Di, 15:02 Uhr
07.07.2009
Verfolkte aller Länder vereinten sich
Am Wochenende lief in Rudolstadt das legendäre tff, das Festival für Folk, Roots und Weltmusik. Für die nnz war Olaf Schulze vor Ort und John Kahnes fing einige Impressionen mit der Kamera ein.
Das ging schon sehr gut los. Knapp 3.000 Leute versammelten sich am Donnerstagabend auf der Rudolstädter Heidecksburg, die von den Einheimischen aber tapfer Schloss genannt wird. Die Kroaten La Cherga heizen trotz hochsommerlicher Temperaturen den erwartungsfrohen tff-Gästen 2009 so richtig ein. Sie können in ihrer Musik nicht verbergen, dass ihre Heimat Jahrhunderte lang von den Türken besetzt war und der eine oder andere osmanische Ton Eingang in die Volksmusik fand. Als Hauptact dann die New Yorker Kapelle Gogol Bordello mit dem durchgeknallten Gypsy-Punker Eugene Utz und seinen osteuropäisch, israelischen und amerikanischen Musikern, die einen wilden Crossover zelebrierten, in dem Balkan- und Zigeunermusik, aber auch wildester Punk und Polka friedlich nebeneinander her tobten. Und da sind wir auch schon mittendrin im Grundgedanken des Festivals für Folk, Roots und Weltmusik: Völkerverständigung durch Musik.
Mit dem Schwerpunktland Russland, dass am Freitagabend die Burg – pardon, das Schloss – massiv okkupierte und vom Moskauer Fanfarenzug Paskava it überging zum Moscow Art Trio, das mit den Thüringer Sinfonikern die Michail-Alperin-Komposition Village variations erstmals in Deutschland aufführte. Davon ungerührt war Oleg Kostrow, dessen Elktropopfolk etwas an Handyklingeltöne erinnerte – aber der Jugend gefiel es so gut, dass sie ausgelassen dazu tanzte. Im gleichen Zeitraum hingen schwer und tragisch die 6/8 Takte überm Heinepark, denn dort war die legendäre Chicago Blues Band zugange. Auf dem Marktplatz der Residenzstadt hatten sich hervorragende Lautenspieler aus aller Herren Länder versammelt und stellte das magische Instrument 2009 in einem Sonderkonzert vor. Einmal mehr hatte sich der große Musiker und Musikwissenschaftler Wolfgang Meyerling ins Zeug gelegt, um ein Instrument und seine Spielarten zu beleuchten.
Samstagvormittag der obligatorische, diesmal sehr kurze Regen über Rudolstadt, der kaum die staubigen Straßen benetzte und sofort wieder verdunstete. Kinderfest im Park, Bratendüfte in der Luft, Spielleute an allen Ecken der Stadt, in der Instrumentenmachergasse eine Kakophonie der Klangmöglichkeiten und überall spürbar gute Laune, denn einem unterhaltsamen Tagesprogramm folgten außergewöhnliche Abendkonzerte. Auf der Bu...dem Schloss die Ruth-Verleihung für Aly Keita, Hans Söllner und Brave Old World, danach die fantastischen Deadly Gentlemen mit ihrem CountryHipHopfolkjazzpunk als Einstimmung auf die große SingerSongwriter-Lady Lucinda Williams, bei deren Konzert der Schlosshof krachevoll war. Gleichzeitig spielten im Park die Schotten Capercaillie für meinen Geschmack etwas zu poppig auf, aber die kleine Enttäuschung wurde im Konzertzelt mit dem grandiosen Auftritt der dänischen Band Valravn sofort entschädigt. Was die Jungs um die Färöer Sängerin Anna Katrin Egilströd in einer perfekten Mischung aus alten Instrumenten und modernen Tunes produzierten, riss die Besucher zu Begeisterungsstürmen hin. Dazu die charismatische Frontfrau, die ihre Stimme als Instrument einsetzt, gleich während des Konzertes live sampelt und ihr Publikum um den kleinen Finger wickelt. Zudem waren die Musiker den ganzen Tag unterwegs, um vom Nordkap (mit 4° Tageshöchstwerten) nach Rudolstadt zu eilen und dort abends zu konzertieren. La Brass Banda ließen es nachts um 1 Uhr noch mal so richtig krachen bzw. brassen und der Sonntag als Abschlusstag konnte kommen.
Auf der Marktbühne hopsen schwule Schuhplattler, singen drei israelische Mädchen wunderbare Lieder, im alten Rathaus erzählt die chinesische Sängerin Gong Linna ihr Leben, Hans Söllner wird im Schminkkasten von Mike Kemp interviewt und die Sonne brennt heiß auf die nunmehr 70.000 Festivalgäste. Im Park finden die Kasai Allstars das Wetter absolut toll und zelebrieren die Musik und Tänze ihrer afrikanischen Heimat nur leicht mit einem Leopardenfesll bekleidet. Allerdings keine Kriegstänze, wie Festivaldirektor Uli Doberenz betont. Weswegen aus den Tanzschwerpunkten Männer- und Werbetänze auch die Werbetänze gestrichen wurden. Zu schnell hätte da der eine oder andere Tänzer sein Tomahawk schwingen können und das passt nun wirklich nicht zum friedlichsten aller deutschen Sommerfestivals.
Die Violons Barbares geben im Konzertzelt ein Jazzkonzert, das hin und wieder an die indische Kultband Shakti gemahnt, was wohl dem filigranen Einsatz der Tablas zu verdanken ist. Auf dem Marktplatz steigt das Abschlusskonzert und die letzten paar Tausend Standhaften erklimmen erneut die ...das Schloss, wo The Great Bertholinis ein wahrhaft großes Konzert geben und mit ihrem 18-jährigen Trompeter Gabor (der weder 18 noch Gabor ist) schon einmal auf das Instrument 2010 einstimmen: die Trompete. Dem König der Revolte in Bayern, dem Barden Hans Söllner bleibt es vorbehalten, mit seiner Reggaeband das tff 2009 ausklingen zu lassen.
Es war wieder ein schönes Fest, es war wieder anders als alle Jahre zuvor und doch beständig im eingangs erwähnten Grundanliegen. Immer wieder tun die Organisatoren neue Spielstätten auf, immer wieder ist der erprobte Besucher überrascht, was alles noch geht beim tff (auch Schiller und Daniil Charms kommen da eben mal zu Wort).
Nun dürfen wir gespannt sein auf das 20. im kommenden Jahr mit den Stepptänzen als Schwerpunkt und dem Länderschwerpunkt Europa. Da stimmt dann die Bezeichnung Länderschwerpunkt erstmals auch grammatisch. Aber ich will hier nicht rummäkeln. Denn es gibt an dieser genialen Veranstaltung einfach nichts zu meckern. Und wenn Sie mir das nicht glauben, dann fragen Sie doch die zigtausend anderen Leute, die schon mal dort waren. Oder fahren Sie im nächsten Juli selbst hin.
OLAF SCHULZE
Autor: nnzDas ging schon sehr gut los. Knapp 3.000 Leute versammelten sich am Donnerstagabend auf der Rudolstädter Heidecksburg, die von den Einheimischen aber tapfer Schloss genannt wird. Die Kroaten La Cherga heizen trotz hochsommerlicher Temperaturen den erwartungsfrohen tff-Gästen 2009 so richtig ein. Sie können in ihrer Musik nicht verbergen, dass ihre Heimat Jahrhunderte lang von den Türken besetzt war und der eine oder andere osmanische Ton Eingang in die Volksmusik fand. Als Hauptact dann die New Yorker Kapelle Gogol Bordello mit dem durchgeknallten Gypsy-Punker Eugene Utz und seinen osteuropäisch, israelischen und amerikanischen Musikern, die einen wilden Crossover zelebrierten, in dem Balkan- und Zigeunermusik, aber auch wildester Punk und Polka friedlich nebeneinander her tobten. Und da sind wir auch schon mittendrin im Grundgedanken des Festivals für Folk, Roots und Weltmusik: Völkerverständigung durch Musik.
Mit dem Schwerpunktland Russland, dass am Freitagabend die Burg – pardon, das Schloss – massiv okkupierte und vom Moskauer Fanfarenzug Paskava it überging zum Moscow Art Trio, das mit den Thüringer Sinfonikern die Michail-Alperin-Komposition Village variations erstmals in Deutschland aufführte. Davon ungerührt war Oleg Kostrow, dessen Elktropopfolk etwas an Handyklingeltöne erinnerte – aber der Jugend gefiel es so gut, dass sie ausgelassen dazu tanzte. Im gleichen Zeitraum hingen schwer und tragisch die 6/8 Takte überm Heinepark, denn dort war die legendäre Chicago Blues Band zugange. Auf dem Marktplatz der Residenzstadt hatten sich hervorragende Lautenspieler aus aller Herren Länder versammelt und stellte das magische Instrument 2009 in einem Sonderkonzert vor. Einmal mehr hatte sich der große Musiker und Musikwissenschaftler Wolfgang Meyerling ins Zeug gelegt, um ein Instrument und seine Spielarten zu beleuchten.
Samstagvormittag der obligatorische, diesmal sehr kurze Regen über Rudolstadt, der kaum die staubigen Straßen benetzte und sofort wieder verdunstete. Kinderfest im Park, Bratendüfte in der Luft, Spielleute an allen Ecken der Stadt, in der Instrumentenmachergasse eine Kakophonie der Klangmöglichkeiten und überall spürbar gute Laune, denn einem unterhaltsamen Tagesprogramm folgten außergewöhnliche Abendkonzerte. Auf der Bu...dem Schloss die Ruth-Verleihung für Aly Keita, Hans Söllner und Brave Old World, danach die fantastischen Deadly Gentlemen mit ihrem CountryHipHopfolkjazzpunk als Einstimmung auf die große SingerSongwriter-Lady Lucinda Williams, bei deren Konzert der Schlosshof krachevoll war. Gleichzeitig spielten im Park die Schotten Capercaillie für meinen Geschmack etwas zu poppig auf, aber die kleine Enttäuschung wurde im Konzertzelt mit dem grandiosen Auftritt der dänischen Band Valravn sofort entschädigt. Was die Jungs um die Färöer Sängerin Anna Katrin Egilströd in einer perfekten Mischung aus alten Instrumenten und modernen Tunes produzierten, riss die Besucher zu Begeisterungsstürmen hin. Dazu die charismatische Frontfrau, die ihre Stimme als Instrument einsetzt, gleich während des Konzertes live sampelt und ihr Publikum um den kleinen Finger wickelt. Zudem waren die Musiker den ganzen Tag unterwegs, um vom Nordkap (mit 4° Tageshöchstwerten) nach Rudolstadt zu eilen und dort abends zu konzertieren. La Brass Banda ließen es nachts um 1 Uhr noch mal so richtig krachen bzw. brassen und der Sonntag als Abschlusstag konnte kommen.
Auf der Marktbühne hopsen schwule Schuhplattler, singen drei israelische Mädchen wunderbare Lieder, im alten Rathaus erzählt die chinesische Sängerin Gong Linna ihr Leben, Hans Söllner wird im Schminkkasten von Mike Kemp interviewt und die Sonne brennt heiß auf die nunmehr 70.000 Festivalgäste. Im Park finden die Kasai Allstars das Wetter absolut toll und zelebrieren die Musik und Tänze ihrer afrikanischen Heimat nur leicht mit einem Leopardenfesll bekleidet. Allerdings keine Kriegstänze, wie Festivaldirektor Uli Doberenz betont. Weswegen aus den Tanzschwerpunkten Männer- und Werbetänze auch die Werbetänze gestrichen wurden. Zu schnell hätte da der eine oder andere Tänzer sein Tomahawk schwingen können und das passt nun wirklich nicht zum friedlichsten aller deutschen Sommerfestivals.
Die Violons Barbares geben im Konzertzelt ein Jazzkonzert, das hin und wieder an die indische Kultband Shakti gemahnt, was wohl dem filigranen Einsatz der Tablas zu verdanken ist. Auf dem Marktplatz steigt das Abschlusskonzert und die letzten paar Tausend Standhaften erklimmen erneut die ...das Schloss, wo The Great Bertholinis ein wahrhaft großes Konzert geben und mit ihrem 18-jährigen Trompeter Gabor (der weder 18 noch Gabor ist) schon einmal auf das Instrument 2010 einstimmen: die Trompete. Dem König der Revolte in Bayern, dem Barden Hans Söllner bleibt es vorbehalten, mit seiner Reggaeband das tff 2009 ausklingen zu lassen.
Es war wieder ein schönes Fest, es war wieder anders als alle Jahre zuvor und doch beständig im eingangs erwähnten Grundanliegen. Immer wieder tun die Organisatoren neue Spielstätten auf, immer wieder ist der erprobte Besucher überrascht, was alles noch geht beim tff (auch Schiller und Daniil Charms kommen da eben mal zu Wort).
Nun dürfen wir gespannt sein auf das 20. im kommenden Jahr mit den Stepptänzen als Schwerpunkt und dem Länderschwerpunkt Europa. Da stimmt dann die Bezeichnung Länderschwerpunkt erstmals auch grammatisch. Aber ich will hier nicht rummäkeln. Denn es gibt an dieser genialen Veranstaltung einfach nichts zu meckern. Und wenn Sie mir das nicht glauben, dann fragen Sie doch die zigtausend anderen Leute, die schon mal dort waren. Oder fahren Sie im nächsten Juli selbst hin.
OLAF SCHULZE




































