Mi, 07:00 Uhr
02.03.2011
Aktivist der ersten Stunde
Heute feiert Jürgen Hohberg seinen 65. Geburtstag. Der Bergmann und Ex-Bürgermeister von Sollstedt kann auf ein interessantes Leben zurückblicken. Dazu ein Beitrag von einem seiner Weggefährten in der nnz...
Jürgen Hohberg an seinem "Heim"-Arbeitsplatz, den FC Bayern immer dabei. Foto: nnz-Archiv
Hohberg gibt nicht auf!, titelte nnz-online am 22.08.2006 und kennzeichnete mit diesem Satz die Unnachgiebigkeit des langjährigen Sollstedter Bürgermeisters bezüglich der Schwimmhalle seines Heimatortes.
Ohne dein unermüdliches Engagement wäre sie wohl schon in den 90-ern, spätestens aber 2006 gestorben… würdigten auch die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung den Einsatz der am 02.03.1946 in Halle (Saale) geborenen Kämpfernatur in einem Grußwort anlässlich seiner Verabschiedung am 13. Juli vergangenen Jahres.
Aufgegeben hat Jürgen Hohberg in seinem Leben nie, ob es nun um das Wohl seines Heimatortes, die Anmahnung demokratischer Verhältnisse in der DDR oder um die Mitbestimmung der Kumpel des Kaliwerks Sollstedt ging, in dem er 25 Jahre lang als Schlosser unter Tage tätig war. Darüber hinaus profitierten aber auch viele Kommunen Thüringens von seinem Eintreten für deren Belange vor allem auf dem Energiesektor.
All dies brachte ihm großen Respekt bei den Menschen ein, die mit ihm in all den Jahren zu tun hatten, aber auch so manchen Widerstand, ja aktive Gegnerschaft.
Letzteres bekam er schon vor der Wende immer wieder zu spüren. Nach dem Krieg wurden Menschen wie Hohberg oft Aktivisten der ersten Stunde genannt. Der Sollstedter Bürgermeister war sicher ein Aktivist der ersten Stunde, nach dem Mauerfall insbesondere für seinen Heimatort.
Seine Mutter Dora stammte aus dem westpreußischen Schwiebus. Auf der Flucht vor der Roten Armee hatte es sie und ihre neun Geschwister in verschiedene Regionen Deutschlands verschlagen. Jürgen Hohberg wurde während der Flucht in Halle geboren. In Nordhausen wuchs er auf und erlernte von 1962 bis 1965 beim VEB Kfz-Indstansetung-NDH den Beruf eines Kfz-Schlossers. Als 17-jähriger bezog Jürgen Hohberg in Sollstedt das Haus Kolonie 142 und war ab 1965 im Kaliwerk des Ortes beschäftigt. Von der Unter-Tage-Arbeit als Schlosser wurde er geprägt.
Die Ansichten meiner ehemaligen Kumpel und diese Tätigkeit bedeuten mir auch heute noch sehr viel, sagt der langjährige Bürgermeister rückblickend. Während der ersten Sollstedter Jahre sah er im Sozialismus das Glück der Menschheit, trat 1966 in die SED ein, geriet aber alsbald mit ihr in Konflikt. Allmählich erkannte ich, dass die Partei nicht demokratiefähig war, sagt er.
Diesen Eindruck erhielt er erstmals im Jahre 1968, als Soldaten der NVA in die damalige Tschechoslowakei einmarschierten, um den Prager Frühling niederzuschlagen.
Daraufhin flogen bei der nächsten Parteiversammlung zahlreiche Mitgliedsbücher auf den Tisch, erinnert er sich. Dennoch stand in der Zeitung zu lesen, dass sich die Parteigruppe des Kaliwerks zu 100 Prozent hinter den Einmarsch gestellt habe, erklärt er. 1976 verließ Jürgen Hohberg selbst die Vorhut der Arbeiterklasse, was ihm die Beobachtung durch neun inoffizielle Mitarbeiter der Stasi einbrachte. Es war für mich ernüchternd, dass jede Kritik und jeder Hinweis, die das Grundsätzliche betrafen, als Angriff gegen Partei und Staat gewertet wurden. Die Ehrlichkeit, nicht zu leugnende Missstände öffentlich zu benennen, war nicht vorhanden. All das bedrückte mich, denkt er zurück. Und: Für mich wäre der Prager Frühling eine sozialistische Alternative gewesen.
Aber auch nach 1976 engagierte sich Jürgen Hohberg weiter für die Belange seiner Kollegen im Bergwerk Sollstedt. Diese standen hinter ihm und wählten ihn zu ihrem Vertrauensmann. Als die polnische Gewerkschaft Solidarnosc 1980 freie Wahlen, freie Gewerkschaften und Demokratie forderten, sprach sich der Schlosser gegenüber Parteifunktionären offen für diesen Weg auch in der DDR aus.
Diese bezeichneten ihn, laut seiner Stasiakte, daraufhin als einen Verbrecher wie Walesa. Eine vorgesehene Besetzung der Grube Sollstedt indes verhinderte die Angst der Bergarbeiter um ihre Familien. Bald war ihre Unzufriedenheit mit den Herrschenden stärker, als alle Bedenken. Dies insbesondere weil so viele besonders junge Menschen unser Land verlassen wollten.
Auf seine Initiative hin wurde die Gewerkschaftsleitung ab- und er am 1. November 1989 in freier Wahl zum Vorsitzenden einer Betriebsgewerkschaft gewählt – mit 92 Prozent der Stimmen. Dabei hatte die Stasi eigentlich gehofft, dass der unbequeme Zeitgenosse dem ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden bei einem Besuch seiner im Westen lebenden, damals ihren 80. Geburtstag feiernden Großmutter im Jahre 1988 den Rücken kehren würde. Die Bestätigung für diese Hoffnung fand Jürgen Hohberg wiederum in seiner Akte: H. darf reisen. Er wird wohl dort bleiben.
In den heißen Herbsttagen des Jahres 1989 war er mit vielen gleichgesinnten Sollstedtern bei den Dienstagsdemonstrationen in Nordhausen und sprach den Tausenden mit Forderungen nach radikalen Veränderungen aus dem Herzen. Angst um seine körperliche Unversehrtheit verspürte er dabei. Stalinistische Parteigenossen hatten verlauten lassen, dass sie ihn am liebsten erschießen würden, wenn er von der nächsten Demo nach Sollstedt zurückkommt!!
Bereits im September 1989 beteiligte er sich maßgebend an der Gründung der Bürgerinitiative Sollstedt (BIS), die aus aus aktiven Bergleuten und Mitgliedern der kirchlichen Friedens- und Umweltgruppe unter dem Dach der Kirche hervorging. Ein Bedürfnis war es dem Sollstedter nach der Wende, die neun auf ihn angesetzten IMs der Stasi zur Rede zu stellen. Er drohte mit der Veröffentlichung ihrer bürgerlichen Namen, wenn sie sich nicht zu einem Gespräch bereit erklären.
Die Gespräche kamen alle zustande. Er ist noch heute froh darüber, dass er keinen Klarnamen veröffentlicht hat, und meint, dass alle Menschen in Ost und West froh sein sollten, wenn sie nicht von den verbrecherischen Machenschaften des MfS berührt wurden. Hohberg wirkte seit 1989 an der Vereinigung der IG Bergbau Energie Wasserwirtschaft der DDR und der IG Bergbau und Energie der damaligen Bundesrepublik mit.
Dann kamen die Möglichkeiten freier Wahlen in der DDR.Du bist auf der Straße gewesen, wolltest Demokratie, und jetzt machst du mit! Mit diesen zu sich selbst gesprochenen Worten war für Jürgen Hohberg schließlich die Motivation verbunden, sich trotz mancher anderen Option, für die Fortsetzung seines Engagements in der Kommunalpolitik seines Heimatortes zu entscheiden.
Als Mitglied der BIS wurde er 1990, 1994, 2000 und 2006 zum Bürgermeister von Sollstedt gewählt. Die nnz-Überschrift Hohberg gibt nicht auf, könnte als Kurzfassung seines gesamten 20-jährigen Wirkens in diesem Amt gelten.
Bereits für Oktober 1990 setzte er den Bau eines modernen Einkaufsmarktes durch, der schon nach wenigen Monaten eingeweiht wurde. Weil ihn die zunehmende Arbeitslosigkeit im Landkreis Nordhausen, auch infolge der Schließung des Kaliwerkes, schlaflose Nächte bereitete, gehörte er zu den ersten Bürgermeistern, die bereits im Juli 1990 beim Arbeitsamt Nordhausen ABM-Kräfte beantragten. Den vielen Hundert zeitweilig beschäftigten Kollegen wurde so nicht nur ein Stück ihrer Würde erhalten, sondern auch die Chance auf einen Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt gegeben.
Einige hatten die Chance einer dauerhaften Anstellung direkt in der Gemeinde. Der in Bezug auf Jürgen Hohberg oft gebrauchte Titel ABM-Pabst drückt den Respekt für diesen Teil seines Engagements aus.
Viele der anstehenden Entscheidungen setzten ein umfangreiches Wissen über die Modalitäten erfolgreichen kommunalen Arbeitens voraus. Zweieinhalb Jahre lang drückte er jeweils an den Wochenenden die Schulbank an der Thüringer Verwaltungsschule, wo er die notwendigen theoretischen Grundlagen und einen Abschluss als Verwaltungsfachwirt mit der Befähigung zum Beamten im höheren Dienst erwarb. Die Wünsche der Menschen und deren Umsetzung in der realen Komunalpolitik, das waren zwei unterschiedliche Paar Schuhe, sagt er.
Berühmt-berüchtigt für geistigen Diebstahl sah er sich sehr früh in den alten Bundesländern entsprechend um, und ließ seinen Heimatort aktiv davon profitieren. So viele Fördertöpfe wie möglich zapfte er an. Der Name Hohberg war fast überall geläufig und öffnete auch Türen, hieß es dazu in der Laudatio der Gemeindeverwaltung anlässlich seiner Verabschiedung.
Der größte Aufwand schien ihm gerade gut genug zu sein, um beispielsweise die Wohnungen Sollstedts schnellstmöglich auf West-Niveau zu bringen, die Gründung einer Wohnungsgesellschaft mit einem Bestand von 440 Wohneinheiten zu forcieren, 15 Prozent des Bestandes zu privatisieren, und durch den Bau eines Blockheizkraftwerks nach dem Abschalten des alten Kraftwerks (Dreckschleuder), die Fernwärmeversorgung des Ortes zu sichern.
Zahlreiche weitere Gründungen öffentlicher Körperschaften, sowie aktives Mitwirken, wie im Wasser- und Abwasserzweckverband, dem Rechtsausschuss Deutscher Städte- und Gemeindebund,
dem Kreisverband Gemeinde- und Städtebund, im Kommunalen Arbeitgeberverband Thüringen (KAV), im Kommunalen Versorgungsverband Thüringens (KVT), im Kreistag Nordhausen (hier Vorsitzender des Finanzausschusses) und im Fördervereines Soziales Zentrum, brachte er, auch im Gemeinderat und oft in endlosen Nachtsitzungen, mit auf den Weg.
Zu bundesweitem Aufsehen mit weitreichenden Folgen sorgte sein Auftritt vor dem Bundesverfassungsgericht, nach dem 168 ostdeutsche Kommunen gegen den Beschluss der letzten DDR-Regierung geklagt hatten, die kommunale Energieversorgung der DDR an die großen Stromkonzerne zu verhökern. Auch als Folge des aus dem Urteil resultierenden Vergleiches, fließen Sollstedt und anderen Thüringer Kommunen bis heute Dividenden aus dem Aktienkapital des Unternehmens EON-Thüringenzu.
Wenn der Beruf Erfüllung ist, nämlich Demokratie zu üben und zu gestalten, dann sind 12 bis 14 Stunden tägliche Arbeitszeit die Regel", merkte Hohberg bald. Doch letztlich waren es genau jene 20 Jahre im Volldampf für das Wohl seiner Gemeinde, die in Jürgen Hohbergs Gesundheit Spuren hinterließen. Er entschied sich auf ärztlichen Rat vor Ablauf seiner letzten Amtszeit, beim Landrat die Versetzung in den Ruhestand zu beantragen.
Sein selbstloses Engagement wurde vielfach gewürdigt, und zwar nicht nur von seinen Mitstreitern in der Gemeindeverwaltung Sollstedt, die sich anlässlich seiner Verabschiedung für seinen motivierenden Führungsstil bedankten. In Würdigung seiner Verdienste als Mitglied des Landesausschusses des Gemeinde- und Städtebundes Thüringen und ehemaliger Kreisverbandsvorsitzender des Kreisverbandes Nordhausen, auch für seinen Einsatz zum Wohle der thüringischen Kommunen, wurde ihm am 16. September 2009 die Freiherr-vom-Stein-Medaille verliehen. Bis heute führt Jürgen Hohberg den besonders konfliktträchtigen Finanzausschuss im Nordhäuser Kreistag.
Im Jahre 1965 heiratete Jürgen Hohberg seine Frau Sigrid, die ihm zwei Kinder bescherte. Heute ist der Sollstedter stolzer Großvater von fünf Enkeln. Seine Freizeitinteressen indes werden jetzt wieder mehr von seinem FC Bayern München bestimmt. Alljährlich fährt er zu Punktspielen in die Allianz-Arena. Von Franz Beckenbauer persönlich wurde er augenzwinkernd mit einer Urkunde als größter FC-Bayern-Fan in der DDR seit 1965/ 1966 gewürdigt. Zweimal traf er auch auf den einstigen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Bei der ersten Begegnung entflammte zwischen beiden eine lebhafte Diskussion. Bei der zweiten, zufälligen, in der Münchener Allianz-Arena, ging Stoiber spontan auf Jürgen Hohberg zu und begrüßte ihn mit den Worten Grüß Gott, Herr Bürgermeister! Auf dessen erstaunte Frage, wieso der Ministerpräsident denn noch wisse, wer er sei, antworte Stoiber: Wer mit Ihnen in Kontakt war, dem bleibt dies-egal wie- in Errinnerung.
Er selbst sagt rückblickend: Diese 20 Jahre waren die spannendsten und schwierigsten aber auch die schönsten in meinem bisherigen Leben! Ich durfte in unser erkämpften Demokratie mittun und mitgestalten, was mir Berufung und Erfüllung bedeutete.
Hartmut Winter, Wülfingerode
Autor: nnzJürgen Hohberg an seinem "Heim"-Arbeitsplatz, den FC Bayern immer dabei. Foto: nnz-Archiv
Hohberg gibt nicht auf!, titelte nnz-online am 22.08.2006 und kennzeichnete mit diesem Satz die Unnachgiebigkeit des langjährigen Sollstedter Bürgermeisters bezüglich der Schwimmhalle seines Heimatortes.
Ohne dein unermüdliches Engagement wäre sie wohl schon in den 90-ern, spätestens aber 2006 gestorben… würdigten auch die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung den Einsatz der am 02.03.1946 in Halle (Saale) geborenen Kämpfernatur in einem Grußwort anlässlich seiner Verabschiedung am 13. Juli vergangenen Jahres.
Aufgegeben hat Jürgen Hohberg in seinem Leben nie, ob es nun um das Wohl seines Heimatortes, die Anmahnung demokratischer Verhältnisse in der DDR oder um die Mitbestimmung der Kumpel des Kaliwerks Sollstedt ging, in dem er 25 Jahre lang als Schlosser unter Tage tätig war. Darüber hinaus profitierten aber auch viele Kommunen Thüringens von seinem Eintreten für deren Belange vor allem auf dem Energiesektor.
All dies brachte ihm großen Respekt bei den Menschen ein, die mit ihm in all den Jahren zu tun hatten, aber auch so manchen Widerstand, ja aktive Gegnerschaft.
Letzteres bekam er schon vor der Wende immer wieder zu spüren. Nach dem Krieg wurden Menschen wie Hohberg oft Aktivisten der ersten Stunde genannt. Der Sollstedter Bürgermeister war sicher ein Aktivist der ersten Stunde, nach dem Mauerfall insbesondere für seinen Heimatort.
Seine Mutter Dora stammte aus dem westpreußischen Schwiebus. Auf der Flucht vor der Roten Armee hatte es sie und ihre neun Geschwister in verschiedene Regionen Deutschlands verschlagen. Jürgen Hohberg wurde während der Flucht in Halle geboren. In Nordhausen wuchs er auf und erlernte von 1962 bis 1965 beim VEB Kfz-Indstansetung-NDH den Beruf eines Kfz-Schlossers. Als 17-jähriger bezog Jürgen Hohberg in Sollstedt das Haus Kolonie 142 und war ab 1965 im Kaliwerk des Ortes beschäftigt. Von der Unter-Tage-Arbeit als Schlosser wurde er geprägt.
Die Ansichten meiner ehemaligen Kumpel und diese Tätigkeit bedeuten mir auch heute noch sehr viel, sagt der langjährige Bürgermeister rückblickend. Während der ersten Sollstedter Jahre sah er im Sozialismus das Glück der Menschheit, trat 1966 in die SED ein, geriet aber alsbald mit ihr in Konflikt. Allmählich erkannte ich, dass die Partei nicht demokratiefähig war, sagt er.
Diesen Eindruck erhielt er erstmals im Jahre 1968, als Soldaten der NVA in die damalige Tschechoslowakei einmarschierten, um den Prager Frühling niederzuschlagen.
Daraufhin flogen bei der nächsten Parteiversammlung zahlreiche Mitgliedsbücher auf den Tisch, erinnert er sich. Dennoch stand in der Zeitung zu lesen, dass sich die Parteigruppe des Kaliwerks zu 100 Prozent hinter den Einmarsch gestellt habe, erklärt er. 1976 verließ Jürgen Hohberg selbst die Vorhut der Arbeiterklasse, was ihm die Beobachtung durch neun inoffizielle Mitarbeiter der Stasi einbrachte. Es war für mich ernüchternd, dass jede Kritik und jeder Hinweis, die das Grundsätzliche betrafen, als Angriff gegen Partei und Staat gewertet wurden. Die Ehrlichkeit, nicht zu leugnende Missstände öffentlich zu benennen, war nicht vorhanden. All das bedrückte mich, denkt er zurück. Und: Für mich wäre der Prager Frühling eine sozialistische Alternative gewesen.
Aber auch nach 1976 engagierte sich Jürgen Hohberg weiter für die Belange seiner Kollegen im Bergwerk Sollstedt. Diese standen hinter ihm und wählten ihn zu ihrem Vertrauensmann. Als die polnische Gewerkschaft Solidarnosc 1980 freie Wahlen, freie Gewerkschaften und Demokratie forderten, sprach sich der Schlosser gegenüber Parteifunktionären offen für diesen Weg auch in der DDR aus.
Diese bezeichneten ihn, laut seiner Stasiakte, daraufhin als einen Verbrecher wie Walesa. Eine vorgesehene Besetzung der Grube Sollstedt indes verhinderte die Angst der Bergarbeiter um ihre Familien. Bald war ihre Unzufriedenheit mit den Herrschenden stärker, als alle Bedenken. Dies insbesondere weil so viele besonders junge Menschen unser Land verlassen wollten.
Auf seine Initiative hin wurde die Gewerkschaftsleitung ab- und er am 1. November 1989 in freier Wahl zum Vorsitzenden einer Betriebsgewerkschaft gewählt – mit 92 Prozent der Stimmen. Dabei hatte die Stasi eigentlich gehofft, dass der unbequeme Zeitgenosse dem ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden bei einem Besuch seiner im Westen lebenden, damals ihren 80. Geburtstag feiernden Großmutter im Jahre 1988 den Rücken kehren würde. Die Bestätigung für diese Hoffnung fand Jürgen Hohberg wiederum in seiner Akte: H. darf reisen. Er wird wohl dort bleiben.
In den heißen Herbsttagen des Jahres 1989 war er mit vielen gleichgesinnten Sollstedtern bei den Dienstagsdemonstrationen in Nordhausen und sprach den Tausenden mit Forderungen nach radikalen Veränderungen aus dem Herzen. Angst um seine körperliche Unversehrtheit verspürte er dabei. Stalinistische Parteigenossen hatten verlauten lassen, dass sie ihn am liebsten erschießen würden, wenn er von der nächsten Demo nach Sollstedt zurückkommt!!
Bereits im September 1989 beteiligte er sich maßgebend an der Gründung der Bürgerinitiative Sollstedt (BIS), die aus aus aktiven Bergleuten und Mitgliedern der kirchlichen Friedens- und Umweltgruppe unter dem Dach der Kirche hervorging. Ein Bedürfnis war es dem Sollstedter nach der Wende, die neun auf ihn angesetzten IMs der Stasi zur Rede zu stellen. Er drohte mit der Veröffentlichung ihrer bürgerlichen Namen, wenn sie sich nicht zu einem Gespräch bereit erklären.
Die Gespräche kamen alle zustande. Er ist noch heute froh darüber, dass er keinen Klarnamen veröffentlicht hat, und meint, dass alle Menschen in Ost und West froh sein sollten, wenn sie nicht von den verbrecherischen Machenschaften des MfS berührt wurden. Hohberg wirkte seit 1989 an der Vereinigung der IG Bergbau Energie Wasserwirtschaft der DDR und der IG Bergbau und Energie der damaligen Bundesrepublik mit.
Dann kamen die Möglichkeiten freier Wahlen in der DDR.Du bist auf der Straße gewesen, wolltest Demokratie, und jetzt machst du mit! Mit diesen zu sich selbst gesprochenen Worten war für Jürgen Hohberg schließlich die Motivation verbunden, sich trotz mancher anderen Option, für die Fortsetzung seines Engagements in der Kommunalpolitik seines Heimatortes zu entscheiden.
Als Mitglied der BIS wurde er 1990, 1994, 2000 und 2006 zum Bürgermeister von Sollstedt gewählt. Die nnz-Überschrift Hohberg gibt nicht auf, könnte als Kurzfassung seines gesamten 20-jährigen Wirkens in diesem Amt gelten.
Bereits für Oktober 1990 setzte er den Bau eines modernen Einkaufsmarktes durch, der schon nach wenigen Monaten eingeweiht wurde. Weil ihn die zunehmende Arbeitslosigkeit im Landkreis Nordhausen, auch infolge der Schließung des Kaliwerkes, schlaflose Nächte bereitete, gehörte er zu den ersten Bürgermeistern, die bereits im Juli 1990 beim Arbeitsamt Nordhausen ABM-Kräfte beantragten. Den vielen Hundert zeitweilig beschäftigten Kollegen wurde so nicht nur ein Stück ihrer Würde erhalten, sondern auch die Chance auf einen Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt gegeben.
Einige hatten die Chance einer dauerhaften Anstellung direkt in der Gemeinde. Der in Bezug auf Jürgen Hohberg oft gebrauchte Titel ABM-Pabst drückt den Respekt für diesen Teil seines Engagements aus.
Viele der anstehenden Entscheidungen setzten ein umfangreiches Wissen über die Modalitäten erfolgreichen kommunalen Arbeitens voraus. Zweieinhalb Jahre lang drückte er jeweils an den Wochenenden die Schulbank an der Thüringer Verwaltungsschule, wo er die notwendigen theoretischen Grundlagen und einen Abschluss als Verwaltungsfachwirt mit der Befähigung zum Beamten im höheren Dienst erwarb. Die Wünsche der Menschen und deren Umsetzung in der realen Komunalpolitik, das waren zwei unterschiedliche Paar Schuhe, sagt er.
Berühmt-berüchtigt für geistigen Diebstahl sah er sich sehr früh in den alten Bundesländern entsprechend um, und ließ seinen Heimatort aktiv davon profitieren. So viele Fördertöpfe wie möglich zapfte er an. Der Name Hohberg war fast überall geläufig und öffnete auch Türen, hieß es dazu in der Laudatio der Gemeindeverwaltung anlässlich seiner Verabschiedung.
Der größte Aufwand schien ihm gerade gut genug zu sein, um beispielsweise die Wohnungen Sollstedts schnellstmöglich auf West-Niveau zu bringen, die Gründung einer Wohnungsgesellschaft mit einem Bestand von 440 Wohneinheiten zu forcieren, 15 Prozent des Bestandes zu privatisieren, und durch den Bau eines Blockheizkraftwerks nach dem Abschalten des alten Kraftwerks (Dreckschleuder), die Fernwärmeversorgung des Ortes zu sichern.
Zahlreiche weitere Gründungen öffentlicher Körperschaften, sowie aktives Mitwirken, wie im Wasser- und Abwasserzweckverband, dem Rechtsausschuss Deutscher Städte- und Gemeindebund,
dem Kreisverband Gemeinde- und Städtebund, im Kommunalen Arbeitgeberverband Thüringen (KAV), im Kommunalen Versorgungsverband Thüringens (KVT), im Kreistag Nordhausen (hier Vorsitzender des Finanzausschusses) und im Fördervereines Soziales Zentrum, brachte er, auch im Gemeinderat und oft in endlosen Nachtsitzungen, mit auf den Weg.
Zu bundesweitem Aufsehen mit weitreichenden Folgen sorgte sein Auftritt vor dem Bundesverfassungsgericht, nach dem 168 ostdeutsche Kommunen gegen den Beschluss der letzten DDR-Regierung geklagt hatten, die kommunale Energieversorgung der DDR an die großen Stromkonzerne zu verhökern. Auch als Folge des aus dem Urteil resultierenden Vergleiches, fließen Sollstedt und anderen Thüringer Kommunen bis heute Dividenden aus dem Aktienkapital des Unternehmens EON-Thüringenzu.
Wenn der Beruf Erfüllung ist, nämlich Demokratie zu üben und zu gestalten, dann sind 12 bis 14 Stunden tägliche Arbeitszeit die Regel", merkte Hohberg bald. Doch letztlich waren es genau jene 20 Jahre im Volldampf für das Wohl seiner Gemeinde, die in Jürgen Hohbergs Gesundheit Spuren hinterließen. Er entschied sich auf ärztlichen Rat vor Ablauf seiner letzten Amtszeit, beim Landrat die Versetzung in den Ruhestand zu beantragen.
Sein selbstloses Engagement wurde vielfach gewürdigt, und zwar nicht nur von seinen Mitstreitern in der Gemeindeverwaltung Sollstedt, die sich anlässlich seiner Verabschiedung für seinen motivierenden Führungsstil bedankten. In Würdigung seiner Verdienste als Mitglied des Landesausschusses des Gemeinde- und Städtebundes Thüringen und ehemaliger Kreisverbandsvorsitzender des Kreisverbandes Nordhausen, auch für seinen Einsatz zum Wohle der thüringischen Kommunen, wurde ihm am 16. September 2009 die Freiherr-vom-Stein-Medaille verliehen. Bis heute führt Jürgen Hohberg den besonders konfliktträchtigen Finanzausschuss im Nordhäuser Kreistag.
Im Jahre 1965 heiratete Jürgen Hohberg seine Frau Sigrid, die ihm zwei Kinder bescherte. Heute ist der Sollstedter stolzer Großvater von fünf Enkeln. Seine Freizeitinteressen indes werden jetzt wieder mehr von seinem FC Bayern München bestimmt. Alljährlich fährt er zu Punktspielen in die Allianz-Arena. Von Franz Beckenbauer persönlich wurde er augenzwinkernd mit einer Urkunde als größter FC-Bayern-Fan in der DDR seit 1965/ 1966 gewürdigt. Zweimal traf er auch auf den einstigen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Bei der ersten Begegnung entflammte zwischen beiden eine lebhafte Diskussion. Bei der zweiten, zufälligen, in der Münchener Allianz-Arena, ging Stoiber spontan auf Jürgen Hohberg zu und begrüßte ihn mit den Worten Grüß Gott, Herr Bürgermeister! Auf dessen erstaunte Frage, wieso der Ministerpräsident denn noch wisse, wer er sei, antworte Stoiber: Wer mit Ihnen in Kontakt war, dem bleibt dies-egal wie- in Errinnerung.
Er selbst sagt rückblickend: Diese 20 Jahre waren die spannendsten und schwierigsten aber auch die schönsten in meinem bisherigen Leben! Ich durfte in unser erkämpften Demokratie mittun und mitgestalten, was mir Berufung und Erfüllung bedeutete.
Hartmut Winter, Wülfingerode



