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Mi, 08:48 Uhr
31.10.2007

Sanfte Botschafter mit Instrumenten

Nordhausen (nnz). Wissen Sie, wer Kasimir Oginski, Michal Kleophas Oginski oder Anton Radziwill waren? Klaus-Uwe Koch wusste es nicht und machte sich am Montagabend auf den Weg und berichtet in der nnz.

Konzert der Extraklasse (Foto: Koch) Konzert der Extraklasse (Foto: Koch)

Diese Herren waren, neben anderen, Komponisten der Klassik und Romantik aus Belarus. Schon der heute selbständige Staat ist für uns Deutsche gewöhnlich ein weißer Fleck auf der Landkarte, irgendwo als Anhängsel Russlands zwischen Polen und Asien gelegen. Bekannt nur durch die Katastrophe im benachbarten ukrainischen Tschernobyl und durch seinen merkwürdigen Präsidenten Lukaschenko, den - hoffentlich - letzten Diktator Europas. Aber wer kennt schon die Musik dieses Landes, seine ungewöhnliche Geschichte, Kultur und seine Religionen auf der Schwelle zwischen Ost und West?

Das Besondere kommt oft in den unscheinbaren Dingen daher. Beispielsweise ein außerordentliches Musikerlebnis im Rahmen eines gewöhnlichen, kleinen Salonkonzerts. Am Montagabend fand ein solches in den Räumen des Thomas-Mann-Klubs in Nordhausen statt. In dessen langer Geschichte waren sicher nicht oft Bravo- und Vivatrufe, wie sie sonst nur für Spektakuläres am Theater üblich, zu hören. An diesem Abend ertönten sie.

Auf Einladung der Föderation Evangelischer Kirchen in Mitteldeutschland spielte das belarussische Musiktrio „Vytoki“ (deutsch: „Ursprünge“), bestehend aus Irina Avdeeva (Fortepiano), Siargei Machau (Querflöte) und Alaksiej Fralou (Fagott) von der Belarussischen Philharmonie „Classic-Avangard“. Die drei Musiker präsentierten im wahrsten Sinne des Wortes europäische Musik. Das Repertoire reichte von Renaissancetänzen über Barock, Klassik und Romantik bis zur Gegenwart. Mit meisterhafter Virtuosität verstanden es die Künstler, große Musik auch von uns weitgehend unbekannten Komponisten vorzutragen. Genuss pur. Aber der Abend war zugleich mehr, er übertrug mit der Musik und den Musikern eine Botschaft und ein Symbol.

Einerseits war dies die Kunde über die uns verbindenden Wurzeln, der „Ursprünge“ unseres gemeinsamen Hauses Europa. Das 18. und 19. Jahrhundert kannten eine universelle, europäische Musikkultur. Der deutsche Kapellmeister Johann David Holland z.B., 1746 in St. Andreasberg im Harz geboren, ein Freund und Kollege Carl Philipp Emanuel Bachs, nahm am Hofe des Fürsten Radziwill in Nieswiez eine Stelle als Hofkapellmeister und Komponist an. Fürst Radziwill wiederum, zugleich preußischer, polnischer und russischer Politiker, ein Freund Goethes, vertonte dessen Faust. Beethoven, Chopin und Paganini waren seine Gäste. Die Musik, die Interpretation und die für Musiker sehr ausführlichen, einleitenden Worte ließen mich dieses Gemeinsame als etwas sehr Gegenwärtiges empfinden.

Andererseits standen die drei Musiker ganz offen und bewusst für ihre evangelisch-reformierte Gemeinde in Minsk, dessen Mitglieder sie sind, vor ihrem Publikum. Dieses klare Bekenntnis ist nicht selbstverständlich im heutigen Belarus. Es verkündete uns: „Wir gehören in dieses gemeinsame Haus Europa so wie ihr Deutschen auch. Unsere Musik und unser Glaube verbinden uns, ohne dass wir dadurch unsere eigene nationale Identität verleugnen. Wir sind so vielfältig, wie es Europa immer war und das verbindet uns. Europa, das ist Einheit in der Vielfalt.“

Das Volk der Belarus war wohl in der Geschichte unseres Kontinentes eines der friedfertigsten. Aber es hat neben den europäischen Juden am schlimmsten unter den Gräuel des 20. Jh. mit seinen Weltkriegen und Diktaturen gelitten. Dieser historische Hintergrund verlieh den „sanften Botschaftern mit Instrumenten“ eine ganz besondere Aura.
Klaus-Uwe Koch, Nordhausen
Autor: nnz

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