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Fr, 07:02 Uhr
09.10.2009

Mehr als Erinnerungen

Seit 20 Jahren bin ich am 9. Oktober in Leipzig. Es ist ein innerer Zwang, es ist das bekannte „müssen“. Und da spielt es keine Rolle ob es eine physische Anwesenheit oder die geistige Verbundenheit, der Moment des Innehaltens ist. Vor 20 Jahren war ich Zeuge eines historischen Moments. War mitten drin, und trotzdem nur dabei...


Solche Momente kann man nicht zielgerichtet ansteuern, sie sind vielmehr dem Faktor Zufall unterworfen. So auch vor 20 Jahren. Ich studierte an der damaligen Fachschule für Journalistik in Leipzig, dort wo die ehemals nicht allzu stromlinienförmigen „Weiterleiter“ aus- und weitergebildet wurden. Und es war der Zufall, dass innerhalb dieses kombinierten Fern- und Direktstudiums das einmonatige Direktstudium für unser Studienjahr auf den Oktober 1989 festgelegt wurde.

Ich reiste also an jenem 9. Oktober 1989 nach Leipzig. Kurz nach 8 Uhr kam ich auf dem Hauptbahnhof an. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Stadt irgendwie anders aussah, vor dem Hauptbahnhof drängten Menschen in die Straßenbahnen. Und doch: Es wurde oft geflüstert, die Frauen und Männer waren anders. Nur die Schulinder lärmten. Was die Leipziger wussten, fühlten, ahnten: Heute Abend wird die Nikolaikirche wieder Anlaufpunkt für viele von ihnen sein. Es sollte der Moment der Entscheidung sein. Es wurde später als das Wunder von Leipzig tituliert.

Davon allerdings wurde mir und meinen Kommilitonen nicht allzu viel erzählt. Statt dessen die parteiliche Unterweisung auf eine bevorstehende Konterrevolution, Berichte von vermeintlichen Anschlägen auf Versorgungsbetriebe in Leipzig. Doch es machten auch Gerüchte die Runde in der Schule, dass sechs Leipziger (Masur, Meyer, Pommert, Wözel, Lange und Zimmermann) den Aufruf „Keine Gewalt“ verfassten. Dieser wurde über den damaligen Leipziger Stadtfunk verbreitet.

Am späten Nachmittag, an Unterricht oder Seminare war nicht mehr zu denken, zog eine kleine Gruppe von Studierenden (sagt man heute) los in Richtung Innenstadt. Der Straßenbahnverkehr war längst eingestellt. Wir kämpften uns vor zur Nikolaikirche. Tausende Menschen hatten sich versammelt und – es sind die unerforschten Spielregeln des Zufalls – stand ich neben Christian Führer, dem Pfarrer der Kirche im Herzen der Messestadt. Der Mann, der Geistliche hatte eine unvorstellbare Ausstrahlungskraft. Es war nicht die Jeanskluft, die er draußen vor der Kirche am Leibe hatte. Die Ausstrahlung kam von innen. Selbst in dieser angespanntesten Atmosphäre, die ich danach nie wieder erspürt hatte, war er der Ruhepol.

Dann die 70.000 auf dem Ring. Ich nicht mittendrin, aber dabei. Unvergesslich wärmend im Herz: „Wir sind das Volk, keine Gewalt!“ Doch weiterhin die Angst. In den Nebenstraßen lauerte die Macht des Staates. Weiter draußen – ein Taxifahrer erzählte es uns – Kampfgruppen, noch weiter draußen NVA.

Die Erlösung: Keine Gewalt, die erste friedliche Großdemonstration in der DDR. Die Mehrheit derer, die sich an diesem 9. Oktober, heute vor 20 Jahren, den Mut nahmen und auf die Straße gingen, die wollten nicht mehr als eine bessere, eine demokratischere DDR. Sie wollten aber auch nicht weniger. Sie wollten Bürgerechte, Menschenrechte, nicht die Vereinigung, nicht die D-Mark. Diese Forderungen kamen später, als die Gefahr nicht mehr da war auf die Straße zu gehen, die DDR begann sich aufzulösen. Da kamen die Polit-Wendehälse nach vorn, die noch zuvor in den Zentralen der Blockparteien hockten und Angst hatten.

In diesem Jahr werde ich erst am Samstag in der Heldenstadt sein. Die großen Feiern und großen Reden sind dann hoffentlich vorbei. Das ist gut so – an ihnen teilzuhaben ist eh nicht mein Ding. Ich werde für zehn Minuten in der Nikolaikirche verweilen, ausruhen, nachdenken, vielleicht wieder eine Kerze entzünden und fragen: Was ist aus den 70.000 geworden? Haben sich deren Wünsche oder Hoffnungen erfüllt? Hatte sich der Mut gelohnt? Fragen, auf die ich – auch 20 Jahre danach – immer noch keine vollständige Antwort finden kann.
Peter-Stefan Greiner
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Kommentare

11.10.2009, 20.47 Uhr
Windhauch | Lohnt sich Mut?
Ich wage die Antwort auf nur eine Frage: Der Mut jedes Einzelnen der insgesamt 70.000 Demonstranten hat sich sehr gelohnt!

Nicht nur, weil mit diesem Mut das Ende einer verkrusteten Politbüro-Ära eingeleitet wurde, nicht nur, weil durch den Mut der Tausenden ein Alleinvertretungsanspruch einer heiligen Kuh, nämlich der SED, hinweggefegt wurde, sondern weil insbesondere dieser Mut in jedem Einzelnen die bis in die heutige Zeit hineinragende Gewissheit erzeugt hat, dass der aufrechte Gang, die Zivilcourage tatsächlich etwas Positives bewirken.

Eine Gewissheit, die jederzeit von Nutzen ist!

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12.10.2009, 14.59 Uhr
denk-mal | es hat sich gelohnt.
Sicherlich sind nicht alle glücklich geworden, sicherlich hat man sich so diese Änderung nicht vorgestellt. Und viele wollten ein wenig Sozialismus und ein wenig Marktwirtschaft. Alle hatten die Hoffnung, dass es besser werden wird.

Aber es ist bis heute nicht geklärt, was besser ist, mit einer vollen Geldbörse, vor einem leeren Schaufenster stehen (DDR) oder mit einer leeren Geldbörse vor einem vollem Schaufenster stehen (BRD) oder anders ausgedrückt, einen Job haben der sicher ist, aber für das verdiente Geld nicht alles kaufen können (Mangelwirtschaft) oder keinen oder nur zeitweise einen Job zu haben, aber sich alles kaufen können, wenn man es denn könnte (Überflussgesellschaft).

Trotzdem ohne staatliche Gängelei, ohne Bevormundung, ohne Zwangsanpassung, ohne sich ständig verbiegen und sich selbst verleugnen zu müssen, ohne Repressalien weil man katholisch oder evangelisch ist, keine Benachteiligung weil der Vater Handwerksmeister oder Pfarrer ist, leben zu können ist unschätzbar wertvoll, gleichberechtigt zu sein auch wenn man parteilos ist.

Ja, man kann jetzt im Sommer Holzkohle kaufen, und man merkt nicht mehr daran, dass es Weihnachten wird, weil es Kubaorangen und Bananen gibt. Es ist trotz, bei allem für und wider ein großes Glück, dass vor zwanzig Jahren die Ossis Mut hatten (wenn manche auch erst Dienstags und nicht schon Montags) und entschlossen waren Demokratie zu erstreiten.

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