Fr, 11:24 Uhr
15.08.2008
Auf der Spur von Immigranten
Die erste Spur zur prähistorischen Siedlung bei Himmelgarten hatte der Nordhäuser Bodendenkmalpfleger Kurt Lützendorf aufgenommen, als er bei einer Flurbegehung auf einem Feld Keramik-Scherben gefunden hatte. Jetzt, mehr als 10 Jahre später, ist ein Berliner Archäologie-Professor samt Studenten zurückgekehrt...
Professor Michael Meyer (rechts), daneben Danny Falley – ein junger Nordhäuser, der im Herbst sein Archäologie-Studium aufnimmt
Hier am Fundort, mitten im Getreidefeld will das Team auf 40 mal 5 Metern quasi jeden Stein umzudrehen, jede Verfärbung im Boden unter die Lupe zu nehmen und jede Scherbe aus dem Boden zu klauben, abzupinseln und fein säuberlich in Kartons abzulegen: Professor Michael Meyer und seine 18 Studenten vom Institut für Prähistorische Archäologie an der Freien Universität sind noch bis zum Monatsende auf den Spuren der so genannten Przeworsk-Kultur, und gehen mit Grabungen dem Fund von Herrn Lützendorf im Wortsinne auf den Grund.
Meine Hypothese, der wir mit den Grabungen nachgehen, lautet: Die Gegend um Nordhausen war im 2. Jahrhundert vor Christus das Ziel von Einwanderern aus dem heutigen Süd- und Mittelpolen. Denn die Scherben, die bei Himmelgarten gefunden worden waren, die sind ungewöhnlich, gehören von ihrer Beschaffenheit her eigentlich nach Schlesien, in die Nähe der Oder, und nicht hierher an die Unstrut. Das wissenschaftlich Interessante sei, diesen Beweis mit archäologischen Methoden anzutreten. Und deshalb sei die archäologische Untersuchung bei Nordhausen zugleich als Lehrgrabung für seine Studenten deklariert.
Der Professor vermutet, dass rund um die Grabungsstelle damals knapp 60 Menschen auf drei Hofstellen gesiedelt haben. Und schon diese Lage, nämlich an der Peripherie der damaligen Siedlungszentrums, nahe am weniger fruchtbaren Bundsandstein deuten darauf hin, dass sich hier Menschen erst später niedergelassen haben, ein weiteres Indiz, dass hier Zugereiste gelebt haben, so Meyer. Die Zuwanderer seinen wohl gekommen wegen des fruchtbaren Bodens in der Goldenen Aue.
Weitere Hinweise zur Stärkung der Einwanderer-Hypothese stammten aus der Gegend um die Bielener Kiesseen, aus einem römischen Gräberfeld: Dort wurden die verbrannten menschlichen Überreste nicht wie hier üblich mit einer Urne beigesetzt sondern ohne Behältnis im Brandgrubengrab; zum anderen wurden sie mit ihren Waffen beerdigt – auch dies war für die damaligen `Einheimischen´ nicht typisch, weil die Leiber in dieser Gegend eigentlich verbrannt wurden und die Asche ohne Waffenbeigaben in die Erde kam. Also lautet die Vermutung: Es waren Einwanderer, die hier beigesetzt wurden.
Und auch die bisherigen Funde seiner Studenten passen ins Bild: Die Scherben der Keramikbehälter haben einen dicken Rand, scharfe Kanten und sind verziert mit typischen Motiven aus dem Oder-Gebiet – jeder weitere Fund stärkt unsere. Das freut mich natürlich, so der Professor.
Die ehemaligen Vorrats- und Abfallgruben der Immigranten - die sind am ergiebigsten für den Forscher. Zum einen, weil überirdische Siedlungsreste einfach nicht mehr erhalten sind, zum anderen, weil die Reste der Zivilisation in solchen Gruben gelandet sind: Kaputtes Geschirr, verkohlte Speisereste oder Tierknochen. Das ist für uns wie der Speisezettel aus der damaligen Zeit. Und wir können daraus ablesen, wie und welche Tiere gehalten wurden, wie die Lebensgewohnheiten waren. Von besonderem Interesse seien weiter unterirdische Fragmente: Die von so genannten `Rennöfen´: Dort haben die Menschen Eisenerz verhüttet – unten rann das Metall heraus, daher den Name der Öfen. Die waren auf Zeit gebaut, waren jeweils einen Tag in Betrieb und wurden dann zerschlagen. Und in diesen Scherben lesen wir jetzt – wie in einem sozialgeschichtlichen Fachbuch.
Nach dem Abschluss der Grabungen bei Himmelgarten wird eingepackt, und in Berlin geht dann der zweite Teil der Arbeiten los: Die Fundstücke reinigen, katalogisieren, die Tierknochen kommen unters Mikroskop, es wird die Tierart bestimmt, die Pflanzenreste werden untersucht; dann wird verglichen, Literatur studiert und am Ende steht die Publikation unserer Ergebnisse und vielleicht eine Fachtagung, auf der wir mit Kollegen die Ergebnisse der Grabungen vergleichen, so Meyer.
Die Grabungsbedingungen für ihn und seine Equipe seien in Nordhausen ideal gewesen: Die Agrargenossenschaft, der die Felder gehören, war äußerst kooperativ, Hans-Jürgen Grönke vom Nordhäuser Stadtarchiv war ein freundlicher und kompetenter Partner, und unser Gastgeber, die Gemeinde Leimbach, war so großzügig, uns die Festhalle als `Hauptquartier´ kostenlos zur Verfügung zu stellen. So was hat man selten.
Autor: nnzProfessor Michael Meyer (rechts), daneben Danny Falley – ein junger Nordhäuser, der im Herbst sein Archäologie-Studium aufnimmt
Hier am Fundort, mitten im Getreidefeld will das Team auf 40 mal 5 Metern quasi jeden Stein umzudrehen, jede Verfärbung im Boden unter die Lupe zu nehmen und jede Scherbe aus dem Boden zu klauben, abzupinseln und fein säuberlich in Kartons abzulegen: Professor Michael Meyer und seine 18 Studenten vom Institut für Prähistorische Archäologie an der Freien Universität sind noch bis zum Monatsende auf den Spuren der so genannten Przeworsk-Kultur, und gehen mit Grabungen dem Fund von Herrn Lützendorf im Wortsinne auf den Grund.
Meine Hypothese, der wir mit den Grabungen nachgehen, lautet: Die Gegend um Nordhausen war im 2. Jahrhundert vor Christus das Ziel von Einwanderern aus dem heutigen Süd- und Mittelpolen. Denn die Scherben, die bei Himmelgarten gefunden worden waren, die sind ungewöhnlich, gehören von ihrer Beschaffenheit her eigentlich nach Schlesien, in die Nähe der Oder, und nicht hierher an die Unstrut. Das wissenschaftlich Interessante sei, diesen Beweis mit archäologischen Methoden anzutreten. Und deshalb sei die archäologische Untersuchung bei Nordhausen zugleich als Lehrgrabung für seine Studenten deklariert.
Der Professor vermutet, dass rund um die Grabungsstelle damals knapp 60 Menschen auf drei Hofstellen gesiedelt haben. Und schon diese Lage, nämlich an der Peripherie der damaligen Siedlungszentrums, nahe am weniger fruchtbaren Bundsandstein deuten darauf hin, dass sich hier Menschen erst später niedergelassen haben, ein weiteres Indiz, dass hier Zugereiste gelebt haben, so Meyer. Die Zuwanderer seinen wohl gekommen wegen des fruchtbaren Bodens in der Goldenen Aue.
Weitere Hinweise zur Stärkung der Einwanderer-Hypothese stammten aus der Gegend um die Bielener Kiesseen, aus einem römischen Gräberfeld: Dort wurden die verbrannten menschlichen Überreste nicht wie hier üblich mit einer Urne beigesetzt sondern ohne Behältnis im Brandgrubengrab; zum anderen wurden sie mit ihren Waffen beerdigt – auch dies war für die damaligen `Einheimischen´ nicht typisch, weil die Leiber in dieser Gegend eigentlich verbrannt wurden und die Asche ohne Waffenbeigaben in die Erde kam. Also lautet die Vermutung: Es waren Einwanderer, die hier beigesetzt wurden.
Und auch die bisherigen Funde seiner Studenten passen ins Bild: Die Scherben der Keramikbehälter haben einen dicken Rand, scharfe Kanten und sind verziert mit typischen Motiven aus dem Oder-Gebiet – jeder weitere Fund stärkt unsere. Das freut mich natürlich, so der Professor.
Die ehemaligen Vorrats- und Abfallgruben der Immigranten - die sind am ergiebigsten für den Forscher. Zum einen, weil überirdische Siedlungsreste einfach nicht mehr erhalten sind, zum anderen, weil die Reste der Zivilisation in solchen Gruben gelandet sind: Kaputtes Geschirr, verkohlte Speisereste oder Tierknochen. Das ist für uns wie der Speisezettel aus der damaligen Zeit. Und wir können daraus ablesen, wie und welche Tiere gehalten wurden, wie die Lebensgewohnheiten waren. Von besonderem Interesse seien weiter unterirdische Fragmente: Die von so genannten `Rennöfen´: Dort haben die Menschen Eisenerz verhüttet – unten rann das Metall heraus, daher den Name der Öfen. Die waren auf Zeit gebaut, waren jeweils einen Tag in Betrieb und wurden dann zerschlagen. Und in diesen Scherben lesen wir jetzt – wie in einem sozialgeschichtlichen Fachbuch.
Nach dem Abschluss der Grabungen bei Himmelgarten wird eingepackt, und in Berlin geht dann der zweite Teil der Arbeiten los: Die Fundstücke reinigen, katalogisieren, die Tierknochen kommen unters Mikroskop, es wird die Tierart bestimmt, die Pflanzenreste werden untersucht; dann wird verglichen, Literatur studiert und am Ende steht die Publikation unserer Ergebnisse und vielleicht eine Fachtagung, auf der wir mit Kollegen die Ergebnisse der Grabungen vergleichen, so Meyer.
Die Grabungsbedingungen für ihn und seine Equipe seien in Nordhausen ideal gewesen: Die Agrargenossenschaft, der die Felder gehören, war äußerst kooperativ, Hans-Jürgen Grönke vom Nordhäuser Stadtarchiv war ein freundlicher und kompetenter Partner, und unser Gastgeber, die Gemeinde Leimbach, war so großzügig, uns die Festhalle als `Hauptquartier´ kostenlos zur Verfügung zu stellen. So was hat man selten.



