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Mo, 07:16 Uhr
18.08.2008

Woanders hin

Auf Kunst und Kultur „hält“ man viel im Nordhausen des Rathauses: Picasso-Ausstellung, Millionen für das Theater, eine Jugendkunstschule. Täglich Erfolgsmeldungen. Einer der national renommiertesten Künstler verläßt seine Heimatstadt. Die nnz hat sich mit ihm unterhalten...


Ein wenig Chaos herrscht schon in der Thomas-Mann-Straße 6. Im Erdgeschoß stapeln sich die Umzugskartons. Dort, wo er jetzt sitzt, dort wurde Gerd Mackensen 1949 geboren. Es ist sein Elternhaus, erbaut von seinem Großvater. Es ist zu eng geworden, Nordhausen ist ihm zu eng geworden. Er will hier nicht sterben, mit 59 erscheint es ihm geboten, die Veränderung, mit der er sich seit Jahren herumplagt, anzugehen.

Woanders hin (Foto: nnz) Woanders hin (Foto: nnz)

„Entweder die Situation beherrscht dich oder du die Situation“, diesen Widerspruch lösen Gerd Mackensen und seine Frau. Jetzt. Morgen kommt die Spedition. Er wolle nicht die Weltreise machen, aber noch mal was anderes sehen, woanders arbeiten. Er wolle sich selbst und seine Nächsten unter einem anderen Dach, in einem anderen Garten sehen.

Der andere Garten, das andere Dach, sie sind in Bebra, einen Ortsteil von Sondershausen. Hier hat er – gemeinsam mit einem seinem Sohn Sylvester – die Möglichkeit, die Abfahrt des vielleicht letzten Zuges zu erheischen, der ein einziges Ziel hat: Etwas eigenes aufbauen, nicht hineingeboren zu werden – und zu enden. Es ist eine alte Schule, jahrelang stand sie leer. Er, Mackensen, der wohl einzige Nordhäuser Künstler, dem das freie Lexikon „Wikipedia“ einen Eintrag wert ist, er schaute schon lange nach den neuen, den wirklich eigenen vier Wänden, in denen er sich noch einmal verwirklichen kann.

Eine Schule in Göllingen, vielleicht ein Bauernhof, irgendwo da draußen in den Weiten des Kyffhäuserkreises, dort wo Hase, Igel und Fuchs als Motiv herhalten müßten? „Draußen und dennoch mittendrin“, so könnte man die neue Heim- und Werkstatt der Mackensens verorten, wie es neudeutsch heißt. Hier sollen die menschlichen und die künstlerischen Wurzeln noch einmal in den Boden eindringen. Und wie bei einer botanischen Verwurzelung, so sind Freunde und Bekannte auch bei dieser Durchdringungen des Erdenreiches von Nutzen. Sie heißen Müller, Kreyer oder Hengstermann. Sie sind Bekannte, Freunde, manche „nur“ Kommunalpolitiker. Und dennoch: sie freuen sich über den prominenten Zuzug.

In Sondershausen scheint man das zu würdigen, scheint man die etwas größere Antenne für Kunst und Kultur ausfahren zu dürfen. Nein, nicht nur das Schloß, das Orchester oder das achteckige Haus da oben über der Stadt – Kunst ist in Sondershausen mehr. Gerd Mackensen will sie einatmen, aufsaugen, auf der Haut spüren, in den Bronchien. Sein Kollege Heinz Scharr habe einmal gesagt, in Nordhausen gebe es eine betonierte Gesellschaft, die Menschen hätten ein schweres Gemüt, in Sondershausen hingegen sei das Verständnis für Kultur und der Umgang mit ihr irgendwie anders. Wie Klima woanders anders ist. Es ist da, man spürt es. Man kann es nur nicht beschreiben, geschweige denn definieren.

Gerd Mackensen – er sagt das nicht so direkt – zieht sich bewußt zurück. Diese Verhaltensweise ist ihm wichtig. Er bestimmt das Handeln, eine Flucht – nein – die wäre aufgezwungen. Obwohl er auch Bühnenbildner ist und jahrelang am Theater arbeitete – nur, nur, nur Theater ist zu wenig für eine Stadt wie Nordhausen. Künstlich verordnen kann man keine Kunst. Sicher, auch er hat Aufträge bekommen. Mehr nicht. Er geht einfach, „ich liege mit der Stadt nicht in Fehde. Ich gehe einfach woanders hin. Punkt.“

Das Haus, in dem Gerd Mackensen vor 59 Jahren geboren wurde, gehört ab morgen zur Familiengeschichte. Geschichte jedoch ist ein Fluß, der nicht versiegt. Er zwängt sich durch Spalten, besänftigt Steine und zischt nach unten, sammelt Erfahrungen in sich auf. Panta Rhei – alles fließt – Gerd Mackensen läßt sich jetzt nach Sondershausen treiben. Schade für Nordhausen...
Peter-Stefan Greiner


Mehr zu Gerd Mackensen gibt es hier.
Autor: nnz/kn

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