Mo, 11:20 Uhr
10.11.2025
Martini vor 87 Jahren in Nordhausen
Beginn der Verfolgung jüdischer Bürger
Heute feiern die Nordhäuser, vor allem aber die Kinder "Martini". Sie werden mit Laternen durch die Straßen ziehen, werden die Brezeln teilen und sich das Feuerwerk ansehen. Wir werden an dieser Stelle an Martini vor 87 Jahren in Nordhausen erinnern...
Am 10.11.1938 besichtigen Neugierige die ausgebrannte Synagoge (Foto: Verlag Iffland)
Am 7. November 1938 verübte der siebzehnjährige jüdische Student Herschel Grynszpan ein Revolverattentat auf einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Paris. Mit diesem spektakulären Schritt wollte der Attentäter die Weltöffentlichkeit auf die Rechtsbeugung des Staates gegenüber einer Minderheit im Deutschen Reich aufmerksam machen.
Den Nazis kam dieser Vorfall sehr gelegen. Nun hatten sie endlich einen handfesten Vorwand, um gewaltsame Aktionen gegen die deutschen Juden anzukurbeln. Am 9. November hatte sich die gesamte Führung der Nazipartei und der SA ohnehin in München versammelt, um den 15. Jahrestag des gescheiterten Hitler-Putsches von 1923 (bekannt unter der Bezeichnung Marsch auf die Feldherrnhalle) zu begehen. Als dort die Nachricht
Das Schicksal der Nordhäuser Juden aus Paris eintraf, der Diplomat Ernst Eduard v. Rath sei seinen Schussverletzungen erlegen, entschlossen sich Hitler und Goebbels, die allgemeine Betroffenheit zur Inszenierung eines reichsweiten Pogroms auszunutzen. Vor den versammelten Gauleitern hielt der Reichspropagandaminister eine hysterische antijüdische Rede. Deutlich formulierte er darin seine Erwartung, dass es nun zwangsläufig zu Ausbrüchen des Volkszorns kommen müsse. Die Partei müsse doch wohl so etwas gar nicht erst organisieren, meinte er, aber sie sei auch nicht dazu da, spontane Aktionen gegen die Juden in Deutschland zu unterbinden!
Die Hassausbrüche von Goebbels waren so eindringlich, dass seine Zuhörer klar erkannten, was er und der Führer nun erwarteten – an der Basis sollte ein Pogrom gegen die Juden in Szene gesetzt werden, und die Führung des Reiches sollte dabei nicht von der Weltöffentlichkeit als Anstifter erkannt werden. Keiner der unmittelbaren Täter sollte sich auf einen höheren Befehl berufen können, aber möglichst viele sollten sich durch aktive Teilnahme in eine Komplizenschaft verwickeln. Die höheren Politischen Leiter erfassten ihren Auftrag. Kaum hatte Goebbels seine Tiraden beendet, begaben sie sich in ihre Hotelzimmer und telefonierten ihre Anweisungen an die Dienststellen der Partei in allen Gauen.
Noch vor Mitternacht hatten sich demnach die SA-Stäbe in den Büros und die SA-Einheiten an ihren Stellplätzen, das waren in den meisten Fällen ihre Stammkneipen, zu versammeln. Der gesamte Polizeiapparat war gleichzeitig von Polizeichef Himmler angewiesen worden, die bevorstehenden Aktionen nicht zu behindern. Auch in Nordhausen wussten die örtlichen Leitungen der NSDAP, SA, SS, Polizei und Justiz, dass ein organisiertes gewaltsames Vorgehen gegen jüdische Gotteshäuser, Einrichtungen, Geschäfte und Wohnungen befohlen worden ist. Die vorgesehenen Einsatzkräfte saßen schon seit den Abendstunden in den Stammlokalen versammelt.
Auch in unserer Stadt wussten die Verantwortlichen, dass mit brutaler Gewalt gegen die Juden in der Stadt vorzugehen und dabei der spontane Volkszorn der Nordhäuser Einwohnerschaft gegenüber ihren jüdischen Nachbarn zu simulieren sei. Umder barbarischen Gewaltaktion den gewünschten Anschein einer allgemeinen Empörung der Bürgerschaft zu geben, hatten sich die Nazihorden nicht wie sonst üblich in ihren Uniformen, sondern in Räuberzivil eingefunden.
Eineinhalb Stunden nach Mitternacht, also in der frühen Morgenstunde des 10 November 1938, schickte der SS-Gruppenführer und Leiter des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich aus München per Blitz-Telex folgende Weisung an alle Staatspolizei-Dienststellen im Reich, die eindeutig belegt, dass der dann folgende Pogrom bis in seine Details zentral angewiesen worden ist (auszugsweise, wörtliche Wiedergabe): Betrifft: Maßnahmen gegen Juden in der heutigen Nacht. Auf Grund des Attentats gegen den Leg.-Sekr. v. Rath sind im Laufe der heutigen Nacht... im ganzen Reich Demonstrationen gegen die Juden zu erwarten. Für die Behandlung dieser Vorgänge ergehen folgende Anordnungen
a) es dürfen nur solche Maßnahmen getroffen werden, die keine Gefährdung deutschen Lebens oder Eigentums mit sich bringen (z.B. Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung ist)
b) Geschäfte und Wohnungen von Juden dürfen nur zerstört, nicht geplündert werden....
Unter der Voraussetzung, dass die unter 1. angegebenen Richtlinien eingehalten werden, sind die stattfindenden Demonstrationen nicht zu verhindern …Sobald der Ablauf der Ereignisse dieser Nacht die Verwendung der eingesetzten Beamten hierfür zulässt, sind in allen Bezirken so viele Juden – insbesondere wohlhabende – festzunehmen, als in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können. Es sind zunächst nur gesunde männliche Juden nicht zu hohen Alters festzunehmen. Nach Durchführung der Festnahme ist unverzüglich mit den zuständigen Konzentrationslagern wegen schneller Unterbringung der Juden in den Lagern Verbindung aufzunehmen...
Das Warten auf den Startschuss begann. Es wurde sich Mut angetrunken, und weil das Warten sich immer länger hinzog, hat so mancher SA-Mann wohl etwas reichlich dem Nordhäuser zugesprochen. Als das Stichwort dann gegen 2.00 Uhr in der Frühe des 10. November endlich fiel, setzten sich die Trupps zu Fuß in Marsch bzw. bestiegen ihre bereitstehenden Autos in zum Teil erheblich alkoholisiertem Zustand. Gegen 02.15 Uhr trafen die Brandstifter am Pferdemarkt ein.
Rigoros wurde die Tür zur Synagoge gewaltsam aufgebrochen. Männer des NSFK, denen diese Aufgabe als eine Bewährungsprobe für ihre echte nationale Gesinnung zugewiesen worden war, betraten mit Kanistern das im Garten des Grundstücks Pferdemarkt 9/10 gelegene Gotteshaus. Sie schütteten Benzin und Petroleum über alles, was sich als brennbar anbot – über die Teppiche, die Geländer, die Bänke, den Thoraschrein, die Empore und die Vorhänge. Schon bald begann Qualm aus dem Dachstuhl zu quellen. Männer des Kommandos drangen inzwischen in das Vordergebäude, das Gemeindehaus, ein und holten den jungen Kantor und Rabbinatsvertreter Kurt Singer sowie seinen alten Vater Eduard aus den Betten und stöberten durch alle Räume des Hauses. Aus der Gemeindebibliothek schleppten sie stapelweise Bücher zur brennenden Synagoge und warfen sie in die Flammen. Den Kantor Singer selbst haben sie in den Tempel hineingestoßen und die Tür hinter ihm verschlossen, doch beließen sie es bei dieser makabren Drohung. Er konnte halb erstickt das brennende Gebäude wieder verlassen.
Einige SA-Männer schleppten aus dem Gemeindesaal ein Klavier auf den Hof. Jemand setzte sich an das Instrument und spielte im Angesicht dieser schlimmen Szenen von Blasphemie und Vandalismus zu jener nächtlichen Stunde laut die Melodie Freut euch des Lebens…
Bald rückte die Nordhäuser Feuerwehr mit drei Löschzügen an, sperrte die Straße, rollte Schläuche aus, schloss sie an einen Hydranten an. Auch die alarmierten Kräfte der Technischen Nothilfe trafen an der Brandstelle ein. Zwischen den Nazi-Brandstiftern und den Feuerwehrleuten wollte sich ein handfester Streit entwickeln, denn die SA-Leute waren an Löscharbeiten absolut nicht interessiert und einer von ihnen drohte mit einem Dolch die Schläuche zu zerschneiden, falls tatsächlich Wasser käme.
Da traf der Herr Oberstaatsanwalt am Ort des Geschehens ein. Er schlichtete diesen Streit ganz im Sinne der Drahtzieher, wie er selbst später in seinem Bericht an seine vorgesetzte Dienststelle darlegte: Ich begab mich sofort zur Brandstelle. Dort hörte ich, dass eine große Anzahl Unbekannter gegen 2.15 Uhr in die Synagoge eingedrungen sei und dort Feuer gelegt hätte. Ich richtete das Augenmerk der mit drei Löschzügen eingetroffenen Feuerwehr auf zwei gefährdete Nachbarhäuser... Der Brand konnte auf die Synagoge beschränkt werden, die ausbrannte.
Zur gleichen Stunde jagten Autos und stürmten Rotten von SA-Leuten durch die Nordhäuser Straßen, in denen die meisten der jüdischen Häuser und Geschäfte lagen: Landgrabenstraße, Reichsstraße, Bahnhofsplatz, Bahnhofstraße, Neustadtstraße. Sandstraße, Vor dem Vogel, Rautenstraße, Neue Straße, Krämerstraße, Kranichstraße, Kornmarkt und Töpferstraße. Mit Steinen, Gehstöcken, Stiefeltritten und Stehleitern schlugen die Nazihorden johlend Dutzende von Schaufenstern ein, öffneten gewaltsam Laden- und Wohnungstüren, zertrümmerten Waren, Registrierkassen, Schreibmaschinen, Schaufensterpuppen, Regale und Ausstellungsvitrinen. Betroffen waren u.a. die Firmen Hecht, Lewin, Löser, Monopol, Zann, Schönbeck, Lindenberg, Schiff, Gebr. Goldschmidt und Frohnhausen. In Salza traf es das einzige jüdische Geschäft im Ort, den Laden des Fotografen Weiss.
Wo keine Ladeneinrichtungen zu demolieren waren, zum Beispiel bei jüdischen Handelsvertretern, wurden aus den Wohnungen Geschirr, Bilder und Kristall aus den Fenstern geworfen. In der Bahnhofstraße schafften es die Rollkommandos sogar, einen Stutzflügel aus dem Obergeschoss eines Hauses auf die Straße zu werfen, wo er wimmernd zerschellte.
Zum Teil waren die Randalierer so betrunken, dass sie mit bloßen Fäusten in die Schaufenster schlugen und sich dabei erheblich verletzten. Ein betrunkener Trupp fuhr mit einem Lieferauto, von der Neustadtstraße kommend, in der Kurve zur Sandstraße in das Schaufenster der Tischlerei Einecke hinein, wobei mehrere Nazitäter verletzt wurden. In ihrem Rausch von Zerstörungswut und Alkohol schlugen andere in der Rautenstraße 26 gleich auch noch das Schaufenster des nichtjüdischen Fahrradgeschäftes Max Koch mit ein. Dafür entschuldigte sich die Stadtverwaltung bereits am nächsten Morgen und ließ den angerichteten Schaden auf ihre Kosten beseitigen.
Während dieses Exzesses wurden die Männer und Frauen der jüdischen Familien aus den Betten gejagt, mussten sich eiligst ankleiden, wurden mitgenommen. Einen Teil der Erwachsenen setzte man in Autos und fuhr sie durch die Stadt, damit sie sich die Entwicklung und das Ergebnis des Volkszorns selbst anschauen sollten. Am nächsten Morgen schrieb der bereits erwähnte Herr Oberstaatsanwalt an seine Vorgesetzten: ... begab ich mich auf die Polizeiwache und überzeugte mich davon, dass die hier wohnenden Juden zu ihrem eigenen Schutz dort eingeliefert wurden. Die erregte Volksmenge hatte inzwischen die Schaufenster sämtlicher hier befindlichen jüdischen Geschäfte restlos zerstört...
Die Stadt war nach kurzer Zeit wieder ruhig. Von den 150 festgenommenen Juden wurden etwa 75 im Einvernehmen mit der Gestapo in das Konzentrationslager geschafft. Die Polizeiwache im Stadthaus konnte tatsächlich die große Zahl der verhafteten Juden in ihren Räumen nicht unterbringen. Im Laufe der Nacht brachte man deshalb die Gefangenen in den Siechhof, wo sie unter Bewachung gehalten wurden. Inzwischen begannen an einzelnen Stellen des Stadtgebietes Plünderungen der zerschlagenen jüdischen Geschäfte. In den Morgenstunden wurde daher vor jedem betroffenen Haus eine SA-Wache aufgestellt.
Am Siechhof trafen in diesen Morgenstunden des 10. November auch die verhafteten jüdischen Familien aus Ellrich, Bleicherode, Salza und Niedergebra ein. In den erstgenannten Städten hatten die Nazis alle Juden verhaftet, deren sie habhaft werden konnten, es waren auch Kinder und sogar Säuglinge auf den LKWs. Stundenlang mussten sie alle gemeinsam auf den Fahrzeugen hocken und warten. Einige unerschrockene Nordhäuserinnen aus der Kasseler Straße haben den Müttern warme Milch für ihre weinenden Kleinkinder auf die Lastwagen gereicht. Im Laufe des Vormittags verpflichtete die SA die Firma Auto-Otte, zwei Busse für eine Sonderaufgabe bereitzustellen. Die beiden Fahrzeuge standen schließlich unter den Kastanien der Uferstraße schräg gegenüber dem Eingang zum Siechhof. Durch ein Spalier von SA-Leuten wurden dann die für die Lagerhaft im KZ Buchenwald ausgewählten Juden aus dem Stadt- und Kreisgebiet Nordhausens unter Schlägen und Verhöhnungen in die Busse getrieben.
Es waren alle jüdischen Männer im Alter zwischen siebzehn und siebzig Jahren, die man in der vergangenen Nacht greifen konnte, 67 aus Nordhausen, 12 aus Bleicherode, je einer aus Niedergebra, Salza und Krimderode, insgesamt also 82 Menschen der verschiedensten Altersstufen und Gesellschaftskreisen. Die jüdischen Frauen und Kinder sowie einige sehr alte Männer durften nach Hause zurückkehren.
Weitere sechs jüdische Männer aus Nordhausen, die während der Ausschreitungen mit Verhaftungsaktion nicht zu Hause waren oder sich zunächst verstecken konnten, wurden in den folgenden Tagen festgenommen, doch nicht mehr in das inzwischen überfüllte KZ auf dem Ettersberg nachgeschickt, sondern blieben unterschiedlich lange (bis zu vier Wochen) im Siechhof eingesperrt. Von dieser Behandlung betroffen waren Werner und Ludwig Ahlfeld, Oskar Fichtemann, Georg Cohn, Julius Marcuse und Josef Warburg. Damit waren diese Juden noch deutlich besser bedient als die acht Männer aus dem Kreisgebiet, die am 11.11. von der SA nach Buchenwald nachgeliefert worden sind.
Das KZ Buchenwald bei Weimar hatte am Vorabend des Pogroms einen Häftlingsbestand von 9.842 Mann. Im Laufe des 10. November wurden im Zusammenhang mit den Naziaktionen bereits 851 Juden eingeliefert, darunter die 82 Männer aus Nordhausen und Umgebung. In den folgenden drei Tagen trafen aus dem gesamten mitteldeutschen Raum und aus Schlesien noch ständig weitere Transporte mit sogenannten Aktionsjuden dort ein, sodass das Lager am Abend des 14. November 1938 einen Bestand von 19.670 hatte, wobei die Lager-SS auf einen solchen Zustrom überhaupt nicht vorbereitet war.
Nicht einmal die exakte Registrierung der Neuaufnahmen war gewährleistet, sodass unter den unbeschreiblichen Bedingungen der Hygiene, von Kälte, Enge und Hunger sowie der Brutalität der nervös gewordenen Wachmannschaften in den ersten Tagen eine ganze Reihe von Menschen den Tod fanden, die später als unbekannte Tote in den Lagerdokumenten ausgewiesen sind.
Von den Nordhäuser Juden im Lager starb als erster am 14.11.der Kantor Kurt Singer. Nach den schlimmen Erlebnissen beim Brand der Synagoge musste er nun im Lager mit ansehen, wie sein alter Vater Eduard Singer von der SS einer besonders grausamen Folter unterzogen wurde. Den Freitod suchend nutzte er einen unbewachten Moment, sprang in die offene Latrinengrube und erstickte in den Fäkalien. Sein Vater Eduard verstarb schließlich an den Folgen seiner Folterungen am 17. November. Zwei Tage früher wurde bereits Isidor Lewin, exakt an seinem 70. Geburtstag, in einer solchen Meldung als tot aufgelistet.
Der Nordhäuser Rudolf Gerson ging unter dem physischen und psychischen Druck der unmenschlichen Haftbedingungen am 19.11. in den Draht, das heißt, er setzte seinem Leben am elektrischen Zaun freiwillig ein Ende. Am 24. 11. starb schließlich als fünftes Opfer der Haftbedingungen der Nordhäuser Hermann Bacharach. Als seine Todesursache vermerkten seine Schergen Herzschwäche. Die gleiche Diagnose stand auf den Totenscheinen von Isidor Lewin, Rudolf Gerson und sogar von Ernst Blaut, obwohl über die wahren Umstände ihres Sterbens jeweils von mehreren Augenzeugen berichtet werden konnte.
Ernst Blaut war allen damaligen Nordhäusern gut bekannt. Er war ein geistig behinderter, gutmütiger Mitbürger, Sohn reicher jüdischer Eltern, die ihm mit dem Ziel seiner sicheren Versorgung auf Lebensdauer in das Sanatorium Wildt, nachmals Klinik Dr. Kurt Isemann, eingekauft hatten. Jeder erkannte im Stadtbild den dummen Ernst, der immer freundlich grüßte und andere Passanten gelegentlich bat ihn über die Fahrbahn zu geleiten, wenn er kleinere Besorgungen für die Klinik erledigte. Auch Ernst war in der Nacht zum 10. November verhaftet worden. Dr. Isemann versuchte vergeblich den Beamten die Rechtsunmündigkeit dieses Behinderten klarzumachen. Dieser selbst hatte sich gegen die Mitnahme zur Wehr gesetzt und dabei furchtbar geschrieen, war aber dennoch im KZ Buchenwald gelandet. Jeder der anderen Nordhäuser Juden hat gedacht, hier läge wohl ein Versehen vor und ein solch nicht eigenverantwortlicher Mensch würde bald wieder entlassen. So steckten sie ihm viele Zettel mit Lebenszeichen für ihre Angehörigen zu. Als ein SS-Mann solche Vorgänge beobachtete und daraufhin Ernst zur Rede stellte, fühlte er sich durch dessen törichte Antwort provoziert, geriet in Wut und hat den debilen Häftling Nr. 30 400 mit dessen eigener Krawatte erwürgt. Am 27. November 1938 stand Ernst Blaut auf der Liste der Verstorbenen.
Das Schicksal der Nordhäuser Juden Das tragische Ende der beiden Singers hatte noch ein erschütterndes Nachspiel. Als bei der Nordhäuser Polizei die Meldung einging, dass ein Herr Singer aus Nordhausen in Buchenwald verstorben sei, schickte der Revierleiter einen Beamten zu Frau Singer, um ihr die Nachricht vom Tode ihres Mannes zu überbringen. Als etwas später die Daten des Verstorbenen über den Ticker kamen, erkannten die Nordhäuser Polizisten, dass es sich um den Sohn, nicht den Ehemann der Frau Singer handeln musste. Der gleiche Beamte bekam den traurigen Auftrag erneut vorzusprechen und die erschütterte Frau über den Irrtum seiner Behörde aufzuklären. Wenige Tage später klingelte die Polizei erneut an der Wohnungstür der Singers, um nun die schlimmste aller denkbaren Nachrichten zu überbringen: es seien beide Männer nicht mehr am Leben!
Welch ein Schock für diese arme, gequälte Frau! Über die Ereignisse im Landkreis (damals: Kreis Grafschaft Hohenstein) in der Pogromnacht führte der Herr Oberstaatsanwalt in seinem schon mehrfach zitierten Bericht aus: Auf die Meldung von Demonstrationen ähnlicher Art fuhr ich sofort in den Landkreis Nordhausen. In Bleicherode stand bei meinem Eintreffen die Synagoge in Flammen. Auch sie ist völlig niedergebrannt. Ein gefährdetes Nachbarhaus konnte gerettet werden. Etwa 12 Juden wurden in Schutzhaft genommen. In Ellrich wurden ebenfalls alle jüdischen Geschäfte zerstört. Die Synagoge, ein Fachwerkbau, wurde eingerissen.
In allen Orten, wo der Nazi-Mob gegen jüdische Einrichtungen gewütet hatte, wurde es den Eigentümerfamilien zur Pflicht gemacht, die Schäden auf eigene Kosten sofort zu beheben und die Straßenansichten wieder in den alten Zustand zu versetzen. Die fälligen Leistungen aus den Versicherungen dagegen zog der Staat einfach ein. Allen deutschen wohlhabenderen Juden wurde darüber hinaus bereits am 12.11.1938 eine Sühneleistung für das Pariser Attentat, das war eine Sondersteuer von insgesamt einer Milliarde Reichsmark, auferlegt. Bei deren individueller Bemessung konnten die Finanzämter auf die Erhebung zur jüdischen Vermögenslage vom April 1938 zurückgreifen. Jeweils 20 % der angegebenen Bankguthaben wurden dabei sofort eingezogen. Die kurz vor ihrer Emigration stehenden hatten ja außerdem die Reichsfluchtsteuer zu entrichten!
Von den Nordhäuser Juden betrafen diese Maßnahmen: Reichsfluchtsteuer: 15 Familien, Steuerveranlagung insgesamt 349 215 RM Sühneleistung: 59 Familien, Veranlagung insgesamt 525 313 RM. Diese Steuerschuld galt sogar gegenüber den Hinterlassenschaften von verstorbenen Nordhäuser Juden. Etwa ein Drittel der auswanderungsbereiten jüdischen Familien schaffte bis Kriegsausbruch die Emigration nicht mehr, doch die bereits eingezahlten Raten der Reichsfluchtsteuer bekamen sie nicht zurück. Die Raten der Sühneleistung wurden indes auch bei Zahlungsunfähigkeit durch Pfändungen u.ä. knallhart eingetrieben. Ein weiterer, in wirtschaftlicher Hinsicht finaler Schlag gegen das jüdische Element im Nordhäuser Wirtschaftsleben war die zentrale Anordnung, die allen Juden in Deutschland die Erlaubnis für jegliches Gewerbe aberkannte, auch durften sie nicht mehr als leitende Angestellte in nichtjüdischen Betrieben und Einrichtungen tätig sein. Anfang Dezember 1938 erschien schließlich noch eine VO über den Zwangsverkauf jüdischen Immobilienbesitzes (RGBl. I, S.1709), doch davon wird später berichtet.
Eine weitere, schmerzhafte Verschärfung in der Diskriminierungspolitik der Nazis gegenüber den deutschen Juden fand auch in Nordhausen und im zeitlichen Kontext mit dem Novemberpogrom auf den Gebieten der Volksbildung, der Kultur und des Sports statt. Die eben beschriebenen finanziellen Repressalien waren unmittelbar nach der Kristallnacht am 12.11.1938 von Göring angeordnet worden, ebenso rasch verfügte Dr. Goebbels als Präsident der Reichskulturkammer sofort nach dem Pogrom, dass Juden ab sofort keinen Zutritt zu Theatern, Bibliotheken, Museen u.s.w. mehr haben und dass sie keine Sportstätten mehr betreten dürfen. Der Nordhäuser Oberbürgermeister Staatsrat Dr. Meister untersagte per Rundverfügung an alle städtischen Ämter und Schulen in vorauseilender Erfüllung eines sicher ihm schon angekündigten entsprechenden Regierungserlasses die weitere Teilnahme jüdischer Schülerinnen und Schüler am Unterricht der Nordhäuser Schulen.
Das betraf zu diesem Zeitpunkt immerhin noch 14 jüdische Kinder, 16 weitere hatten die Schulen zuvor bereits freiwillig verlassen oder waren mit den Eltern als Ostjuden Ende Oktober 1938 nach Polen abgeschoben worden. Die Presseorgane in Deutschland durften zunächst über all diese Vorgänge, weder zu Einzelheiten des lokalen Geschehens, noch im überregionalen Ganzen, berichten. Die Bevölkerung konnte sich also nicht ohne Weiteres ein Bild von den Ausschreitungen des November 1938 verschaffen. Im gesamten Reich aber waren in der Reichskristallnacht 191 Synagogen eingeäschert, etwa 7000 jüdische Geschäfte verwüstet und 35000 Juden in Konzentrationslager verschleppt worden.
Kurz vor dem Weihnachtsfest 1938 wurde die Lagerstärke des KZ Buchenwald wieder mit 11 030 Mann angegeben, das war damals etwa die Normalbelegung. Die Nationalsozialisten hatten nun allen Juden in Deutschland klar gemacht, was sie in diesem Nazi-Deutschland zukünftig zu erwarten hatten. Jetzt drängten auch die bisher noch zögernden jüdischen Familien aus unserer Heimat ins rettende Ausland.
Ehe wir uns den Torturen zuwenden, die alle in das KZ Buchenwald gebrachten Nordhäuser Juden dort erdulden mussten, wollen wir einen gerade für jeden Nordhäuser auch heute noch bestürzenden Sachverhalt ansprechen: in unserer Stadt wird traditionell und alljährlich am 10. November von den evangelischen Christen Martini gefeiert. Martini ist der Geburtstag Martin Luthers. Dieser gibt den Anlass für ein Volksfest, auch Nordhäuser Kirmes genannt, und wird mit einem Freiluft-Gottesdienst (damals auf dem Lutherplatz), einem Feuerwerk und in den Gaststätten oder Familien mit einem Festessen, meist Gänsebraten oder Karpfen, begangen.
Zur großen Festversammlung zogen also auch im Jahre 1938 viele Familien, die Kinder meist mit ihren bunten Lampions. Viele, eigentlich alle Teilnehmer, müssen auf ihrem Weg aus allen Quartieren der Stadt in Richtung des Rathauses an den zerschlagenen jüdischen Läden und Wohnun gen vorbeigekommen sein, viele aus der Oberstadt sogar an der nochrauchenden Brandruine der Synagoge. Es ist nichts überliefert, was auf einen Protest, auf geäußerte Bedenken oder ähnliches hinweist. Auch die Festredner fanden offenbar kein Wort des Bedauerns über das Geschehene oder des Mitgefühls mit unseren jüdischen Mitmenschen.
Dieses Martinifest war dann auch für sehr lange Zeit das letzte, das in dieser öffentlichen Art begangen werden konnte. Während des Krieges kamen Feuerwerk oder Lampions nicht infrage, nach dem Kriege gab es in Nordhausen für lange Zeit weder einen Lutherplatz noch Feierlaune. Was empfinden wir rückblickend heute gegenüber diesen unfasslichen damaligen Ereignissen? Wir meinen, Scham bleibt uns nicht erspart, und gleichzeitig tragen wir alle miteinander eine bleibende Mitverantwortung dafür, dass nie wieder ähnliche Entwicklungen in unserer Stadt, in unserem Lande zugelassen werden.
Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug des Buches "Das Schicksal der Nordhäuser Juden" von Dr. Manfred Schröder mit freundlicher Genehmigung Verlanges Iffland
Autor: psg
Am 10.11.1938 besichtigen Neugierige die ausgebrannte Synagoge (Foto: Verlag Iffland)
Am 7. November 1938 verübte der siebzehnjährige jüdische Student Herschel Grynszpan ein Revolverattentat auf einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Paris. Mit diesem spektakulären Schritt wollte der Attentäter die Weltöffentlichkeit auf die Rechtsbeugung des Staates gegenüber einer Minderheit im Deutschen Reich aufmerksam machen.
Den Nazis kam dieser Vorfall sehr gelegen. Nun hatten sie endlich einen handfesten Vorwand, um gewaltsame Aktionen gegen die deutschen Juden anzukurbeln. Am 9. November hatte sich die gesamte Führung der Nazipartei und der SA ohnehin in München versammelt, um den 15. Jahrestag des gescheiterten Hitler-Putsches von 1923 (bekannt unter der Bezeichnung Marsch auf die Feldherrnhalle) zu begehen. Als dort die Nachricht
Das Schicksal der Nordhäuser Juden aus Paris eintraf, der Diplomat Ernst Eduard v. Rath sei seinen Schussverletzungen erlegen, entschlossen sich Hitler und Goebbels, die allgemeine Betroffenheit zur Inszenierung eines reichsweiten Pogroms auszunutzen. Vor den versammelten Gauleitern hielt der Reichspropagandaminister eine hysterische antijüdische Rede. Deutlich formulierte er darin seine Erwartung, dass es nun zwangsläufig zu Ausbrüchen des Volkszorns kommen müsse. Die Partei müsse doch wohl so etwas gar nicht erst organisieren, meinte er, aber sie sei auch nicht dazu da, spontane Aktionen gegen die Juden in Deutschland zu unterbinden!
Die Hassausbrüche von Goebbels waren so eindringlich, dass seine Zuhörer klar erkannten, was er und der Führer nun erwarteten – an der Basis sollte ein Pogrom gegen die Juden in Szene gesetzt werden, und die Führung des Reiches sollte dabei nicht von der Weltöffentlichkeit als Anstifter erkannt werden. Keiner der unmittelbaren Täter sollte sich auf einen höheren Befehl berufen können, aber möglichst viele sollten sich durch aktive Teilnahme in eine Komplizenschaft verwickeln. Die höheren Politischen Leiter erfassten ihren Auftrag. Kaum hatte Goebbels seine Tiraden beendet, begaben sie sich in ihre Hotelzimmer und telefonierten ihre Anweisungen an die Dienststellen der Partei in allen Gauen.
Noch vor Mitternacht hatten sich demnach die SA-Stäbe in den Büros und die SA-Einheiten an ihren Stellplätzen, das waren in den meisten Fällen ihre Stammkneipen, zu versammeln. Der gesamte Polizeiapparat war gleichzeitig von Polizeichef Himmler angewiesen worden, die bevorstehenden Aktionen nicht zu behindern. Auch in Nordhausen wussten die örtlichen Leitungen der NSDAP, SA, SS, Polizei und Justiz, dass ein organisiertes gewaltsames Vorgehen gegen jüdische Gotteshäuser, Einrichtungen, Geschäfte und Wohnungen befohlen worden ist. Die vorgesehenen Einsatzkräfte saßen schon seit den Abendstunden in den Stammlokalen versammelt.
Auch in unserer Stadt wussten die Verantwortlichen, dass mit brutaler Gewalt gegen die Juden in der Stadt vorzugehen und dabei der spontane Volkszorn der Nordhäuser Einwohnerschaft gegenüber ihren jüdischen Nachbarn zu simulieren sei. Umder barbarischen Gewaltaktion den gewünschten Anschein einer allgemeinen Empörung der Bürgerschaft zu geben, hatten sich die Nazihorden nicht wie sonst üblich in ihren Uniformen, sondern in Räuberzivil eingefunden.
Eineinhalb Stunden nach Mitternacht, also in der frühen Morgenstunde des 10 November 1938, schickte der SS-Gruppenführer und Leiter des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich aus München per Blitz-Telex folgende Weisung an alle Staatspolizei-Dienststellen im Reich, die eindeutig belegt, dass der dann folgende Pogrom bis in seine Details zentral angewiesen worden ist (auszugsweise, wörtliche Wiedergabe): Betrifft: Maßnahmen gegen Juden in der heutigen Nacht. Auf Grund des Attentats gegen den Leg.-Sekr. v. Rath sind im Laufe der heutigen Nacht... im ganzen Reich Demonstrationen gegen die Juden zu erwarten. Für die Behandlung dieser Vorgänge ergehen folgende Anordnungen
a) es dürfen nur solche Maßnahmen getroffen werden, die keine Gefährdung deutschen Lebens oder Eigentums mit sich bringen (z.B. Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung ist)
b) Geschäfte und Wohnungen von Juden dürfen nur zerstört, nicht geplündert werden....
Unter der Voraussetzung, dass die unter 1. angegebenen Richtlinien eingehalten werden, sind die stattfindenden Demonstrationen nicht zu verhindern …Sobald der Ablauf der Ereignisse dieser Nacht die Verwendung der eingesetzten Beamten hierfür zulässt, sind in allen Bezirken so viele Juden – insbesondere wohlhabende – festzunehmen, als in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können. Es sind zunächst nur gesunde männliche Juden nicht zu hohen Alters festzunehmen. Nach Durchführung der Festnahme ist unverzüglich mit den zuständigen Konzentrationslagern wegen schneller Unterbringung der Juden in den Lagern Verbindung aufzunehmen...
Das Warten auf den Startschuss begann. Es wurde sich Mut angetrunken, und weil das Warten sich immer länger hinzog, hat so mancher SA-Mann wohl etwas reichlich dem Nordhäuser zugesprochen. Als das Stichwort dann gegen 2.00 Uhr in der Frühe des 10. November endlich fiel, setzten sich die Trupps zu Fuß in Marsch bzw. bestiegen ihre bereitstehenden Autos in zum Teil erheblich alkoholisiertem Zustand. Gegen 02.15 Uhr trafen die Brandstifter am Pferdemarkt ein.
Rigoros wurde die Tür zur Synagoge gewaltsam aufgebrochen. Männer des NSFK, denen diese Aufgabe als eine Bewährungsprobe für ihre echte nationale Gesinnung zugewiesen worden war, betraten mit Kanistern das im Garten des Grundstücks Pferdemarkt 9/10 gelegene Gotteshaus. Sie schütteten Benzin und Petroleum über alles, was sich als brennbar anbot – über die Teppiche, die Geländer, die Bänke, den Thoraschrein, die Empore und die Vorhänge. Schon bald begann Qualm aus dem Dachstuhl zu quellen. Männer des Kommandos drangen inzwischen in das Vordergebäude, das Gemeindehaus, ein und holten den jungen Kantor und Rabbinatsvertreter Kurt Singer sowie seinen alten Vater Eduard aus den Betten und stöberten durch alle Räume des Hauses. Aus der Gemeindebibliothek schleppten sie stapelweise Bücher zur brennenden Synagoge und warfen sie in die Flammen. Den Kantor Singer selbst haben sie in den Tempel hineingestoßen und die Tür hinter ihm verschlossen, doch beließen sie es bei dieser makabren Drohung. Er konnte halb erstickt das brennende Gebäude wieder verlassen.
Einige SA-Männer schleppten aus dem Gemeindesaal ein Klavier auf den Hof. Jemand setzte sich an das Instrument und spielte im Angesicht dieser schlimmen Szenen von Blasphemie und Vandalismus zu jener nächtlichen Stunde laut die Melodie Freut euch des Lebens…
Bald rückte die Nordhäuser Feuerwehr mit drei Löschzügen an, sperrte die Straße, rollte Schläuche aus, schloss sie an einen Hydranten an. Auch die alarmierten Kräfte der Technischen Nothilfe trafen an der Brandstelle ein. Zwischen den Nazi-Brandstiftern und den Feuerwehrleuten wollte sich ein handfester Streit entwickeln, denn die SA-Leute waren an Löscharbeiten absolut nicht interessiert und einer von ihnen drohte mit einem Dolch die Schläuche zu zerschneiden, falls tatsächlich Wasser käme.
Da traf der Herr Oberstaatsanwalt am Ort des Geschehens ein. Er schlichtete diesen Streit ganz im Sinne der Drahtzieher, wie er selbst später in seinem Bericht an seine vorgesetzte Dienststelle darlegte: Ich begab mich sofort zur Brandstelle. Dort hörte ich, dass eine große Anzahl Unbekannter gegen 2.15 Uhr in die Synagoge eingedrungen sei und dort Feuer gelegt hätte. Ich richtete das Augenmerk der mit drei Löschzügen eingetroffenen Feuerwehr auf zwei gefährdete Nachbarhäuser... Der Brand konnte auf die Synagoge beschränkt werden, die ausbrannte.
Zur gleichen Stunde jagten Autos und stürmten Rotten von SA-Leuten durch die Nordhäuser Straßen, in denen die meisten der jüdischen Häuser und Geschäfte lagen: Landgrabenstraße, Reichsstraße, Bahnhofsplatz, Bahnhofstraße, Neustadtstraße. Sandstraße, Vor dem Vogel, Rautenstraße, Neue Straße, Krämerstraße, Kranichstraße, Kornmarkt und Töpferstraße. Mit Steinen, Gehstöcken, Stiefeltritten und Stehleitern schlugen die Nazihorden johlend Dutzende von Schaufenstern ein, öffneten gewaltsam Laden- und Wohnungstüren, zertrümmerten Waren, Registrierkassen, Schreibmaschinen, Schaufensterpuppen, Regale und Ausstellungsvitrinen. Betroffen waren u.a. die Firmen Hecht, Lewin, Löser, Monopol, Zann, Schönbeck, Lindenberg, Schiff, Gebr. Goldschmidt und Frohnhausen. In Salza traf es das einzige jüdische Geschäft im Ort, den Laden des Fotografen Weiss.
Wo keine Ladeneinrichtungen zu demolieren waren, zum Beispiel bei jüdischen Handelsvertretern, wurden aus den Wohnungen Geschirr, Bilder und Kristall aus den Fenstern geworfen. In der Bahnhofstraße schafften es die Rollkommandos sogar, einen Stutzflügel aus dem Obergeschoss eines Hauses auf die Straße zu werfen, wo er wimmernd zerschellte.
Zum Teil waren die Randalierer so betrunken, dass sie mit bloßen Fäusten in die Schaufenster schlugen und sich dabei erheblich verletzten. Ein betrunkener Trupp fuhr mit einem Lieferauto, von der Neustadtstraße kommend, in der Kurve zur Sandstraße in das Schaufenster der Tischlerei Einecke hinein, wobei mehrere Nazitäter verletzt wurden. In ihrem Rausch von Zerstörungswut und Alkohol schlugen andere in der Rautenstraße 26 gleich auch noch das Schaufenster des nichtjüdischen Fahrradgeschäftes Max Koch mit ein. Dafür entschuldigte sich die Stadtverwaltung bereits am nächsten Morgen und ließ den angerichteten Schaden auf ihre Kosten beseitigen.
Während dieses Exzesses wurden die Männer und Frauen der jüdischen Familien aus den Betten gejagt, mussten sich eiligst ankleiden, wurden mitgenommen. Einen Teil der Erwachsenen setzte man in Autos und fuhr sie durch die Stadt, damit sie sich die Entwicklung und das Ergebnis des Volkszorns selbst anschauen sollten. Am nächsten Morgen schrieb der bereits erwähnte Herr Oberstaatsanwalt an seine Vorgesetzten: ... begab ich mich auf die Polizeiwache und überzeugte mich davon, dass die hier wohnenden Juden zu ihrem eigenen Schutz dort eingeliefert wurden. Die erregte Volksmenge hatte inzwischen die Schaufenster sämtlicher hier befindlichen jüdischen Geschäfte restlos zerstört...
Die Stadt war nach kurzer Zeit wieder ruhig. Von den 150 festgenommenen Juden wurden etwa 75 im Einvernehmen mit der Gestapo in das Konzentrationslager geschafft. Die Polizeiwache im Stadthaus konnte tatsächlich die große Zahl der verhafteten Juden in ihren Räumen nicht unterbringen. Im Laufe der Nacht brachte man deshalb die Gefangenen in den Siechhof, wo sie unter Bewachung gehalten wurden. Inzwischen begannen an einzelnen Stellen des Stadtgebietes Plünderungen der zerschlagenen jüdischen Geschäfte. In den Morgenstunden wurde daher vor jedem betroffenen Haus eine SA-Wache aufgestellt.
Am Siechhof trafen in diesen Morgenstunden des 10. November auch die verhafteten jüdischen Familien aus Ellrich, Bleicherode, Salza und Niedergebra ein. In den erstgenannten Städten hatten die Nazis alle Juden verhaftet, deren sie habhaft werden konnten, es waren auch Kinder und sogar Säuglinge auf den LKWs. Stundenlang mussten sie alle gemeinsam auf den Fahrzeugen hocken und warten. Einige unerschrockene Nordhäuserinnen aus der Kasseler Straße haben den Müttern warme Milch für ihre weinenden Kleinkinder auf die Lastwagen gereicht. Im Laufe des Vormittags verpflichtete die SA die Firma Auto-Otte, zwei Busse für eine Sonderaufgabe bereitzustellen. Die beiden Fahrzeuge standen schließlich unter den Kastanien der Uferstraße schräg gegenüber dem Eingang zum Siechhof. Durch ein Spalier von SA-Leuten wurden dann die für die Lagerhaft im KZ Buchenwald ausgewählten Juden aus dem Stadt- und Kreisgebiet Nordhausens unter Schlägen und Verhöhnungen in die Busse getrieben.
Es waren alle jüdischen Männer im Alter zwischen siebzehn und siebzig Jahren, die man in der vergangenen Nacht greifen konnte, 67 aus Nordhausen, 12 aus Bleicherode, je einer aus Niedergebra, Salza und Krimderode, insgesamt also 82 Menschen der verschiedensten Altersstufen und Gesellschaftskreisen. Die jüdischen Frauen und Kinder sowie einige sehr alte Männer durften nach Hause zurückkehren.
Weitere sechs jüdische Männer aus Nordhausen, die während der Ausschreitungen mit Verhaftungsaktion nicht zu Hause waren oder sich zunächst verstecken konnten, wurden in den folgenden Tagen festgenommen, doch nicht mehr in das inzwischen überfüllte KZ auf dem Ettersberg nachgeschickt, sondern blieben unterschiedlich lange (bis zu vier Wochen) im Siechhof eingesperrt. Von dieser Behandlung betroffen waren Werner und Ludwig Ahlfeld, Oskar Fichtemann, Georg Cohn, Julius Marcuse und Josef Warburg. Damit waren diese Juden noch deutlich besser bedient als die acht Männer aus dem Kreisgebiet, die am 11.11. von der SA nach Buchenwald nachgeliefert worden sind.
Das KZ Buchenwald bei Weimar hatte am Vorabend des Pogroms einen Häftlingsbestand von 9.842 Mann. Im Laufe des 10. November wurden im Zusammenhang mit den Naziaktionen bereits 851 Juden eingeliefert, darunter die 82 Männer aus Nordhausen und Umgebung. In den folgenden drei Tagen trafen aus dem gesamten mitteldeutschen Raum und aus Schlesien noch ständig weitere Transporte mit sogenannten Aktionsjuden dort ein, sodass das Lager am Abend des 14. November 1938 einen Bestand von 19.670 hatte, wobei die Lager-SS auf einen solchen Zustrom überhaupt nicht vorbereitet war.
Nicht einmal die exakte Registrierung der Neuaufnahmen war gewährleistet, sodass unter den unbeschreiblichen Bedingungen der Hygiene, von Kälte, Enge und Hunger sowie der Brutalität der nervös gewordenen Wachmannschaften in den ersten Tagen eine ganze Reihe von Menschen den Tod fanden, die später als unbekannte Tote in den Lagerdokumenten ausgewiesen sind.
Von den Nordhäuser Juden im Lager starb als erster am 14.11.der Kantor Kurt Singer. Nach den schlimmen Erlebnissen beim Brand der Synagoge musste er nun im Lager mit ansehen, wie sein alter Vater Eduard Singer von der SS einer besonders grausamen Folter unterzogen wurde. Den Freitod suchend nutzte er einen unbewachten Moment, sprang in die offene Latrinengrube und erstickte in den Fäkalien. Sein Vater Eduard verstarb schließlich an den Folgen seiner Folterungen am 17. November. Zwei Tage früher wurde bereits Isidor Lewin, exakt an seinem 70. Geburtstag, in einer solchen Meldung als tot aufgelistet.
Der Nordhäuser Rudolf Gerson ging unter dem physischen und psychischen Druck der unmenschlichen Haftbedingungen am 19.11. in den Draht, das heißt, er setzte seinem Leben am elektrischen Zaun freiwillig ein Ende. Am 24. 11. starb schließlich als fünftes Opfer der Haftbedingungen der Nordhäuser Hermann Bacharach. Als seine Todesursache vermerkten seine Schergen Herzschwäche. Die gleiche Diagnose stand auf den Totenscheinen von Isidor Lewin, Rudolf Gerson und sogar von Ernst Blaut, obwohl über die wahren Umstände ihres Sterbens jeweils von mehreren Augenzeugen berichtet werden konnte.
Ernst Blaut war allen damaligen Nordhäusern gut bekannt. Er war ein geistig behinderter, gutmütiger Mitbürger, Sohn reicher jüdischer Eltern, die ihm mit dem Ziel seiner sicheren Versorgung auf Lebensdauer in das Sanatorium Wildt, nachmals Klinik Dr. Kurt Isemann, eingekauft hatten. Jeder erkannte im Stadtbild den dummen Ernst, der immer freundlich grüßte und andere Passanten gelegentlich bat ihn über die Fahrbahn zu geleiten, wenn er kleinere Besorgungen für die Klinik erledigte. Auch Ernst war in der Nacht zum 10. November verhaftet worden. Dr. Isemann versuchte vergeblich den Beamten die Rechtsunmündigkeit dieses Behinderten klarzumachen. Dieser selbst hatte sich gegen die Mitnahme zur Wehr gesetzt und dabei furchtbar geschrieen, war aber dennoch im KZ Buchenwald gelandet. Jeder der anderen Nordhäuser Juden hat gedacht, hier läge wohl ein Versehen vor und ein solch nicht eigenverantwortlicher Mensch würde bald wieder entlassen. So steckten sie ihm viele Zettel mit Lebenszeichen für ihre Angehörigen zu. Als ein SS-Mann solche Vorgänge beobachtete und daraufhin Ernst zur Rede stellte, fühlte er sich durch dessen törichte Antwort provoziert, geriet in Wut und hat den debilen Häftling Nr. 30 400 mit dessen eigener Krawatte erwürgt. Am 27. November 1938 stand Ernst Blaut auf der Liste der Verstorbenen.
Das Schicksal der Nordhäuser Juden Das tragische Ende der beiden Singers hatte noch ein erschütterndes Nachspiel. Als bei der Nordhäuser Polizei die Meldung einging, dass ein Herr Singer aus Nordhausen in Buchenwald verstorben sei, schickte der Revierleiter einen Beamten zu Frau Singer, um ihr die Nachricht vom Tode ihres Mannes zu überbringen. Als etwas später die Daten des Verstorbenen über den Ticker kamen, erkannten die Nordhäuser Polizisten, dass es sich um den Sohn, nicht den Ehemann der Frau Singer handeln musste. Der gleiche Beamte bekam den traurigen Auftrag erneut vorzusprechen und die erschütterte Frau über den Irrtum seiner Behörde aufzuklären. Wenige Tage später klingelte die Polizei erneut an der Wohnungstür der Singers, um nun die schlimmste aller denkbaren Nachrichten zu überbringen: es seien beide Männer nicht mehr am Leben!
Welch ein Schock für diese arme, gequälte Frau! Über die Ereignisse im Landkreis (damals: Kreis Grafschaft Hohenstein) in der Pogromnacht führte der Herr Oberstaatsanwalt in seinem schon mehrfach zitierten Bericht aus: Auf die Meldung von Demonstrationen ähnlicher Art fuhr ich sofort in den Landkreis Nordhausen. In Bleicherode stand bei meinem Eintreffen die Synagoge in Flammen. Auch sie ist völlig niedergebrannt. Ein gefährdetes Nachbarhaus konnte gerettet werden. Etwa 12 Juden wurden in Schutzhaft genommen. In Ellrich wurden ebenfalls alle jüdischen Geschäfte zerstört. Die Synagoge, ein Fachwerkbau, wurde eingerissen.
In allen Orten, wo der Nazi-Mob gegen jüdische Einrichtungen gewütet hatte, wurde es den Eigentümerfamilien zur Pflicht gemacht, die Schäden auf eigene Kosten sofort zu beheben und die Straßenansichten wieder in den alten Zustand zu versetzen. Die fälligen Leistungen aus den Versicherungen dagegen zog der Staat einfach ein. Allen deutschen wohlhabenderen Juden wurde darüber hinaus bereits am 12.11.1938 eine Sühneleistung für das Pariser Attentat, das war eine Sondersteuer von insgesamt einer Milliarde Reichsmark, auferlegt. Bei deren individueller Bemessung konnten die Finanzämter auf die Erhebung zur jüdischen Vermögenslage vom April 1938 zurückgreifen. Jeweils 20 % der angegebenen Bankguthaben wurden dabei sofort eingezogen. Die kurz vor ihrer Emigration stehenden hatten ja außerdem die Reichsfluchtsteuer zu entrichten!
Von den Nordhäuser Juden betrafen diese Maßnahmen: Reichsfluchtsteuer: 15 Familien, Steuerveranlagung insgesamt 349 215 RM Sühneleistung: 59 Familien, Veranlagung insgesamt 525 313 RM. Diese Steuerschuld galt sogar gegenüber den Hinterlassenschaften von verstorbenen Nordhäuser Juden. Etwa ein Drittel der auswanderungsbereiten jüdischen Familien schaffte bis Kriegsausbruch die Emigration nicht mehr, doch die bereits eingezahlten Raten der Reichsfluchtsteuer bekamen sie nicht zurück. Die Raten der Sühneleistung wurden indes auch bei Zahlungsunfähigkeit durch Pfändungen u.ä. knallhart eingetrieben. Ein weiterer, in wirtschaftlicher Hinsicht finaler Schlag gegen das jüdische Element im Nordhäuser Wirtschaftsleben war die zentrale Anordnung, die allen Juden in Deutschland die Erlaubnis für jegliches Gewerbe aberkannte, auch durften sie nicht mehr als leitende Angestellte in nichtjüdischen Betrieben und Einrichtungen tätig sein. Anfang Dezember 1938 erschien schließlich noch eine VO über den Zwangsverkauf jüdischen Immobilienbesitzes (RGBl. I, S.1709), doch davon wird später berichtet.
Eine weitere, schmerzhafte Verschärfung in der Diskriminierungspolitik der Nazis gegenüber den deutschen Juden fand auch in Nordhausen und im zeitlichen Kontext mit dem Novemberpogrom auf den Gebieten der Volksbildung, der Kultur und des Sports statt. Die eben beschriebenen finanziellen Repressalien waren unmittelbar nach der Kristallnacht am 12.11.1938 von Göring angeordnet worden, ebenso rasch verfügte Dr. Goebbels als Präsident der Reichskulturkammer sofort nach dem Pogrom, dass Juden ab sofort keinen Zutritt zu Theatern, Bibliotheken, Museen u.s.w. mehr haben und dass sie keine Sportstätten mehr betreten dürfen. Der Nordhäuser Oberbürgermeister Staatsrat Dr. Meister untersagte per Rundverfügung an alle städtischen Ämter und Schulen in vorauseilender Erfüllung eines sicher ihm schon angekündigten entsprechenden Regierungserlasses die weitere Teilnahme jüdischer Schülerinnen und Schüler am Unterricht der Nordhäuser Schulen.
Das betraf zu diesem Zeitpunkt immerhin noch 14 jüdische Kinder, 16 weitere hatten die Schulen zuvor bereits freiwillig verlassen oder waren mit den Eltern als Ostjuden Ende Oktober 1938 nach Polen abgeschoben worden. Die Presseorgane in Deutschland durften zunächst über all diese Vorgänge, weder zu Einzelheiten des lokalen Geschehens, noch im überregionalen Ganzen, berichten. Die Bevölkerung konnte sich also nicht ohne Weiteres ein Bild von den Ausschreitungen des November 1938 verschaffen. Im gesamten Reich aber waren in der Reichskristallnacht 191 Synagogen eingeäschert, etwa 7000 jüdische Geschäfte verwüstet und 35000 Juden in Konzentrationslager verschleppt worden.
Kurz vor dem Weihnachtsfest 1938 wurde die Lagerstärke des KZ Buchenwald wieder mit 11 030 Mann angegeben, das war damals etwa die Normalbelegung. Die Nationalsozialisten hatten nun allen Juden in Deutschland klar gemacht, was sie in diesem Nazi-Deutschland zukünftig zu erwarten hatten. Jetzt drängten auch die bisher noch zögernden jüdischen Familien aus unserer Heimat ins rettende Ausland.
Ehe wir uns den Torturen zuwenden, die alle in das KZ Buchenwald gebrachten Nordhäuser Juden dort erdulden mussten, wollen wir einen gerade für jeden Nordhäuser auch heute noch bestürzenden Sachverhalt ansprechen: in unserer Stadt wird traditionell und alljährlich am 10. November von den evangelischen Christen Martini gefeiert. Martini ist der Geburtstag Martin Luthers. Dieser gibt den Anlass für ein Volksfest, auch Nordhäuser Kirmes genannt, und wird mit einem Freiluft-Gottesdienst (damals auf dem Lutherplatz), einem Feuerwerk und in den Gaststätten oder Familien mit einem Festessen, meist Gänsebraten oder Karpfen, begangen.
Zur großen Festversammlung zogen also auch im Jahre 1938 viele Familien, die Kinder meist mit ihren bunten Lampions. Viele, eigentlich alle Teilnehmer, müssen auf ihrem Weg aus allen Quartieren der Stadt in Richtung des Rathauses an den zerschlagenen jüdischen Läden und Wohnun gen vorbeigekommen sein, viele aus der Oberstadt sogar an der nochrauchenden Brandruine der Synagoge. Es ist nichts überliefert, was auf einen Protest, auf geäußerte Bedenken oder ähnliches hinweist. Auch die Festredner fanden offenbar kein Wort des Bedauerns über das Geschehene oder des Mitgefühls mit unseren jüdischen Mitmenschen.
Dieses Martinifest war dann auch für sehr lange Zeit das letzte, das in dieser öffentlichen Art begangen werden konnte. Während des Krieges kamen Feuerwerk oder Lampions nicht infrage, nach dem Kriege gab es in Nordhausen für lange Zeit weder einen Lutherplatz noch Feierlaune. Was empfinden wir rückblickend heute gegenüber diesen unfasslichen damaligen Ereignissen? Wir meinen, Scham bleibt uns nicht erspart, und gleichzeitig tragen wir alle miteinander eine bleibende Mitverantwortung dafür, dass nie wieder ähnliche Entwicklungen in unserer Stadt, in unserem Lande zugelassen werden.
Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug des Buches "Das Schicksal der Nordhäuser Juden" von Dr. Manfred Schröder mit freundlicher Genehmigung Verlanges Iffland

