Fr, 07:11 Uhr
20.07.2007
Angemerkt: Auf dem Rücken der Kunden
Nordhausen (nnz). Wird der große Streik der Lokführer kommen? Das gilt als sicher. Die nnz veröffentlicht an dieser Stelle Gedanken eines vom Streik der Lokomotivführer Betroffenen.
Eines vorab: Als Dritter über die Notwendigkeit eines Arbeitskampfes, über die Motive des Arbeitgebers und der Arbeitnehmer urteilen zu wollen, ist schwierig. Deswegen steht hier auch nicht der Arbeitskampf an sich zur Debatte, sondern die Art und Weise, wie er ausgetragen wird – auf dem Rücken der Kunden nämlich – und die Folgen, die dieser Arbeitskampf, wenn er noch länger anhalten wird, haben wird. Die könnten nämlich verheerend sein.
Was bei der letzten Streikaktion am Dienstag voriger Woche fallweise mit den Kunden getrieben wurde, die sich der Deutschen Bahn und ihren Zügen anvertraut haben, spottete jeder Beschreibung und grenzte zum Teil an Nötigung. In Hamburg, aber eben auch im uns benachbarten Wolkramshausen wurden Züge auf freier Strecke gestoppt und die Fahrgäste mehr als zwei Stunden eingesperrt. Das zeugt von einer Einstellung gegenüber dem Kunden, die in Bezug auf die Zukunft der Deutschen Bahn Regio nachdenklich stimmt. Schließlich ist es der Kunde, der für den größten Teil des Gehalts der Lokführer aufkommt und der hier in übler Form missachtet wird. Was, wenn diese Einstellung Schule macht? Was hätte es ausgemacht, noch einige hundert Meter weiter bis zur nächsten Station zu fahren? Genau: Dann hätte ein nicht streikender Kollege ja mit seinem Zug vorbei- oder weiterfahren können…
Aber abgesehen von diesen sehr bedauerlichen Einzelfällen, die – Streik hin, Streik her – für die Verursacher Konsequenzen haben müssen, weil man so in keinem Fall mit dem Kunden verfährt, der hier als Geisel eigener Interessen herhalten musste, droht mittelfristig noch eine ganz andere Gefahr.
Weite Teile des Netzes der DB dienen dem Regionalverkehr, der von den Ländern bzw. den dort geschaffenen Bestellorganisationen – wie der LNVG in Niedersachsen – bestellt und bezuschusst wird. Mehrere Milliarden Euro pro Jahr werden hierfür aufgewendet. Bestellt wird, damit gefahren wird, und nicht fürs Nichtfahren. Bund und Länder werden ihr Interesse an dieser Art des Nahverkehrs verlieren, wenn die Zahl der Fahrgäste aufgrund von Streiks sinkt. Die Initiative Höchste Eisenbahn für den Südharz bemüht sich seit mehr als 10 Jahren, die Sanierung der Strecken im Südharz voranzutreiben, mehr Züge auf die Strecke zu bekommen und hierdurch mehr Fahrgäste für die Bahn zu gewinnen, um eine Abbestellung und nachfolgende Stilllegung zu vermeiden. Anhaltende Arbeitskampfmaßnahmen werden die gerade gewonnenen Kunden wieder vertreiben. Mehr als 10 % neue Fahrgäste waren ein gutes Zeichen – sie und andere werden abwandern, wenn sie nicht mehr zuverlässig zur Arbeit kommen. Eltern werden nicht lange zusehen, wie ihre Kinder Schulstunden verpassen, weil ein Zug streikbedingt ausfällt – sie werden Busse fordern, die zuverlässig verkehren, weil sie nicht den Machtkämpfen der Herren Schell und Mehdorn dienen.
Ein anhaltender Streik könnte der Anfang vom Ende des Schienenverkehrs im ländlichen Raum sein. Im Fernverkehr wird nun der Ruf nach Fernbus-Konzessionen lauter werden. Zu Recht – Man möchte mobil bleiben, und wenn es die Bahn nicht möglich macht, muß es eben anders gehen.
Dort, wo das Interesse am Nahverkehr erhalten bleibt, werden die Bestellorganisationen immer öfter und mehr ausschreiben. Dort dürfte die DB Regio in Zukunft keine Chance mehr haben, der Kosten wegen, aber auch der Einstellung dem Kunden gegenüber wegen. Oder möchten Sie sich gern einem Lokführer anvertrauen, der sie einige Wochen zuvor eiskalt 2-3 Stunden auf freier Strecke abgestellt hat, ohne sich weiter um Sie zu kümmern?
Alles in allem gibt es bei diesem Arbeitskampf nur Verlierer: Die Bahn verliert Umsatz und Strecken, die Lokführer ihre Jobs und der ländliche Raum möglicherweise ein alternatives Verkehrsmittel. Damit gehört umweltfreundliche und nachhaltige Mobilität dort der Vergangenheit an.
Aber daran denkt in der Verbissenheit des Machtkampfs von den handelnden Akteuren wohl eher niemand. Und so wird in wenigen Wochen eingerissen, was über Jahre an Vertrauen aufgebaut worden ist. Gedanklich hat sich Herr Schell aber vom Schienenverkehr wohl schon verabschiedet – wie anders ist es zu erklären, daß er Lohnzuwachs in Form von Tankfüllungen (!) errechnet und dies per Rundfunkinterview auch noch verbreitet? Von Monatskarten hat er nicht gesprochen…
Die Akteure von Höchste Eisenbahn, die bis vor wenigen Wochen noch um das Rückgängigmachen von Zugstreichungen gekämpft haben, stehen fassungslos vor diesem Arbeitskampf und seinen Folgen. Alles umsonst, weil bei der Bahn inzwischen Gewerkschaften gegeneinander antreten. So haben wir uns die Förderung des Nahverkehrs im Südharz ganz und gar nicht vorgestellt. Dies meint ganz privat ein sehr nachdenklich gewordener
Michael Reinboth, Bad Lauterberg
Autor: nnzEines vorab: Als Dritter über die Notwendigkeit eines Arbeitskampfes, über die Motive des Arbeitgebers und der Arbeitnehmer urteilen zu wollen, ist schwierig. Deswegen steht hier auch nicht der Arbeitskampf an sich zur Debatte, sondern die Art und Weise, wie er ausgetragen wird – auf dem Rücken der Kunden nämlich – und die Folgen, die dieser Arbeitskampf, wenn er noch länger anhalten wird, haben wird. Die könnten nämlich verheerend sein.
Was bei der letzten Streikaktion am Dienstag voriger Woche fallweise mit den Kunden getrieben wurde, die sich der Deutschen Bahn und ihren Zügen anvertraut haben, spottete jeder Beschreibung und grenzte zum Teil an Nötigung. In Hamburg, aber eben auch im uns benachbarten Wolkramshausen wurden Züge auf freier Strecke gestoppt und die Fahrgäste mehr als zwei Stunden eingesperrt. Das zeugt von einer Einstellung gegenüber dem Kunden, die in Bezug auf die Zukunft der Deutschen Bahn Regio nachdenklich stimmt. Schließlich ist es der Kunde, der für den größten Teil des Gehalts der Lokführer aufkommt und der hier in übler Form missachtet wird. Was, wenn diese Einstellung Schule macht? Was hätte es ausgemacht, noch einige hundert Meter weiter bis zur nächsten Station zu fahren? Genau: Dann hätte ein nicht streikender Kollege ja mit seinem Zug vorbei- oder weiterfahren können…
Aber abgesehen von diesen sehr bedauerlichen Einzelfällen, die – Streik hin, Streik her – für die Verursacher Konsequenzen haben müssen, weil man so in keinem Fall mit dem Kunden verfährt, der hier als Geisel eigener Interessen herhalten musste, droht mittelfristig noch eine ganz andere Gefahr.
Weite Teile des Netzes der DB dienen dem Regionalverkehr, der von den Ländern bzw. den dort geschaffenen Bestellorganisationen – wie der LNVG in Niedersachsen – bestellt und bezuschusst wird. Mehrere Milliarden Euro pro Jahr werden hierfür aufgewendet. Bestellt wird, damit gefahren wird, und nicht fürs Nichtfahren. Bund und Länder werden ihr Interesse an dieser Art des Nahverkehrs verlieren, wenn die Zahl der Fahrgäste aufgrund von Streiks sinkt. Die Initiative Höchste Eisenbahn für den Südharz bemüht sich seit mehr als 10 Jahren, die Sanierung der Strecken im Südharz voranzutreiben, mehr Züge auf die Strecke zu bekommen und hierdurch mehr Fahrgäste für die Bahn zu gewinnen, um eine Abbestellung und nachfolgende Stilllegung zu vermeiden. Anhaltende Arbeitskampfmaßnahmen werden die gerade gewonnenen Kunden wieder vertreiben. Mehr als 10 % neue Fahrgäste waren ein gutes Zeichen – sie und andere werden abwandern, wenn sie nicht mehr zuverlässig zur Arbeit kommen. Eltern werden nicht lange zusehen, wie ihre Kinder Schulstunden verpassen, weil ein Zug streikbedingt ausfällt – sie werden Busse fordern, die zuverlässig verkehren, weil sie nicht den Machtkämpfen der Herren Schell und Mehdorn dienen.
Ein anhaltender Streik könnte der Anfang vom Ende des Schienenverkehrs im ländlichen Raum sein. Im Fernverkehr wird nun der Ruf nach Fernbus-Konzessionen lauter werden. Zu Recht – Man möchte mobil bleiben, und wenn es die Bahn nicht möglich macht, muß es eben anders gehen.
Dort, wo das Interesse am Nahverkehr erhalten bleibt, werden die Bestellorganisationen immer öfter und mehr ausschreiben. Dort dürfte die DB Regio in Zukunft keine Chance mehr haben, der Kosten wegen, aber auch der Einstellung dem Kunden gegenüber wegen. Oder möchten Sie sich gern einem Lokführer anvertrauen, der sie einige Wochen zuvor eiskalt 2-3 Stunden auf freier Strecke abgestellt hat, ohne sich weiter um Sie zu kümmern?
Alles in allem gibt es bei diesem Arbeitskampf nur Verlierer: Die Bahn verliert Umsatz und Strecken, die Lokführer ihre Jobs und der ländliche Raum möglicherweise ein alternatives Verkehrsmittel. Damit gehört umweltfreundliche und nachhaltige Mobilität dort der Vergangenheit an.
Aber daran denkt in der Verbissenheit des Machtkampfs von den handelnden Akteuren wohl eher niemand. Und so wird in wenigen Wochen eingerissen, was über Jahre an Vertrauen aufgebaut worden ist. Gedanklich hat sich Herr Schell aber vom Schienenverkehr wohl schon verabschiedet – wie anders ist es zu erklären, daß er Lohnzuwachs in Form von Tankfüllungen (!) errechnet und dies per Rundfunkinterview auch noch verbreitet? Von Monatskarten hat er nicht gesprochen…
Die Akteure von Höchste Eisenbahn, die bis vor wenigen Wochen noch um das Rückgängigmachen von Zugstreichungen gekämpft haben, stehen fassungslos vor diesem Arbeitskampf und seinen Folgen. Alles umsonst, weil bei der Bahn inzwischen Gewerkschaften gegeneinander antreten. So haben wir uns die Förderung des Nahverkehrs im Südharz ganz und gar nicht vorgestellt. Dies meint ganz privat ein sehr nachdenklich gewordener
Michael Reinboth, Bad Lauterberg

