Fr, 15:59 Uhr
25.01.2002
Stücke von Walser und Seidel
Nordhausen (nnz). Am Nordhäuser Theater wird in diesem Jahr die Deutschland-Tetralogie fortgesetzt. Was im März im großen Haus zur Aufführung gelangt, das hat die nnz erfahren.
Der Versuch, die Jahre der deutsch-deutschen Teilung auf dem Theater greifbar zu machen, führte, angestoßen durch das Fehlen einer Theaterliteratur, die diese Realität von beiden Seiten der Mauer aus betrachtet, zu der Konzeption eines Doppelabends, der in der Kombination den Stereoblick möglich machen soll.
So wird mit Martin Walsers Ein Kinderspiel vor dem Hintergrund eines der bedeutendesten bundesrepublikanischen Ereignisse, der Studentenbewegung von 1968, eine Familie portraitiert, in der der Sohn Asti in einem revolutionären Habitus versucht, sich gegen die Generation der Eltern, hier speziell des Vaters Gerold, aufzulehnen. Töten will er seinen Erzeuger, weil dieser ihn durch den Akt seiner Zeugung zum Tode verurteilt hat. In mehreren Szenen nimmt der Revolutionär, in der Literatur auch häufig Hamletino genannt, Anlauf für die große Tat des Vatermords; er gefällt sich in seiner heroischen Pose, doch als er Gerold gegenübersteht, versteht dieser, die gesamte Energie aufzufangen und zu absorbieren. Der Vater ist zu liberal, als daß man wirksam gegen ihn rebellieren könnte, und zu sehr sieht er das Ende der bundesdeutschen Revolution in der reinen Ästhetik, dem Design voraus. Und er behält recht: ein Jahrzehnt später ist Asti ein erfolgreicher Unternehmer. Seine unscheinbare Schwester Bille hat sich hingegen den Terroristen angeschlossen.
Dem steht Georg Seidels Jochen Schanotta gegenüber, dessen Titelfigur einen ähnlichen Kampf auf der anderen Seite der Mauer kämpft. Auch er rebelliert gegen die Gesellschaft im Ringen um seine persönliche Freiheit, um die Möglichkeit, sein Leben selbst gestalten zu können. Doch die ihn umgebende Gesellschaft ist nicht liberal, sondern restriktiv und monolithisch. Schanotta scheitert an den Institutionen der realsozialistischen Gesellschaft: der Armee, der Schule, der Wirtschaft, so daß auch dieser kämpferische Impuls versiegt.
Zwei jugendliche Helden, zwei Hamletinos, die in Ost wie in West gegen die gesellschaftliche Realität und ihre Verkrustungen kämpfen und scheitern. Zwei Stücke auch, die selten auf den Spielplänen der deutschsprachigen Theater zu finden sind und hier zu einem besonderen Blick auf einen Abschnitt der deutschen Geschichte vereinigt sind, der die Gegenwart maßgeblich mitbestimmt. Konsequenterweise hat das Theater Nordhausen auch zwei Regisseure verpflichtet, deren Biographien das Thema des Abends widerspiegeln: der aus dem Westen stammende Arne Dechow inszeniert das Kinderspiel, die aus (Ost-)Berlin stammende Gundula Weimann den Jochen Schanotta.
Das Projekt der Deutschland-Tetralogie wird übrigens in der kommenden Spielzeit seinen Abschluß in einem Stückewettbewerb finden, den das Theater Nordhausen ausgeschrieben hat. Eine Jury wird unter den Einsendungen den Text auswählen, der das Thema des wiedervereinigten Deutschlands am besten dramatisch umgesetzt hat. Als Preis winken neben der Uraufführung 2.500 Euro. Der vierte Teil der Tetralogie trägt den Titel Das wiedervereinigte Deutschland Aufbruch, Umbruch oder Abbruch.
Autor: nnzDer Versuch, die Jahre der deutsch-deutschen Teilung auf dem Theater greifbar zu machen, führte, angestoßen durch das Fehlen einer Theaterliteratur, die diese Realität von beiden Seiten der Mauer aus betrachtet, zu der Konzeption eines Doppelabends, der in der Kombination den Stereoblick möglich machen soll.
So wird mit Martin Walsers Ein Kinderspiel vor dem Hintergrund eines der bedeutendesten bundesrepublikanischen Ereignisse, der Studentenbewegung von 1968, eine Familie portraitiert, in der der Sohn Asti in einem revolutionären Habitus versucht, sich gegen die Generation der Eltern, hier speziell des Vaters Gerold, aufzulehnen. Töten will er seinen Erzeuger, weil dieser ihn durch den Akt seiner Zeugung zum Tode verurteilt hat. In mehreren Szenen nimmt der Revolutionär, in der Literatur auch häufig Hamletino genannt, Anlauf für die große Tat des Vatermords; er gefällt sich in seiner heroischen Pose, doch als er Gerold gegenübersteht, versteht dieser, die gesamte Energie aufzufangen und zu absorbieren. Der Vater ist zu liberal, als daß man wirksam gegen ihn rebellieren könnte, und zu sehr sieht er das Ende der bundesdeutschen Revolution in der reinen Ästhetik, dem Design voraus. Und er behält recht: ein Jahrzehnt später ist Asti ein erfolgreicher Unternehmer. Seine unscheinbare Schwester Bille hat sich hingegen den Terroristen angeschlossen.
Dem steht Georg Seidels Jochen Schanotta gegenüber, dessen Titelfigur einen ähnlichen Kampf auf der anderen Seite der Mauer kämpft. Auch er rebelliert gegen die Gesellschaft im Ringen um seine persönliche Freiheit, um die Möglichkeit, sein Leben selbst gestalten zu können. Doch die ihn umgebende Gesellschaft ist nicht liberal, sondern restriktiv und monolithisch. Schanotta scheitert an den Institutionen der realsozialistischen Gesellschaft: der Armee, der Schule, der Wirtschaft, so daß auch dieser kämpferische Impuls versiegt.
Zwei jugendliche Helden, zwei Hamletinos, die in Ost wie in West gegen die gesellschaftliche Realität und ihre Verkrustungen kämpfen und scheitern. Zwei Stücke auch, die selten auf den Spielplänen der deutschsprachigen Theater zu finden sind und hier zu einem besonderen Blick auf einen Abschnitt der deutschen Geschichte vereinigt sind, der die Gegenwart maßgeblich mitbestimmt. Konsequenterweise hat das Theater Nordhausen auch zwei Regisseure verpflichtet, deren Biographien das Thema des Abends widerspiegeln: der aus dem Westen stammende Arne Dechow inszeniert das Kinderspiel, die aus (Ost-)Berlin stammende Gundula Weimann den Jochen Schanotta.
Das Projekt der Deutschland-Tetralogie wird übrigens in der kommenden Spielzeit seinen Abschluß in einem Stückewettbewerb finden, den das Theater Nordhausen ausgeschrieben hat. Eine Jury wird unter den Einsendungen den Text auswählen, der das Thema des wiedervereinigten Deutschlands am besten dramatisch umgesetzt hat. Als Preis winken neben der Uraufführung 2.500 Euro. Der vierte Teil der Tetralogie trägt den Titel Das wiedervereinigte Deutschland Aufbruch, Umbruch oder Abbruch.

