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Di, 16:15 Uhr
27.01.2009

nnz-Forum: Nicht ich als wir

Die nnz hatte heute über Redegewohnheiten in der Politik berichtet. Unter dem Motto: „Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Kaiser, König von Preußen“ die Wortmeldung eines nnz-Lesers im Forum...


Herr Greiner übte heute eine recht interessante Kritik an der rhetorischen Entgleisung unserer Oberbürgermeisterin und ihrer Beigeordneten von SPD und CDU: „Wir als Stadt Nordhausen“. Er donnert dem ein trotziges „Auch ich bin Nordhausen!“ entgegen. Mag sein, dass Herr Greiner so fühlte.

Ich möchte mich hingegen nicht mit einer Stadt, auch wenn ich ihr viel verdanke, gleichsetzen. Ich bin Bürger der Bundesrepublik und dieser Kommune, und ich möchte für beide Verantwortung tragen. Aber ich bin auch Familienvater, Angestellter, Vereins- und Mitglied einer demokratischen Partei. Nebenbei auch Teetrinker und Meider aller Talkshows. Die Aufzählung könnte ich beliebig fortsetzen. Aber, was ich ganz gewiss nicht bin, ist „Nordhausen“.

"Ich kenne keine Parteien mehr, kenne nur noch Deutsche!" Das klingt arg nach „Wir sind Deutschland“ vielleicht auch ein bisschen nach „Wir als Nordhausen“. Wilhelm II. sagte dies am 26. August 1914 unmittelbar nach der Mobilmachung zum 1. Weltkrieg. Heute vor 150 Jahren wurde der spätere Kaiser geboren.

Nun will ich hier keine Hommage auf den Hohenzollernherrscher schreiben. Der sah sich selbst noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Traditionen des preußischen Gottesgnadentums und des deutschen Kaisers aus der Gunst des Schicksals. Nein, Wilhelm der II, unter dessen Herrschaft das Deutsche Reich nach Weltmacht strebte, der persönliche Mitverantwortung für den Tod von Millionen während und nach dem 1. Weltkrieg trug, ist kein Ruhmesblatt im Buch unserer Geschichte. Er war ein notorischer Liberalen-, Sozialisten- und Judenhasser. Unter seiner Herrschaft wurden zwar zaghafte Anfänge parlamentarischer Demokratie im Reich gewagt, Deutschland blieb aber insgesamt ein reaktionäres Gemeinwesen, gegründet auf Klassenschranken und ungezügeltem Nationalismus gegenüber seine Nachbarn. Und das deutsche Volk hat mitgemacht.

Nie wäre es gegen den Widerstand breiter Schichten zum 1. Weltkrieg gekommen. Die Mitverantwortung der Täter, die Frage nach der Schuld und dem Gewissen des Einzelnen beginnt lange vor dem Nationalsozialismus. Auch in „unserem Nordhausen“ wurde 1914 für Gott, Kaiser und Vaterland gejubelt.

Vielleicht kann ich die Persönlichkeit Wilhelms II. dahingehend würdigen, wenn ich ihn als Menschen betrachtet, der das Produkt engstirnigen aber allgemein anerkannten Klassendünkels und einer vergifteten Atmosphäre der Geringschätzung allen Fremden darstellt. Wer heute über Elitenbildung, gerade unter der „wirtschaftlichen und politischen Elite“ Deutschlands und Europas redet, müsste sich dieses Kaisers erinnern.

Noch immer soll es massenhaft Eltern geben, die ihren Kindern, natürlich nur zu deren Besten, zu allseitigen Höchstleistungsmaschinen heranbilden wollen. Damit aus Ihnen mal was wird! So haben es die eigentlich liberalen Eltern Wilhelms mit ihrem körperlich behinderten und sehr sensiblen Kind auch gehandhabt. Wirklich geliebt wurde er indes nie.

Wilhelm II. verkörperte in seiner Herrschaft einen Anspruch auf die Ausschließlichkeit der eigenen Macht. Und die meisten Deutschen folgten ihm mit dem selben Machtanspruch. Sie gaben in seinem Namen mehr oder weniger einvernehmlich den Anspruch auf persönliche Freiheit und Verantwortung für die Gestaltung des eigenen Lebens auf. Der Staat, repräsentiert durch den Kaiser, dachte und handelte für den Einzelnen. Er gab den Menschen vermeintlichen Halt und Geborgenheit, auch wirtschaftliche Prosperität und soziale Sicherheit in einer sich rasant wandelnden und bedrohlich wirkenden Welt.

Nur wenige in Deutschland sahen die Gefahr, die in diesem Gesellschafts- und Lebensmodell liegt und den Preis, der hierfür zu zahlen war. Auch die Liberalen Deutschlands ließen sich vom Taumel des Staates und des Nationalismus einfangen. Und nur wenige der Sozialdemokraten widerstanden dieser Versuchung, die Deutschland in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts führte.

Die Auseinandersetzung mit dem Wilhelminischen Gesellschaftsmodell und der Person des Kaisers ist für freiheitliches Denken höchst aktuell. Natürlich wird es keine Wiederholung geben, die kommt in der Geschichte nie vor. Aber wohin das Versagen der Verantwortung des einzelnen Menschen, das Herumtrampeln auf seinen Rechten und seiner Würde im Namen eines Höheren und das Ausschweigen von Menschlichkeit führt, bleibt wie ein Mahnmal, auf dessen Sockel dieser Kaiser steht.

„Wir sind Deutschland“ und auch „Wir als Nordhausen“ enthält den gleichen Pluralis majestatis, den „Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Kaiser, König von Preußen“ beanspruchte. Ich möchte nicht, dass irgendjemand von mir als „Wir“ in diesem Plural spricht. Er ist ein Ausdruck des Beherrscht- und des Fremdbestimmtseins. Weil ich statt dessen die Freiheit liebe, deshalb wähle ich FDP.
Klaus-Uwe Koch, ein Liberaler aus Nordhausen
Autor: nnz

Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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Kommentare
Peppone
27.01.2009, 23:41 Uhr
König von Nordhausen
Das ein Liberaler aus Nordhausen, noch dazu jemand der sich um ein liberales Mandat bemüht, sein Kreuz bei der FDP macht überrascht mich jetzt nicht. Das wäre ja auch schlimm, wenn das nicht so wäre.

Was mich aber noch viel mehr zum Schmunzeln gebracht hat, ist der Vergleich, der hier indirekt getätigt wird. Nun mögen sie ja im Nordhäuser Rathaus sein wie sie wollen, ein bisschen mehr Weitblick über die Stadtgrenze hinaus würde mir persönlich auch besser gefallen, aber das hier haben sie nun wirklich nicht verdient.
Ich mag auch nicht daran glauben, dass demnächst Stapelläufe von Panzerkreuzern auf Nordhäuser Kiesteichen stattfinden. Wozu denn auch.
Ich sehe es mal ganz unvoreingenommen, es ist bei den Stadtoberen sicher nicht der Pluralis majestatis, sondern der Pluralis modestiae. Bei Seifenkistenpiloten kann es eigentlich nur der sein.

Ein bisschen Spass muss schließlich auch mal sein.

MH
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