Fr, 14:02 Uhr
31.10.2025
mit Blick in die Vergangenheit:
Durch den Ellricher Kammerforst
Der Kammerforst bei Ellrich ist ein Zeuge der wechselvollen Geschichte, aber auch ein tolles Wandergebiet, Wald und Gipskarst, in Gedanken fließt die Geschichte immer mit...
Ich beginne meine Tour am südlichen Waldrand von Ellrich, will etwa 10 km+x schaffen, es ist kühl an diesem späten Morgen. Das Städtchen liegt schläfrig hinter mir, während ich in den Kammerforst eintauche ein Waldgebiet, das einst unter der Verwaltung der Kammer, also einer gräflich- landesherrlichen Forstbehörde, stand.
Daher auch der Name: Kammerforst? Schon im Mittelalter war dieser Wald ein wertvoller Besitz, genutzt für Jagd, Holz und als Grenzraum zwischen Herrschaftsgebieten. Dereinst, im Jahr 1292, wurden Ellricher Bürger gegen Ihre Ansprüche im Wald Owa durch Zuweisung des Waldes Cammerforst abgefunden, notierte der Abt des Ilfelder Marienklosters Johannes von Gottes Geduld (Museum Krypta, IR 162, Walkenried Nr. 541). So war das also. Habe ich noch gar nicht in der Ellricher Chronik gelesen.
Der Weg führt mich leicht bergauf, vorbei an alten Forstwegen und moosbewachsenen Steinen. Hier sehen die Brocken anders aus als am Kohnstein. Ich erinnere mich an die Kindheit, obwohl ja damals hinter dem Schlagbaum der Grenzsicherung nach der BRD: In der Zeit der DDR war dieser Wald Sperrgebiet für uns. Die innerdeutsche Grenze verlief ganz in der Nähe. Grenztruppen patrouillierten hier, und manche Wege, ganz Ellrich, waren nur mit Sondergenehmigung begehbar. Heute sind die alten Grenzpfähle und Beobachtungstürme verschwunden aber die Geschichte bleibt spürbar. Wir Kinder haben das als gegeben gelernt, 10 Jahre später war die Grenze, Gott sei Dank, weg.
Ich erreiche die Sattelköpfe, eine markante Karstformation mitten im Naturpark Südharz. Von hier aus blicke ich über das Auslaugungstal eine geologische Besonderheit, entstanden durch die Lösung von Gips und Kalk im Untergrund. Die Landschaft wirkt fast mystisch, besonders jetzt im Oktober, wenn Nebel über die Hügel zieht. Unweit davon ein aufgelassener Gipsbruch. Daneben Naturschutz, eng beieinander. Geht doch! Ich betrete eine kleine Senke und bin erschrocken. Vor mir liegt ein Reh im Gras und sieht mich an, springt auf und ist weg. Hat mich nicht umgerannt.
Weiter gehts auf dem Grenzweg, ich mache Rast an einer alten Schutzhütte. Brötchen, Knackwurst und ein Bierchen. Vielleicht war hier früher ein Forsthaus oder ein Unterschlupf für Grenzposten? Ich blättere in meinem Wanderführer: Schon im 17. Jahrhundert wurde der Kammerforst in Kirchenbüchern erwähnt als Jagdrevier und Holzquelle für Ellrich und die umliegenden Dörfer.
Gegen Ende des nationalsozialistischen Regimes nahm die menschenverachtende Ausbeutung durch das KZ-System auch im Kammerforst bei Ellrich eine neue Dimension an. Unter der Leitung der SS und in Zusammenarbeit mit Rüstungsbetrieben wie den Mittel- und Nordwerken (Junkers) wurden gigantische Projekte zur Sicherung des sogenannten Endsiegs geplant oft unterirdisch, bombensicher und mit brutaler Rücksichtslosigkeit gegenüber den eingesetzten Arbeitskräften. Raketenproduktion, Flugzeugmontage, Treibstoffherstellung und -abfüllung sollten in Stollenanlagen verlagert werden, unter anderem im Kammerforst. Die Leuna-Werke, bekannt für ihre synthetische Treibstoffgewinnung durch Hydrierung. Solche Anlagen sollten über unterirdische Leitungen aus Niedersachswerfen direkt mit Abfüllstationen am Kammerforst verbunden sein ein logistisches Treibstoff-Netzwerk, das auf dem Rücken von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern errichtet wurde. In Ellrich/Kammerforst waren weitere Abfüllstation für Treibstoffe (B17) geplant, wie am Kohnstein. Die Planung und Realisierung von Kuckuck lässt sich anhand eines Dokuments beschreiben. Die Zeichnungskopie wurde vom Architekten Wilhelm Fricke -Hannover am 13.08.1944 zur Anlage Kuckuck dokumentiert und umfasst eine Abfüllanlage. Die Planung zeigt die Dimensionen, die in der Höhe mehr als 70 m ausmachte. Der eigentliche technische Teil mit Vorlagebehältern und anderer Ausrüstung war etwa 40m breit. Nebenräume und Zugangstollen sind extra. Gut erkennbar ist, dass die Anlage bis auf ein Plateau geführt wurde, welches dennoch gut getarnt vom Bergkamm geschützt wird. (vgl. "Kuckuck"-Treibstoffabfüllstationen : 28.01.2018, 07.48 Uhr)
Die Menschen als Häftlinge durch die SS eingekleidet und verschleppt wurden wie mobile Bautrupps behandelt, die unter extremen Bedingungen bei Wind und Wetter, in Handschachtung und ohne Rücksicht auf Gesundheit oder Leben verschlissen wurden. Juliushütte war wohl ein alter Standort der Gipsverarbeitung mit Tradition und wurde zum KZ AL Juliushütte bzw. Mittelbau II vergewaltigt (vgl. KZ Gedenkstätte Juliushütte bzw. Mittelbau-Dora). Tatorte wie KZ -Juliushütte und andere Lager, in der Nähe, dienten als Ausgangspunkte für diese mörderischen Infrastrukturmaßnahmen, die in kürzester Zeit umgesetzt werden sollten. Was als technologische Meisterleistung propagiert wurde, war in Wahrheit ein System aus Zwang, Gewalt und Vernichtung, Krankheit und Tod ein düsteres Kapitel industrieller SS-Kriegsführung, das bis heute Mahnung und Verpflichtung zur Erinnerung ist.
Heute aber wirkt das beinah friedlich und anmutig, naturbelassen. Mich wärmen die Bewegung und meine gefütterte Jacke, es duckt sich ein rotgesprenkelter Fliegenpilz am Wegesrand weg. Ich denke, so wie es viele Mitbürger -damals wie heute- machen. Nur eigene Vorteile sehen. Der Gedanke ist ungerecht und ich verwerfe den besser wieder? Der Rückweg führt mich durch dichte Bestände, über kleine Hügel und Lichtungen. Ich höre Spechte klopfen, sehe Wildschweinspuren. Der Wald lebt und trägt seine Geschichte in jedem Ast, jedem Stein, jedem Pfad.
Timotheus
Autor: redIch beginne meine Tour am südlichen Waldrand von Ellrich, will etwa 10 km+x schaffen, es ist kühl an diesem späten Morgen. Das Städtchen liegt schläfrig hinter mir, während ich in den Kammerforst eintauche ein Waldgebiet, das einst unter der Verwaltung der Kammer, also einer gräflich- landesherrlichen Forstbehörde, stand.
Daher auch der Name: Kammerforst? Schon im Mittelalter war dieser Wald ein wertvoller Besitz, genutzt für Jagd, Holz und als Grenzraum zwischen Herrschaftsgebieten. Dereinst, im Jahr 1292, wurden Ellricher Bürger gegen Ihre Ansprüche im Wald Owa durch Zuweisung des Waldes Cammerforst abgefunden, notierte der Abt des Ilfelder Marienklosters Johannes von Gottes Geduld (Museum Krypta, IR 162, Walkenried Nr. 541). So war das also. Habe ich noch gar nicht in der Ellricher Chronik gelesen.
Der Weg führt mich leicht bergauf, vorbei an alten Forstwegen und moosbewachsenen Steinen. Hier sehen die Brocken anders aus als am Kohnstein. Ich erinnere mich an die Kindheit, obwohl ja damals hinter dem Schlagbaum der Grenzsicherung nach der BRD: In der Zeit der DDR war dieser Wald Sperrgebiet für uns. Die innerdeutsche Grenze verlief ganz in der Nähe. Grenztruppen patrouillierten hier, und manche Wege, ganz Ellrich, waren nur mit Sondergenehmigung begehbar. Heute sind die alten Grenzpfähle und Beobachtungstürme verschwunden aber die Geschichte bleibt spürbar. Wir Kinder haben das als gegeben gelernt, 10 Jahre später war die Grenze, Gott sei Dank, weg.
Ich erreiche die Sattelköpfe, eine markante Karstformation mitten im Naturpark Südharz. Von hier aus blicke ich über das Auslaugungstal eine geologische Besonderheit, entstanden durch die Lösung von Gips und Kalk im Untergrund. Die Landschaft wirkt fast mystisch, besonders jetzt im Oktober, wenn Nebel über die Hügel zieht. Unweit davon ein aufgelassener Gipsbruch. Daneben Naturschutz, eng beieinander. Geht doch! Ich betrete eine kleine Senke und bin erschrocken. Vor mir liegt ein Reh im Gras und sieht mich an, springt auf und ist weg. Hat mich nicht umgerannt.
Weiter gehts auf dem Grenzweg, ich mache Rast an einer alten Schutzhütte. Brötchen, Knackwurst und ein Bierchen. Vielleicht war hier früher ein Forsthaus oder ein Unterschlupf für Grenzposten? Ich blättere in meinem Wanderführer: Schon im 17. Jahrhundert wurde der Kammerforst in Kirchenbüchern erwähnt als Jagdrevier und Holzquelle für Ellrich und die umliegenden Dörfer.
Gegen Ende des nationalsozialistischen Regimes nahm die menschenverachtende Ausbeutung durch das KZ-System auch im Kammerforst bei Ellrich eine neue Dimension an. Unter der Leitung der SS und in Zusammenarbeit mit Rüstungsbetrieben wie den Mittel- und Nordwerken (Junkers) wurden gigantische Projekte zur Sicherung des sogenannten Endsiegs geplant oft unterirdisch, bombensicher und mit brutaler Rücksichtslosigkeit gegenüber den eingesetzten Arbeitskräften. Raketenproduktion, Flugzeugmontage, Treibstoffherstellung und -abfüllung sollten in Stollenanlagen verlagert werden, unter anderem im Kammerforst. Die Leuna-Werke, bekannt für ihre synthetische Treibstoffgewinnung durch Hydrierung. Solche Anlagen sollten über unterirdische Leitungen aus Niedersachswerfen direkt mit Abfüllstationen am Kammerforst verbunden sein ein logistisches Treibstoff-Netzwerk, das auf dem Rücken von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern errichtet wurde. In Ellrich/Kammerforst waren weitere Abfüllstation für Treibstoffe (B17) geplant, wie am Kohnstein. Die Planung und Realisierung von Kuckuck lässt sich anhand eines Dokuments beschreiben. Die Zeichnungskopie wurde vom Architekten Wilhelm Fricke -Hannover am 13.08.1944 zur Anlage Kuckuck dokumentiert und umfasst eine Abfüllanlage. Die Planung zeigt die Dimensionen, die in der Höhe mehr als 70 m ausmachte. Der eigentliche technische Teil mit Vorlagebehältern und anderer Ausrüstung war etwa 40m breit. Nebenräume und Zugangstollen sind extra. Gut erkennbar ist, dass die Anlage bis auf ein Plateau geführt wurde, welches dennoch gut getarnt vom Bergkamm geschützt wird. (vgl. "Kuckuck"-Treibstoffabfüllstationen : 28.01.2018, 07.48 Uhr)
Die Menschen als Häftlinge durch die SS eingekleidet und verschleppt wurden wie mobile Bautrupps behandelt, die unter extremen Bedingungen bei Wind und Wetter, in Handschachtung und ohne Rücksicht auf Gesundheit oder Leben verschlissen wurden. Juliushütte war wohl ein alter Standort der Gipsverarbeitung mit Tradition und wurde zum KZ AL Juliushütte bzw. Mittelbau II vergewaltigt (vgl. KZ Gedenkstätte Juliushütte bzw. Mittelbau-Dora). Tatorte wie KZ -Juliushütte und andere Lager, in der Nähe, dienten als Ausgangspunkte für diese mörderischen Infrastrukturmaßnahmen, die in kürzester Zeit umgesetzt werden sollten. Was als technologische Meisterleistung propagiert wurde, war in Wahrheit ein System aus Zwang, Gewalt und Vernichtung, Krankheit und Tod ein düsteres Kapitel industrieller SS-Kriegsführung, das bis heute Mahnung und Verpflichtung zur Erinnerung ist.
Heute aber wirkt das beinah friedlich und anmutig, naturbelassen. Mich wärmen die Bewegung und meine gefütterte Jacke, es duckt sich ein rotgesprenkelter Fliegenpilz am Wegesrand weg. Ich denke, so wie es viele Mitbürger -damals wie heute- machen. Nur eigene Vorteile sehen. Der Gedanke ist ungerecht und ich verwerfe den besser wieder? Der Rückweg führt mich durch dichte Bestände, über kleine Hügel und Lichtungen. Ich höre Spechte klopfen, sehe Wildschweinspuren. Der Wald lebt und trägt seine Geschichte in jedem Ast, jedem Stein, jedem Pfad.
Timotheus


