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Mo, 10:50 Uhr
17.08.2009

nnz-Serie: Wende-Zeiten (1)

Die nnz beginnt heute mit einer Serie, die an die friedliche Revolution in der damaligen DDR vor 20 Jahren erinnern soll. nnz-Autor Hans-Georg Backhaus hat nicht nur die Ereignisse des Jahres 1989 aufgearbeitet, sondern blickt in diesem ersten Teil noch weiter zurück.


Herbst 1989 – Zeit der Demos und der Kerzen. Zeit des Umbruchs und des Neubeginns. Vor 20 Jahren geschah im sozialistischen Teil Deutschlands etwas, dass man von der Brachialität und zeitlichen Abfolge her weder im Osten noch im Westen jemals für möglich gehalten hätte: Bürger aus allen Schichten besinnen sich ihrer Kraft, überwinden Zurückhaltung und Anpassung. Sie gehen auf die Straße und rufen den Mächtigen unmissverständlich zu: WIR SIND DAS VOLK! Schon kurze Zeit später bricht ein System, das vorgab, nach den Lehren von Marx und Engels die Gesellschaft zu gestalten und einzig auf das Wohl des Volkes bedacht zu sein, wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Bereits ein knappes Jahr danach gibt es die DDR nicht mehr.

Doch auch 20 Jahre nach der friedlichen Revolution tauchen immer wieder Fragen auf: Was waren die Gründe für das Aufbegehren? Was geschah hier eigentlich? War es denn wirklich eine Revolution? Gab es so etwas wie vorrevolutionäre Strömungen und Gruppierungen? Und wenn ja – wo und wie agierten sie? Wer waren ihre Wortführer? Und was vollzog sich im Kreis Nordhausen? Fragen über Fragen. Hier soll der Versuch unternommen werden, Antworten zu geben und in Auszügen darzustellen, wie die Menschen in der DDR, vor allem die Bürger des Kreises Nordhausen, die Zeiten vor und während der Wende erlebten.

Die Gründung der DDR 1949 (Foto: Bundesarchiv) Die Gründung der DDR 1949 (Foto: Bundesarchiv)

Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) wurde am 7. Oktober 1949 im Bereich der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) gegründet. Dies geschah nur wenige Monate nach der Verkündung des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949, wodurch die Teilung Deutschlands faktisch eingeleitet wurde. Die DDR verstand sich laut erster Verfassung als „unteilbare Republik und baut sich auf den deutschen Ländern auf“. Alle bürgerlichen Rechte und Freiheiten waren in der Verfassung formal verankert, auch wenn danach nie wirklich gelebt werden konnte.

Der Begriff Sozialismus tauchte noch nicht auf. Doch schon im Juli 1952 wurden auf dem Gebiet der DDR mit der Einführung des so genannten „demokratischen Zentralismus“ die Länder aufgelöst und in Bezirke umgewandelt. Thüringen wurde in die Bezirke Erfurt, Gera und Suhl aufgeteilt. Nordhausen gehörte zum Bezirk Erfurt. Bereits seit Oktober 1950 – hier fanden die Wahlen zur 1. Volkskammer statt - gab es schon keine Parteienwahlen mehr. Die wahlberechtigten Bürger mussten sich mit den Einheitslisten der Nationalen Front begnügen. Und es wurde von jedem Wahlberechtigten erwartet, von seinem Stimmrecht auch Gebrauch zu machen. Auf den Listen waren nur noch die Namen der Kandidaten aufgeführt. Somit war nicht erkennbar, welcher Kandidat welcher Partei oder Massenorganisation angehörte. Mehrheitlich waren auf den Listen Mitglieder der SED vertreten. Diese Partei beanspruchte in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens dauerhaft eine führende Rolle.


Neben der SED, die im Osten Deutschlands aus der Vereinigung (oft wurde und wird auch von einer Zwangsvereinigung gesprochen) von KPD und SPD hervorgegangen war, gab es noch die bürgerlichen bzw. bäuerlich und national geprägten Parteien. Dazu zählten die Christlich-Demokratische Union Deutschlands (CDU – gegründet am 26. Juni 1945), die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (zunächst LDP, später LDPD – gegründet am 5. Juli 1945), die Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD – gegründet am 29. April 1948) und die National-Demokratische Partei Deutschlands (NDPD – gegründet am 25. Mai 1948). Bei den beiden letztgenannten Parteien fungierte die SED faktisch als „Geburtshelfer“.

Alle Parteien waren mit der SED im Demokratischen Block vereint. Offiziell wurde immer wieder versichert, dass die bürgerlichen Parteien eigenständig seien. Zwar gab es vor allem Ende der 1940er-/Anfang der 1950er Jahre immer wieder Versuche, bürgerliches und großbäuerliches Denken und Handeln bei der Gestaltung der Gesellschaft einfließen zu lassen. Doch die SED saß am längeren Hebel und verstand es kraft ihres Machtanspruchs und mit Unterstützung der sowjetischen Besatzungsmacht derlei Bestreben massiv zu unterdrücken und schreckte auch nicht vor Repressalien gegen Mitglieder, nicht selten auch und vor allem gegen führende Köpfe der CDU und LDPD, zurück.

Etwa Mitte der 1950er Jahre schwenkte das bis dato noch bürgerlich ausgerichtete Parteienlager mehr und mehr auf die Linie der SED ein und verankerte schließlich den Begriff Sozialismus in den Parteistatuten als gemeinsames Ziel aller Schichten der Bevölkerung der DDR. Der sozialistische deutsche Staat sah in den Folgejahren seine obersten Ziele darin, das materielle und kulturelle Lebensniveau des Volkes stetig zu erhöhen, das gesellschaftliche System des Sozialismus immer weiter zu vervollkommnen und schließlich die Grundlagen für den Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft zu schaffen. So hieß es im offiziellen Sprachgebrauch.

Es war nicht von der Hand zu weisen, dass es in der DDR allmählich aufwärts ging. Den Kunst- und Kulturschaffenden boten sich breite Entfaltungsmöglichkeiten. Die Arbeits- und Lebensbedingungen verbesserten sich Schritt für Schritt, auch wenn beispielsweise vor allem die Wohnungsfrage trotz erheblicher Anstrengungen nicht zu lösen war. Zwischen 1966 und 1968 wurde schrittweise die Fünf-Tage-Arbeitswoche eingeführt, Kindergeld und Urlaub kontinuierlich erhöht. Und wer bis zur Vollendung des 26. Lebensjahres den Bund fürs Leben schloss, wurde vom Staat mit einem zinslosen Ehekredit bedacht.

Nach dem dritten Kind brauchte nichts mehr zurückgezahlt werden. Die Mieten waren äußerst niedrig. Lebensmittel, vor allem die Grundnahrungsmittel, wurden großzügig subventioniert. Schon bald galt die DDR innerhalb des sozialistischen Lagers als Staat mit dem höchsten Lebensstandart. Selbst westdeutsche Politiker kamen nicht umhin, dies zu unterschiedlichen Anlässen und Zeiten mal mehr, mal weniger deutlich einzuräumen. Und es gab nicht wenige Stimmen, die gar die Auffassung vertraten, das wahre Wirtschaftswunder habe sich nicht in der BRD sonder in der DDR vollzogen.

Berücksichtigt man, dass Westdeutschland über Jahrzehnte massive wirtschaftliche Hilfe von den USA erhielt, während die DDR – auch wenn sie sich nie als Nachfolgestaat des faschistischen Deutschen Reiches betrachtet hat - enorme Reparationszahlungen in Geld und Waren an die Sowjetunion zu leisten hatte, war diese These so abwegig nicht.

Ab Ende der 1960er Jahre wurde in der Bundeshauptstadt Bonn sozial-liberal regiert, für die DDR rollte alsbald die Anerkennungswelle und in Helsinki kam 1975 die KSZE-Schlussakte (KSZE – Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) unter Dach und Fach. Die Welt schien zu neuen Ufern aufzubrechen. Ein Staat wie die DDR wollte und konnte da nicht zurückstehen. Doch dieser Zustand sollte nicht lange währen. (Wird fortgesetzt)
Hans-Georg Backhaus
Autor: nnz

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