So, 18:07 Uhr
13.05.2007
nnz-doku: Festrede zum Festakt
Nordhausen (nnz). Die nnz hatte heute ausführlich über die Eröffnung der Feierlichkeiten zum 1080jährige Jubiläum der Stadt Nordhausen berichtet. Innerhalb der doku-Reihe veröffentlich die nnz die Rede von Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD).
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Festversammlung,
1080 Jahre Nordhausen wahrlich ein Grund zum Feiern und Fröhlichsein, ein Grund für Dankbarkeit und Hoffnung, ein Grund zum Innehalten und Erinnern. Schon Friedrich-Christian Lesser, der bekannte Pfarrer und Chronist von Nordhausen, sagt in einer seiner Schriften ich habe schon immer die Meinung gehegt, es sei unanständig, in der Erkenntnis der Geschichte auswärtiger Dinge daheim ein Fremdling zu sein. So sind Jubiläen, insbesondere Stadtjubiläen, auch immer wieder geeignet, sich die eigene Geschichte in besonderer Weise anzueignen, denn meine sehr geehrten Damen und Herren Geschichtsvergessenheit bedeutet, auf die Erfahrungen unserer Mütter und Väter zu verzichten.
Deshalb lade ich Sie nun ein zu einigen großen Zeitsprüngen und beginne mit dem Jahrtausend. Ich will der Frage nachgehen, wie unsere Stadt entstand, welche Bedingungen es waren, die sie wachsen ließen und ich richte u. a. einen besonderen Blick auf die Anfänge und die Entwicklung des Schulwesens.
Hänge aus Schotter, unbewaldet, mit dünner Grasnarbe und Heidekraut, hie und da ein Dornenstrauch; oben auf der Hochfläche unberührte Waldungen, ein Bergrücken von der Schönen Aussicht bis zur Blasiikirche, durchfurcht von riesigen Wasserrunsen, deren tiefste unsere jetzige Rautenstraße ist: So sieht er ungefähr aus vor 1000 Jahren, der vegetationsarme Südhang des letzten Höhenrückens vor der großen fruchtbaren Aue.
Also nicht die Schönheit der Natur des Südharzes, so wie wir sie heute kennen, wird Heinrich I. dazu veranlasst haben, hier in unmittelbarer Nähe des heutigen Domgeländes eine Burg zu bauen. Vielmehr ist es die Tatsache, dass ihm der alte Reichsboden gehört. Aber vor allem ist es die besondere Lage, die die Entscheidung bestimmt haben mag. Die Querung wichtiger Heerstraßen zugleich wohl gesichert auf einer Anhöhe mit Ausblick weit über die Hainleite. So entschließt sich Heinrich zum Bau einer Burg, etwa 800 m westliche von dem alten fränkischen Reichsdörfchen Nordhausen.
Es ist also in erster Linie eine strategische Entscheidung, hier an der Südgrenze seines Herzogtums gegen alle Angriffe von außen, eine Burg zu errichten. Man schreibt wahrscheinlich des Jahr 908 als die Burg erbaut und spärlich eingerichtet wird. Heinrich setzt eine Besatzung ein und teilt der um 912 fertiggestellten Anlage einen angemessenen Teil der umliegenden Fluren zu. In der alten Chronik wird immer wieder der Ausdruck milites erwähnt, der eindeutig auf die Art der Nutzung hinweist – eine militärische Nutzung.
Der Name Nordhausen wird das erste Mal urkundlich erwähnt am 13. Mai 927, also heute genau vor 1080 Jahren. Das ist der Tag, an dem Heinrich I. sein Eigengut in Nordhausen seiner Gemahlin Mathilde vermacht. Als im Jahre 915 seine Tochter Gerberga in der Burg Nordhausen geboren wird, kann von einem Marktort oder gar einer Stadt noch nicht die Rede sein. 929 bekommt Mathilde dann auch noch sämtliche Einkünfte, Insassen und Leibeigenen überlassen. So kann sie sofort ans Werk gehen, um sich ihren großen Wunsch, die Gründung eines Damenstiftes in unmittelbarer Nähe der Königspfalz zu erfüllen.
Doch für eine echte Entwicklung unserer Stadt fehlt noch immer die entscheidende Voraussetzung – der Frieden. Als 933 die Ungarn mordend und brandschatzend in Thüringen einfallen, flüchten die Bewohner aus der ganzen Umgebung in den Schutz der Burg. Als endlich die Kunde vom Sieg des Königs über die Angreifer am Unstrutrieth durch die Lande geht, bricht ein großes Freuden- und Friedensfest auf der Königspfalz Nordhausen aus, so die Überlieferung. Es ist Frieden und in den alten Aufzeichnungen des Widukind ist immer häufiger das Wort milites durch das Wort civitas ersetzt. Es ist Frieden und aus Schutz- und Wehreinrichtungen entstehen Handwerkersiedlungen und Handelshäuser.
Es ist Frieden und die Burg mit ihren Wirtschaftshöfen kann sich öffnen und langsam zu einer civitas, einer Stadt der Bürger werden.
Doch für eine richtige Stadt sind zur damaligen Zeit noch andere Eigenschaften notwendig:
1. die Befestigung der Gesamtanlage, d. h. eine Stadtmauer
2. das Marktrecht
3. die Herausnahme des Ortes aus der Landgerichtsbarkeit
Obwohl die Stadt noch lange warten muss bis die Gerichtsbarkeit zu ihren Gunsten geklärt wird, entwickelt sie sich schnell zum Mittelpunkt der gesamten Region und wird Austragungsort wichtiger Konzilien, Gerichtstage und wie man häufig lesen kann auch großer Festgelage und Kaiserhochzeiten. Honorige Gäste verweilen in der Stadt (z. B. der Patriarch von Jerusalem, die Herrenmeister der Johanniter). Dadurch steigen Verbrauch und Bedürfnisse nach den unterschiedlichsten Produkten, angefangen von Lebensmitteln bis hin zu Stoffen und Gewändern. So ziehen sich immer mehr Handwerker in die Stadt, um die Nachfrage zu befriedigen. Das Bäckerhandwerk wird so das erste, das in Nordhausen in Größenordnungen siedelt. Und es entsteht folgerichtig direkt neben dem Zentrum aller damaligen Aktivitäten als erstes die Bäckerstraße.
Was für die Bedürfnisse der Stadt und ihrer Gäste nicht aus der Umgebung geliefert werden kann, schaffen schon bald wendige Händler herbei. Sie lassen sich in der Krämerstraße nieder und werden zu Kaufleuten und gründen ein Kaufhaus. Bald darauf veranlassen sie den Bau einer Kirche auf dem Marktplatz – die Nikolai-Kirche. Hier bei einem Heiligtum fühlen sich die Kaufleute sicher vor den rauf- und raublustigen Adligen. So entwickeln sich schnell wirtschaftliche Beziehungen in der Stadt und anstelle der Adligen und Bauern übernehmen langsam die Bürger (Handwerker und Kaufleute) das Zepter.
Als 1220 Kaiser Friedrich II. Barbarossa in der Stadt weilt, erlässt er die lang ersehnte Verfassung. Diese Verfügung wird in einer am 11. März 1223 in Italien ausgestellten Urkunde bestätigt. Nordhausen ist nun die freie und des Reiches Stadt und gewinnt rasch an Bedeutung.
Zur selben Zeit entstehen erste Bildungseinrichtungen, die neben der wirtschaftlichen Entwicklung entscheidende Impulse für das Leben der Stadt geben. Das ist nicht überraschend, doch man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass damals nur ganz wenige Menschen lesen und schreiben konnten – eine schwierige Bedingung bei der Gründung und Organisation einer Stadt.
Bereits Anfang des Jahres 1200 werden auf Geheiß der Königin Mathilde und völlig gegen den Zeitgeist junge Nonnen in einer Schule unterrichtet. Erst im Jahre 1220 zieht das männliche Geschlecht durch die Gründung einer Knabenschule nach.
Etwa 100 Jahre nach ihrer Gründung genügt diese Schule den Ansprüchen der Bürger schon nicht mehr. Sie ahnen bereits, dass das, was Melanchton 200 Jahre später so treffend in Worte fasst, eine Grundwahrheit zur Erkenntnis des Lebens ist.
Wenn wir nämlich gewisse Richtlinien des sprachlichen Ausdrucks nicht gründlich lernen, können wir weder unsere eigenen Gedanken darlegen, noch die Schriften aus früherer Zeit verstehen.
Die Bürger beabsichtigen daher, eine besondere Stadtschule zu gründen, werden jedoch vom Erzbischof von Mainz daran gehindert. So wenden sie sich in sehr ungewöhnlicher Weise direkt an den Heiligen Vater, der ihnen in einem persönlichen Brief im Jahre 1319 antwortet. Zitat Ihr habt uns vorgestellt, in Eurer Stadt sei vor aller Zeit, als dieselbe noch kleiner und nicht so erfolgreich war, wie sie jetzt ist bei der Kirche zum Heiligen Kreuz eine Schule eingerichtet worden. Da aber Eure Stadt an Einwohnern und Häusern sowohl innerhalb der Stadtmauern als außerhalb derselben so sehr zugenommen hat, daß die Schüler in der Stadt die Schule, welche an dem äußersten Ende der Stadt liegt, wegen der Entfernung nicht wohl besuchen können, auch die Menge der Schüler von dem einen Schulmeister nicht gut geleitet werden kann, so genehmigen wir Eure Bitte, daß Ihr bei der Pfarrkirche St. Petri zur Mehrung der Geistlichkeit sowie zum bequemeren Unterricht eine andere Schuleerbauen und für alle künftigen Zeiten einen Schulmeister anstellen dürft. Zitat Ende.
Konsequenz und Beharrlichkeit haben sich gelohnt. Die erste städtische Schule wird gegründet.
Das 13. Jahrhundert ist ein friedloses Untreue lauerte im Hinterhalt und Gewalt fuhr auf der Straße daher so der Chronist.
Am 2. Februar 1266 finden wir die erste Erwähnung eines Nordhäuser Rates, der versucht mit Gesetzen die Wirren zu ordnen.
In den folgenden Jahren emanzipieren sich die Patrizier Nordhausens zum universitas burgensias. Eine Ratsversammlung bildet die gesetzgebende Körperschaft und es entsteht der Rat als Verwaltungsbehörde. Das Schwergewicht hat sich von den agrarwirtschaftlich eingestellten Rittern zu den geldwirtschaftlich orientierten Bürgern verschoben. Die Gewalt geht endgültig von der königlichen Burg auf das bürgerliche Kauf- und Rathaus über. Damit sich auf dem Markt Handel und Wandel entwickeln kann und somit der Wohlstand der Bürger vermehrt wird, muss in erster Linie Frieden sein. Deshalb macht es sich der Rat zur vornehmsten und ersten Aufgabe, den Marktfrieden zu gewähren.
Der wichtigste neue Grundsatz lautet: Die Märkte, die der Rat und die Handwerksmeister ausrichten, müssen allen – arm und reich – zugute kommen.
So wächst die Stadt und schließt sich im Jahre 1365 mit der Neustadt zusammen. Daran erinnert bis heute der Aar, eines der sieben Wahrzeichen unserer Stadt, der nun in zeitgemäßer Gestaltung auf dem Brunnen vor dem Rathaus sitzt.
Sehr bald wirkt sich die Macht der Patrizier hemmend auf die Entwicklung der Stadt aus und so kommt es am 13. Februar 1375 zur Nordhäuser Revolution. Die bürgerliche Opposition erringt einen vollen Sieg über den alten Patrizischen Rat, der seine Macht nicht wieder erlangt. Daran erinnert unserer Roland, der seit dem vor dem Rathaus steht.
Nordhausen gehört nun zu den wenigen Städten, in denen die Bürgeropposition einen vollen und dauerhaften Sieg erkämpft. Es kommt zur ersten demokratischen Ratsverfassung.
Dass in den Jahren 1502 – 1560 bereits 176 Nordhäuser Bürgersöhne in Wittenberg, in Prag und Erfurt an den Universitäten studierten, ist nicht zuletzt auch eine Konsequenz aus dieser aufstrebenden Grundstimmung und gibt der Nordhäuser Entscheidung für eine eigene städtische Schule recht. Ein reges geistiges Leben, die frühzeitige Entwicklung bürgerschaftlicher städtischer Strukturen und ein weltoffener Geist sind die Auswirkungen dieser richtigen Zukunftsentscheidung.
Dass die Reformation eine umfassende Neuordnung des gesamten Bildungssystems in Gang setzt, ist heute weithin in Vergessenheit geraten. Die gegenwärtige Diskussion über die Basis schulischen Lernens, über Allgemeinbildung und ihre Bedeutung für die wirtschaftliche und geisteswissenschaftliche Konkurrenzfähigkeit Deutschlands erinnert an eine grundlegende Einsicht des Reformators Philipp Melanchton, der mit seinen Ideen auch in Nordhausen segensreich tätig ist. Er sagt: Wer Schule gründet und die Wissenschaft pflegt, der macht sich um sein Volk und die ganze Nachwelt besser verdient, als wenn er neue Silber- und Goldadern fände. Zitat Ende.
Der Praeceptor Germaniae (der Lehrer Deutschlands) versteht es, unter dem Leitspruch zurück zu den Quellen traditionelles und modernes Wissen in Verbindung zu bringen, denn – ich zitiere weiter – Nichts ist für einen Staat gefährlicher, als ungebildete Untertanen. Das gilt zu jeder Zeit.
Diese Erkenntnis wird im Laufe der nächsten Jahrhunderte auf die unterschiedlichste Weise durch die verschiedensten Herrschaftsansprüche, denen unsere Stadt sich unterzuordnen hat, umgesetzt.
So müssen die Nordhäuser 300 Jahre später unter preußischer Verwaltung um den Fortbestand ihres Gymnasiums kämpfen, obwohl der preußische Staat größten Wert auf eine gute Allgemeinbildung legt.
Am 20. Juni 1806 bestimmt das Preußische Ministerium: Das Gymnasium zu Nordhausen ist als gelehrte Schule weder notwendig noch gehörig organisiert, es soll in eine Mittelschule umgewandelt werden.
Nordhausen soll fortan mehrere Elementarschulen für Knaben und Mädchen haben; eine höhere Bildungsanstalt für Mädchen; eine höhere Bildungsschule für Knaben, der einige Klassen mit gelehrtem Unterricht angegliedert werden sollen. Eine Kommission soll das Nordhäuser Bildungswesen in die neuen Verhältnisse überführen.
Glücklicherweise wird nicht alles so umgesetzt, denn Nordhausen wird zwischenzeitlich westfälisch und das Gymnasium bleibt erhalten. Die Kommission für ein verbessertes Schulwesen ist nun davon überzeugt, dass zusätzlich zum Gymnasium auch eine höhere Töchterschule errichtet werden muss.
Sehr bald gibt es dann neben den Schulen mit Schulgeld auch freie Volksschulen, von denen allerdings beklagt wird, dass die Schulversäumnisse und das unentschuldigte Fehlen sehr hoch sind.
Erst 1842 mit Einführung des Schulzwanges kommt Ordnung in die Nordhäuser Schullandschaft.
Bei der gesamten Entwicklung des Bildungswesens in unserer Stadt spielt die musische Entwicklung und die Erziehung zur Kunst eine besondere Rolle.
Durch eine Verordnung wird 1583 das Aufführen von Schauspielen, insbesondere von Komödien in der Schule durch die Schüler zur Pflicht gemacht.
Luther und Melanchton empfahlen sie als Spiegel des Lebens und zur Förderung der Sprachübung und Menschenkenntnis.
Genauso gehört auch der Musik an der Schule die volle Aufmerksamkeit. Neben zahlreichen Chören, Kurrenden und eines Chorus symphoniacus wird auch die Instrumentalmusik mit kleinem Orchester gefördert, so dass die Schüler 7 Stunden pro Woche Musikunterricht erhalten.
200 Jahre später sind wir in der Gegenwart angekommen. Nordhausen hat inzwischen seit über 60 Jahren Frieden, die längste Epoche seit der Gründung.
Unzählige Kriege und kriegerische Auseinandersetzung haben unsere Stadt immer wieder zerstört und verwüstet. Doch der Wille der Bürgerinnen und Bürger zum Aufbau bleibt stets ungebrochen. Gleich nach der Wende hat der Stadtrat so wie einst unsere Vorfahren im 13. Jahrhundert wieder einen Beschluss zum Frieden dieser Stadt gefasst. Unter dem Titel Nordhausen - Stadt des Friedens wird damit eine entscheidende Lehre aus der Geschichte, insbesondere der des 20. Jahrhunderts, gezogen.
Und wenn ich Sie am Schluss meiner Zeitsprünge schon auf ein Ereignis im November 2007 hinweisen darf – das 10jährige Bestehen unserer Fachhochschule und den damit verbundenen Status einer Hochschulstadt – dann ist mir um die Zukunft der 1000jährigen nicht bange. Auf dem alten Weinberg ist eine Zukunftswerkstatt entstanden, wo junge Menschen ans Werk gehen, Lösungsvorschläge für die Probleme von morgen und übermorgen zu finden. Dazu wird in den unterschiedlichsten Schul- und frühkindlichen Bildungseinrichtungen unserer Stadt der Grundstein gelegt.
Allen Kindern, den schwachen und den starken, den langsamen und den schnellen, eine solide Bildung zu ermöglichen, sollte unser vornehmstes Ziel sein, denn sie alle werden gebraucht, um unsere Stadt auch für die nächsten Generationen liebens- und lebenswert zu gestalten.
Lassen Sie mich schließen nochmals mit einem Zitat von Philipp Melanchton: Die Jugend in den Schulen vernachlässigen, heißet nichts anderes, als den Frühling aus dem Jahre hinwegnehmen.
Nun, meine sehr geehrten Damen und Herren, lassen Sie uns alles dafür tun, dass der Frühling in unserer Stadt zur schönsten Jahreszeit wird.
Autor: nnzMeine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Festversammlung,
1080 Jahre Nordhausen wahrlich ein Grund zum Feiern und Fröhlichsein, ein Grund für Dankbarkeit und Hoffnung, ein Grund zum Innehalten und Erinnern. Schon Friedrich-Christian Lesser, der bekannte Pfarrer und Chronist von Nordhausen, sagt in einer seiner Schriften ich habe schon immer die Meinung gehegt, es sei unanständig, in der Erkenntnis der Geschichte auswärtiger Dinge daheim ein Fremdling zu sein. So sind Jubiläen, insbesondere Stadtjubiläen, auch immer wieder geeignet, sich die eigene Geschichte in besonderer Weise anzueignen, denn meine sehr geehrten Damen und Herren Geschichtsvergessenheit bedeutet, auf die Erfahrungen unserer Mütter und Väter zu verzichten.
Deshalb lade ich Sie nun ein zu einigen großen Zeitsprüngen und beginne mit dem Jahrtausend. Ich will der Frage nachgehen, wie unsere Stadt entstand, welche Bedingungen es waren, die sie wachsen ließen und ich richte u. a. einen besonderen Blick auf die Anfänge und die Entwicklung des Schulwesens.
Hänge aus Schotter, unbewaldet, mit dünner Grasnarbe und Heidekraut, hie und da ein Dornenstrauch; oben auf der Hochfläche unberührte Waldungen, ein Bergrücken von der Schönen Aussicht bis zur Blasiikirche, durchfurcht von riesigen Wasserrunsen, deren tiefste unsere jetzige Rautenstraße ist: So sieht er ungefähr aus vor 1000 Jahren, der vegetationsarme Südhang des letzten Höhenrückens vor der großen fruchtbaren Aue.
Also nicht die Schönheit der Natur des Südharzes, so wie wir sie heute kennen, wird Heinrich I. dazu veranlasst haben, hier in unmittelbarer Nähe des heutigen Domgeländes eine Burg zu bauen. Vielmehr ist es die Tatsache, dass ihm der alte Reichsboden gehört. Aber vor allem ist es die besondere Lage, die die Entscheidung bestimmt haben mag. Die Querung wichtiger Heerstraßen zugleich wohl gesichert auf einer Anhöhe mit Ausblick weit über die Hainleite. So entschließt sich Heinrich zum Bau einer Burg, etwa 800 m westliche von dem alten fränkischen Reichsdörfchen Nordhausen.
Es ist also in erster Linie eine strategische Entscheidung, hier an der Südgrenze seines Herzogtums gegen alle Angriffe von außen, eine Burg zu errichten. Man schreibt wahrscheinlich des Jahr 908 als die Burg erbaut und spärlich eingerichtet wird. Heinrich setzt eine Besatzung ein und teilt der um 912 fertiggestellten Anlage einen angemessenen Teil der umliegenden Fluren zu. In der alten Chronik wird immer wieder der Ausdruck milites erwähnt, der eindeutig auf die Art der Nutzung hinweist – eine militärische Nutzung.
Der Name Nordhausen wird das erste Mal urkundlich erwähnt am 13. Mai 927, also heute genau vor 1080 Jahren. Das ist der Tag, an dem Heinrich I. sein Eigengut in Nordhausen seiner Gemahlin Mathilde vermacht. Als im Jahre 915 seine Tochter Gerberga in der Burg Nordhausen geboren wird, kann von einem Marktort oder gar einer Stadt noch nicht die Rede sein. 929 bekommt Mathilde dann auch noch sämtliche Einkünfte, Insassen und Leibeigenen überlassen. So kann sie sofort ans Werk gehen, um sich ihren großen Wunsch, die Gründung eines Damenstiftes in unmittelbarer Nähe der Königspfalz zu erfüllen.
Doch für eine echte Entwicklung unserer Stadt fehlt noch immer die entscheidende Voraussetzung – der Frieden. Als 933 die Ungarn mordend und brandschatzend in Thüringen einfallen, flüchten die Bewohner aus der ganzen Umgebung in den Schutz der Burg. Als endlich die Kunde vom Sieg des Königs über die Angreifer am Unstrutrieth durch die Lande geht, bricht ein großes Freuden- und Friedensfest auf der Königspfalz Nordhausen aus, so die Überlieferung. Es ist Frieden und in den alten Aufzeichnungen des Widukind ist immer häufiger das Wort milites durch das Wort civitas ersetzt. Es ist Frieden und aus Schutz- und Wehreinrichtungen entstehen Handwerkersiedlungen und Handelshäuser.
Es ist Frieden und die Burg mit ihren Wirtschaftshöfen kann sich öffnen und langsam zu einer civitas, einer Stadt der Bürger werden.
Doch für eine richtige Stadt sind zur damaligen Zeit noch andere Eigenschaften notwendig:
1. die Befestigung der Gesamtanlage, d. h. eine Stadtmauer
2. das Marktrecht
3. die Herausnahme des Ortes aus der Landgerichtsbarkeit
Obwohl die Stadt noch lange warten muss bis die Gerichtsbarkeit zu ihren Gunsten geklärt wird, entwickelt sie sich schnell zum Mittelpunkt der gesamten Region und wird Austragungsort wichtiger Konzilien, Gerichtstage und wie man häufig lesen kann auch großer Festgelage und Kaiserhochzeiten. Honorige Gäste verweilen in der Stadt (z. B. der Patriarch von Jerusalem, die Herrenmeister der Johanniter). Dadurch steigen Verbrauch und Bedürfnisse nach den unterschiedlichsten Produkten, angefangen von Lebensmitteln bis hin zu Stoffen und Gewändern. So ziehen sich immer mehr Handwerker in die Stadt, um die Nachfrage zu befriedigen. Das Bäckerhandwerk wird so das erste, das in Nordhausen in Größenordnungen siedelt. Und es entsteht folgerichtig direkt neben dem Zentrum aller damaligen Aktivitäten als erstes die Bäckerstraße.
Was für die Bedürfnisse der Stadt und ihrer Gäste nicht aus der Umgebung geliefert werden kann, schaffen schon bald wendige Händler herbei. Sie lassen sich in der Krämerstraße nieder und werden zu Kaufleuten und gründen ein Kaufhaus. Bald darauf veranlassen sie den Bau einer Kirche auf dem Marktplatz – die Nikolai-Kirche. Hier bei einem Heiligtum fühlen sich die Kaufleute sicher vor den rauf- und raublustigen Adligen. So entwickeln sich schnell wirtschaftliche Beziehungen in der Stadt und anstelle der Adligen und Bauern übernehmen langsam die Bürger (Handwerker und Kaufleute) das Zepter.
Als 1220 Kaiser Friedrich II. Barbarossa in der Stadt weilt, erlässt er die lang ersehnte Verfassung. Diese Verfügung wird in einer am 11. März 1223 in Italien ausgestellten Urkunde bestätigt. Nordhausen ist nun die freie und des Reiches Stadt und gewinnt rasch an Bedeutung.
Zur selben Zeit entstehen erste Bildungseinrichtungen, die neben der wirtschaftlichen Entwicklung entscheidende Impulse für das Leben der Stadt geben. Das ist nicht überraschend, doch man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass damals nur ganz wenige Menschen lesen und schreiben konnten – eine schwierige Bedingung bei der Gründung und Organisation einer Stadt.
Bereits Anfang des Jahres 1200 werden auf Geheiß der Königin Mathilde und völlig gegen den Zeitgeist junge Nonnen in einer Schule unterrichtet. Erst im Jahre 1220 zieht das männliche Geschlecht durch die Gründung einer Knabenschule nach.
Etwa 100 Jahre nach ihrer Gründung genügt diese Schule den Ansprüchen der Bürger schon nicht mehr. Sie ahnen bereits, dass das, was Melanchton 200 Jahre später so treffend in Worte fasst, eine Grundwahrheit zur Erkenntnis des Lebens ist.
Wenn wir nämlich gewisse Richtlinien des sprachlichen Ausdrucks nicht gründlich lernen, können wir weder unsere eigenen Gedanken darlegen, noch die Schriften aus früherer Zeit verstehen.
Die Bürger beabsichtigen daher, eine besondere Stadtschule zu gründen, werden jedoch vom Erzbischof von Mainz daran gehindert. So wenden sie sich in sehr ungewöhnlicher Weise direkt an den Heiligen Vater, der ihnen in einem persönlichen Brief im Jahre 1319 antwortet. Zitat Ihr habt uns vorgestellt, in Eurer Stadt sei vor aller Zeit, als dieselbe noch kleiner und nicht so erfolgreich war, wie sie jetzt ist bei der Kirche zum Heiligen Kreuz eine Schule eingerichtet worden. Da aber Eure Stadt an Einwohnern und Häusern sowohl innerhalb der Stadtmauern als außerhalb derselben so sehr zugenommen hat, daß die Schüler in der Stadt die Schule, welche an dem äußersten Ende der Stadt liegt, wegen der Entfernung nicht wohl besuchen können, auch die Menge der Schüler von dem einen Schulmeister nicht gut geleitet werden kann, so genehmigen wir Eure Bitte, daß Ihr bei der Pfarrkirche St. Petri zur Mehrung der Geistlichkeit sowie zum bequemeren Unterricht eine andere Schuleerbauen und für alle künftigen Zeiten einen Schulmeister anstellen dürft. Zitat Ende.
Konsequenz und Beharrlichkeit haben sich gelohnt. Die erste städtische Schule wird gegründet.
Das 13. Jahrhundert ist ein friedloses Untreue lauerte im Hinterhalt und Gewalt fuhr auf der Straße daher so der Chronist.
Am 2. Februar 1266 finden wir die erste Erwähnung eines Nordhäuser Rates, der versucht mit Gesetzen die Wirren zu ordnen.
In den folgenden Jahren emanzipieren sich die Patrizier Nordhausens zum universitas burgensias. Eine Ratsversammlung bildet die gesetzgebende Körperschaft und es entsteht der Rat als Verwaltungsbehörde. Das Schwergewicht hat sich von den agrarwirtschaftlich eingestellten Rittern zu den geldwirtschaftlich orientierten Bürgern verschoben. Die Gewalt geht endgültig von der königlichen Burg auf das bürgerliche Kauf- und Rathaus über. Damit sich auf dem Markt Handel und Wandel entwickeln kann und somit der Wohlstand der Bürger vermehrt wird, muss in erster Linie Frieden sein. Deshalb macht es sich der Rat zur vornehmsten und ersten Aufgabe, den Marktfrieden zu gewähren.
Der wichtigste neue Grundsatz lautet: Die Märkte, die der Rat und die Handwerksmeister ausrichten, müssen allen – arm und reich – zugute kommen.
So wächst die Stadt und schließt sich im Jahre 1365 mit der Neustadt zusammen. Daran erinnert bis heute der Aar, eines der sieben Wahrzeichen unserer Stadt, der nun in zeitgemäßer Gestaltung auf dem Brunnen vor dem Rathaus sitzt.
Sehr bald wirkt sich die Macht der Patrizier hemmend auf die Entwicklung der Stadt aus und so kommt es am 13. Februar 1375 zur Nordhäuser Revolution. Die bürgerliche Opposition erringt einen vollen Sieg über den alten Patrizischen Rat, der seine Macht nicht wieder erlangt. Daran erinnert unserer Roland, der seit dem vor dem Rathaus steht.
Nordhausen gehört nun zu den wenigen Städten, in denen die Bürgeropposition einen vollen und dauerhaften Sieg erkämpft. Es kommt zur ersten demokratischen Ratsverfassung.
Dass in den Jahren 1502 – 1560 bereits 176 Nordhäuser Bürgersöhne in Wittenberg, in Prag und Erfurt an den Universitäten studierten, ist nicht zuletzt auch eine Konsequenz aus dieser aufstrebenden Grundstimmung und gibt der Nordhäuser Entscheidung für eine eigene städtische Schule recht. Ein reges geistiges Leben, die frühzeitige Entwicklung bürgerschaftlicher städtischer Strukturen und ein weltoffener Geist sind die Auswirkungen dieser richtigen Zukunftsentscheidung.
Dass die Reformation eine umfassende Neuordnung des gesamten Bildungssystems in Gang setzt, ist heute weithin in Vergessenheit geraten. Die gegenwärtige Diskussion über die Basis schulischen Lernens, über Allgemeinbildung und ihre Bedeutung für die wirtschaftliche und geisteswissenschaftliche Konkurrenzfähigkeit Deutschlands erinnert an eine grundlegende Einsicht des Reformators Philipp Melanchton, der mit seinen Ideen auch in Nordhausen segensreich tätig ist. Er sagt: Wer Schule gründet und die Wissenschaft pflegt, der macht sich um sein Volk und die ganze Nachwelt besser verdient, als wenn er neue Silber- und Goldadern fände. Zitat Ende.
Der Praeceptor Germaniae (der Lehrer Deutschlands) versteht es, unter dem Leitspruch zurück zu den Quellen traditionelles und modernes Wissen in Verbindung zu bringen, denn – ich zitiere weiter – Nichts ist für einen Staat gefährlicher, als ungebildete Untertanen. Das gilt zu jeder Zeit.
Diese Erkenntnis wird im Laufe der nächsten Jahrhunderte auf die unterschiedlichste Weise durch die verschiedensten Herrschaftsansprüche, denen unsere Stadt sich unterzuordnen hat, umgesetzt.
So müssen die Nordhäuser 300 Jahre später unter preußischer Verwaltung um den Fortbestand ihres Gymnasiums kämpfen, obwohl der preußische Staat größten Wert auf eine gute Allgemeinbildung legt.
Am 20. Juni 1806 bestimmt das Preußische Ministerium: Das Gymnasium zu Nordhausen ist als gelehrte Schule weder notwendig noch gehörig organisiert, es soll in eine Mittelschule umgewandelt werden.
Nordhausen soll fortan mehrere Elementarschulen für Knaben und Mädchen haben; eine höhere Bildungsanstalt für Mädchen; eine höhere Bildungsschule für Knaben, der einige Klassen mit gelehrtem Unterricht angegliedert werden sollen. Eine Kommission soll das Nordhäuser Bildungswesen in die neuen Verhältnisse überführen.
Glücklicherweise wird nicht alles so umgesetzt, denn Nordhausen wird zwischenzeitlich westfälisch und das Gymnasium bleibt erhalten. Die Kommission für ein verbessertes Schulwesen ist nun davon überzeugt, dass zusätzlich zum Gymnasium auch eine höhere Töchterschule errichtet werden muss.
Sehr bald gibt es dann neben den Schulen mit Schulgeld auch freie Volksschulen, von denen allerdings beklagt wird, dass die Schulversäumnisse und das unentschuldigte Fehlen sehr hoch sind.
Erst 1842 mit Einführung des Schulzwanges kommt Ordnung in die Nordhäuser Schullandschaft.
Bei der gesamten Entwicklung des Bildungswesens in unserer Stadt spielt die musische Entwicklung und die Erziehung zur Kunst eine besondere Rolle.
Durch eine Verordnung wird 1583 das Aufführen von Schauspielen, insbesondere von Komödien in der Schule durch die Schüler zur Pflicht gemacht.
Luther und Melanchton empfahlen sie als Spiegel des Lebens und zur Förderung der Sprachübung und Menschenkenntnis.
Genauso gehört auch der Musik an der Schule die volle Aufmerksamkeit. Neben zahlreichen Chören, Kurrenden und eines Chorus symphoniacus wird auch die Instrumentalmusik mit kleinem Orchester gefördert, so dass die Schüler 7 Stunden pro Woche Musikunterricht erhalten.
200 Jahre später sind wir in der Gegenwart angekommen. Nordhausen hat inzwischen seit über 60 Jahren Frieden, die längste Epoche seit der Gründung.
Unzählige Kriege und kriegerische Auseinandersetzung haben unsere Stadt immer wieder zerstört und verwüstet. Doch der Wille der Bürgerinnen und Bürger zum Aufbau bleibt stets ungebrochen. Gleich nach der Wende hat der Stadtrat so wie einst unsere Vorfahren im 13. Jahrhundert wieder einen Beschluss zum Frieden dieser Stadt gefasst. Unter dem Titel Nordhausen - Stadt des Friedens wird damit eine entscheidende Lehre aus der Geschichte, insbesondere der des 20. Jahrhunderts, gezogen.
Und wenn ich Sie am Schluss meiner Zeitsprünge schon auf ein Ereignis im November 2007 hinweisen darf – das 10jährige Bestehen unserer Fachhochschule und den damit verbundenen Status einer Hochschulstadt – dann ist mir um die Zukunft der 1000jährigen nicht bange. Auf dem alten Weinberg ist eine Zukunftswerkstatt entstanden, wo junge Menschen ans Werk gehen, Lösungsvorschläge für die Probleme von morgen und übermorgen zu finden. Dazu wird in den unterschiedlichsten Schul- und frühkindlichen Bildungseinrichtungen unserer Stadt der Grundstein gelegt.
Allen Kindern, den schwachen und den starken, den langsamen und den schnellen, eine solide Bildung zu ermöglichen, sollte unser vornehmstes Ziel sein, denn sie alle werden gebraucht, um unsere Stadt auch für die nächsten Generationen liebens- und lebenswert zu gestalten.
Lassen Sie mich schließen nochmals mit einem Zitat von Philipp Melanchton: Die Jugend in den Schulen vernachlässigen, heißet nichts anderes, als den Frühling aus dem Jahre hinwegnehmen.
Nun, meine sehr geehrten Damen und Herren, lassen Sie uns alles dafür tun, dass der Frühling in unserer Stadt zur schönsten Jahreszeit wird.

