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Sa, 12:30 Uhr
24.08.2002

"Aufstieg statt Ausstieg"

Nordhausen (nnz). Die scheinbar gängige Floskel von „Null Bock“ als Zeiterscheinung von Jugendlichen, die nun ihr Ende gefunden habe, war in dieser Woche in vielfachen Abwandlungen Thema in den Medien. Es ging dabei um das Ergebnis der inzwischen in 14. Auflage erschienen Shell-Studie, die nnz bereits wiederholt erläuterte.


Es geht in dieser Studie um die Wertebestimmung der jungen Generation (12 ­ 25 Jahre) in Deutschland. Man kann dieses hochinteressante Ergebnis einfach nach seinem Inhalt umreißen, ohne es weiter zu kommentieren (siehe Tageszeitung vom 20. August), man kann es aber auch als Grundlage zu Überlegungen nehmen, was von dieser Jugend für die Zukunft zu erwarten ist. Und die Äußerungen der befragten Jugendlichen stimmen ganz grundsätzlich recht optimistisch.

Nun erscheint diese Studie gerade zu einem Zeitpunkt, in der wieder einmal die Wahl zum Bundestag vor der Tür steht. Stellt man diesen Umstand in ein Verhältnis zu jenem grundsätzlich positiven Ergebnistenor, muss man freilich von jenem Optimismus beträchtliche Abstriche machen. Da nämlich zeigt sich, dass zwar die überwältigende Mehrheit (88 Prozent) dieser Jugend toll aussehen und zu 82 Prozent Karriere machen möchte, an Politik aber mit 34 Prozent nur mäßig interessiert ist.

Nun kommt allerdings auch für noch so gut aussehende Teenies der Zeitpunkt, in dem es nicht mehr hauptsächlich darum geht, begehrenswert zu erscheinen und Markenkleidung zu tragen wie 78 Prozent der 2500 befragten Jugendlichen angeben, sondern wirkliche und dauerhafte Werte gefragt sind. Und welcher Partei man am 22. September seine Stimme gibt, damit die eigenen Interessen im Parlament bestmöglich vertreten werden.

Das ist schon deshalb von Bedeutung, weil eigentlich mit dieser bemerkenswerten Wertebestimmung, auf die nnz noch speziell eingehen wird, verbunden sein sollte, in politischer Hinsicht die Weichen zu stellen. Nun hatte es ja zum Beispiel nach dem Massaker in der Erfurter Gutenberg-Schule den Anschein, als würden sich Jugendliche auf ihre Möglichkeiten und ihre Bedeutung besinnen, als könne die dort ansatzweise erkennbar gewordene Bewusstseinsbildung junger Menschen in bildungspolitischer Hinsicht zu einem Anliegen oder gar Programm mit beispielgebender Wirkung auf breiter Front führen. Stattdessen blieb nach jenen programmatischen Ansätzen nur Empfindlichkeit übrig, die sich schließlich mit psychologischer Betreuung und Besänftigung zufrieden gab.

Dabei sollte sich diese Jugend mit der Tatsache auseinander setzen, dass es zunehmend schwerer wird, jung zu sein: Die Arbeitslosigkeit erfasst in zunehmenden Maße junge Menschen und erstmals sogar Akademiker unter 30 Jahren; die Altersversorgung ist ungesichert und die Einsicht tut Not, dass man als junger Mensch immer weniger auf der Gewinnerseite der Gesellschaft steht. Klare und nicht immer bequeme Entscheidungen sind unvermeidlich.

Und dazu gehört gerade jetzt auch noch diese politische Entscheidung ­ der Entschluss nämlich, in vier Wochen zur Wahl zu gehen. Und auf einmal zeigt man kein Engagement, keine Zuversicht, sondern stimmt ein Klagelied an, das man wohl von den Älteren gehört hat: „Es hört doch keiner auf uns“ und „die machen ja doch was sie wollen“. Eine Fernsehdiskussion mit Politikern - Angela Merkel und Claudia Roth - zeigte die Positionen auf: Die Politiker sind die Bösen, die Jungen sind die Guten.

Sie würden sich ja schon politisch engagieren, behaupten die Guten. Dann aber kommen Aussagen, die in ihrer Floskelhaftigkeit auch von den langweiligsten Politikern kaum überboten werden können: Die Politiker sprechen nicht unsere Sprache, sie seien zu populistisch, gar korrupt. Die Bonusmeilen-Problematik ist immer ein wollkommenes Schlagwort. Und: In einer Partei müsste man sich anpassen, der Parteilinie folgen. Die Zusammenfassung: Die Politik sei selber schuld, wenn die U30 nicht zur Wahl gehen will. Wenn in jeder Hinsicht sonst Gestaltungswille, zumindest ­bereitschaft betont wird: in politischer Hinsicht jedenfalls nicht.

Dabei wäre es gerade hier nötig, Engagement zu zeigen: Politik und demokratische Gestaltung lebt von Mehrheiten. Und die Mehrheit wird zunehmend von den Älteren bestimmt. Im Jahr 2040 wird jeder zweite Erwachsene älter als 55 sein. Und nicht nur die Politik kann die weniger werdenden Jungen vernachlässigen, auch die Unterhaltungsindustrie hat z.B. festgestellt, dass die Über-30jährigen mittlerweile die wichtigere Zielgruppe ist.

Es liegt also an der Jugend einzusehen, dass die Politik sie weniger braucht als die Jungen die Politik, um dort für ihre Interessen einzutreten. Und die Gelegenheit ist doch günstig: wo kann man schneller Karriere machen als in der Politik? Zumindest für den Einstieg muss man noch nicht einmal wirklich qualifiziert sein, wie leicht nachzuweisen ist.

Wie dem auch sei, sollte für die Jugend auch in politischer Hinsicht die Zeit der Verweigerung vorbei sein, sie müssen sagen, was sie wollen, so, wie sie es ja zunehmend auch in den anderen Bereichen tun, wenn man dem Ergebnis der Shell-Studie folgt. Selbstmitleid jedenfalls steht ihr nicht zu. Und was den 22. September betrifft: Es ist eine gute Gelegenheit, zu zeigen, dass man bei der Bereitschaft zum Engagement kein Sachgebiet ausklammert.
Autor: nnz

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