Do, 07:04 Uhr
23.12.2010
Schneechaos und andere Katastrophen
nnz-Autor Bodo Schwarzberg blickt auf diesen Winter, der gerade erst begonnen hat. Und er zieht Vergleiche, kommt zu Schlüssen. Die Redaktion will Ihnen diese Betrachtung auf keinen Fall vorenthalten...
Dies waren einige Folgen der so genannten Kleinen Eiszeit zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert in Europa: Das Land, das nun seine eigenen Bewohner nicht mehr ernähren konnte, hatte erst recht nichts mehr übrig für die Menschen in den Städten. Das große Sterben setzte ein, ab dem 18. Jahrhundert auch die Auswanderung nach Amerika. Die Einwohnerzahlen in vielen Orten verringerten sich dramatisch. Die Bleibenden, Überlebenden wurden aufgrund des Mangels anfällig für die großen Seuchen: Pest, Tuberkulose, Ruhr, Typhus. Das Wachstum der Weltbevölkerung schlug zwischenzeitlich um in eine Schrumpfung. An der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert waren die Menschen im Durchschnitt plötzlich kleiner als je zuvor und je danach. (Uli Kulke in Die Welt vom 12. 12. 2010)
Und das sind heute die Folgen einiges schneereichen Winters: In Bayern kamen bei Autounfällen auf glatten Straßen am Donnerstagabend drei Menschen ums Leben. Bei Leipzig krachte ein Autofahrer in einen querstehenden Lastwagen und starb. In Hessen wurde eine Frau bei einem Auffahrunfall auf der A3 getötet. Auf vielen Autobahnen waren Laster wegen des Schnees liegengeblieben oder stellten sich quer. Streu- und Räumfahrzeuge kamen oft nicht mehr durch. Auf der A3 zwischen Leverkusen und Oberhausen ging am Donnerstagabend zeitweise nichts mehr. (Hamburger Abendblatt vom 17.12.10)
Seit Tagen melden die Wetterdienste kaum etwas anderes als neue Schneefälle und neue Kälte. Und mit derselben Konstanz werden wir mit Meldungen wie der zuletzt genannten aus dem Hamburger Abendblatt konfrontiert: Schneechaos überall, Staus ohne Ende, der Verkehr bricht zusammen, Menschen in festsitzenden Zügen werden panisch und auf dem Frankfurter Flughafen gestrandete Passagiere ausfällig.
Zwei Beobachtungen machen mich hier stutzig: Der derzeitige Winter wird in seinen Dimensionen und Auswirkungen überbewertet: Längst haben wir vergessen, dass z.B. die Winter 1928/29, 1939 bis 42 und 1962/63 (um nur einige wenige zu nennen), in ihren Dimensionen mit unserem bisher erlebten von 2010 ungleich kälter waren. Während der Dezember 2010 in Deutschland bisher im Schnitt etwa 1 °C vom langjährigen Mittel nach unten abweicht, war der Winter 1962/63 ca. 5 °C kälter, etwa ebenso der Winter 1829/30! Die Winter der Kleinen Eiszeit gerieten durchschnittlich 2 °C zu kalt.
Im Vergleich zu den damaligen Zeiten müssen wir aber keine Hungersnöte mehr fürchten. Wir brauchen keine Angst mehr davor zu haben, dass wir in unseren Wohnungen, wie in den Hungerwintern 1946/47 und 1947/48 noch geschehen, erfrieren. Und zwar nicht einmal dann, wenn die Heizung ausfällt. Und wir brauchen keine Angst davor zu haben, dass wir unser Land verlassen müssen, wie dies im 18. Jahrhundert während der Kleinen Eiszeit z.B. mit Grönland und teilweise Island geschah. – Und trotzdem gewinnt man bei der Lektüre der heutigen Presse immer wieder den Eindruck, der Untergang des Abendlandes stünde angesichts des Schneechaos bevor.
Und hier setzt meine zweite Beobachtung ein: Denn der gegenwärtige Winter wird in seinen bisherigen Dimensionen nicht nur hoffnungslos überbewertet, sondern die Ursachen für das mit ihm verbundene Chaos werden verkannt. Aber diese Herangehensweise ist ein durchaus menschliches Phänomen: Während der nach heutigen Erkenntnissen u.a. von nachlassendem Sonnenwind verursachten Kleinen Eiszeit zwischen dem 15. bis 18. Jahrhundert wurden geschätzt an die 25.000 Hexen verbrannt, weil man sie für die nicht enden wollenden Hungerwinter und für das damit verbundene große Sterben der Menschen verantwortlich machte.
Heute hingegen kennen wir die Ursachen für die derzeitigen Wetterverhältnisse genau: die Nordatlantische Oszillation ist negativ: Dort, wo sich sonst das Azorenhoch befindet, liegt ein Tief und das Islandtief wurde von einem Hoch verdrängt. Diese verkehrte, aber keinesfalls ungewöhnliche verkehrte Welt in der europäischen Wetterküche beschert uns vor allem die derzeitigen winterlichen Verhältnisse. Für die damit verbundenen Probleme indes werden, wie vor hunderten von Jahren, andere verantwortlich gemacht: die heutigen, tagtäglich gebeutelten Hexen sind die Lufthansa, die Deutsche Bahn und vor allem die Winterdienste. Aber haben wir das Schneechaos nicht vielleicht selbst verursacht?
Dadurch zum Beispiel, dass wir die Zentralisierung der Wirtschaft mit der Folge langer Arbeitswege, die Verlagerung der Lagerhaltung aus den Fabrikhallen auf zehntausende, die Autobahnen jetzt verstopfende LKWs und die Elektronisierung unserer Infrastruktur mit der Folge ihrer Verwundbarkeit klaglos hingenommen, ja gewollt haben? In der Endkonsequenz ist unser Wunsch nach immer noch mehr materiellem Wohlstand für das Schneechaos verantwortlich. Nur um ihn zu erhalten und zu vermehren, bevölkern wir die Autobahnen. Um schneller vom Wohnort A zum weit entfernt liegenden, für unseren Konsum unverzichtbaren Arbeitsplatz B zu kommen, wurden Züge für Geschwindigkeiten jenseits der 200 km/h gebaut, deren Systeme unter der Last von gerade einmal 10 cm Neuschnee zusammenbrechen.
Wird etwas zu einem Massenphänomen, dann wird es bei Unregelmäßigkeiten immer schwerer beherrschbar. Fragt man doch einmal einen Nordhäuser, der den Hungerwinter 1947/48 miterlebt hat: Es gab kaum etwas zu essen damals: Weil aber fast jeder sein Vieh, seine Kartoffeln und sein Getreide zu Hause anbaute und lagerte, und auch in seinem Heimatort arbeitete, entstanden kaum Transportwege für die Versorgung. Und die wenigen Transporte, die anfielen, waren mit Pferden und Traktoren zu bewältigen, was auch bei Schneelage möglich war. Aus heutiger Sicht hoffnungslos veraltete Dampflokomotiven trotzen dem Schnee und der Kälte weitaus besser, als hochgezüchtete Elektrolokomotiven. Die Harzer Schmalspurbahnen machen dies der Deutschen Bahn bis heute vor.
Die Türen der Berliner S-Bahn schlossen sich auch bei – 10°C, als sie noch rein mechanisch betrieben wurden. Aus all diesen Gründen wurden derartige Winter nicht zum Chaos. Es gab aber keine Supermärkte, die auch bei 20 cm Neuschnee ihr Angebot von Apfeln aus Chile, Bananen aus Costa Rica und Mangos aus Brasilien unbedingt aufrecht erhalten müssen. Die Menschen waren mit viel weniger, eben mit grundlegenden Dingen, ja mit regionalen Grundnahrungsmitteln, zufrieden zu stellen, und sie hatten eine aus existenziellen Gründen enge Beziehung zur Natur. Beispielsweise waren Gastwirte dringend auf die Eisführung der Flüsse angewiesen, um mit den aus ihnen entnommenen Schollen ihr Bier bis in das Frühjahr hinein kühlen zu können. Die Winter waren schlichtweg eben etwas härter als heute, nicht mehr aber auch nicht weniger, - sie waren beherrschbar und wurden im Vergleich zu heute, einkalkuliert.
Und wenn sich die Menschen für 2011 nach einer DAK-Umfrage für 2011 vor allem weniger Stress und mehr Zeit für ihre Familie wünschen, dann steckt in diesen Wünschen vielleicht ein wenig auch der Wunsch nach dieser nicht leichten, aber dennoch oft nicht ohne Grund so genannten guten, alten Zeit. Denn eines steht fest: Stress hatten die damals lebenden weniger, als wir. Sie hatten trotz der oft schweren körperlichen Arbeit, mehr Zeit füreinander.
Sie saßen nicht zu Tausenden auf den Flughäfen fest, weil ihre Weihnachtsflüge nach Bali und in die Karibik gestrichen wurden. Es gab weniger Ehescheidungen, weniger Depressionen. Burn-Out-Syndrome wurden gar erst 1974 beschrieben.
Mit anderen Worten: Ein etwas härterer Winter bedroht uns heute im Gegensatz zu früheren Zeiten nicht mehr ernsthaft, auch wenn die heutigen Darstellungen oft anderes vermuten lassen. Wenn wir aber andererseits den materiellen Wohlstand und die zentralisierte Wirtschaftswelt wollen, dann müssen wir auch die damit verbundenen Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen, die sich insbesondere dann zeigen, wenn uns die Natur mit gerade einmal 10 cm bis 20 cm Schnee die Verwundbarkeit dieses Systems und die vollkommene Deplatziertheit unseres technikgenerierten Sicherheitsempfindens zeigt. Und wir sollten unsere Augen vor den wahren Ursachen des Schneechaos nicht verschließen, weil wir nur dann dazu in der Lage sein können, z.B. durch eine Rückkehr zu dezentralen Strukturen, Alternativen zu schaffen.
Das so genannte Schneechaos ist keine Folge des im Vergleich mit anderen überdurchschnittlichen Wintern bisher nicht unnormalen Winters, sondern ausschließlich eine Folge unserer modernen und naturentfremdeten Art zu leben, zu reisen und zu wirtschaften. Ein Sibirier, der gewohnt ist, bei -50°C weitab der so genannten Zivilisation sich selbst zu versorgen, würde uns verweichlichte, am Tropf der modernen Infrastruktur hängende und verwöhnte Mitteleuropäer belächeln. Ein im Winter nicht zugefrorener Baikalsee würde die Versorgung geradezu durcheinander bringen.
Aus sozialen und ökologischen Gründen, gerade nach der Klimakonferenz von Cancun, wäre all dies vielleicht ein paar Gedanken unter dem Weihnachtsbaum wert.
Bodo Schwarzberg
Autor: nnzDies waren einige Folgen der so genannten Kleinen Eiszeit zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert in Europa: Das Land, das nun seine eigenen Bewohner nicht mehr ernähren konnte, hatte erst recht nichts mehr übrig für die Menschen in den Städten. Das große Sterben setzte ein, ab dem 18. Jahrhundert auch die Auswanderung nach Amerika. Die Einwohnerzahlen in vielen Orten verringerten sich dramatisch. Die Bleibenden, Überlebenden wurden aufgrund des Mangels anfällig für die großen Seuchen: Pest, Tuberkulose, Ruhr, Typhus. Das Wachstum der Weltbevölkerung schlug zwischenzeitlich um in eine Schrumpfung. An der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert waren die Menschen im Durchschnitt plötzlich kleiner als je zuvor und je danach. (Uli Kulke in Die Welt vom 12. 12. 2010)
Und das sind heute die Folgen einiges schneereichen Winters: In Bayern kamen bei Autounfällen auf glatten Straßen am Donnerstagabend drei Menschen ums Leben. Bei Leipzig krachte ein Autofahrer in einen querstehenden Lastwagen und starb. In Hessen wurde eine Frau bei einem Auffahrunfall auf der A3 getötet. Auf vielen Autobahnen waren Laster wegen des Schnees liegengeblieben oder stellten sich quer. Streu- und Räumfahrzeuge kamen oft nicht mehr durch. Auf der A3 zwischen Leverkusen und Oberhausen ging am Donnerstagabend zeitweise nichts mehr. (Hamburger Abendblatt vom 17.12.10)
Seit Tagen melden die Wetterdienste kaum etwas anderes als neue Schneefälle und neue Kälte. Und mit derselben Konstanz werden wir mit Meldungen wie der zuletzt genannten aus dem Hamburger Abendblatt konfrontiert: Schneechaos überall, Staus ohne Ende, der Verkehr bricht zusammen, Menschen in festsitzenden Zügen werden panisch und auf dem Frankfurter Flughafen gestrandete Passagiere ausfällig.
Zwei Beobachtungen machen mich hier stutzig: Der derzeitige Winter wird in seinen Dimensionen und Auswirkungen überbewertet: Längst haben wir vergessen, dass z.B. die Winter 1928/29, 1939 bis 42 und 1962/63 (um nur einige wenige zu nennen), in ihren Dimensionen mit unserem bisher erlebten von 2010 ungleich kälter waren. Während der Dezember 2010 in Deutschland bisher im Schnitt etwa 1 °C vom langjährigen Mittel nach unten abweicht, war der Winter 1962/63 ca. 5 °C kälter, etwa ebenso der Winter 1829/30! Die Winter der Kleinen Eiszeit gerieten durchschnittlich 2 °C zu kalt.
Im Vergleich zu den damaligen Zeiten müssen wir aber keine Hungersnöte mehr fürchten. Wir brauchen keine Angst mehr davor zu haben, dass wir in unseren Wohnungen, wie in den Hungerwintern 1946/47 und 1947/48 noch geschehen, erfrieren. Und zwar nicht einmal dann, wenn die Heizung ausfällt. Und wir brauchen keine Angst davor zu haben, dass wir unser Land verlassen müssen, wie dies im 18. Jahrhundert während der Kleinen Eiszeit z.B. mit Grönland und teilweise Island geschah. – Und trotzdem gewinnt man bei der Lektüre der heutigen Presse immer wieder den Eindruck, der Untergang des Abendlandes stünde angesichts des Schneechaos bevor.
Und hier setzt meine zweite Beobachtung ein: Denn der gegenwärtige Winter wird in seinen bisherigen Dimensionen nicht nur hoffnungslos überbewertet, sondern die Ursachen für das mit ihm verbundene Chaos werden verkannt. Aber diese Herangehensweise ist ein durchaus menschliches Phänomen: Während der nach heutigen Erkenntnissen u.a. von nachlassendem Sonnenwind verursachten Kleinen Eiszeit zwischen dem 15. bis 18. Jahrhundert wurden geschätzt an die 25.000 Hexen verbrannt, weil man sie für die nicht enden wollenden Hungerwinter und für das damit verbundene große Sterben der Menschen verantwortlich machte.
Heute hingegen kennen wir die Ursachen für die derzeitigen Wetterverhältnisse genau: die Nordatlantische Oszillation ist negativ: Dort, wo sich sonst das Azorenhoch befindet, liegt ein Tief und das Islandtief wurde von einem Hoch verdrängt. Diese verkehrte, aber keinesfalls ungewöhnliche verkehrte Welt in der europäischen Wetterküche beschert uns vor allem die derzeitigen winterlichen Verhältnisse. Für die damit verbundenen Probleme indes werden, wie vor hunderten von Jahren, andere verantwortlich gemacht: die heutigen, tagtäglich gebeutelten Hexen sind die Lufthansa, die Deutsche Bahn und vor allem die Winterdienste. Aber haben wir das Schneechaos nicht vielleicht selbst verursacht?
Dadurch zum Beispiel, dass wir die Zentralisierung der Wirtschaft mit der Folge langer Arbeitswege, die Verlagerung der Lagerhaltung aus den Fabrikhallen auf zehntausende, die Autobahnen jetzt verstopfende LKWs und die Elektronisierung unserer Infrastruktur mit der Folge ihrer Verwundbarkeit klaglos hingenommen, ja gewollt haben? In der Endkonsequenz ist unser Wunsch nach immer noch mehr materiellem Wohlstand für das Schneechaos verantwortlich. Nur um ihn zu erhalten und zu vermehren, bevölkern wir die Autobahnen. Um schneller vom Wohnort A zum weit entfernt liegenden, für unseren Konsum unverzichtbaren Arbeitsplatz B zu kommen, wurden Züge für Geschwindigkeiten jenseits der 200 km/h gebaut, deren Systeme unter der Last von gerade einmal 10 cm Neuschnee zusammenbrechen.
Wird etwas zu einem Massenphänomen, dann wird es bei Unregelmäßigkeiten immer schwerer beherrschbar. Fragt man doch einmal einen Nordhäuser, der den Hungerwinter 1947/48 miterlebt hat: Es gab kaum etwas zu essen damals: Weil aber fast jeder sein Vieh, seine Kartoffeln und sein Getreide zu Hause anbaute und lagerte, und auch in seinem Heimatort arbeitete, entstanden kaum Transportwege für die Versorgung. Und die wenigen Transporte, die anfielen, waren mit Pferden und Traktoren zu bewältigen, was auch bei Schneelage möglich war. Aus heutiger Sicht hoffnungslos veraltete Dampflokomotiven trotzen dem Schnee und der Kälte weitaus besser, als hochgezüchtete Elektrolokomotiven. Die Harzer Schmalspurbahnen machen dies der Deutschen Bahn bis heute vor.
Die Türen der Berliner S-Bahn schlossen sich auch bei – 10°C, als sie noch rein mechanisch betrieben wurden. Aus all diesen Gründen wurden derartige Winter nicht zum Chaos. Es gab aber keine Supermärkte, die auch bei 20 cm Neuschnee ihr Angebot von Apfeln aus Chile, Bananen aus Costa Rica und Mangos aus Brasilien unbedingt aufrecht erhalten müssen. Die Menschen waren mit viel weniger, eben mit grundlegenden Dingen, ja mit regionalen Grundnahrungsmitteln, zufrieden zu stellen, und sie hatten eine aus existenziellen Gründen enge Beziehung zur Natur. Beispielsweise waren Gastwirte dringend auf die Eisführung der Flüsse angewiesen, um mit den aus ihnen entnommenen Schollen ihr Bier bis in das Frühjahr hinein kühlen zu können. Die Winter waren schlichtweg eben etwas härter als heute, nicht mehr aber auch nicht weniger, - sie waren beherrschbar und wurden im Vergleich zu heute, einkalkuliert.
Und wenn sich die Menschen für 2011 nach einer DAK-Umfrage für 2011 vor allem weniger Stress und mehr Zeit für ihre Familie wünschen, dann steckt in diesen Wünschen vielleicht ein wenig auch der Wunsch nach dieser nicht leichten, aber dennoch oft nicht ohne Grund so genannten guten, alten Zeit. Denn eines steht fest: Stress hatten die damals lebenden weniger, als wir. Sie hatten trotz der oft schweren körperlichen Arbeit, mehr Zeit füreinander.
Sie saßen nicht zu Tausenden auf den Flughäfen fest, weil ihre Weihnachtsflüge nach Bali und in die Karibik gestrichen wurden. Es gab weniger Ehescheidungen, weniger Depressionen. Burn-Out-Syndrome wurden gar erst 1974 beschrieben.
Mit anderen Worten: Ein etwas härterer Winter bedroht uns heute im Gegensatz zu früheren Zeiten nicht mehr ernsthaft, auch wenn die heutigen Darstellungen oft anderes vermuten lassen. Wenn wir aber andererseits den materiellen Wohlstand und die zentralisierte Wirtschaftswelt wollen, dann müssen wir auch die damit verbundenen Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen, die sich insbesondere dann zeigen, wenn uns die Natur mit gerade einmal 10 cm bis 20 cm Schnee die Verwundbarkeit dieses Systems und die vollkommene Deplatziertheit unseres technikgenerierten Sicherheitsempfindens zeigt. Und wir sollten unsere Augen vor den wahren Ursachen des Schneechaos nicht verschließen, weil wir nur dann dazu in der Lage sein können, z.B. durch eine Rückkehr zu dezentralen Strukturen, Alternativen zu schaffen.
Das so genannte Schneechaos ist keine Folge des im Vergleich mit anderen überdurchschnittlichen Wintern bisher nicht unnormalen Winters, sondern ausschließlich eine Folge unserer modernen und naturentfremdeten Art zu leben, zu reisen und zu wirtschaften. Ein Sibirier, der gewohnt ist, bei -50°C weitab der so genannten Zivilisation sich selbst zu versorgen, würde uns verweichlichte, am Tropf der modernen Infrastruktur hängende und verwöhnte Mitteleuropäer belächeln. Ein im Winter nicht zugefrorener Baikalsee würde die Versorgung geradezu durcheinander bringen.
Aus sozialen und ökologischen Gründen, gerade nach der Klimakonferenz von Cancun, wäre all dies vielleicht ein paar Gedanken unter dem Weihnachtsbaum wert.
Bodo Schwarzberg


