Do, 13:26 Uhr
15.03.2007
Der etwas andere Unterricht
Nordhausen (nnz). Theater macht am meisten Spaß, wenn jeder selbst in unbekannte Rollen schlüpfen kann. Das erfuhren jetzt Gymnasiasten aus Kelbra. Sie erlebten Emilia Galotti gleich zweimal.
Wenn zu Beginn der Stunde die Tische bei Seite gerückt werden, dann wissen die Schüler des Deutschkurses der 12. Klasse am Gymnasiums in Kelbra, dass ein paar Dinge anders laufen als sonst. Christel Stolle, die Lehrerin, gibt ihre Alleinherrschaft ab und gewährt Bianca Sue Henne, Leiterin des Jungen Theaters am Theater Nordhausen, freie Hand. Seit Februar reist die Theaterpädagogin mit einer großen Tasche voller Kostüme durch Schulen der Region, die sich für Lessings Emilia Galotti interessieren. Ich liebe dieses Stück, weil es in erstaunlicher Weise vorführt, was mich am Theater interessiert, nämlich dass ich einen eigenen Standpunkt nicht nur selbst entwickeln kann und darf, sondern diesen auch permanent überprüfen muss, ihn für neue Erkenntnisse öffnen oder ihn von anderen abgrenzen kann und so weiter. Das ist eine wesentliche Funktion von Theater überhaupt, damals wie heute!
Doch um sich mit einem Stück auseinandersetzen zu können, muss man es richtig gut kennen, also schlüpfen die Jugendlichen in die Rollen des willkürlichen Prinzen Hettore Gonzaga und seiner Mätresse Gräfin Orsina, des niederträchtig-intriganten Marinelli und dem bürgerlichen Gegenpart, der Familie Galotti. Dabei geben die Schüler Lessings Personal erstaunlich aktuelle Charakterzüge ohne die Rollen zu entkernen. In zwei Schulstunden haben sie sich so zunächst durch die Stückhandlung gespielt. Auf diese Weise erschließt sich den Schülern nicht nur die Handlung sehr eindrücklich, man entdeckt auch, wie gut der dramatische Text gestrickt ist. Für große Teile der Stückentwicklung brauchen die Darsteller kaum Vorgaben!
Der nächste Schritt der Auseinandersetzung mit dem Stück war der Theaterbesuch selbst. Eine Woche nach dem Workshop im Klassenzimmer pilgerte der Deutschkurs nach Nordhausen ins Theater, um sich die Inszenierung von Wolf Bunge anzusehen. Danach fuhr die Chefin des Jungen Theaters Nordhausen, Bianca Sue Henne, wieder nach Kelbra in den Unterricht, um mit den Schülerinnen und Schülern über ihren Theaterbesuch zu sprechen. Nachdem zunächst unterschiedliche Figurenkonstellationen aufgestellt wurden, entspann sich schnell eine Diskussion um die Frage, was heute bürgerlich ist, wie stark Emilia fremdbestimmt ist, um Bildung und Moral und selbstverständlich auch die Schuldfrage.
Die Orsina hat mir überhaupt am besten gefallen!, sagt eine Schülerin im Gespräch. Auf die Frage eines Schülers Können wir das nicht immer so machen, das ist viel nachhaltiger, als wenn wir das Stück zu Hause lesen und hier diskutieren! antwortet Frau Stolle: Genau das wollte ich euch vermitteln! Drama muss gespielt und gesehen werden! Ein weiteres Statement der Abschlussreflexion: Die provozierenden Fragen der Theaterpädagogin, die einen aufrütteln, haben uns den Zugang zum Stück sehr erleichtert!
Autor: nnzWenn zu Beginn der Stunde die Tische bei Seite gerückt werden, dann wissen die Schüler des Deutschkurses der 12. Klasse am Gymnasiums in Kelbra, dass ein paar Dinge anders laufen als sonst. Christel Stolle, die Lehrerin, gibt ihre Alleinherrschaft ab und gewährt Bianca Sue Henne, Leiterin des Jungen Theaters am Theater Nordhausen, freie Hand. Seit Februar reist die Theaterpädagogin mit einer großen Tasche voller Kostüme durch Schulen der Region, die sich für Lessings Emilia Galotti interessieren. Ich liebe dieses Stück, weil es in erstaunlicher Weise vorführt, was mich am Theater interessiert, nämlich dass ich einen eigenen Standpunkt nicht nur selbst entwickeln kann und darf, sondern diesen auch permanent überprüfen muss, ihn für neue Erkenntnisse öffnen oder ihn von anderen abgrenzen kann und so weiter. Das ist eine wesentliche Funktion von Theater überhaupt, damals wie heute!
Doch um sich mit einem Stück auseinandersetzen zu können, muss man es richtig gut kennen, also schlüpfen die Jugendlichen in die Rollen des willkürlichen Prinzen Hettore Gonzaga und seiner Mätresse Gräfin Orsina, des niederträchtig-intriganten Marinelli und dem bürgerlichen Gegenpart, der Familie Galotti. Dabei geben die Schüler Lessings Personal erstaunlich aktuelle Charakterzüge ohne die Rollen zu entkernen. In zwei Schulstunden haben sie sich so zunächst durch die Stückhandlung gespielt. Auf diese Weise erschließt sich den Schülern nicht nur die Handlung sehr eindrücklich, man entdeckt auch, wie gut der dramatische Text gestrickt ist. Für große Teile der Stückentwicklung brauchen die Darsteller kaum Vorgaben!
Der nächste Schritt der Auseinandersetzung mit dem Stück war der Theaterbesuch selbst. Eine Woche nach dem Workshop im Klassenzimmer pilgerte der Deutschkurs nach Nordhausen ins Theater, um sich die Inszenierung von Wolf Bunge anzusehen. Danach fuhr die Chefin des Jungen Theaters Nordhausen, Bianca Sue Henne, wieder nach Kelbra in den Unterricht, um mit den Schülerinnen und Schülern über ihren Theaterbesuch zu sprechen. Nachdem zunächst unterschiedliche Figurenkonstellationen aufgestellt wurden, entspann sich schnell eine Diskussion um die Frage, was heute bürgerlich ist, wie stark Emilia fremdbestimmt ist, um Bildung und Moral und selbstverständlich auch die Schuldfrage.
Die Orsina hat mir überhaupt am besten gefallen!, sagt eine Schülerin im Gespräch. Auf die Frage eines Schülers Können wir das nicht immer so machen, das ist viel nachhaltiger, als wenn wir das Stück zu Hause lesen und hier diskutieren! antwortet Frau Stolle: Genau das wollte ich euch vermitteln! Drama muss gespielt und gesehen werden! Ein weiteres Statement der Abschlussreflexion: Die provozierenden Fragen der Theaterpädagogin, die einen aufrütteln, haben uns den Zugang zum Stück sehr erleichtert!



