Di, 15:36 Uhr
02.06.2009
Esperanto in Herzberg
Am vergangenen Pfingstwochenende genauer vom 28.05. bis zum 03.06. 2009 fanden in Herzberg am Harz gleich zwei Esperanto-Kongresse statt. Über dieses Ereignis in unserer westlichen Nachbarstadt berichtet ein nnz-Leser, der zu DDR-Zeiten selbst Mitglied der Esperanto-Bewegung war.
Die beiden Kongresse waren der 86-a Germana Esperanto-Kongreso und der 8-a Europa-Kongreso Alles verstanden? Na klar, denn Esperanto erhebt für sich den Anspruch, eine relativ leicht erlernbare internationale Plansprache zu sein. Die Frage nach einer Welthilfsspracheoder helpolingvo, wie sie oft in Kreuzworträtseln gestellt wird, hören die Esperantisten unter sich auch Espis genannt übrigens überhaupt nicht gern, denn der Ausdruck Hilfssprache erinnert doch zu sehr an etwas Unvollkommenes.
Die kleine Harzstadt Herzberg wurde dieses Jahr nicht zufällig Austragungsort eines Europäischen Esperanto-Kongresses, der von etwa 360 Teilnehmern aus 28 Ländern besucht wurde. Nein, hier existiert eine der engagiertesten Esperanto-Gruppen de Germanio! Ihr Leiter ist schon seit Jahrzehnten Peter Zilvar. Inzwischen ist Herzberg auch stolz darauf, den Titel Esperantostadt führen zu dürfen. Herzberg beherbergt nicht nur viele Esperanto-Gäste aus aller Welt, es ist auch der Standort des Interkultura Centro Herzberg (ICH), zu dem die Stadt sogar Hinweisschilder aufgestellt hat. Dort findet man auch eine umfangreiche und wohlgeordnete Sammlung verschiedenster Medienträger. Ebenso werden dort regelmäßig Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene angeboten.
Esperanto ist die bisher erfolgreichste von etwa 950 bekannten mehr oder weniger ausgearbeiteten Plansprachenprojekten. Ihr Urheber ist der jüdisch-polnische Augenarzt Ludvik Lejzer Zamenhof (Samenhof gesprochen, 1859-1917). Die Grundlagen der Sprache wurden 1887 veröffentlicht. Der erste Esperanto-Weltkongress fand 1905 in der nordfranzösischen Stadt Boulonge statt.
Nicht nur die jüdische Herkunft des Autors des Esperanto hat den Anhängern dieser Sprache die besondere Verfolgung durch einige diktatorische Regime eingebracht. Das deutsche NS-Regime verbot jeglichen Esperanto-Unterricht. Auch während der Diktatur Stalins waren Esperatisten Verfolgungen ausgesetzt. Fast die gesamte Verwandtschaft Zamenhofs wurde in KZ's umgebracht.
Die Verdächtigung und Verfolgung von Esperantisten ist eines der dunkelsten Kapitel des real existierenden Sozialismus In der DDR wurde das sowjetische Verbotsdekret von 1949 erst 1961 wieder aufgehoben. Die DDR-Esperantisten waren danach im Kulturbund organisiert und wurden auch in gewissem Maße auch gefördert, aber insbesondere ihre Auslandskorrespondenz wurde vom MfS wahrscheinlich lückenlos überwacht. Die Stasi hatte mit den Esperantisten auch alle Hände voll zu tun. Als ehemals aktiver Esperantist weiß ich, dass einige Mitglieder mittels Esperanto-West-Kontakten ihre Flucht teilweise erfolgreich organisieren konnten. In fast jeder Esperanto-Gruppe gab es mindestens einen IM.
Der Name Esperanto leitet sich von dem Pseudonym seines Erfinders Dr. Esperanto ab. Esperanto heißt für sich genommen nichts anderes als Der Hoffende. Dieses Substantiv ist wiederum von dem Verb esperi = hoffen bzw. dem Substantiv espero = Hoffnung abgeleitet. Esperanto funktioniert wie auch weitgehend das Deutsche nach dem Baukastenprinzip. Dies macht die Sprache sehr kreativitätsfördernd und flexibel. Die Grammatik ist vollkommen regelmäßig, steht aber z.B. bei der Bildung von Zeitformen natürlichen Sprachen in nichts nach. Die meisten Wörter entstammen romanischen Sprachen, der zweitgrößte Anteil der Wörter hat germanische Wurzeln. Zamenhof hat die Sprache so konstruiert, dass sie von den meisten Europäern und natürlich auch Amerikanern gerade auch wegen des Bekanntheitgrades ihrer Wortwurzeln wesentlich schneller als natürliche Fremdsprachen erlernbar ist. Sehr viel Wert wird auf die Neutralität der Sprache gelegt. Das bedeutet, dass sie niemandes Muttersprache sein darf. Bei natürlichen Sprachen hat der Muttersprachler immer einen gewaltigen Vorsprung in der Sprachkompetenz gegenüber jemandem, der diese Sprache erst später als Fremdsprache erlernt hat. Weiterführendes ist im Internet zu finden.
Kritiker und teilweise auch Sprachwissenschaftler ohne ausreichende Sachkenntnis wenden oft ein, dass eine künstlich geschaffene Sprache niemals mit den kulturellen Erfahrungen einer natürlich gewachsenen lebendigen Sprache mithalten könne. Sie vernachlässigen dabei allerdings, dass sich Esperanto ständig weiterentwickelt und mit anderen Sprachen wechselwirkt. Auch der Weiterentwicklung von Naturwissenschaft und Technik passt sich das Esperanto ständig an.
Man wird jetzt vielleicht fragen, warum sich diese Plansprache bisher nicht durchsetzen konnte. Dies liegt vor allem an der immer noch weit verbreiteten Unkenntnis darüber auch in sogenannten gebildeten Bevölkerungsschichten. Wer sich wirklich eine objektives Meinung über die Möglichkeiten und Grenzen dieser außergewöhnlichen Sprache machen will, der muss dazu schon Insider werden, also die Sprache mindestens auf Anfängerniveau erlernen und sie auch in der Gemeinschaft mit anderen Esperantisten erproben.
Für viele (Sprach-)Begabte stellt Esperanto wohl auch eine zu geringe Herausforderung dar. Außerdem möchten Menschen, die mehrere Sprachen halbwegs gut beherrschen, ihren sozialen Kompetenzvorteil natürlich nicht durch die Verbreitung einer Art internationalen Volkssprache gefährdet sehen. Auch deshalb wird Esperanto von den weltweiten mehrsprachigen Eliten eher ver- als beachtet.
Im Zuge der ständigen Erweiterung der EU könnte Esperanto allerdings neue Beachtung finden. Schon jetzt entsprechen den 27 EU-Staaten auch mindestens ebenso viele Sprachen, wenn man Regionalsprachen wie z.B. das Katalanische und Baskische hinzurechnet. Das Englische wird als Verkehrssprache nicht von allen EU-Völkern akzeptiert. Insbesondere in Frankreich regt sich dagegen seit langem Widerstand. Auch in Deutschland formiert sich Widerstand gegen die Dominanz des Englischen in der EU. So zitiert der Verein Deutsche Sprache e.V. (VDS) in seinen Sprachnachrichten vom Januar 2007 den Wirtschaftswissenschaftler Francois Grin, welcher behauptet: Großbritannien macht angesichts der Vorherrschaft der englischen Sprache in Europa ein jährliches Plus von 17-18 Mrd. . Das ist 1 % des britischen Brutto-Inlandsprodukts. Grin plädiert u.a. für die Durchführung einer umfassenden, lang anhaltenden Informationskampagne in der EU über sprachliche Benachteiligung und die Vorzüge des Esperanto. Die Einführung von Esperanto als interne Arbeitssprache der EU-Organe brächte laut Grin der EU eine Ersparnis von jährlich 25 Mrd. . Francois Grin ist überzeugt, daß 85 % der EU-Bürger daran ein unmittelbares und offensichtliches Interesse haben müßten, schreiben die Sprachnachrichten weiter.
Seit 2008 gibt es die politische Vereinigung Europa Demokratie Esperanto (EDE) sie tritt am 7. Juni auf Liste 24 zur Europawahl an.
Auf dem Herzberger Kongress fragte ich den Vorsitzenden des Deutschen Esperanto Bundes, Dr. Rudolf Fischer, ob die Deutschen sich nicht an Frankreich ein Beispiel nehmen und selbst auch ein GESUNDES Nationalbewusstsein entwickeln sollten, statt sich sklavisch von angloamerikanischen Sprachimperialisten kolonisieren zu lassen. Fischer antwortete darauf, er habe eher den Eindruck, die Deutschen würden sich selbst kolonisieren.
Ich hoffe, ich habe mit diesem Beitrag etwas Interesse an einer außergewöhnlichen aber fast vergessenen Sprache geweckt. Am Rande des Kongresses entstand übrigens auch eine Initiative für eine Neubelebung von Esperanto in Thüringen. Aber für interessierte Nordhäuser ist ja auch Herzberg nicht weit entfernt. Wer Idealisten und Querdenker kennenlernen und ausgefahrene Gleise verlassen will, ist dort sicherlich gut aufgehoben.
Jörg Birkefeld
Autor: nnz/knDie beiden Kongresse waren der 86-a Germana Esperanto-Kongreso und der 8-a Europa-Kongreso Alles verstanden? Na klar, denn Esperanto erhebt für sich den Anspruch, eine relativ leicht erlernbare internationale Plansprache zu sein. Die Frage nach einer Welthilfsspracheoder helpolingvo, wie sie oft in Kreuzworträtseln gestellt wird, hören die Esperantisten unter sich auch Espis genannt übrigens überhaupt nicht gern, denn der Ausdruck Hilfssprache erinnert doch zu sehr an etwas Unvollkommenes.
Die kleine Harzstadt Herzberg wurde dieses Jahr nicht zufällig Austragungsort eines Europäischen Esperanto-Kongresses, der von etwa 360 Teilnehmern aus 28 Ländern besucht wurde. Nein, hier existiert eine der engagiertesten Esperanto-Gruppen de Germanio! Ihr Leiter ist schon seit Jahrzehnten Peter Zilvar. Inzwischen ist Herzberg auch stolz darauf, den Titel Esperantostadt führen zu dürfen. Herzberg beherbergt nicht nur viele Esperanto-Gäste aus aller Welt, es ist auch der Standort des Interkultura Centro Herzberg (ICH), zu dem die Stadt sogar Hinweisschilder aufgestellt hat. Dort findet man auch eine umfangreiche und wohlgeordnete Sammlung verschiedenster Medienträger. Ebenso werden dort regelmäßig Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene angeboten.
Esperanto ist die bisher erfolgreichste von etwa 950 bekannten mehr oder weniger ausgearbeiteten Plansprachenprojekten. Ihr Urheber ist der jüdisch-polnische Augenarzt Ludvik Lejzer Zamenhof (Samenhof gesprochen, 1859-1917). Die Grundlagen der Sprache wurden 1887 veröffentlicht. Der erste Esperanto-Weltkongress fand 1905 in der nordfranzösischen Stadt Boulonge statt.
Nicht nur die jüdische Herkunft des Autors des Esperanto hat den Anhängern dieser Sprache die besondere Verfolgung durch einige diktatorische Regime eingebracht. Das deutsche NS-Regime verbot jeglichen Esperanto-Unterricht. Auch während der Diktatur Stalins waren Esperatisten Verfolgungen ausgesetzt. Fast die gesamte Verwandtschaft Zamenhofs wurde in KZ's umgebracht.
Die Verdächtigung und Verfolgung von Esperantisten ist eines der dunkelsten Kapitel des real existierenden Sozialismus In der DDR wurde das sowjetische Verbotsdekret von 1949 erst 1961 wieder aufgehoben. Die DDR-Esperantisten waren danach im Kulturbund organisiert und wurden auch in gewissem Maße auch gefördert, aber insbesondere ihre Auslandskorrespondenz wurde vom MfS wahrscheinlich lückenlos überwacht. Die Stasi hatte mit den Esperantisten auch alle Hände voll zu tun. Als ehemals aktiver Esperantist weiß ich, dass einige Mitglieder mittels Esperanto-West-Kontakten ihre Flucht teilweise erfolgreich organisieren konnten. In fast jeder Esperanto-Gruppe gab es mindestens einen IM.
Der Name Esperanto leitet sich von dem Pseudonym seines Erfinders Dr. Esperanto ab. Esperanto heißt für sich genommen nichts anderes als Der Hoffende. Dieses Substantiv ist wiederum von dem Verb esperi = hoffen bzw. dem Substantiv espero = Hoffnung abgeleitet. Esperanto funktioniert wie auch weitgehend das Deutsche nach dem Baukastenprinzip. Dies macht die Sprache sehr kreativitätsfördernd und flexibel. Die Grammatik ist vollkommen regelmäßig, steht aber z.B. bei der Bildung von Zeitformen natürlichen Sprachen in nichts nach. Die meisten Wörter entstammen romanischen Sprachen, der zweitgrößte Anteil der Wörter hat germanische Wurzeln. Zamenhof hat die Sprache so konstruiert, dass sie von den meisten Europäern und natürlich auch Amerikanern gerade auch wegen des Bekanntheitgrades ihrer Wortwurzeln wesentlich schneller als natürliche Fremdsprachen erlernbar ist. Sehr viel Wert wird auf die Neutralität der Sprache gelegt. Das bedeutet, dass sie niemandes Muttersprache sein darf. Bei natürlichen Sprachen hat der Muttersprachler immer einen gewaltigen Vorsprung in der Sprachkompetenz gegenüber jemandem, der diese Sprache erst später als Fremdsprache erlernt hat. Weiterführendes ist im Internet zu finden.
Kritiker und teilweise auch Sprachwissenschaftler ohne ausreichende Sachkenntnis wenden oft ein, dass eine künstlich geschaffene Sprache niemals mit den kulturellen Erfahrungen einer natürlich gewachsenen lebendigen Sprache mithalten könne. Sie vernachlässigen dabei allerdings, dass sich Esperanto ständig weiterentwickelt und mit anderen Sprachen wechselwirkt. Auch der Weiterentwicklung von Naturwissenschaft und Technik passt sich das Esperanto ständig an.
Man wird jetzt vielleicht fragen, warum sich diese Plansprache bisher nicht durchsetzen konnte. Dies liegt vor allem an der immer noch weit verbreiteten Unkenntnis darüber auch in sogenannten gebildeten Bevölkerungsschichten. Wer sich wirklich eine objektives Meinung über die Möglichkeiten und Grenzen dieser außergewöhnlichen Sprache machen will, der muss dazu schon Insider werden, also die Sprache mindestens auf Anfängerniveau erlernen und sie auch in der Gemeinschaft mit anderen Esperantisten erproben.
Für viele (Sprach-)Begabte stellt Esperanto wohl auch eine zu geringe Herausforderung dar. Außerdem möchten Menschen, die mehrere Sprachen halbwegs gut beherrschen, ihren sozialen Kompetenzvorteil natürlich nicht durch die Verbreitung einer Art internationalen Volkssprache gefährdet sehen. Auch deshalb wird Esperanto von den weltweiten mehrsprachigen Eliten eher ver- als beachtet.
Im Zuge der ständigen Erweiterung der EU könnte Esperanto allerdings neue Beachtung finden. Schon jetzt entsprechen den 27 EU-Staaten auch mindestens ebenso viele Sprachen, wenn man Regionalsprachen wie z.B. das Katalanische und Baskische hinzurechnet. Das Englische wird als Verkehrssprache nicht von allen EU-Völkern akzeptiert. Insbesondere in Frankreich regt sich dagegen seit langem Widerstand. Auch in Deutschland formiert sich Widerstand gegen die Dominanz des Englischen in der EU. So zitiert der Verein Deutsche Sprache e.V. (VDS) in seinen Sprachnachrichten vom Januar 2007 den Wirtschaftswissenschaftler Francois Grin, welcher behauptet: Großbritannien macht angesichts der Vorherrschaft der englischen Sprache in Europa ein jährliches Plus von 17-18 Mrd. . Das ist 1 % des britischen Brutto-Inlandsprodukts. Grin plädiert u.a. für die Durchführung einer umfassenden, lang anhaltenden Informationskampagne in der EU über sprachliche Benachteiligung und die Vorzüge des Esperanto. Die Einführung von Esperanto als interne Arbeitssprache der EU-Organe brächte laut Grin der EU eine Ersparnis von jährlich 25 Mrd. . Francois Grin ist überzeugt, daß 85 % der EU-Bürger daran ein unmittelbares und offensichtliches Interesse haben müßten, schreiben die Sprachnachrichten weiter.
Seit 2008 gibt es die politische Vereinigung Europa Demokratie Esperanto (EDE) sie tritt am 7. Juni auf Liste 24 zur Europawahl an.
Auf dem Herzberger Kongress fragte ich den Vorsitzenden des Deutschen Esperanto Bundes, Dr. Rudolf Fischer, ob die Deutschen sich nicht an Frankreich ein Beispiel nehmen und selbst auch ein GESUNDES Nationalbewusstsein entwickeln sollten, statt sich sklavisch von angloamerikanischen Sprachimperialisten kolonisieren zu lassen. Fischer antwortete darauf, er habe eher den Eindruck, die Deutschen würden sich selbst kolonisieren.
Ich hoffe, ich habe mit diesem Beitrag etwas Interesse an einer außergewöhnlichen aber fast vergessenen Sprache geweckt. Am Rande des Kongresses entstand übrigens auch eine Initiative für eine Neubelebung von Esperanto in Thüringen. Aber für interessierte Nordhäuser ist ja auch Herzberg nicht weit entfernt. Wer Idealisten und Querdenker kennenlernen und ausgefahrene Gleise verlassen will, ist dort sicherlich gut aufgehoben.
Jörg Birkefeld


























