Fr, 12:56 Uhr
17.11.2000
Für Klima der Offenheit und der gegenseitigen Toleranz
Nordhausen (nnz). Gestern versammelten mehr als 500 Nordhäuserinnen und Nordhäuser, um gegen rechte Gewalt zu demonstrieren. Zu den Menschen sprachen Oberbürgermeisterin Barbara Rinke, DGB-Kreisvorsitzender Ullrich Hannemann und Superintendent Curt Stauss. nnz veröffentlicht an dieser Stelle die Rede von Barbara Rinke.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
am 9. November dieses Jahres waren mehr Menschen als sonst am Gedenkstein für die jüdische Synagoge. Sie zeigten mit ihrem Gedenken: Wir verschließen nicht die Augen vor der Erinnerung, aber auch nicht vor der Wirklichkeit. Sie haben gezeigt, dass sie durch die Gewalt- und Brandtaten der letzten Monate und Wochen beunruhigt sind und nicht tatenlos zuschauen werden, wenn sich rechtsextremes Gedankengut in der Mitte unserer Gesellschaft ausbreitet. Ich will damit sagen: Der Weg vom Gedenkstein des 9. November 1938 und dem offenen Protest hier und heute ist der folgerichtige und notwendige.
Das staatlich organisiert Morden und Brandschatzen am 9. und 10. November 1938 fand in aller Öffentlichkeit statt. Kaum einer der Zuschauer hat später bestritten, brennende Synagogen, zerstörte Geschäfte, geplünderte Wohnungen, die Jagd auf Juden gesehen zu haben. Viele aber leugnen, sie hätten je etwas von der industriellen Ermordung von Menschen gewusst. Die Aussage "davon haben wir nichts gewusst" wirft die Frage auf, was gewesen wäre, wenn man das infernalische Verbrechen gekannt hätte? Wäre das eigene Verhalten wirklich ein anderes gewesen? Vielleicht distanzierter, kritischer oder gar widerständisch. Das lässt sich heute nicht mehr beantworten. Wohl aber ist die Erkenntnis interessant, dass noch 1946 nach Befragungen 60 % der Menschen manifest rassistisch und antisemitisch und weitere 20 % stark nationalistisch eingestellt waren, obwohl die Verbrechen des Holocaust aufgedeckt waren. Die Kenntnis des Völkermordes hat also keineswegs die rassistischen Einstellungen beseitigt. Offenbar waren mehr Menschen als allgemein angenommen, als eingestanden, Mitläufer, Mittäter oder Profiteure und damit gewollt oder ungewollt Komplizen der Nazis. Anfang der 50er Jahre stuften sich in der alten BRD noch ein Drittel der Bevölkerung selbst als antisemitisch ein, in den 70er Jahren waren es noch 20 % und derzeit liegt der Anteil nach jüngsten Erhebungen zwischen 15 und 18 %. Dabei nimmt der Rechtstrend von West nach Ost zu. 15 % der gesamtdeutschen Bevölkerung sind 12 Mio. Menschen. Noch immer stimmt also ein beachtlicher Teil antijüdischen Aussagen zu, inzwischen angereichert mit einer Fülle von fremdenfeindlichen Gedankengut gegen alles, was anders ist als man selbst.
Nach der Wiedervereinigung nahmen die rechtsextremistischen Straftaten dramatisch zu. Waren es 1990 rund 180 Straftaten, so schnellten sie in den folgenden Jahren auf 1.500 hoch. Auch Bekenntnisse zu nationalsozialistischem Gedankengut scheinen in Teilen der Bevölkerung gesellschaftsfähig zu werden. Deshalb geben neben den 9.000 ständig gewaltbereiten Rechtsextremisten vor allen Dingen jene 12 Mio. Deutsche Anlass zur sorge und Eindeutigkeit, die das ideologische Umfeld dieser Parteien und ihrer Schlägertrupps bilden. Die bloße Existenz dieses Umfelds bestärkt Extremisten in ihrer Überzeugung, berufene Vollstrecker von Millionen Deutschen zu sein. Die Auseinandersetzung mit diesen Menschen muss auch künftig mit politischen Mitteln geführt werden. Dabei werden wir uns auch mit diffusen Vorstellungen auseinandersetzen müssen. Der von vorn herein keineswegs stabile Grundkonsens über die historischen Verpflichtungen nach Auschwitz ist zerbrochen. Es ist eine zunehmende Ethnisierung sozialer Konflikte zu beobachten. Aussprüche wie: Deutschland den Deutschen, beweisen, dass in weiten Teilen der Bevölkerung noch immer ein ethnisch-völkisches Nationalverständnis verbreitet ist. Dieses wird von seinen Anhängern nicht als ein Gewachsenes und damit als veränderbar betrachtet, sondern als Natur gegeben. Damit unterscheiden wir uns von allen anderen europäischen Nationen.
Es hat den Anschein, als sind wir hier erst am Anfang einer notwendigen Diskussion angelangt, sonst werden die Deutschen als verspätete Nation niemals in Europa ankommen.
Unsere Stadt und mit ihr tausende Männer, Frau und Kinder mussten wie nur wenige Städte in Deutschland für die Verirrungen deutscher Politik bezahlen. Der nationalsozialistische Rassenwahn hat dazu geführt, dass in unserer Stadt auf Dauer ein Teil unseres Lebens und unserer Kultur zerstört wurden. Bis heute sind die Wunden des Krieges sichtbar und der Schmerz ist nicht vergessen. Wir haben erfahren, Hass und Gewalt zerstören Gemeinschaft und Zukunft. Das gibt uns eine besondere Verantwortung.
Was haben wir dem entgegenzusetzen? Zuerst dürfen wir der faktischen Außerkraftsetzung von Grundrechten, wie der des Artikels 3 - niemand darf wegen seiner Hautfarbe, Rasse oder Religion benachteiligt oder bevorzugt werden - nicht tatenlos zusehen. Diese Verletzungen der Grundrechte geschehen oft schleichend und unauffällig. Dass die Würde eines jeden Menschen unantastbar ist, gehört längst nicht mehr zum Alltagsdenken aller Menschen. Rechtsextremismus oder zentrale Versatzstücke rechtsextremer Ideologien kommen oft in der Verkleidung vereinfachter Denkmuster einher. Aber gerade hier im Alltag entstehen die Verletzungen, spielt sich die "ganz gewöhnliche Gewalt" ab. Hier sind wir gefordert. Hier brauchen wir eine neue Kultur der Achtsamkeit. Wir können darauf achten, dass die Würde unserer Mitmenschen, unserer Nachbarn, unserer Kinder nicht angegriffen wird. Aber wir müssen auch darauf achten, dass wir unsere eigene Würde nicht aufs Spiel setzen, indem wir selbst unachtsam sind im Umgang mit Fremden, im Weitergeben von Vorurteilen, im Umgang mit Sprache, am Stammtisch und in der Schule und Familie. Wir alle können dazu beitragen, das Klima der Offenheit und der gegenseitigen Toleranz zu bewahren. Die freundschaftlichen Beziehungen mit Partnerstädten aus aller Welt, die gewissenhafte Aufarbeitung der dunklen Kapitel unserer Geschichte, viele ausländische Gäste in Nordhausen, international agierende Unternehmen und zahlreiche vor Ort arbeitende soziale Initiativen haben bisher dazu beigetragen, dass dieses Klima geschaffen werden konnte. Auf diesem Weg wollen wir weitergehen. Dazu lade ich Sie alle ein. Baseballschläger, Stiefeltritte und Nazifackelzüge führen in die Irre. Das hat Nordhausen nicht zum zweiten Mal verdient. Helfen Sie mit, dass unsere Heimatstadt eine einladende, liebenswerte, weltoffene und tolerante Stadt bleibt. Anders werden wir keine Zukunft haben.
Autor: nnzLiebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
am 9. November dieses Jahres waren mehr Menschen als sonst am Gedenkstein für die jüdische Synagoge. Sie zeigten mit ihrem Gedenken: Wir verschließen nicht die Augen vor der Erinnerung, aber auch nicht vor der Wirklichkeit. Sie haben gezeigt, dass sie durch die Gewalt- und Brandtaten der letzten Monate und Wochen beunruhigt sind und nicht tatenlos zuschauen werden, wenn sich rechtsextremes Gedankengut in der Mitte unserer Gesellschaft ausbreitet. Ich will damit sagen: Der Weg vom Gedenkstein des 9. November 1938 und dem offenen Protest hier und heute ist der folgerichtige und notwendige.
Das staatlich organisiert Morden und Brandschatzen am 9. und 10. November 1938 fand in aller Öffentlichkeit statt. Kaum einer der Zuschauer hat später bestritten, brennende Synagogen, zerstörte Geschäfte, geplünderte Wohnungen, die Jagd auf Juden gesehen zu haben. Viele aber leugnen, sie hätten je etwas von der industriellen Ermordung von Menschen gewusst. Die Aussage "davon haben wir nichts gewusst" wirft die Frage auf, was gewesen wäre, wenn man das infernalische Verbrechen gekannt hätte? Wäre das eigene Verhalten wirklich ein anderes gewesen? Vielleicht distanzierter, kritischer oder gar widerständisch. Das lässt sich heute nicht mehr beantworten. Wohl aber ist die Erkenntnis interessant, dass noch 1946 nach Befragungen 60 % der Menschen manifest rassistisch und antisemitisch und weitere 20 % stark nationalistisch eingestellt waren, obwohl die Verbrechen des Holocaust aufgedeckt waren. Die Kenntnis des Völkermordes hat also keineswegs die rassistischen Einstellungen beseitigt. Offenbar waren mehr Menschen als allgemein angenommen, als eingestanden, Mitläufer, Mittäter oder Profiteure und damit gewollt oder ungewollt Komplizen der Nazis. Anfang der 50er Jahre stuften sich in der alten BRD noch ein Drittel der Bevölkerung selbst als antisemitisch ein, in den 70er Jahren waren es noch 20 % und derzeit liegt der Anteil nach jüngsten Erhebungen zwischen 15 und 18 %. Dabei nimmt der Rechtstrend von West nach Ost zu. 15 % der gesamtdeutschen Bevölkerung sind 12 Mio. Menschen. Noch immer stimmt also ein beachtlicher Teil antijüdischen Aussagen zu, inzwischen angereichert mit einer Fülle von fremdenfeindlichen Gedankengut gegen alles, was anders ist als man selbst.
Nach der Wiedervereinigung nahmen die rechtsextremistischen Straftaten dramatisch zu. Waren es 1990 rund 180 Straftaten, so schnellten sie in den folgenden Jahren auf 1.500 hoch. Auch Bekenntnisse zu nationalsozialistischem Gedankengut scheinen in Teilen der Bevölkerung gesellschaftsfähig zu werden. Deshalb geben neben den 9.000 ständig gewaltbereiten Rechtsextremisten vor allen Dingen jene 12 Mio. Deutsche Anlass zur sorge und Eindeutigkeit, die das ideologische Umfeld dieser Parteien und ihrer Schlägertrupps bilden. Die bloße Existenz dieses Umfelds bestärkt Extremisten in ihrer Überzeugung, berufene Vollstrecker von Millionen Deutschen zu sein. Die Auseinandersetzung mit diesen Menschen muss auch künftig mit politischen Mitteln geführt werden. Dabei werden wir uns auch mit diffusen Vorstellungen auseinandersetzen müssen. Der von vorn herein keineswegs stabile Grundkonsens über die historischen Verpflichtungen nach Auschwitz ist zerbrochen. Es ist eine zunehmende Ethnisierung sozialer Konflikte zu beobachten. Aussprüche wie: Deutschland den Deutschen, beweisen, dass in weiten Teilen der Bevölkerung noch immer ein ethnisch-völkisches Nationalverständnis verbreitet ist. Dieses wird von seinen Anhängern nicht als ein Gewachsenes und damit als veränderbar betrachtet, sondern als Natur gegeben. Damit unterscheiden wir uns von allen anderen europäischen Nationen.
Es hat den Anschein, als sind wir hier erst am Anfang einer notwendigen Diskussion angelangt, sonst werden die Deutschen als verspätete Nation niemals in Europa ankommen.
Unsere Stadt und mit ihr tausende Männer, Frau und Kinder mussten wie nur wenige Städte in Deutschland für die Verirrungen deutscher Politik bezahlen. Der nationalsozialistische Rassenwahn hat dazu geführt, dass in unserer Stadt auf Dauer ein Teil unseres Lebens und unserer Kultur zerstört wurden. Bis heute sind die Wunden des Krieges sichtbar und der Schmerz ist nicht vergessen. Wir haben erfahren, Hass und Gewalt zerstören Gemeinschaft und Zukunft. Das gibt uns eine besondere Verantwortung.
Was haben wir dem entgegenzusetzen? Zuerst dürfen wir der faktischen Außerkraftsetzung von Grundrechten, wie der des Artikels 3 - niemand darf wegen seiner Hautfarbe, Rasse oder Religion benachteiligt oder bevorzugt werden - nicht tatenlos zusehen. Diese Verletzungen der Grundrechte geschehen oft schleichend und unauffällig. Dass die Würde eines jeden Menschen unantastbar ist, gehört längst nicht mehr zum Alltagsdenken aller Menschen. Rechtsextremismus oder zentrale Versatzstücke rechtsextremer Ideologien kommen oft in der Verkleidung vereinfachter Denkmuster einher. Aber gerade hier im Alltag entstehen die Verletzungen, spielt sich die "ganz gewöhnliche Gewalt" ab. Hier sind wir gefordert. Hier brauchen wir eine neue Kultur der Achtsamkeit. Wir können darauf achten, dass die Würde unserer Mitmenschen, unserer Nachbarn, unserer Kinder nicht angegriffen wird. Aber wir müssen auch darauf achten, dass wir unsere eigene Würde nicht aufs Spiel setzen, indem wir selbst unachtsam sind im Umgang mit Fremden, im Weitergeben von Vorurteilen, im Umgang mit Sprache, am Stammtisch und in der Schule und Familie. Wir alle können dazu beitragen, das Klima der Offenheit und der gegenseitigen Toleranz zu bewahren. Die freundschaftlichen Beziehungen mit Partnerstädten aus aller Welt, die gewissenhafte Aufarbeitung der dunklen Kapitel unserer Geschichte, viele ausländische Gäste in Nordhausen, international agierende Unternehmen und zahlreiche vor Ort arbeitende soziale Initiativen haben bisher dazu beigetragen, dass dieses Klima geschaffen werden konnte. Auf diesem Weg wollen wir weitergehen. Dazu lade ich Sie alle ein. Baseballschläger, Stiefeltritte und Nazifackelzüge führen in die Irre. Das hat Nordhausen nicht zum zweiten Mal verdient. Helfen Sie mit, dass unsere Heimatstadt eine einladende, liebenswerte, weltoffene und tolerante Stadt bleibt. Anders werden wir keine Zukunft haben.

