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Mi, 20:56 Uhr
28.10.2009

Wir sind das Volk - immer noch

Er war eine Symbolfigur der friedlichen Revolution in der damaligen DDR, auch ihm ist das „Wunder von Leipzig“ mit zu verdanken. Heute war er zu Gast im Nordhäuser Theater – Christian Führer...

Pfarrer Führer (Foto: nnz) Pfarrer Führer (Foto: nnz)

Franka Angelstein leitete den Abend mit einem konzertanten Flötenspiel ein und Dieter Przybilla als Gastgeber will sowohl den Blick auf die Ereignisse vor 20 Jahren wagen und auch einen nach vorn. Und hier komme den Menschen in und um Leipzig eine besondere Rolle zu, sie hätten den Mut zum friedlichen Protest gehabt, denen eine Diktatur nichts mehr entgegen zu setzen hatte.

Es war ein minutenlanger Beifall, den Christian Führer erfuhr. Doch diese gut- und wohlgemeinte Huldigung ist nicht sein Ding. Was hat diese Revolution von damals gebracht, haben wir sie eigentlich richtig verstanden?

Es waren Fragen, die der Pfarrer der Nikolaikirche, jetzt im Ruhestand, stellte und immer wieder in die deutsche Geschichte implementierte. Führer zitierte Marx, Engels, Goethe und beschrieb letztlich die beklemmenden Zustände im real existierenden Sozialismus. Vor allem aus Sicht eines Christen in der DDR.

Die Nikolaikirche: Protest begann hier 1981 mit der Friedensdekade und Fürbitten. Das und diese menschlichen „Elemente“, wie sie der Staat nannte, machten den staatlichen Stellen Angst, auf die mit staatlicher Macht reagiert wurde.

Besonders knisternd wurde es, wenn Christian Führer seine Augen vom Manuskript wandte und Geschichten erzählte: Über Jugendliche mit Batikklamotten im Altarraum, über erlebte und eingeengte Freiheit, über den Beginn der offenen Stadtkirche in Leipzig. Wöchentliche Friedensgebete seit September 1982 – bis heute. Bis heute, weil es immer noch keinen Frieden gibt.

Dann die Konzerte von Gruppen, die nur in Kirchen spielen konnten oder durften, wie die Band „Wutanfall“. Schließlich wurden die Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet, mit Händen und im Kopf – der Jugendlichen.

Doch diese Jahre waren nicht nur lustig und immer wieder ermutigend, da war die Angst. „Es gab kaum eine Nacht, in der ich nicht Angst hatte“, so Führer. Ab 1986 der Basiskreis für Ausreisewillige, der mit anderen Gruppen die „kritische Masse“ bildete. Man ließ sich nichts mehr vorschreiben, die Angst blieb. Der Angst gegenüber standen Mut und Glauben.

„Wollt Ihr auch weggehen!“ – dieses Wort aus der Bibel rief Führer 600 Menschen am 19. Februar 1988 zu. Und die kamen Montag für Montag – bis zum 9. Oktober 1989. 6.000 Menschen waren in den Stadtkirchen zu Leipzig, 60.000 davor. „Keine Gewalt“, jene wundersame Verkürzung der Bergpredigt – unglaublich. Ein Land wachte auf, die Menschen zeigten Gesicht. Und endlich: „Gott war erstmals bei den Unterdrückten, nicht bei den Unterdrückern.“

Dann der nicht ausgesuchte 9. November, der in Deutschland schrecklich besetzt ist. Trotzdem, die Mauer wurde friedlich gestürzt. Der 9. November als erste spektakuläre Folge des 9. Oktober.

Danach die materielle Abschaffung der DDR. Reichskriegsflaggen in der Montags-Demo, „Wir sind das Volk“ wurde zu „Deutschland einig Vaterland“, zu „Wir sind ein Volk“. Der verbale Schwachsinn auf kleinen Plakaten, nicht mehr zu ertragen. Die Kirche wurde von der institutionellen Parteipolitik, spätestens nach den Volkskammerwahlen, abgeschoben. Die Friedensgebete verloren die Masse der Betenden.

Pfarrer Führer (Foto: nnz) Pfarrer Führer (Foto: nnz)

Die angestrebte Einheit verlor ihre Gerechtigkeit, Christian Führer hatte einen Zwölf-Jahres-Plan im Kopf. Hätte sich eine neue Hymne für ein neues Land gewünscht. Geblieben ist die alte BRD mit 17 Millionen neuen Bürgern. Der Einheitstag der 3. Oktober, der Tag nach dem 2. Oktober – mehr nicht. Niemand konnte Führer bis heute sagen, warum der 3. Oktober als Tag der Einheit begangen wird und nicht der 9. Oktober?

Immer noch die Friedensgebete in der Nikolaikirche, 1990 wurde der Gesprächskreis für Arbeitslose gegründet. Gebete gegen die Kriege am Golf und auf dem Balkan. Von der Nikolaikirche gingen die Proteste gegen den drohenden Irak-Krieg aus. Immer wieder Proteste gegen Neonazis, die gaben dann auf. „Es muss ein Segen auf dieser Kirche liegen“. Sie ist auch in dieser neuen Zeit ein Hort der Hoffnung.

20 Jahre danach? Trotz aller Probleme, Krisen und mitunter auch Hoffnungslosigkeit: Es wird vieles heruntergeredet. Je länger die DDR zurückliegt, desto verschwommener der Blick zurück. Ostalgie und Westalgie müssen der Vergangenheit angehören. Dafür tiefgreifende Änderungen im Wirtschaftssystem, keinen Turbokapitalismus. Solidarische Ökonomie statt Profitgier.

Geschichts-Koffer (Foto: nnz) Geschichts-Koffer (Foto: nnz)

Alle Forderungen des 9. Oktober sind erfüllt. Erst stand die Nikolaikirche offen für alle, jetzt ist es Gesamt-Deutschland. Es gilt immer noch für Christian Führer: Wir sind das Volk! Immer noch!
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

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