So werde die Straße, die bei der Flarichsmühle ab der alten Brücke zur B 243 führt entsiegelt, der Natur zurückgegeben, die Fläche bepflanzt, wobei die flankierenden Obstbäume erhalten bleiben. Vom Bitumenbelag befreit und renaturiert wird außerdem das Stück Straße ab alter Brücke bis zur Straßenführung nach Großwechsungen. Wer künftig von Haferungen auf die Bundesstraße aufschließen möchte, benutzt die neue Zufahrt über den attraktiven Helme-Brückenneubau, vom dem aus dann die neue Trasse direkt zur B 243 führt. Ludolph rechnet mit der kompletten Fertigstellung aller Maßnahmen und der Übergabe mit allem Drum und Dran im nächsten Jahr. Danach erfolgt der Abriss der alten Brücke.

Die Landversiegelung geht munter weiter. Winfried Ludolph informiert: Die geplante neue Straßenführung der B 4 ab Sundhausen nach Hain, gegenwärtig äußerst kurvenreich, belaufe sich auf 3,2 Kilometer, der Landverlust auf 20 Hektar. 13 ha nur für den Straßenbau, sieben weitere für nachfolgende Maßnahmen. Im Gespräch ist auch eine Westumfahrung Nordhausens. Großflächig bringt sie Ackerland unter Beton. Noch ist das alles Zukunftsmusik.

Diese Straße wird entsiegelt und der Natur überlassen. Sie führt von der alten Helme-Brücke bei der Flarichsmühle zur Bundesstraße 243. Die sie flankierenden Obstbäume bleiben erhalten.

Die neu erbaute Brücke über die Helme ist 22 Meter und damit ein Vielfaches breiter als das alte Bauwerk wenige Meter daneben. Sie führt parallel der alten Straße, deren Bitumen abgetragen wird, zur B 243.

Seit uralten Zeiten tut diese alte Brücke bei der Flarichsmühle ihre Dienste. Heute entspricht sie nicht mehr den Erfordernissen der Zeit. 2012 will man sie abreißen.
Text und Fotos: Kurt Frank
Autor: nnz

Anzeige symplr (6)
Kommentare
Bodo Schwarzberg
16.04.2011, 14:33 Uhr
Versiegelung zum Wohle aller?
Wir haben immer noch nicht gelernt. Die globalen ökologischen Probleme, vom Artenschwund, über Bodenzerstörung, Bodenversiegelung, Verwüstung bis hin zu Klimawandel,Meeresversauerung Entwaldung und Hochwassergefahr: Alle wissenschaftlich erhobenen und x-fach bestätigten Daten sprechen gegen das alte Höher, Weiter und Schneller. In einem dicht besiedelten Land wie Deutschland ist es geradezu frevelhaft, die schwindende, und vielfach schon jetzt übernutzte Bodenfläche noch weiter zu dezimieren. Die Politik von Erfurt über Berlin bis nach Brüssel und Straßbourg macht ihre Hausaufgaben nicht, die aus den unumstößlichen Fakten erwachsen. Die exzessive Versiegelung ist ein Desaster, gegen das niemand mit Nachdruck vorgeht. Der kurzfristige Effekt verkehrsberuhigter Zonen in einigen Ortschaften wird ökologisch teuer, ja sehr teuer erkauft. Ein Kilometer neue Straße tut fast nichts. Die 40 Fußballfelder, die tagtäglich in Deutschland zubetoniert werden aber, sind langfistig eine Katastrophe, die die Lebensqualität vieler beeinträchtigt. Was Not tut, sind intelligente Lösungen: Mehr dezentrale Wirtschaftsstrukturen, statt immer mehr LKWs für sinnlose Transporte, für die es so viele Beispiele gibt. Hier gilt es anzusetzen, nicht aber mit immer neuen Straßen, Umfahrungen und Querverbindungen.
Jeder kehrt vor seiner eigenen Haustür. Der Blick für das Große und Ganze fehlt weithin. Sundhausen macht es deutlich. Jeder lokale Eingriff aber hat in seiner Summe mit anderen globale, negative Auswirkungen.
Ich kann die Landwirte gut verstehen. Erst jüngst erzählte mir ein Landwirt aus dem Kreis, dass er durch A 38, Ausgleichsmaßnahmen, Industriegebiet Goldene Aue, neue Wohnsiedlungen und Gewerbegebiete sage und schreibe 420 Hektar (!) hochwertiges Ackerland seit der Wende verloren hat, ohne unter dem Strich angemessenen Ausgleich. Würde dieser Verlust innerhalb eines Tages auftreten, würden die Leute auf die Barrikaden gehen. Ein Versiegelungsprozess über 20 Jahre hingegen, fällt kaum auf - auf diese Salamitaktik setzt die Politik.
Es gibt Beschlüsse auf Bundes- und Landesebene zur Verringerung der Flächenversiegelungstendenz. Das klingt gut. Aber wie so vieles im lästigen Umweltbereich: Mehr als Papiertiger und schöne Worte sind das nicht.
Meine Forderung: Für jeden Hektar, der neu versiegelt wird, muss ein anderer entsiegelt werden. Das sollte Gesetzeskraft bekommen. Alles andere ist ein Vergehen an unserer Zukunft.
Wohlgemerkt: Ich kann die leidgeplagten Dorfbewohner an der B 243 verstehen, die sich eine Umgehungsstraße wünschen. Gleichrangig mit dieser Forderung aber sollten sie eine Kampfansage an ein ausuferndes, unkontrolliertes Verkehrsinfrastruktur- und Zersiedelungssystem in diesem Land richten und an jene, die dafür die Verantwortung tragen. Es ist ein eklatanter Widerspruch, dass wir trotz immer knapperer Ressourcen immer mehr Verkehr bekommen.
Sich mit Nachdruck gegen diese angesichts der erdrückenden ökologischen Probleme unzeitgemäße "Mehr-, Höher-, Größer-, Schneller- und Breiter-Mentalität" zu wenden, im Kontext mit intelligenten, dezentralen Wirtschaftsstrukturen würde zur mittelfristigen Entlastung aller, zum Wohle aller führen. Wir haben die Politiker, die wir verdienen. Jene, die tatsächlich und nicht nur in wohlklingenden Wahlkampfparolen auf Nachhaltigkeit setzen, wären meiner Meinung nach gefragt: Menschen mit neuen Ansätzen als jenen der antiquierten, industriellen Expansion der 20-Jahre, der fast alle Wirtschafts- und Verkehrspolitiker verhaftet sind. Auch dieses Thema wäre ein paar Gedanken Wert.
Jammern hilft wenig. Die Notwendigkeit intelligenter Lösungen macht intelligenten Ungehorsam notwendig. Davon aber ist hier in Deutschland, ganz im Gegensatz z.B. zu Frankreich, kaum etwas zu spüren.
Kommentare sind zu diesem Artikel nicht mehr möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (8)