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Mo, 07:50 Uhr
19.10.2009

nnz-Doku: Rückblick in der Kirche

In Sollstedt ist gestern an die Kirchweihe der St. Petri-Kirche vor 132 Jahren erinnert worden. In der Kirche hielt der Sollstedter Bürgermeister Jürgen Hohberg eine Festansprache, in deren Mittelpunkt die Ereignisse in Sollstedt und der damaligen DDR vor 20 Jahren standen...


Ja, heute ist ein denkwürdiger Tag in diesem Jubiläumsjahr 2009. Vor fast genau 20 Jahren am 09.11.89 musste die DDR-Führung die Grenzen öffnen! Was war geschehen?

Natürlich kann ich nur aus meiner Wahrnehmung und persönlichen Erinnerung heraus heute nach 20 Jahren über diese aufregende Zeit resümieren. In der Kirchengemeinde Sollstedt, insbesondere einer kirchlichen Umweltgruppe, wurde schon damals und zwar seit längerer Zeit auf Missstände besonders angesichts des Umweltfrevels in der DDR und auf den Umgang der Staatsmacht mit Kritikern hingewiesen bzw. diese deutlich angeprangert.

Seit dem Sommer 1989 als viele insbesondere junge Menschen und Familien unser Land verließen, gab es fast synchron dazu auch das erste laute Aufmucken der Kalikumpel, insbesondere der Untertage tätigen Bergleute. Dies mündete im Kaliwerk in der Realisierung einer der ersten Forderungen einer so genannten Opposition mit dem Rücktritt der BGL (Betriebsgewerkschaftsleitung) und AGL (Abteilungsgewerkschaftsleitung).

Freie Wahlen war einer der noch zaghaft geäußerten Wünsche, eigentlich unsere Minimalforderung. Wir wollten damals in der DDR Veränderungen bewirken. Das waren auch die Ziele unserer gemeinsamen Friedensgebete und Fürbitten auch hier in der St. Elisabeth-Kirche, der Altendorfer Kirche in Nordhausen sowie der aktiven Teilnahme hunderter Sollstedter an den wöchentlichen Demo´s auf dem August-Bebel-Platz in Nordhausen. Wir wollten unsere Heimat nicht verlassen!

Uns war damals allerdings nicht klar, dass ein solches System des demokratischen Sozialismus oder von sogenannter sozialistischer Demokratie in der DDR wirtschaftlich nicht überlebensfähig war. Am 9. und 10. September 1989 wurde von mutigen Bürgerinnen und Bürgern unter der Führung von Bärbel Bohley das „Neue Forum“ in Ost-Berlin gegründet. Letztendlich machte uns das Mut, in Sollstedt formell die Bürgerinitiative Sollstedt (BIS) zu gründen. Der formelle Zusammenschluss von aufmüpfigen Bergleuten und der kirchlichen Umweltgruppe konnte allerdings nur unter dem Dach der Kirche erfolgen. Wir sind gemeinsam aufgestanden und haben uns formiert.

Schon im Dezember 1989 war uns in der Sollstedter Bürgerbewegung bewusst, dass politische und gesellschaftliche Veränderungen nur durch demokratische Machtausübung möglich sei. Deshalb entschlossen wir uns sehr zielorientiert, am 06.05.1990 für den Gemeinderat zu kandidieren, denn machtlos war das Volk 40 Jahre.

Unsere Rufe „Wir sind das Volk“ waren nicht mehr zu überhören bzw. ignorieren, sie mündeten in dieser Entscheidung. Im Gegensatz zur Wahrnehmung des „Neuen Forums“ im Bewusstsein der Wähler zur 1. freien Volkskammerwahl am 18.03.1990 in der DDR, bekam die BIS im Zusammenschluss mit der Kandidatin der damaligen Bauernpartei bei der Kommunalwahl am 06.05.1990 die absolute Mehrheit im Gemeinderat. Auch der Bürgermeister kam 1990 aus den Reihen dieser Bürgerbewegung.

So konnten wir in Sollstedt, ausgestattet mit dem großen Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger auch mit teilweise passiver Akzeptanz der Minderheiten im Gemeinderat, unsere konkreten Vorstellungen für die Entwicklung von Sollstedt in aktive Kommunalpolitik umsetzen. Unterstützung erhielten wir dabei von der damaligen SPD-Fraktion im Gemeinderat.

Die sich nunmehr nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch der DDR ergebene einmalige Chance einer friedlichen Wiedervereinigung unseres Vaterlandes wurde meines Erachtens insbesondere durch die Erkenntnisse und die Umsicht der Sowjetunion unter Führung von Michael Gorbatschow und der Christlich Demokratischen Union (CDU) unter der Führung vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl schnell erkannt und in Angriff genommen.

Dies wurde von den Deutschen in Ost und West mit großer Euphorie und Freude gefeiert. Auch mich machte das sehr glücklich. Es gibt aber kaum ein Wort oder eine Zeile, die meine persönlichen Empfindungen besser wiedergeben könnten, als das vom Mitglied der Bürgerinitiative, Barbara Hoefert verfasste Gedicht, dass ich Ihnen auch heute gern vortragen möchte.

Vorab möchte ich kurz noch so genannte „Goldene Worte“ zitieren, die mir aus der Seele sprachen und sprechen. Zum einen sind mir aus einer Predigt vom damaligen Probst Jäger zum 10. Jahrestag der Grenzöffnung noch die Worte in Erinnerung: Zitat: „Gorbatschow war ein Knecht Gottes“. Und zum anderen sind es die aktuell gesprochenen Worte der Bürgerrechtlerin und Gründerin des „Neuen Forums“, Bärbel Bohley, die 2009 sagte: „Im Nachhinein bin ich froh, dass die Einheit so schnell kam, sonst säßen vielleicht schreckliche Leute an manchen Stellen.“ Zum Abschluss als mein Schlusswort versuche ich mich am Gedicht von Barbara Hoefert aus dem Jahr 1997:

1. Ich hab auf dem Berge gestanden,
am Wendepunkt der Zeit.
Es war mir, als ob ich träumte;
das Land war hell und weit!

2. Ich sah in verklärte Gesichter
von Menschen mit Licht in der Hand.
Sie riskierten die freie Rede,
der Kleinmut war verbannt.

3. Im Geiste vereint mit den Großen;
Mit Jesus, mit Gandhi, mit King
riefen wir auf zur Gewaltlosigkeit,
von der unser Leben abhing.

4. Wir hörten die Stimme Jesu:
„Den Sanften gehört das Land!“
Ein Staat war zusammengebrochen
wie von unsichtbarer Hand.

5. Wir mussten zurück in die Täler;
da ging`s mit den Mühen gleich los!
Doch ich hab auf dem Berge gestanden
und dies Erlebnis bleibt groß!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!
Autor: nnz

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