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Di, 09:00 Uhr
19.02.2008

Das Gute schnell vergessen

Ist das nicht menschlich? Je länger her, desto verschwommener werden die Eindrücke auf das „Damals“. Man erinnert sich (unbewußt) an das Gute, verdrängt das Böse. „Das Gute kann man getrost vergessen“. Gemeint ist da das eventuell Gute der ehemaligen DDR. Für Hubertus Knabe gibt es dieses Prädikat nicht, wenn es um 40 Jahre deutscher Geschichte geht. Gestern war Herr Knabe in Nordhausen.


Knabe (Foto: nnz) Knabe (Foto: nnz) Er war einer Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung gefolgt. Der Mann polarisiert wie kein anderer Historiker, der sich – aus dem Westen kommend – der Aufarbeitung der Geschichte der Menschen im Osten verschrieben hat. Denn immerhin: Das Ergebnis seiner Aufarbeitung müssen die Aufgearbeiteten dann bewältigen.

Natürlich hat der Mann, der 1959 in Unna geboren wurde, in Mühlheim an der Ruhr aufgewachsen war, seine Verdienste. Er ist einer der wenigen, die sich mehr den Opfern als den Täter der Stasi zuwenden, obwohl das auf den ersten Blick anders aussehen mag. „Die Täter sind unter uns...“ ist Titel seines Buches. Er präsentierte gestern die Motivation für die Schreiberei. Es seien die ehemaligen Stasiobristen, die ehemaligen Grenzkommandeure, die sich in Berlin breit machen und lautstark auf Versammlungen kundtun, daß all die Greuel nicht so schlimm gewesen sei. Sicher, für jeden normal denkenden Menschen kann es nur unerträglich sein, wenn Insassen des Stasiknasts in Hohenschönhausen von ihren damaligen Peinigern verhöhnt werden.

Doch es geht Hubertus Knabe, der sich einst bei den Grünen im Westen engagierte, um mehr als das Wahrnehmen eines greisen Kreises ewig anders Denkender. Er, der promovierte Historiker, von vielen Kollegen nicht sonderlich geschätzt, sieht dieses Land vermutlich immer noch von der Stasikrake durchsetzt. Alle, die nicht Opfer waren, sind immer noch Täter: Polizisten, Zöllner, IM’s, Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte, von denen einst 700 in den Diensten der Mielke-Truppe gestanden haben sollen. Zitat Knabe: „Ich würde bei der Wahl eines Anwaltes ganz genau schauen, wem ich vertrauen könnte!“

Knabe (Foto: nnz) Knabe (Foto: nnz) Und all die, die wurden (bis auf wenige Ausnahmen) nicht bestraft, meint der Hubertus Knabe da mit weicher Stimme, die am Ende fast jeden Satz nach oben geht. Will heißen: Im Umkehrschluß müßten die doch alle in den Knast wandern und zwar für lange Zeit.

Eine Journalisten-Kollegin, Heike Haarhoff, schreibt im November 2006 über Knabe und seine Arbeit: „Es ist Konsens in der internationalen Diktaturforschung, dass zum Verstehen einer Diktatur auch ihr Alltag gehört. Denn, um es vereinfacht zu sagen: Nimmt man die Diktatur einmal weg, bleiben immer noch die Menschen und ihr gelebtes Leben. Diesen Grundsatz lässt Hubertus Knabe nur bedingt gelten.“

„Das Gute der damaligen Zeit kann man getrost vergessen“, ruft gestern Abend der Mann aus den alten Bundesländern aus und schiebt dann noch hinterher „politisch gesehen“. Ein solches Vergessen wäre höchst gefährlich. Nur: Wie kann der Historiker Knabe über zum Beispiel über meine 34 gelebten DDR-Jahre urteilen? Er, der doch die DDR nur von Besuchen und der Liebe zu einer Theologiestudentin her kennt. Sicher, beide durchleben alle möglichen Repressalien des Überwachungsapparates, doch es ist und bleibt ein Blick von außen auf die da innen. Und eines will ich festhalten: Diese 34 Jahre, die lasse ich mir nicht nehmen, damit muß ich zurechtkommen. Und man muß mir das Recht zugestehen, einen Vergleich zu ziehen. Zu dem damals und dem danach erlebten.

Noch einmal zum Porträt von Heike Haarhoff: „Wer nun, wie die meisten seiner Historiker-Kollegen, freundlich anmerkt, dass die DDR mehr war als nur Repression, den unterbricht er barsch: ‚Nach der friedlichen Revolution ging es um zweierlei: den Unterdrückungsapparat freizulegen und den wenigen, die sich dem Regime entgegengestellt haben, ein bleibendes Denkmal zu setzen. Dazu ist es leider nicht gekommen.’“

Und vielleicht liegt die Ursache auch in der Aussage begründet, mit der gestern in der Galerie der Kreissparkasse Thüringens ehemaliger Innenminister Willibald Böck (CDU) zitierte wurde. „Irgendwie waren wir doch damals alle verstrickt!“ Dem ist nicht viel hinzuzufügen – außer: Verstrickungen gab innerhalb der DDR und – was viel unangenehmer ist – auch im anderen Teil der jetzt einigen Republik. Bleibt die Frage: In welche Erinnerungsschublade gehört das denn? In die gute oder in die böse?
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

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