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Fr, 09:53 Uhr
12.12.2025
ERINNERUNGEN AN EINEN LIEBEN KOLLEGEN

Meine Zeit mit Herbert Wolff

Die Idee hätte nicht besser sein können: Fotograf Hans-Peter Wolff (nnz berichtete) hatte sich dazu durchgerungen, klar Schiff in seinem Keller zu schaffen. Beim Entrümpeln entdeckte er einen Schatz. Keinen aus Gold oder Edelsteinen, dennoch einen besonders historisch wertvollen von unschätzbarem Wert. Die Nachwelt soll daran einen Anteil haben...

Unermüdlich war Herbert Wolff auf Achse. Neben der Kamera als seinen Hauptbegleiter verstand er sich auch auf das Filmen. Sein früher Tod in relativ noch jungen Jahren war für den Autor und das gesamte damalige Team ein schmerzhafter Verlust. (Foto: Archiv Wolff) Unermüdlich war Herbert Wolff auf Achse. Neben der Kamera als seinen Hauptbegleiter verstand er sich auch auf das Filmen. Sein früher Tod in relativ noch jungen Jahren war für den Autor und das gesamte damalige Team ein schmerzhafter Verlust. (Foto: Archiv Wolff)
Nordhausen. Hans-Peter stieß auf Aufnahmen und Bilder seines Vaters Herbert Wolff, die noch aus der Zeit des Anfangs der DDR künden. Ein neues Kapitel Heimatgeschichte tut sich auf. Es lässt die Vielfalt des Alltags der damaligen Zeit mit ihren schaffenden Menschen mit beeindruckenden Motiven aus dem Landkreis Nordhausen auferstehen.

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Zusammen mit dem Verleger Markus Veit ist die Bilddokumentation „Nordhausen – Graustufen 1949 bis 1993 im Fokus der Pressefotografie“ unter anderem bei Thalia erhältlich.
Als der Name Herbert Wolff fiel, wurden in mir Erinnerungen aus den gemeinsamen Jahren enger beruflicher Arbeit wach.

Herbert war unser Pressefotograf in der Lokalredaktion zu DDR-Zeiten. Ein lieber Kollege, den ich sehr schätzte. Mitunter waren wir täglich im Landkreis unterwegs, um über aktuelle Ereignisse zu berichten – er mit Kamera, ich mit Notizblock und Kugelschreiber. Um es gleich zu sagen: In die heutige Zeit versetzt, wünschte ich mir keinen besseren als den Herbert als Pressefotografen an meiner Seite.

Im Gegensatz zu unserer Zeit können heute Journalisten auch solche sein. Sie haben Freiräume, die sie nutzen können: Kein kleines Politbüro sitzt bei ihnen mehr mit am Schreibtisch. Kein machtbewusster 1. SED-Kreissekretär gibt mehr die Richtlinien vor. Kein bornierter Sekretär für Agitation - wie der letzte vor der Wende - gibt mehr seinen Senf dazu.

Wer in der DDR Journalist werde wollte, wusste schon, was ihn erwartete. Bei SED-Zeitungen gab es keine Freiräume, allenfalls Spielräume. Trotzdem war der Beruf begehrt. Zahlreich waren die Bewerbungen für den Studiengang in Leipzig. Gesetz war: Wer am Sozialismus was auszusetzen hatte, brauchte sich erst gar nicht um ein Studium bewerben.

Es war eine Mischung aus Überzeugung und Anpassung, die das Leben in der DDR möglich und durchaus erträglich machten. Man durfte meckern, wenn man wusste, wann man die Zunge hinter den Zähnen halten sollte. Wir verstanden uns darauf, die eigene Meinung und das, was aufs Papier zu bringen war, voneinander zu trennen.

Der Beruf hatte dennoch schöne Seiten. Man kam raus, lernte Leute aus allen Bereichen des Lebens kennen, konnte sich als Teil des gesellschaftlichen Lebens fühlen – und schreiben. Die rosarote Brille war bei manchen Themen immer dabei.

Die Arbeit mit Herbert beruhte auf Vertrauen, Verlässlichkeit und gegenseitiger Achtung. Wir wie alle anderen in der Redaktion bemühten uns um kommunale Themen, die - abseits aller gängigen Parteifloskeln - von Leserinteresse waren. Ein kollektives Miteinander, das nach der Wende verflachte. Neben Höhen und Tiefen erlebten wir eine Borniertheit, über die heutige Journalisten nur ungläubig den Kopf schütteln.

Eine Schülerin hatte im Musikwettbewerb einen Preis gewonnen, teilte uns die Lehrerin mit. Im Bild war das kleine Mädchen mit der Urkunde zu sehen. Im Sekretariat der Parteiführung bekam ich umgehend mein Fett weg. „Du hast revolutionäre Wachsamkeit grob missachtet“, schrie mich aus voller Kehle besagter Agitprop-Mann an. Die Mutter dieses Mädchen sei eine Verräterin an der Sache des Sozialismus, ereiferte er sich wortreich. Seine Stimme überschlug sich: „Diese Frau hat einen Ausreiseantrag gestellt!“.

Dann war da das Bild eines unsauberen Umfelds beim Haus der Dienste, was wir kritisierten. Unser Pech: Die Tochter des 1. Kreissekretär hatte da das Sagen. Der Verantwortliche für Ordnung und Sicherheit beim damaligen Rat des Kreises, ein feiner umgänglicher Mann, informierte über etliche Suizidfälle im Kreis. Das wäre doch für uns ein Thema. Im Sozialismus habe kein Mensch Anlass, sich das Leben zu nehmen, ermahnte mich der Erste, womit die Messe gelesen war.

Hans-Peter Wolff und Markus Veit haben die gestern über 70 Exemplare des neuen Bildbandes signiert (Foto: Archiv Wolff) Hans-Peter Wolff und Markus Veit haben die gestern über 70 Exemplare des neuen Bildbandes signiert (Foto: Archiv Wolff)
Mit derlei Erlebnissen können die heutigen Kollegen nicht aufwarten. Sie haben es wesentlich leichter! Kein Lokalredakteur erntet Sturm, verliere er kritische Sätze über den Landrat, Oberbürgermeister oder einen Parteifunktionär von CDU oder SPD. Natürlich wird der Lokaljournalist sich bemühen, nicht in Ungnade seines Arbeitgebers zu fallen. Er wird sich tunlichst überlegen, einen wohlwollenden Artikel über die AfD zu schreiben. Ansonsten kennen die jungen Leute von heute Journalismus aus DDR-Zeiten wohl mehr oder weniger nur noch vom Hörensagen.
Kurt Frank
Autor: psg

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Kommentare
Elfie 20
12.12.2025, 15:09 Uhr
Kommentar
Ich kenne Kurt Frank nicht persönlich, aber seine Artikel und Kommentare schon zu "Das Volk" Zeiten, sie waren immer interessant und glaubhaft. Ich danke Ihnen für die vielen Jahre guten Journalismus.
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