Mi, 08:22 Uhr
12.11.2025
Meine Meinung:
Was kann man bei Ihnen billig kaufen?
Der Gradmesser für das Gelungensein der deutschen Einheit ist das Empfinden der Menschen und nicht das der Politiker, meint nnz-Kolumnist Bodo Schwarzberg rückblickend auf den Jahrestag des Mauerfalls...
Der einstige, langjährige Chef des VEG Tierzucht und heutigen Schweinezucht-Betriebes van Asten in Nordhausen, Dr. Johann Franz, berichtete mir 2010 von seinem Erlebnissen und Gefühlen kurz nach der Wende (Quelle: Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion (Bd. I, 2011):
Aus der Angst heraus, dass er unter den unsicheren Verhältnissen der Umbruchzeit für seine 120.000 Schweine nicht mehr über ausreichend Futter verfügen könne, verkaufte er sie zu Dumpingpreisen in den Westen. Die sich leerenden Ställe, aber auch die Notwendigkeit, viele seiner 800 Mitarbeiter zu entlassen, belastete ihn so sehr, dass Johann Franz darüber nachdachte, ins Ausland zu gehen.
Ich sehnte eine schnelle Vereinigung der beiden deutschen Staaten herbei, damit wieder eine verlässliche Rechtsordnung besteht, nennt er einen seiner damaligen Wünsche. Immer wieder standen westdeutsche Glücksritter vor dem Werkstor: Was kann man bei Ihnen billig kaufen?, fragte ihn einst zum Beispiel ein Bayer. Hier gibt es gar nichts billig zu kaufen!, entgegnete ihm Johann Franz. Als der Bayer sah, dass er der Chef des VEG war und nur einen Lada fuhr, forderte er ihn auf, sich doch erst einmal ein vernünftiges Auto zu kaufen.
Solche Erfahrungen sind es, die viele Ostdeutsche rückblickend mit Wende und Wiedervereinigung verbinden. Worte wie 800 Mitarbeiter entlassen bedeuteten 800 Schicksale und die von zwei oder dreimal so vielen mehr Familienmitgliedern, mit vielen schlaflosen Nächten. Die Frage eines westdeutschen Glücksritters Was kann man bei Ihnen billig kaufen, kam einer Missbilligung dessen gleich, was Franz unter schwierigsten Verhältnissen der Planwirtschaft und im ständigen Konflikt mit seiner Partei, der SED, in Jahrzehnten aufgebaut hatte.
Besser konnte dieser Westdeutsche gar nicht verdeutlichen, dass er in der DDR nicht mehr sah als einen in Konkurs gegangenen, maroden Betrieb mit unfähigen Leitern und noch unfähigeren Mitarbeitern. Und die Bemerkung, Dr. Franz solle sich doch erst einmal ein vernünftiges Auto kaufen, war nichts anderes als ein Tritt historischer Sieger, die den Wert eines Menschen nicht nach dessen Charakter, sondern ausschließlich nach der Dicke seines Bankkontos, seiner Kleidung und seines materiellen Besitzes errechnen.
Kleiner Exkurs: Von Westdeutschen offensichtlich wegen eines Autos für minderbemittelt angesehen zu werden, das habe ich selbst erlebt: Vor 2006 fuhr ich 12 Jahre lang in meiner zweiten Heimatstadt Halle (Saale) nur einen zweitürigen Ford Fiesta, Baujahr 1991, mit dem ich meine Interviewpartnerinnen und -partner für insgesamt sechs Bücher aufsuchte. Eines Tages war es mir gelungen, einen Interviewtermin mit den westdeutschen Gründern einer Handelskette mit mehreren hundert Filialen zu ergattern.
Zu einem Interview kam es jedoch nicht: Denn nach der ersten persönlichen Kontaktaufnahme brachte mich die Ehefrau des damaligen Chefs höflicherweise persönlich hinaus und fragte ganz direkt nach meinem Auto. – Mit meinem Verweis auf den kleinen roten Fiesta waren die Messen gesungen. Noch am selben Tage kam die Mail mit der Absage des Geschäftskontaktes. Natürlich wurde der Fiesta darin nicht erwähnt.
Gewiss, ich habe ein wenig überspitzt. Nicht alle Westdeutsche waren und sind so, wie einige, die die DDR damals heimsuchten. Natürlich gab es auch in der DDR so fähige und unfähige Werktätige und Leiter, wie es im Westen unfähige Beamte, Unternehmer und Arbeitnehmer gab.
Auch ist selbstverständlich, dass wir in Ostdeutschland auf allen Ebenen Berater mit Erfahrung in Verwaltung, Recht und Wirtschaft benötigten und auch Geld, die sprichwörtliche harte Währung, um konkurrenzfähige Betriebe aufzubauen und die Infrastruktur zu modernisieren.
Dennoch waren solche Erfahrungen, wie die oben Geschilderten nicht so selten, als dass sie sich nicht in das kollektive Gedächtnis der Ostdeutschen eingebrannt hätten und deren Vertrauen in die etablierten Parteien bis heute beschädigten.
Deindustrialisierung in unglaublichem Maße, Millionen Arbeitslose und Rückgabe von Grundstücken vor Entschädigung, sorgten hierzulande für Zukunftsängste, tiefe und vor allem unbeantwortete Enttäuschungen und in der Folge für Misstrauen in Politik und Medien.
Der Westen hat alles niedergemacht, was ostdeutsch war, und Es war ganz roher, brutaler Kapitalismus sagte etwa der, wohlgemerkt, westdeutsche Autor Martin Gross jüngst gegenüber der Berliner Zeitung, als er in seinem 1992 erschienenen Buch Das letzte Jahr über die Monate um die Wiedervereinigung als Wahldresdner berichtete.
Sein ostdeutsches Pendant, der Bestsellerautor Dirk Oschmann ergänzt in seinem 2023 erschienenen Buch Der Osten, eine westdeutsche Erfindung,
Der Westen aber hat gedacht, er müsse sich nicht ändern und könne einfach Westen bleiben, während zugleich der Osten natürlich Westen werden sollte, obwohl im selben Moment alles dafür getan wurde, ihn erst eigentlich zum ‚Osten‘ zu machen.
Die Meinungsmacht beispielsweise blieb ganz überwiegend bei den westdeutschen Medienverlagen, von denen also bis heute kaum einer von Ostdeutschen geführt wird. Kein Wunder ist es daher, dass das Denken und Fühlen der Menschen in der ehemaligen DDR, ihre Erfahrungen und ihre Wünsche im deutschen Zeitungsblätterwald oder im Fernsehen kaum ihren Niederschlag fanden und finden.
Die Verluste von Sicherheit, Arbeit, Bahnstrecken, Schulen, Kindergärten, Gaststätten, Schwimmbädern und auch von Gemeinschaft, all das konnte der Westen nicht mit den Unterschriften unter dem Einigungsvertrag und mit der Währungsunion ausgleichen oder ungeschehen machen. Möge mancher Verlust vielleicht nicht zu verhindern gewesen sein: Den Ostdeutschen aber das Gefühl gegeben zu haben, die historischen Verlierer zu sein, über eine rundherum verkorkste Geschichte und nicht erwähnenswerte Biografien zu verfügen, und gefälligst mit dem zufrieden zu sein, was man ihnen vorsetzt, das konnte nicht gut gehen und musste sich in der politischen Landschaft niederschlagen.
Nun müssen die etablierten Parteien nur noch die richtigen Schlüsse daraus ziehen.
Bodo Schwarzberg
Autor: psgDer einstige, langjährige Chef des VEG Tierzucht und heutigen Schweinezucht-Betriebes van Asten in Nordhausen, Dr. Johann Franz, berichtete mir 2010 von seinem Erlebnissen und Gefühlen kurz nach der Wende (Quelle: Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion (Bd. I, 2011):
Aus der Angst heraus, dass er unter den unsicheren Verhältnissen der Umbruchzeit für seine 120.000 Schweine nicht mehr über ausreichend Futter verfügen könne, verkaufte er sie zu Dumpingpreisen in den Westen. Die sich leerenden Ställe, aber auch die Notwendigkeit, viele seiner 800 Mitarbeiter zu entlassen, belastete ihn so sehr, dass Johann Franz darüber nachdachte, ins Ausland zu gehen.
Ich sehnte eine schnelle Vereinigung der beiden deutschen Staaten herbei, damit wieder eine verlässliche Rechtsordnung besteht, nennt er einen seiner damaligen Wünsche. Immer wieder standen westdeutsche Glücksritter vor dem Werkstor: Was kann man bei Ihnen billig kaufen?, fragte ihn einst zum Beispiel ein Bayer. Hier gibt es gar nichts billig zu kaufen!, entgegnete ihm Johann Franz. Als der Bayer sah, dass er der Chef des VEG war und nur einen Lada fuhr, forderte er ihn auf, sich doch erst einmal ein vernünftiges Auto zu kaufen.
Solche Erfahrungen sind es, die viele Ostdeutsche rückblickend mit Wende und Wiedervereinigung verbinden. Worte wie 800 Mitarbeiter entlassen bedeuteten 800 Schicksale und die von zwei oder dreimal so vielen mehr Familienmitgliedern, mit vielen schlaflosen Nächten. Die Frage eines westdeutschen Glücksritters Was kann man bei Ihnen billig kaufen, kam einer Missbilligung dessen gleich, was Franz unter schwierigsten Verhältnissen der Planwirtschaft und im ständigen Konflikt mit seiner Partei, der SED, in Jahrzehnten aufgebaut hatte.
Besser konnte dieser Westdeutsche gar nicht verdeutlichen, dass er in der DDR nicht mehr sah als einen in Konkurs gegangenen, maroden Betrieb mit unfähigen Leitern und noch unfähigeren Mitarbeitern. Und die Bemerkung, Dr. Franz solle sich doch erst einmal ein vernünftiges Auto kaufen, war nichts anderes als ein Tritt historischer Sieger, die den Wert eines Menschen nicht nach dessen Charakter, sondern ausschließlich nach der Dicke seines Bankkontos, seiner Kleidung und seines materiellen Besitzes errechnen.
Kleiner Exkurs: Von Westdeutschen offensichtlich wegen eines Autos für minderbemittelt angesehen zu werden, das habe ich selbst erlebt: Vor 2006 fuhr ich 12 Jahre lang in meiner zweiten Heimatstadt Halle (Saale) nur einen zweitürigen Ford Fiesta, Baujahr 1991, mit dem ich meine Interviewpartnerinnen und -partner für insgesamt sechs Bücher aufsuchte. Eines Tages war es mir gelungen, einen Interviewtermin mit den westdeutschen Gründern einer Handelskette mit mehreren hundert Filialen zu ergattern.
Zu einem Interview kam es jedoch nicht: Denn nach der ersten persönlichen Kontaktaufnahme brachte mich die Ehefrau des damaligen Chefs höflicherweise persönlich hinaus und fragte ganz direkt nach meinem Auto. – Mit meinem Verweis auf den kleinen roten Fiesta waren die Messen gesungen. Noch am selben Tage kam die Mail mit der Absage des Geschäftskontaktes. Natürlich wurde der Fiesta darin nicht erwähnt.
Gewiss, ich habe ein wenig überspitzt. Nicht alle Westdeutsche waren und sind so, wie einige, die die DDR damals heimsuchten. Natürlich gab es auch in der DDR so fähige und unfähige Werktätige und Leiter, wie es im Westen unfähige Beamte, Unternehmer und Arbeitnehmer gab.
Auch ist selbstverständlich, dass wir in Ostdeutschland auf allen Ebenen Berater mit Erfahrung in Verwaltung, Recht und Wirtschaft benötigten und auch Geld, die sprichwörtliche harte Währung, um konkurrenzfähige Betriebe aufzubauen und die Infrastruktur zu modernisieren.
Dennoch waren solche Erfahrungen, wie die oben Geschilderten nicht so selten, als dass sie sich nicht in das kollektive Gedächtnis der Ostdeutschen eingebrannt hätten und deren Vertrauen in die etablierten Parteien bis heute beschädigten.
Deindustrialisierung in unglaublichem Maße, Millionen Arbeitslose und Rückgabe von Grundstücken vor Entschädigung, sorgten hierzulande für Zukunftsängste, tiefe und vor allem unbeantwortete Enttäuschungen und in der Folge für Misstrauen in Politik und Medien.
Der Westen hat alles niedergemacht, was ostdeutsch war, und Es war ganz roher, brutaler Kapitalismus sagte etwa der, wohlgemerkt, westdeutsche Autor Martin Gross jüngst gegenüber der Berliner Zeitung, als er in seinem 1992 erschienenen Buch Das letzte Jahr über die Monate um die Wiedervereinigung als Wahldresdner berichtete.
Sein ostdeutsches Pendant, der Bestsellerautor Dirk Oschmann ergänzt in seinem 2023 erschienenen Buch Der Osten, eine westdeutsche Erfindung,
Der Westen aber hat gedacht, er müsse sich nicht ändern und könne einfach Westen bleiben, während zugleich der Osten natürlich Westen werden sollte, obwohl im selben Moment alles dafür getan wurde, ihn erst eigentlich zum ‚Osten‘ zu machen.
Die Meinungsmacht beispielsweise blieb ganz überwiegend bei den westdeutschen Medienverlagen, von denen also bis heute kaum einer von Ostdeutschen geführt wird. Kein Wunder ist es daher, dass das Denken und Fühlen der Menschen in der ehemaligen DDR, ihre Erfahrungen und ihre Wünsche im deutschen Zeitungsblätterwald oder im Fernsehen kaum ihren Niederschlag fanden und finden.
Die Verluste von Sicherheit, Arbeit, Bahnstrecken, Schulen, Kindergärten, Gaststätten, Schwimmbädern und auch von Gemeinschaft, all das konnte der Westen nicht mit den Unterschriften unter dem Einigungsvertrag und mit der Währungsunion ausgleichen oder ungeschehen machen. Möge mancher Verlust vielleicht nicht zu verhindern gewesen sein: Den Ostdeutschen aber das Gefühl gegeben zu haben, die historischen Verlierer zu sein, über eine rundherum verkorkste Geschichte und nicht erwähnenswerte Biografien zu verfügen, und gefälligst mit dem zufrieden zu sein, was man ihnen vorsetzt, das konnte nicht gut gehen und musste sich in der politischen Landschaft niederschlagen.
Nun müssen die etablierten Parteien nur noch die richtigen Schlüsse daraus ziehen.
Bodo Schwarzberg

