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Mi, 14:23 Uhr
24.10.2007

nnz-Forum: Einmal Ahlbeck und zurück

Nordhausen (nnz). Spätestens seit dem Thriller „Mercury Puzzle“ wissen viele Menschen, was es mit Autismus auf sich hat. In Nordhausen gibt es den Regionalverband Hilfe für das autistische Kind Südharz e. V.. Und der war mit den betroffenen Kindern unterwegs...


Freitag früh, 5.00 Uhr. Die Koffer sind gepackt. Die Spannung steigt. Haben wir auch nichts vergessen??? Miriam hat ihr Behinderten-Tandem im Gepäck, Chrisi sein Lenkrad und den Schwimmreifen, Jörg seinen CD-Player. Die Autos sehen aus, als wollten wir umziehen, dabei verreisen wir für vier Tage. Wir sind ziemlich aufgeregt und neugierig. Einige Familien machen sich bereits zu so früher Stunde auf den Weg, andere erst gegen 8.00 Uhr, je nachdem, wie es die Umstände mit den Kindern hergeben. Alle haben das gleiche Ziel: Insel Usedom, den Jugendferienpark der Sportjugend Berlin in Ahlbeck.

Miriam, Oliver, Jörg, Christopher, Andrè, Patrick und Karsten sind autistisch behinderte Kinder und Jugendliche, die mit ihren Eltern im September 2007 vier Tage an die schöne Ostsee fuhren. Möglich gemacht haben dies der Blue Knights Germany e. V. mit dem Elternverein Hilfe für das autistische Kind Südharz e. V. und viele Sponsoren.

Die Idee dazu entstand bei einem Sommerpicknick des Elternvereins im Sommer 2005 im The Ark Apartmenthaus Sülzhayn bei Herrn Stubbe. Die Blue Knights Germany waren mit ihren schwedischen Freunden Picknickgäste. Seitdem sammelten sie eifrig Spendengelder für die Reise und starteten die Organisation. Zwei Jahre Fleiß, angeführt von Kladuge alias Klaus-Dieter Dumong aus Gera, dem Tresior des Chapter XXVI Thüringen, waren von Nöten, bis es endlich so weit war. Einige Familien fuhren mit dem eigenen Auto, andere mit einem gesponserten Bus, den Blue-Knights-Mitglied Torsten aus Gerstungen steuerte.

Freitag Nachmittag gegen 15.00 Uhr sind wir alle beisammen, vollzählig und ohne größere Zwischenfälle gut angekommen. Einhundert Meter vom Objekt der Sportjugend Berlin entfernt finden wir uns schon am Strand der Ostsee wieder und können es kaum glauben. Wir haben es getan. Wir sind im Urlaub! Für viele Menschen nichts ungewöhnliches – für uns jedoch ein außergewöhnliches Ereignis. Und es gibt Menschen, die sich um uns sorgen und die Strapazen freiwillig mit uns teilen! Danke Blue Knights!

Familien mit autistisch behinderten Kindern leben anders. Sie organisieren ihren Alltag und ihre Freizeit streng strukturiert auf die notwendigen Rituale und Bedürfnisse ihrer Kinder abgestimmt. Für Seele baumeln lassen und erholen ist da wenig Platz. Um so effizienter müssen da die begrenzten Möglichkeiten genutzt werden. Und so eine Gruppenfahrt ist eine geniale Gelegenheit dazu.

Gemeinsam liefen wir den Strand auf und ab, fütterten Möwen, testeten die Wassertemperatur, erkundeten die schöne Umgebung und genossen die Seeluft. Einige Eltern durften, von Polizeimotorrädern der Blue Knights eskortiert, einen Trip nach Heringsdorf unternehmen, während sich die Kinder und Jugendlichen in Eins-zu-Eins-Betreuung mit den Blue Knights und verbleibenden Elternteilen die Zeit vertrieben. Die Polizisten-Frauen und –Männer aus Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern vollbrachten Höchstleistungen in dieser Zeit und waren nach dieser Anstrengung beizeiten bettreif. Sie machten ihre Sache sehr, sehr gut und jeder Autist hatte dabei einen neuen Freund gewonnen. Frau Dumong bemerkte voller Anerkennung für die Eltern autistisch behinderter Kinder, dass sich nach so einem Live-Erlebnis Relationen ganz schön verschieben und man sich bewusst wird, wie gut es einem als Nichtbetroffener eigentlich geht. So mancher sollte sich dies hin und wieder vor Augen führen und dankbar dafür sein. Es hilft, die kleinen und großen Dinge des Lebens mit etwas anderen Augen zu betrachten und entwickelt tieferes Verständnis. Selbstverständlichkeiten und Nichtselbstverständlichkeiten bekommen eine andere Zuordnung.

Am Samstagabend überraschten uns die Blauen Ritter mit einem gemütlichen Lagerfeuer und Stockbrot am Strand. Die autistischen Helden wurden unter Beifall mit einer Urkunde und einem Cap für Strandwandern, Sandburg bauen, Eisbecher essen, Ball ins Wasser werfen (bei dem sich Herr Dumong als Held erwies) und andere Sportlichkeiten ausgezeichnet. Wir bedankten uns bei den motorradfahrenden Blue Knights in geselliger Runde mit einem eigens vom Gravurstudio Nucke angefertigten Glaspokal und einem persönlichen „Flutbecher“ für jeden Motorradfahrer.

Am Sonntag galt unsere Aufmerksamkeit dem Besuch der Ostseetherme Ahlbeck. Erwachsene und Kinder genossen dies gleichermaßen. Oli kriegte von der Wasserrutsche nicht genug, Chrisi tummelte sich eine Ewigkeit unter’m Wassermassagestrahl, Miriam trieb auf ihrer Luftmatratze, Patrick und Karsten genossen das Wasser pur und Andrè interessierte sich für die technischen Daten des Solebeckens. Nach der Rückkehr brachten wir den Grill für die mit mitgebrachten Thüringer Rostbratwürste in Gang.

Da Petrus uns wohlgesonnen war, bleiben uns die Tage in sonniger Erinnerung. Wir hatten Spaß, Geselligkeit und Entspannung und möchten das Erlebnis unbedingt wiederholen. Wir fühlten uns in der Gemeinschaft wohl und die alltäglichen Schwierigkeiten erschienen uns leichter, da Jeder auf Jeden Obacht gab. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschiedeten wir uns am Montag Mittag, ehe wir in Richtung Heimat wieder aufbrachen und alle gesund zu Hause ankamen.

Wir sagen an dieser Stelle noch einmal Danke allen Helfern, Sponsoren und Organisatoren, die uns diese Freizeitfahrt ermöglichten. Besonders erwähnt seien hier Klaus-Dieter Dumong mit seiner Frau, Torsten Reum mit seiner Frau, Uwe Marek, A. Bünning und Sprotte, die uns bedingungslos zur Seite standen.

Wer sich für die Interessen autistisch behinderter Menschen und ihre Familien interessiert, erfährt bereits jetzt, dass noch in diesem Jahr das Elternbuch „Tausend Prozent Laternenallee und zurück“ im Verlag Kleine Wege Nordhausen erscheinen wird.
Simone Urban, 1. Vorsitzende des Elternvereins
Autor: nnz

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