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Di, 13:35 Uhr
02.09.2025
Notfallseelsorge und Krisenintervention

Die Felsen in der Brandung

Ein tragischer Unfall, eine plötzliche Katastrophe - von einem Moment auf den anderen kann das Leben auf dem Kopf gestellt werden. Hilfe in den schlimmsten Momenten kommt dabei nicht nur von Polizei und Rettungskräften. Für Hinterbliebene und Betroffene ist das kleine Team der Krisenintervention und Notfallseelsorger oft der erste Anker im Chaos…

Das Team der Krisenintervention ist im Notfall der Fels in der Brandung (Foto: agl) Das Team der Krisenintervention ist im Notfall der Fels in der Brandung (Foto: agl)

Spricht man vom Weltuntergang, meint man Allgemeinhin eine globale Katastrophe. Was aber, wenn die „Welt“ eine kleinere ist? Ein Dorf, eine Straße, ein Haus, ein Mensch - all das kann eine Welt für sich sein, der eigene Kosmos, um den sich das Leben dreht, Tag für Tag. Bis schließlich das Unausweichliche geschieht, ein Schicksalsschlag, der früher oder später alle treffen muss und die kleine Welt zerbrechen lässt. Ein kleiner Untergang, wie er jeden Tag tausendfach geschieht.

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Meist sieht man die Wegscheide aus der Ferne, etwa durch Alter oder lange Krankheit und man kann sich auf das was kommt vorbereiten. Doch nicht immer meint es die Zeit gnädig mit den Menschen, oft bricht die Katastrophe plötzlich und unerwartet herein. Die Welt geht unter, in Sirenengeheul und Blaulicht.

Die die übrig bleiben stehen von einem Moment auf den anderen vor dem Nichts. Doch alleine sind sie nicht. „In einem Einsatz ist alles Chaos. Wir sind die Konstante. Der Fels in der Brandung. Die, die Ruhe reinbringen und versuchen, den Menschen Stabilität zu geben“, sagt Pfarrer Gregor Heinrich. Der Geistliche aus Ilfeld gehört zum Team der Notfallseelsorge und Krisenintervention im Landkreis, die unter dem Dach der Johanniter-Unfall-Hilfe organisiert ist. Acht Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, anderen in den schwersten Stunden des Lebens beizustehen.

Ein tödlicher Unfall, ein Brand, der tragisch endet, ein Suizid oder auch der Suizidversuch eines geliebten Menschen, ein plötzlicher Tod, eine fehlgeschlagene Reanimation - wenn Polizei und Feuerwehr anrücken, sind die Notfallseelsorger im Fall der Fälle meist nicht weit. „Einfach da sein“, umschreibt Sandra Hesse den Kernauftrag, „Da sein und einen stabilen Ort finden, etwas zum Festhalten, bis Angehörige oder Freunde kommen können. Wir streicheln die Leute nicht und sagen, dass alles gut wird. Wir versuchen sie aus ihrem Schock in die Realität zu bringen. Das können Kleinigkeiten sein, wie ein Glas Wasser zu reichen oder einfach zuzuhören. Aber auch der letzte Abschied in den eigenen vier Wänden.“

Wie Menschen auf Schicksalsschläge reagieren, kann ganz unterschiedlich sein, manche werden laut, andere leise, wieder andere zeigen scheinbar gar keine Reaktion, erzählen die beiden Nothelfer, den richtigen Zugang zu finden erfordere Sensibilität, Einfühlungsvermögen und allen voran Erfahrung. Hesse und Heinrich haben die schon von Haus aus mitgebracht, Frau Hesse aus 20 Jahren bei der freiwilligen Feuerwehr und Herr Heinrich aus seiner Zeit als Polizeipfarrer in Sachsen-Anhalt und von Berufswegen. Dennoch haben beide wie auch ihre Teamkollegen eine eigene Ausbildung durchlaufen.

Nach einem allgemeinen Bewerbungsverfahren wird die Theorie innerhalb von drei Wochen vermittelt, danach folgen Praktika bei der Polizei, dem Rettungsdienst oder der Notaufnahme, um die Prozesse kennenzulernen. Schließlich begleitet man die Kollegen für eine Zeit, ehe man nach etwa einem dreiviertel Jahr auch selber zu Einsätzen gerufen werden kann. „Wir sind breit aufgestellt, im Team gibt es eine Zahnärztin, eine Lehrerin, eine Krankenschwester oder auch eine Rentnerin, die sich alle im Ehrenamt engagieren und deren Erfahrungen zum Tragen kommen. Man sieht, wer passt. Wenn zum Beispiel Kinder Betroffene sind, hilft es natürlich wenn man jemanden im Team hat, der Abseits der Elternerfahrung gelernt hat, wie man Zugang zu Kindern findet.“, sagt Hesse.

Der Ruf zum Einsatz kann jederzeit kommen, im beruflichen Alltag, am Wochenende oder mitten in der Nacht. „Wie bei allen Rettungskräften steht auch bei uns die Eigensicherung an erster Stelle. Man muss darauf achten, dass die eigene Seele mithält.“, erklärt Pfarrer Heinrich. Jeder habe sein eigenes Ritual nach einem Einsatz, eine Kollegin findet Ruhe im rauchen, jemand anderes hört stets das gleiche Lied um sich zu erden, andere suchen eine Weile Abstand. „Wir sind keine Maschinen, natürlich nehmen uns die Einsätze auch mit. Man muss lernen, wo die eigenen Grenzen liegen und man muss kommunizieren können, wann es nicht mehr geht.“, erzählt Sandra Hesse.

In der Regel kontaktieren sich die Teammitglieder untereinander nach einem Einsatz, vier mal im Jahr hat man zudem die Möglichkeit einer Supervision, also ein Gespräch mit ausgebildeten Fachpersonal, dass von außen auf das Geschehen blicken kann. Eine ähnliche Funktion übernehmen die Notfallseelsorger auch für Rettungskräfte und mitunter auch Polizisten. „Je nach Bundesland gibt es unterschiedliche Systeme zur Krisenintervention, vor allem in den beruflichen Bereichen. Bei der Polizei nennt sich das zum Beispiel „KITPOL“. In den freiwilligen Strukturen ist so etwas seltener.“, erklärt Heinrich. Dass die Hilfe der Notfallseelsorger nicht nur im Einsatz von Nutzen ist, hat sich unter den Rettungskräften über die Jahre herumgesprochen. Ein Stück weit spiegelt sich die Anerkennung auch in den Fallzahlen wieder. Rund 60 mal wurde man im vergangenen Jahr hinzugerufen, jetzt im September liegt man schon bei 50 Einsätzen, deutlich mehr als noch vor zehn Jahren.

„Viele Leute finden das, was wir tun sehr gut. Aber es gibt nur wenige Menschen, die sich zutrauen das selber zu tun“, erzählt Hesse, die das Team gegenüber der Öffentlichkeit vertritt. Bei Veranstaltungen wie dem „Friedenslicht“ oder dem „Blaulichttag“ ist man mit dabei, pflegt aber Aufgrund der sehr sensiblen Kontakte zu Hinterbliebenen und Angehörigen eher die Anonymität. Eine Ausnahme bildet der kommende Samstag, wenn das Team der Notfallseelsorge und Krisenintervention in die Frauenbergkirche einlädt. Von 10 bis 13 Uhr wird man Rede und Antwort stehen und hofft, auch neue Mitstreiter zu finden.

Dass die ehrenhafte Arbeit von Wert und wichtig ist, ist nicht zu bestreiten. Hinter jeder tragischen Polizeimeldung, hinter jedem Foto eines Unfalls, denn steten Meldungen, die uns Tag für Tag erreichen, stehen Schicksalsschläge. Für die Hinterbliebenen und oft auch für die Beteiligten zerbricht die Welt und es kann nur gut sein, wenn sie im Chaos des Moments einen Anker finden können, damit der Untergang nicht auch ein Ende ist.
Angelo Glashagel
Autor: red

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