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Do, 17:51 Uhr
15.07.2010

Die Träume des Kapitäns

Das Fußballgeschäft ist ein schnelllebiges geworden. Spieler kommen, Spieler gehen, oft nur für eine Saison. Einer ist diesem Trend nicht gefolgt - Sven Pistorius. Der 31-jährige Mittelfeldakteur des Fußball-Verbandsligisten FSV Wacker 90 Nordhausen schnürt seit 23 Jahren die Töppen für diesen Verein. An einen Wechsel hat der sympathische Nordhäuser nie gedacht, obwohl Angebote von Klubs aus der Thüringenliga und der Oberliga vorlagen. Sandra Arm mit einem Porträt...


Die Schweißtropfen wischt sich Pistorius schnell aus dem Gesicht. Die täglichen Einheiten schlauchen, vor allem bei den subtropischen Temperaturen. Man hört keinen jammern. Alle ziehen mit, wenn Trainer Jens Ludwig seine Schützlinge über den „heiligen“ Rasen oder um den Albert-Kuntz-Sportpark scheucht. Jede Einheit hat auch mal ein Ende und so scheint dieses wie eine Erlösung zu sein. Mit hängenden Köpfen schleichen die Akteure in die Kabine. Pistorius weiß um eine gute Vorbereitung: „Die Fitness ist das A und O. Es kann uns in den Spielen zu Gute kommen, wenn wir in der Schlussphase noch Kraft haben, um die Spiele zu entscheiden.“ 

Dabei steht dem Team die wohl längste Spielzeit seit Jahren bevor, denn in der Verbandsliga starten in der kommenden Saison 17 Teams. Das bedeutet 32 Spieltage. Dafür wollen die Wackeren mit ihrem Kapitän Pistorius gerüstet sein. Eine gute Rolle will das Team ebenfalls spielen. Nach den beiden Bronzeplätzen in den vergangenen Jahren ist es Zeit für einen Farbwechsel. „Wir wollen wieder im Podestbereich mitspielen“, gibt er die Marschroute vor.

So leicht, wie es vielleicht scheint, wird es wohl nicht werden, denn durch die drei Absteiger VfB 09 Pößneck, 1. FC Gera 03 und SV SCHOTT Jena wird die Liga „qualitativ aufgewertet“. Daher erwartet Pistorius eine spannende Saison. Der Aufstieg sei hingegen ein langfristiges Ziel. Langfristig heißt beim ihm „… in den nächsten drei Jahren. Dafür müssen auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen.“ Die Oberliga ist für Pistorius keine Unbekannte. Vor zwölf Jahren, nach dem Abstieg aus der Regionalliga, schaffte er als A-Junior gleich den Sprung in die Oberliga. „Ich musste früh Verantwortung übernehmen, denn nach den Abgängen sollte ein neues Team geformt werden.“ Nach drei Jahren folgte der Abstieg in die Thüringenliga. Die Saison 2001/02 in der höchsten Thüringer Spielklasse war geprägt von Höhen und Tiefen.

„Die Hinserie verlief für uns katastrophal“, erinnert er sich. In der Rückrunde steigerte sich das Team und hatte es am letzten Spieltag in Meuselwitz selbst in der Hand, den Klassenerhalt mit einem Unentschieden zu sichern. Lange hatte der FSV mit 1:0 geführt, aber in der Schlussphase zerplatzte der Traum wie eine Seifenblase, als der Gastgeber zunächst ausglich und sogar noch den Siegtreffer zum 2:1 markierte. „Wir waren am Ende mit dem FC Union Mühlhausen punktgleich und sind aufgrund des schlechteren Torverhältnisses abgestiegen. Das war für mich der bitterste Moment.“

Es folgten 36 Monate in der Landesklasse. Im ersten Jahr am 26. Oktober vor der Partie gegen den SV Veildorf legte der damalige Trainer Jörg Weißhaupt fest, dass Pistorius die Kapitänsbinde von Jens Ludwig übernehmen soll. Kein leichtes Erbe für den 23-Jährigen: „Jens war der Älteste im Team und Kapitän gewesen. Ich war noch ein junger Akteur. Dennoch hat sich für mich damit ein Traum erfüllt und ich bin heute stolz, die Binde zu tragen.“

Pistorius führte das Team pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum des Vereins im Jahr 2005 wieder in die höchste Spielklasse des Freistaates. „Der Empfang vor dem Rathaus war ein schönes Erlebnis.“ Am Abend bekam er auf dem 37. Nordhäuser Rolandsfest den Pokal für den Staffelsieg überreicht und er ließ sich mit seinen Mannschaftskameraden dabei von seinen Fans feiern. Es folgten danach noch viele schöne Momente, unter anderem der 5:3 (2:0)-Erfolg im „denkwürdigen Derby“ gegen Sondershausen (2005/06) oder „das Wunder von Gera“, als der FSV beim 1. FC Gera zur Pause mit 0:3 in Rückstand lag, in der zweiten Hälfte richtig aufdrehte und die Partie schließlich in einen 6:3-Erfolg umwandelte (2006/07). 

Noch mehr von solchen Augenblicken möchte Pistorius in den kommenden Monaten erleben, denn ans Aufhören denkt er noch nicht. „Solange mir die jungen Akteure nicht den Rang ablaufen und ich verletzungsfrei bleibe, ist das kein Thema für mich.“ Zudem hat er den richtigen Zeitpunkt, um die Töppen an den Nagel zu hängen, noch nicht gefunden. Darüber nachgedacht hat er schon: „Der Aufstieg mit der Mannschaft in die Oberliga wäre ein Zeitpunkt, um zu sagen, jetzt höre ich auf.“ Ein Wechsel kommt für ihn ebenfalls nicht mehr in Frage, obwohl immer wieder Angebote von anderen Klubs vorlagen. „Ich bin sehr heimatverbunden und will das, was ich mir in Nordhausen aufgebaut habe, nicht aufgeben.“

Dabei haben sich die Prioritäten längst verschoben. Fußball ist nicht mehr alles in seinem Leben, seit er vor zwei Jahren Vater einer Tochter geworden ist. Die Familie steht nun an erster Stelle und gibt ihm den nötigen Rückhalt. Für ihn ist es dennoch schwierig „immer alles unter einen Hut zu bekommen“. Jede freie Minute verbringt er daher mit seiner kleinen Familie. Allerdings fehlt noch eine Kleinigkeit – das Ja-Wort. „Der Antrag soll in absehbarer Zeit erfolgen. Ich habe schon meine Vorstellungen, die aber noch geheim bleiben“, sagte er. Einen Traum möchte er sich ebenfalls noch erfüllen. „Ich würde gern eine Weltreise machen. Mich fasziniert vor allem Südamerika.“

Der Traum vom Profifußballer erfüllte sich für Pistorius hingegen nicht. Die Voraussetzungen dazu waren aber gegeben. Als kleiner Steppke an der Hand des Opas, der selbst aktiv dem runden Leder in Krimderode hinterherjagte, verfolgte er die Partien im Albert-Kuntz-Sportpark. Der kleine Junge mit den dunkelbraunen Haaren war begeistert von dem Spiel mit dem runden Leder und trat als Achtjähriger der BSG Motor Nordhausen bei. Seine Qualitäten stellte er zuerst im Tor unter Beweis. „Vielleicht habe ich mich zu gut angestellt oder sie hatten keinen anderen auf dieser Position“, schätzt er ein. Nach kurzer Zeit kristallisierte sich aber heraus, dass er im Feld besser aufgehoben ist.

Pistorius durchlief bei der BSG und ab 1990 beim FSV alle Nachwuchsklassen und spielte dabei immer auf höchster Landesebene. „Wir haben eine gute Jugendabteilung gehabt“, lobt er. Seine Leistungen brachten ihm die Berufung in den Landeskader ein. Außerdem erhielt er Angebote von den Sportschulen aus Jena und Erfurt, die er aber stets ausschlug. Im Jahr 1998 hatte das Abitur oberste Priorität, so dass der Fußball hinten anstand. Danach folgte eine dreijährige Ausbildung zum Bankkaufmann, die er erfolgreich abschloss. Im Anschluss daran wurde er vom Institut übernommen und arbeitet dort bis heute.


Erst vor wenigen Tagen wurde Sven Pistorius zum Tippweltmeister gekürt. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika hatte er bei seinen Tipps oft den richtigen Riecher und setzte zudem auf Spanien als neuen Weltmeister. Einen Titel hat Pistorius also schon errungen, vielleicht folgt in der kommenden Saison der nächste - dann in seinem 24. Jahr bei den Blau-Weißen.
Sandra Arm
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Kommentare

16.07.2010, 09.51 Uhr
Retupmoc | Treue
Spieler, die einem Verein so die Treue halten ...finde man nur selten. Deshalb : Weiter alles Gute und viel Gesundheit Piste!

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