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Sa, 10:30 Uhr
24.10.2009

Netzwerk wird ein Jahr alt

Das sind erschreckende Fakten: Jede vierte Frau in Deutschland im Alter von 18-85 Jahren wird von ihrem Beziehungspartner mindestens einmal geschlagen, vergewaltigt, beschimpft oder gedemütigt. Mehr als ein Drittel dieser Frauen wurde dabei sogar sehr schwer bis lebensbedrohlich misshandelt. Auch in Nordhausen gibt es solche Fälle...


Das belegt eine Studie „Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren Frauen und Jugend. Gut, dass es ein Netz von Beratungsangeboten gibt, das Opfern hilft. Am 1. Oktober 2008 wurde die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt in Nordhausen eröffnet. Seit dem wurden die zwei Sozialpädagoginnen Steffi Mayer und Patricia Bischoff in insgesamt 123 Fällen beratend tätig.

Ein überwiegender Teil der Fälle basiert auf dem so genannten pro-aktiven Zugang, bei dem die Polizei nach einem Einsatz von häuslicher Gewalt und nach einer Wegweisung des Täters den Hinweis an die Interventionsstelle übermittelt. Die Polizeibeamten senden der Interventionsstelle die erforderlichen Daten und Informationen per Fax, sofern das Opfer damit einverstanden ist. Die Erstberatung erfolgt telefonisch. Gelingt es den Beraterinnen nicht, die Betroffenen telefonisch zu erreichen, wird per Brief eine Beratung angeboten.

„Ohne das aktive Zugehen der Beratungsstelle hätten sich viele der KlientInnen keine Hilfe geholt, nahmen dann jedoch das Beratungsgespräch sehr dankbar an“, erzählt Frau Mayer. Beratungen vor dem Hintergrund von häuslicher Gewalt wurden in 97 Fällen durchgeführt, in 26 Fällen unterstützte die Interventionsstelle, die sich in Trägerschaft der Caritas Nordhausen befindet, Opfer von Stalking.

Nicht nur weibliche Opfer, sondern auch männliche Opfer erfuhren das Hilfsangebot der Kurzzeitberatung. Die Täter waren Familienmitglieder oder nahe Angehörige, die Ehepartner, Lebensgefährten, Eltern oder erwachsene Kinder sind.

Über 140 Kinder, unterschiedlichen Alters waren in Nordthüringen mit betroffen. Auch wenn in den meisten Fällen keine direkte Gewalt den Kindern gegenüber ausgeübt wurde, so gehen die Mitarbeiterinnen der Interventionsstelle doch von einer direkten Betroffenheit der Kinder aus. Denn die Hilflosigkeit des geschlagenen oder unterdrückten Elternteils, die anhaltende gestörte Kommunikation und natürlich die miterlebte Gewalt hinterlassen ihre Spuren.

Häusliche Gewalt zieht sich durch alle Bildungs- und Einkommensschichten. So können auch Steffi Mayer und Patricia Bischoff aus ihren Erfahrungen berichten. Immer wieder werden die Mitarbeiterinnen der Interventionsstelle mit unvorstellbarer Gewalt konfrontiert. Häusliche Gewalt reicht von körperlichen Misshandlungen bis hin zu Vergewaltigungen und Morddrohungen. Frau Mayer berichtet: „Nicht immer ist die Gewalt körperlicher Natur, sondern kann auch andere Formen, wie etwa psychische oder ökonomische Gewalt, annehmen.“

An den Folgen tragen die Betroffenen oft schwer, denn neben den körperlichen Verletzungen können seelischen Verletzungen besonders lang anhaltend sein und in psychische Erkrankungen münden. „Sie haben oftmals das Gefühl ihre eigene Handlungsfähigkeit eingebüßt, ihre eigenen Lebensvorstellungen aus dem Blick verloren zu haben- die Gewalt zieht all ihre Aufmerksamkeit und Energie auf sich.“, so Frau Mayer.

Gut zu wissen, dass die Betroffenen damit nicht allein gelassen werden. In der Interventionsstelle erhalten sie Information über rechtliche und persönliche Schutzmaßnahmen. Manche suchen und finden hier auch Rat und Beistand in einem schweren Entscheidungsprozess. Im Vordergrund der Beratung stehen immer Schutz und Sicherheit für das Opfer und deren Kinder.

Neben den ganz individuellen Sicherheitsmaßnahmen, beraten die Interventionsstellen-Mitarbeiterinnen auch über zivilrechtliche Schutzmöglichkeiten. Im Wege von Eil- Anordnungen kann das Gericht dem Opfer häuslicher Gewalt die gemeinsam genutzte Wohnung zur alleinigen Nutzung zuweisen sowie dem Täter ein Kontaktverbot mit dem Opfer aussprechen.

Viele Betroffene wagen den Schritt der Trennung nicht, weil sie sich in einer ambivalenten Situation befinden: Einerseits werden sie vom Täter misshandelt, andererseits ist das die Person, die sie einmal geliebt haben, die sie vielleicht auch geheiratet haben und mit der sie Kinder haben. Die Täter haben im Gegenzug oft eine gut funktionierende Taktik, indem sie den Opfern einreden, sie seien selber schuld an der Situation, oder ihnen mit dem Verlust der Kinder drohen. „Das macht es vielen Betroffenen sehr, sehr schwer auszubrechen.“ weiß Frau Mayer zu berichten.

Oft liegt der Mantel des Schweigens über Jahre hinweg auf einer Gewaltbeziehung- oft wird das Verhalten des Täters immer wieder entschuldigt und immer wieder versucht das eigene Verhalten noch „besser“ anzupassen. Aber Fachleute sprechen von der Gewaltspirale, da sich in Gewaltbeziehungen, Eskalationen nicht nur wiederholen sondern sich die Abstände zwischen den Eskalationen verkürzen können und das Ausmaß der Gewalt zunimmt.

Die Ursachen für die Gewalt sind vielfältig. Neben Alkohol- und Drogenmissbrauch, erhöhtem Stress und eigenen Gewalterfahrungen des Täters in der Kindheit, gibt es noch viele andere. „Die Ursache für das Schlagen liegt jedoch nicht am Opfer, sondern am Täter selbst und der Täter ist für seine Tat selbst verantwortlich“, so Steffi Mayer bestimmt.

Über die vier Landkreise Nordhausen, Kyffhäuser, Unstrut-Hainich und Eichsfeld erstreckt sich das Zuständigkeitsgebiet der Nordthüringer Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt. Die Beraterinnen nutzen deshalb neben ihrem Hauptsitz in Nordhausen bei Bedarf auch Beratungsräume der Caritas und anderen Kooperationspartnern in den verschiedenen Städten Nordthüringens. Ein gut funktionierendes Netzwerk in allen vier Landkreisen ist dabei von großer Wichtigkeit, um Opfern eine schnelle, unkomplizierte Hilfe gewährleisten zu können.

Frau Mayer und Frau Bischoff wissen: Opfer können es schaffen, die Gewaltspirale zu durchbrechen. Und ihre Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt in Nordhausen zeigt, wie die ersten Schritt in ein neues Leben ohne Gewalt aussehen können.

Betroffene können sich telefonisch unter 03631/467155 oder 03631/467157 an die Interventionsstelle wenden. Das Beratungsangebot ist kostenlos und vertraulich. In eskalierten Situationen sind besondere Schutzmaßnahmen notwendig. Diese können nur durch die Polizei eingeleiten werden. Deshalb ist es wichtig in akuten Notsituationen unter der bekannten Rufnummer 110 direkt Hilfe zu holen.

Die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking Nordthüringen befindet sich in der Domstraße 6 in Nordhausen und ist eines der vielfältigen Beratungsangebote der Caritas in Nordthüringen.
Autor: nnz

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