Di, 07:22 Uhr
15.06.2010
Loslassen gelernt
Es sind noch 15 Tage, dann ist Jürgen Hohberg kein Bürgermeister von Sollstedt mehr. Was vor Jahren noch undenkbar gewesen wäre, wird dann Normalität. nnz sprach mit dem Mann, der vor fast 21 Jahren auszog, um mehr Demokratie zu wagen...
Jürgen Hoberg, der Großgeräteschlosser in der Sollstedter Kaligrube, war nicht nur ein führender Kopf in dem Zeitabschnitt, der von Historikern gern als "die Wende" bezeichnet wird, er wurde danach sogar Bürgermeister. Bürgermeister einer Gemeinde, die für das Dörfliche nicht geschaffen und für eine Stadt zu klein war. Das ist heute nicht anders als im Jahr 1990.
Dazwischen jedoch liegt etwas weniger als ein Drittel des Lebens von Jürgen Hohberg. Nur ein Drittel? Nein, das Drittel. Am Ende, also in den vergangenen zweieinhalb Jahren hatte ihn dieses Drittel fast aufgefressen, fast um den Verstand gebracht. Jetzt ist er dienstunfähig. Doch Jürgen Hohberg fühlte sich gut, fühlt sich auf dem Weg zur Besserung, vielleicht auch wieder zu sich selbst und zu dem, was an Bedeutung manchmal in den zwei Jahresdekaden nach hinten geschoben wurde: Freunde, Bekannte, vor allem aber die Familie.
Nach Bremerhaven wird er jetzt gemeinsam mit seiner Frau öfter fahren. Heute zum Beispiel. Dort wartet eine seiner Töchter samt Mann und drei Enkelkinder. Auch die Familie seiner anderen Tochter wartet auf Besuch aus Sollstedt. Das wird in den kommenden Jahren wiederum ein Drittel dessen ausmachen, was man Freizeitgestaltung nennt. Die beiden anderen Drittel sind dem Erlernen der Computertechnik und dem Lesen vorbehalten: Sokrates, Buddha, Konfuzius und Jesus hat er "abgearbeitet", Friedrich Merz und Helmut Schmidt auch.
Das alles erzählt Jürgen Hohberg, den ich seit Jahren duze, mir an diesem Montag in den Block. Die Hohbergs wohnen in der Sollstedter Kolonie, Paterre. Ich war zuvor noch nie dort, erkannte den Eingang sofort. Eine Deutschlandfahne hängt aus dem Fenster - es ist Fußballzeit. Kein Spiel der deutschen Mannschaft will er verpassen, zumal einige Kicker "seines" Vereins - Bayern München - das Rückgrat der Nationalmannschaft sind. Jürgen Hohberg hat einen Schlips umgebunden, natürlich mit Bayern-Emblem. Ich darf den frischgebrühten Kaffee aus einem roten Pott trinken. Die Beschreibung des Logos erspare ich mir. Dafür erinnere ich mich an samstägliche SMS-Botschaften, die Jürgen Hohberg in tiefster Trauer in der Ära Klinsmann verschickte, an Wutausbrüche per Handy, dessen Tasten danach vermutlich hin waren.
Der FC Bayern, das war der Rest des Lebens, das ihm sein Job als Meister der Sollstedter Bürger ließ. Ansonsten arbeitete Jürgen Hohberg rund zwölf Stunden am Tag, die Wochenenden nicht mitgerechnet. Zum Entspannen telefonierte er dann am Samstagmittag. Auch mit mir. Wir telefonierten solange, bis ich das Handy stumm schaltete. Ich wollte nicht mehr und ich glaube, so richtig verziehen hatte er mir das nie.
Aber, wir duzen uns weiter und philosophieren ab und an über den Zustand der Welt und wie die Zukunft aussehen könnte. Die sah nach der Bürgermeisterwahl im Jahre 2006 dann nicht mehr so aus, wie es sich Jürgen für seine letzte Legislatur eigentlich vorgestellt hatte. Die Mehrheit seiner Bürgerinitiative war ihm abhanden gekommen, die BIS löste sich auf und es gab da die Klage einer gewissen Dagmar Becker, die gegen den Freistaat klagte und das Wahlergebnis anfechten wollte. Eigentlich aber klagte sie gegen Hohberg.
Und dieses Klagen über die Instanzen hinweg, das zermürbte. Jürgen Hohberg musste sich in die Hände von Ärzten begeben. Aus den psychischen Verwundungen wurden physische Schmerzen. Er hielt es kaum noch aus. Er zog sich zurück. Zuerst aus vielen seiner Ämter, zu guter Letzt aus dem Amt des Bürgermeisters. Eine Urkunde besiegelt das Ende dieses Drittel seines Lebens.
Wenn Jürgen Hohberg, der erste frei und demokratisch gewählte Bürgermeister seiner Heimatgemeinde, jetzt durch Sollstedt geht, dann ist er eigentlich zufrieden. Es gibt einen Supermarkt in der Mitte des Ortes, damit die Menschen nicht jeden Tag nach Bleicherode oder Nordhausen fahren müssen. Die kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungen sind saniert und die Ver- und Entsorgung befindet sich in kommunalen Händen. Zeitweise beschäftigte die Kommune rund 300 Frauen und Männer in ABM oder SAM. "Wir haben das zusammen geschafft", sagt er heute. Was aber will er noch schaffen?
Er hat sich noch nicht endgültig entschieden, ob er im Kreistag weitermacht oder nicht. Die innere Waage scheint in eine Richtung auszuschlagen. Entscheiden muss er am Ende selbst, vielleicht nach der Sommerpause. Vielleicht wird er auch wieder ehrenamtlich arbeiten. In einem Verein vielleicht, auf keinen Fall in der kommunalen Politik seines Ortes. Wenn die Familie, wenn der PC und die vielen ungelesenen Bücher noch Zeit lassen. Vielleicht.
Jürgen Hohberg hat in den zurückliegenden Monaten das Loslassen gelernt. Etwas, was Bürgermeister-Kollegen von ihm nie gedacht hatten. Er ist einigen von ihnen ab und an ganz schön auf "die Ketten" gegangen, doch er wird einigen auch fehlen. Vielleicht mir auch. Also, Jürgen, wenn Dir danach ist, dann ruf einfach mal wieder an. Auch am Samstag...
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnzJürgen Hoberg, der Großgeräteschlosser in der Sollstedter Kaligrube, war nicht nur ein führender Kopf in dem Zeitabschnitt, der von Historikern gern als "die Wende" bezeichnet wird, er wurde danach sogar Bürgermeister. Bürgermeister einer Gemeinde, die für das Dörfliche nicht geschaffen und für eine Stadt zu klein war. Das ist heute nicht anders als im Jahr 1990.
Dazwischen jedoch liegt etwas weniger als ein Drittel des Lebens von Jürgen Hohberg. Nur ein Drittel? Nein, das Drittel. Am Ende, also in den vergangenen zweieinhalb Jahren hatte ihn dieses Drittel fast aufgefressen, fast um den Verstand gebracht. Jetzt ist er dienstunfähig. Doch Jürgen Hohberg fühlte sich gut, fühlt sich auf dem Weg zur Besserung, vielleicht auch wieder zu sich selbst und zu dem, was an Bedeutung manchmal in den zwei Jahresdekaden nach hinten geschoben wurde: Freunde, Bekannte, vor allem aber die Familie.
Nach Bremerhaven wird er jetzt gemeinsam mit seiner Frau öfter fahren. Heute zum Beispiel. Dort wartet eine seiner Töchter samt Mann und drei Enkelkinder. Auch die Familie seiner anderen Tochter wartet auf Besuch aus Sollstedt. Das wird in den kommenden Jahren wiederum ein Drittel dessen ausmachen, was man Freizeitgestaltung nennt. Die beiden anderen Drittel sind dem Erlernen der Computertechnik und dem Lesen vorbehalten: Sokrates, Buddha, Konfuzius und Jesus hat er "abgearbeitet", Friedrich Merz und Helmut Schmidt auch.
Das alles erzählt Jürgen Hohberg, den ich seit Jahren duze, mir an diesem Montag in den Block. Die Hohbergs wohnen in der Sollstedter Kolonie, Paterre. Ich war zuvor noch nie dort, erkannte den Eingang sofort. Eine Deutschlandfahne hängt aus dem Fenster - es ist Fußballzeit. Kein Spiel der deutschen Mannschaft will er verpassen, zumal einige Kicker "seines" Vereins - Bayern München - das Rückgrat der Nationalmannschaft sind. Jürgen Hohberg hat einen Schlips umgebunden, natürlich mit Bayern-Emblem. Ich darf den frischgebrühten Kaffee aus einem roten Pott trinken. Die Beschreibung des Logos erspare ich mir. Dafür erinnere ich mich an samstägliche SMS-Botschaften, die Jürgen Hohberg in tiefster Trauer in der Ära Klinsmann verschickte, an Wutausbrüche per Handy, dessen Tasten danach vermutlich hin waren.
Der FC Bayern, das war der Rest des Lebens, das ihm sein Job als Meister der Sollstedter Bürger ließ. Ansonsten arbeitete Jürgen Hohberg rund zwölf Stunden am Tag, die Wochenenden nicht mitgerechnet. Zum Entspannen telefonierte er dann am Samstagmittag. Auch mit mir. Wir telefonierten solange, bis ich das Handy stumm schaltete. Ich wollte nicht mehr und ich glaube, so richtig verziehen hatte er mir das nie.
Aber, wir duzen uns weiter und philosophieren ab und an über den Zustand der Welt und wie die Zukunft aussehen könnte. Die sah nach der Bürgermeisterwahl im Jahre 2006 dann nicht mehr so aus, wie es sich Jürgen für seine letzte Legislatur eigentlich vorgestellt hatte. Die Mehrheit seiner Bürgerinitiative war ihm abhanden gekommen, die BIS löste sich auf und es gab da die Klage einer gewissen Dagmar Becker, die gegen den Freistaat klagte und das Wahlergebnis anfechten wollte. Eigentlich aber klagte sie gegen Hohberg.
Und dieses Klagen über die Instanzen hinweg, das zermürbte. Jürgen Hohberg musste sich in die Hände von Ärzten begeben. Aus den psychischen Verwundungen wurden physische Schmerzen. Er hielt es kaum noch aus. Er zog sich zurück. Zuerst aus vielen seiner Ämter, zu guter Letzt aus dem Amt des Bürgermeisters. Eine Urkunde besiegelt das Ende dieses Drittel seines Lebens.
Wenn Jürgen Hohberg, der erste frei und demokratisch gewählte Bürgermeister seiner Heimatgemeinde, jetzt durch Sollstedt geht, dann ist er eigentlich zufrieden. Es gibt einen Supermarkt in der Mitte des Ortes, damit die Menschen nicht jeden Tag nach Bleicherode oder Nordhausen fahren müssen. Die kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungen sind saniert und die Ver- und Entsorgung befindet sich in kommunalen Händen. Zeitweise beschäftigte die Kommune rund 300 Frauen und Männer in ABM oder SAM. "Wir haben das zusammen geschafft", sagt er heute. Was aber will er noch schaffen?
Er hat sich noch nicht endgültig entschieden, ob er im Kreistag weitermacht oder nicht. Die innere Waage scheint in eine Richtung auszuschlagen. Entscheiden muss er am Ende selbst, vielleicht nach der Sommerpause. Vielleicht wird er auch wieder ehrenamtlich arbeiten. In einem Verein vielleicht, auf keinen Fall in der kommunalen Politik seines Ortes. Wenn die Familie, wenn der PC und die vielen ungelesenen Bücher noch Zeit lassen. Vielleicht.
Jürgen Hohberg hat in den zurückliegenden Monaten das Loslassen gelernt. Etwas, was Bürgermeister-Kollegen von ihm nie gedacht hatten. Er ist einigen von ihnen ab und an ganz schön auf "die Ketten" gegangen, doch er wird einigen auch fehlen. Vielleicht mir auch. Also, Jürgen, wenn Dir danach ist, dann ruf einfach mal wieder an. Auch am Samstag...
Peter-Stefan Greiner



