Di, 10:00 Uhr
04.03.2008
nnz-Exklusiv: Wir legen wieder los!
Viele der ehemals 135 Beschäftigten der insolventen Bike System GmbH befinden sich immer noch in einer Transfermaßnahme. Einigen von ihnen ist das soziale Kompetenztraining jedoch nicht das Allheil-Mittel bei der Suche nach einem Job. Sie wollen wieder Fahrräder bauen...
Manfred Handke, in den stürmischen Zeiten der Werksbesetzung, der ruhende Pol und der Sprecher der Arbeitnehmer, ist von Werther täglich in den Nordhäuser Ortsteil Bielen gefahren. Dort befindet sich das Innovationszentrum EC-BIC und dort sollen die Frauen und Männer, die einst Fahrräder zusammenschraubten, für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden. Und täglich überlegte Manfred Handke, ob er über Nordhausen Salza fährt oder durch die Freiherr-vom-Stein-Straße. Dann muß er an seiner Firma vorbei. In den ersten Wochen entschied sich Handke für den Umweg über Salza, zu tief saß für den Mann der Stachel der Insolvenz, der Wut auf einen Finanzinvestor, zu stark war der Schmerz des Arbeitsplatzverlustes. Seit 1986 hatte Handke in Nordhausen Fahrräder gebaut, das kann man nicht mit einem Strich wegwischen.
Manfred Handke, wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen, will sich mit dem Aus von Bike System nicht abfinden, hatten sie doch der Welt gezeigt, daß sie ein Fahrrad auch ohne Geschäftsleitung bauen und verkaufen können: Das Strike Bike.
Der Verein lebt noch heute, noch besser, er soll in den kommenden Tagen und Woche mutieren. Die Strike-Bike GmbH befindet sich in Gründung, zwei Vereinsmitglieder und ich haben die Gesellschaft gegründet, sagt Handke mächtig stolz. Andrè Kegel, Steffen Aderhold und Manfred Handke werden sich vielleicht 17 Ehemalige dazuholen. Mitte des Jahres soll es losgehen – dort, wo schon immer Fahrräder in Nordhausen montiert wurden, an der Freiherr-vom-Stein-Straße.
Nach Informationen der nnz hatte Insolvenzverwalter Wutzke die Produktionsanlagen für 84.000 Euro verhökert, damit waren erst einmal die Grundlagen für ein Weiterarbeiten weg. Allerdings hatte Rechtsanwalt Wutzke keinen Zugriff auf die Immobilie und ein Hochregallager, das Lager gehört der LEG, die Immobile Mehdi Biria, dem Iraner, der die Werke in Neukirch (Lausitz) und Nordhausen aus Altersgründen an die Heuschrecke Lonestar verkauft hatte.
Mit dem 75jährigen trafen sich Handke, Aderhold und Kegel. Ergebnis: Die neue Gesellschaft kann sich recht kostengünstig in eine Hälfte der ersten Etage sowie in die mittlere Etage einmieten, kann noch vorhandene Maschinen und Anlagen nutzen. Neues muß aber auch angeschafft werden, die Ziele sind abgesteckt.
Im Jahr wollen die Strike Biker 20.000 bis 25.000 Fahrräder herstellen. Das werden nicht die Baumarkträder für 149,99 Euro sein, die Nordhäuser wollen die Nischen des Marktes erobern und besetzen. Wir wollen ein höherwertiges Modell produzieren, das sich aber irgendwie schon an das Strike Bike anlehnen wird. Gleichzeitig wollen sich die reaktivierten Fahrradbauer mit neuen Technologien beschäftigen. Mit Leuten in Berlin wird über den Bau eines Elektro-Bikes verhandelt, neue Nabensysteme sind im Gespräch. Und: es sollen die Gewährleistungsansprüche aus der ersten Strike-Bike-Serie abgearbeitet werden. Da stellten sich im Nachhinein vor allem Materialprobleme dar, die nun beseitigt werden sollen.
Handke und Co haben es sich mit der Auswahl derer, die künftig mit an Bord sein werden, nicht leicht gemacht. Einige Stellen im künftigen Produktionsablauf müssen allerdings besetzt werden – mit erfahrenen Kollegen, die so zusagen gesetzt sind: Drei in die Farbgebung, in die Einspeicherei, zum Dekorieren. Und schon sind fast 15 Arbeitsplätze besetzt, drei Mitarbeiter sollen hinzu kommen. Alle seien – wo es die Wahl gegeben habe – nach sozialen Kriterien ausgewählt worden. Und trotzdem: Die künftige GmbH hat die ehemalige Belegschaft gespalten.
Das macht Manfred Handke zu schaffen, er weiß aber auch, daß nicht mehr 135 Frauen und Männer in Nordhausen Fahrräder bauen können. Das Trio muß jetzt nicht nur sozial, sondern betriebswirtschaftlich denken und handeln. Die größten Probleme liegen in der Beschaffung von Material und Geld. Allein um eine Wochenproduktion vorzufinanzieren, müssen etwa 135.000 Euro auf dem Tisch liegen. Wir wollen nicht nur Qualität abliefern, wir wollen auch einen ordentlichen Lohn zahlen, gibt Handke die Devise aus.
Ein Problem werden die künftigen Fahrradproduzenten nicht wegschieben können. Es gibt saisonale Schwankungen der Auftragslage. Was soll in der schwachen Fahrradbauzeit hergestellt werden? Auch da haben die Jungs eine Idee. Sie werden dem ehemaligen IFA-Boller-Gummiwagen zu einer Renaissance verhelfen. Gemeinsam mit einer Stahlbaufirma aus dem Landkreis Nordhausen soll der Wagen hergestellt werden. Der Bedarf sei da, meint Manfred Handke zuversichtlich.
Zuversicht werden sie benötigen, die unentwegten Fahrradbauer. Sie brauchen aber auch eine Anschubfinanzierung, sie bedürfen der technologischen Unterstützung und sie müssen sich alle 20 ständig weiterbilden und für neue Herausforderungen an den alten neuen Arbeitsplätzen qualifizieren. Und vielleicht sollten dann all die zur Seite stehen, die sich in den Zeiten der Werksbesetzung so medienwirksam an der Freiherr-vom-Stein-Straße präsentiert hatten. Fromme Wünsche und das Nachfragen von sozialdemokratischen Bundes- und Landespolitikern wie Matschie oder Schneider allein wird da nicht ausreichen.
Ach ja: Seit einigen Wochen fährt Manfred Handke wieder dort entlang. Ein wenig entspannter und mit weniger Wut im Bauch.
Autor: nnzManfred Handke, in den stürmischen Zeiten der Werksbesetzung, der ruhende Pol und der Sprecher der Arbeitnehmer, ist von Werther täglich in den Nordhäuser Ortsteil Bielen gefahren. Dort befindet sich das Innovationszentrum EC-BIC und dort sollen die Frauen und Männer, die einst Fahrräder zusammenschraubten, für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden. Und täglich überlegte Manfred Handke, ob er über Nordhausen Salza fährt oder durch die Freiherr-vom-Stein-Straße. Dann muß er an seiner Firma vorbei. In den ersten Wochen entschied sich Handke für den Umweg über Salza, zu tief saß für den Mann der Stachel der Insolvenz, der Wut auf einen Finanzinvestor, zu stark war der Schmerz des Arbeitsplatzverlustes. Seit 1986 hatte Handke in Nordhausen Fahrräder gebaut, das kann man nicht mit einem Strich wegwischen.
Manfred Handke, wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen, will sich mit dem Aus von Bike System nicht abfinden, hatten sie doch der Welt gezeigt, daß sie ein Fahrrad auch ohne Geschäftsleitung bauen und verkaufen können: Das Strike Bike.
Der Verein lebt noch heute, noch besser, er soll in den kommenden Tagen und Woche mutieren. Die Strike-Bike GmbH befindet sich in Gründung, zwei Vereinsmitglieder und ich haben die Gesellschaft gegründet, sagt Handke mächtig stolz. Andrè Kegel, Steffen Aderhold und Manfred Handke werden sich vielleicht 17 Ehemalige dazuholen. Mitte des Jahres soll es losgehen – dort, wo schon immer Fahrräder in Nordhausen montiert wurden, an der Freiherr-vom-Stein-Straße.
Nach Informationen der nnz hatte Insolvenzverwalter Wutzke die Produktionsanlagen für 84.000 Euro verhökert, damit waren erst einmal die Grundlagen für ein Weiterarbeiten weg. Allerdings hatte Rechtsanwalt Wutzke keinen Zugriff auf die Immobilie und ein Hochregallager, das Lager gehört der LEG, die Immobile Mehdi Biria, dem Iraner, der die Werke in Neukirch (Lausitz) und Nordhausen aus Altersgründen an die Heuschrecke Lonestar verkauft hatte.
Mit dem 75jährigen trafen sich Handke, Aderhold und Kegel. Ergebnis: Die neue Gesellschaft kann sich recht kostengünstig in eine Hälfte der ersten Etage sowie in die mittlere Etage einmieten, kann noch vorhandene Maschinen und Anlagen nutzen. Neues muß aber auch angeschafft werden, die Ziele sind abgesteckt.
Im Jahr wollen die Strike Biker 20.000 bis 25.000 Fahrräder herstellen. Das werden nicht die Baumarkträder für 149,99 Euro sein, die Nordhäuser wollen die Nischen des Marktes erobern und besetzen. Wir wollen ein höherwertiges Modell produzieren, das sich aber irgendwie schon an das Strike Bike anlehnen wird. Gleichzeitig wollen sich die reaktivierten Fahrradbauer mit neuen Technologien beschäftigen. Mit Leuten in Berlin wird über den Bau eines Elektro-Bikes verhandelt, neue Nabensysteme sind im Gespräch. Und: es sollen die Gewährleistungsansprüche aus der ersten Strike-Bike-Serie abgearbeitet werden. Da stellten sich im Nachhinein vor allem Materialprobleme dar, die nun beseitigt werden sollen.
Handke und Co haben es sich mit der Auswahl derer, die künftig mit an Bord sein werden, nicht leicht gemacht. Einige Stellen im künftigen Produktionsablauf müssen allerdings besetzt werden – mit erfahrenen Kollegen, die so zusagen gesetzt sind: Drei in die Farbgebung, in die Einspeicherei, zum Dekorieren. Und schon sind fast 15 Arbeitsplätze besetzt, drei Mitarbeiter sollen hinzu kommen. Alle seien – wo es die Wahl gegeben habe – nach sozialen Kriterien ausgewählt worden. Und trotzdem: Die künftige GmbH hat die ehemalige Belegschaft gespalten.
Das macht Manfred Handke zu schaffen, er weiß aber auch, daß nicht mehr 135 Frauen und Männer in Nordhausen Fahrräder bauen können. Das Trio muß jetzt nicht nur sozial, sondern betriebswirtschaftlich denken und handeln. Die größten Probleme liegen in der Beschaffung von Material und Geld. Allein um eine Wochenproduktion vorzufinanzieren, müssen etwa 135.000 Euro auf dem Tisch liegen. Wir wollen nicht nur Qualität abliefern, wir wollen auch einen ordentlichen Lohn zahlen, gibt Handke die Devise aus.
Ein Problem werden die künftigen Fahrradproduzenten nicht wegschieben können. Es gibt saisonale Schwankungen der Auftragslage. Was soll in der schwachen Fahrradbauzeit hergestellt werden? Auch da haben die Jungs eine Idee. Sie werden dem ehemaligen IFA-Boller-Gummiwagen zu einer Renaissance verhelfen. Gemeinsam mit einer Stahlbaufirma aus dem Landkreis Nordhausen soll der Wagen hergestellt werden. Der Bedarf sei da, meint Manfred Handke zuversichtlich.
Zuversicht werden sie benötigen, die unentwegten Fahrradbauer. Sie brauchen aber auch eine Anschubfinanzierung, sie bedürfen der technologischen Unterstützung und sie müssen sich alle 20 ständig weiterbilden und für neue Herausforderungen an den alten neuen Arbeitsplätzen qualifizieren. Und vielleicht sollten dann all die zur Seite stehen, die sich in den Zeiten der Werksbesetzung so medienwirksam an der Freiherr-vom-Stein-Straße präsentiert hatten. Fromme Wünsche und das Nachfragen von sozialdemokratischen Bundes- und Landespolitikern wie Matschie oder Schneider allein wird da nicht ausreichen.
Ach ja: Seit einigen Wochen fährt Manfred Handke wieder dort entlang. Ein wenig entspannter und mit weniger Wut im Bauch.


