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Do, 07:06 Uhr
22.08.2002

Hochwasser - ein Blick zurück

Nordhausen (nnz). Angesichts katastrophaler Schäden und Verluste, die allein in den Bundesländern Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt in den letzten Tagen durch schwere Überschwemmungen verursacht wurden, hört man derzeit immer wieder, dass es eine Jahrtausendflut bzw. ein noch nie da gewesenes Ereignis sei. Mit derartigen Meldungen sollte man sehr vorsichtig umgehen!


Sicher ist, dass zumindest in den letzten 200 Jahren keine vergleichbaren Hochwasser an der Elbe gemessen wurden. Um aber Hinweise über das Auftreten von extremen, sehr schweren Hochwassern eines weitaus größeren Zeitraums - etwa von 1400 bis um 1900 - zu erhalten, müssen andere Wege begangen werden. Seit Jahren arbeiten daher Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen (so z. B. Geographen, Historiker, Hydrologen, Ingenieure für Wasserbau etc.) zusammen. Bei den Untersuchungen werden zunächst alle erreichbaren originären historischen Angaben über Hochwasserereignisse eines Fließgewässers u. a. aus alten Chroniken oder aus den Akten staatlicher Fachbehörden herausgezogen und anschließend quellenkritisch bewertet. Bei den Informationen handelt es sich zum Beispiel um Augenzeugenberichte über die Hochwasserursachen (Schneeschmelze, Starkregen, lange andauernder Regen usw.), um Beschreibungen zum Hochwasserverlauf (u. a. zum Zeitpunkt des höchsten Wasserstandes), Listen mit detaillierten Angaben zu den Schäden und Verlusten oder um Karten, auf denen die Überschwemmungsflächen vergangener Flutkatastrophen eingetragen wurden.

Darüber hinaus enthalten viele Archivalien auch Nachrichten über Hilfsaktionen, die man schon in früheren Jahrhunderten durchgeführt hat, um die Hochwasseropfer möglichst schnell mit etwas Geld, trockener Kleidung und Nahrung zu versorgen. Dieser sehr heterogene Materialbestand über historische Hochwasser kann nur interdisziplinär ausgewertet werden.

Während man mit wenigen Berichten/ Daten kaum hinlänglich sichere Aussagen über ein historisches Hochwasser treffen kann, ist das mit einer entsprechend großen und quellenkritisch gesicherten Materialbasis durchaus möglich. Ein Vergleich der Altdaten bzw. deskriptiven Informationen aus dem Zeitraum von etwa 1500 bis um 1900 mit neueren, „harten“ Zahlen bzw. Messwerten der letzten 100 Jahre ist allerdings sehr schwierig.

Trotz Einschränkungen und durchaus berechtigter Einwände (u. a. von einigen Bauingenieuren und Hydrologen häufig geäußert) lassen sich mit dem beschriebenen Forschungsansatz Informationen gewinnen, die auch für aktuelle Fragestellungen von Interesse sind. Dazu gehören zum Beispiel Informationen über die Lage und Größe von Flächen, die i. d. R. äußerst selten und nur bei sehr schweren Hochwassern in den letzen 3 Jahrhunderten überschwemmt wurden. An dieser Stelle sei hier u. a. auf Überschwemmungskarten von Dresden verwiesen. Sie wurden von einer Erfurt-Göttinger Arbeitsgruppe in den letzten Jahren in Archiven und Bibliotheken gefunden. Abgebildet sind die sog. „Inundationszonen““ während der Katastrophenhochwasser der Elbe in den Jahren 1784 (Pegel Dresden: 8, 57 m), 1799 (Pegel Dresden: 8,24 m) und 1845 (Pegel Dresden: 8,77 m).

Ferner sind auch alte Pegelreihen des 19. Jahrhunderts von verschiedensten Messpunkten (u. a. von Pegeln an der Saale, Mulde und Unstrut) interessant. Sie wurden, entgegen anders lautender Meinungen nicht im II. Weltkrieg zerstört. Vielfach lückenlos erhalten, geben sie in Form tagtäglicher Wasserstandsdaten Auskunft über das Auftreten und den Verlauf von Hochwassern zwischen etwa 1817 und 1910. Ergänzend dazu konnten übrigens auch für einige Pegelstellen Pläne bzw. Zeichnungen vom genauen Pegelstandort (Pegelnull) sowie vom Zustand der Gerinne an den Messstellen gefunden werden. Trotz vieler Einwände einzelner Fachvertretern lassen sich so zumindest annähernd genaue Aussagen über die Häufigkeiten und über die Schwere von Hochwassern treffen, die zwischen ca. 1817 und ca. 1910 - also noch vor dem Beginn der modernen Messungen abgelaufen sind. Dadurch kann - bei aller Vorsicht - unser bislang kleines Zeitfenster der „harten Daten“ (ca. 1900 bis heute) um rund 80 Jahre in die Geschichte hinein vergrößert werden.

Darüber hinaus eröffnen die Forschungen aber auch einen interessanten Einblick in die Reaktionen von Menschen bzw. staatlichen Institutionen angesichts einer extremen Hochwassersituation. Vielfach sind Parallelen zu heutigen Strategien erkennbar. Wie die Auswertung umfangreicher Berichte und amtlicher Unterlagen aus dem 18. und 19. Jahrhundert ergab, waren schon in dieser Zeit sehr viele Bürger bereit, in den Katastrophengebieten u. a. bei den Aufräumungsarbeiten freiwillig mit zu helfen. Auch gaben Tausende für die sog. „Wasser-Calamitosen“ Geld- und Sachspenden. So half man zum Beispiel in den Jahren 1830 und 1845 auch in Thüringen, nachdem u. a. im Raum Wittenberg und nahe Magdeburg Dörfer und Städte im Elbwasser versunken waren. Wie heute stürzten dort nach Deichbrüchen Häuser, Scheunen, Viehställe usw. ein. Und wie heute verloren viele Familien binnen Stunden alles, was sie sich mit Mühe aufgebaut hatten.

Nach Meinung des Verfassers wäre es ein gutes Zeichen, wenn möglichst viele Thüringer die gute Tradition, Menschen in den Hochwassergebieten mit einer Geldspende zu unterstützen, jetzt - im Sommer 2002 - fortgesetzt wird!
Mathias Deutsch, Umwelthistoriker
Autor: nnz

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